Stöckchenweitwurf

liebster-awardCandy Bukowski hat mir ein Stöckchen samt darum gewickeltem Liebster-Award in die Hand gedrückt.
Da nimm, mach was draus! Ich gestehe, jedes Mal sage ich mir: Nie mehr Stöckchen! Und mache dann doch mit. Weil es ja auch mit Wertschätzung zu tun hat. Von Candy mir gegenüber (Danke!). Und auch weil es der Vernetzung dient. Und darum mache ich auch diesmal mit.
Liebe Candy, wie versprochen beantworte ich hier nun deine Fragen. Und ja, ich werde das Stöckchen weiterreichen. Die Namen und Links stehen unten … (einige sind meine Neuentdeckungen der letzten Zeit).

Viel Freude beim Lesen und Weiterspinnen …

1.) Schreiben ist für mich so normal, notwendig und natürlich wie Atmen, Essen, Trinken und Ausscheiden. Schreiben ist für mich (fast) immer ein kreativer Prozess, Reflexion und meine liebste Form von Selbstdarstellung und -ausdruck.

2.) Bloggst Du offen oder anonym; und warum so und nicht anders? Ich blogge mit Pseudonym, gebe aber meinen Echtnamen in Mails bekannt. Mein Pseudonym ist mein Pseudoschutz-Regenschirm, der mir hilft, ein klein bisschen mutiger zu sein als im echten Leben. Ich habe ihn gewählt, weil ich nicht über die Suchmaschinen gefunden werden will. Das Pseudonym ist aber keine Fasnachtsmaske, hinter der ich die Wildsau rauslasse. Ich bin als Bloggerin die selbe wie in echt. Allenfalls ein bisschen frecher?

3.) Worüber schreibst Du, was ist Dein Genre? Blogname und -titel sind Programm: Ich sophiere vom Sofa aus über Alltägliches, über die Fallmaschen dieses Lebens und über das, was mein Herz sich alles so zusammenspinnt. Das sind Alltagserlebnisse und Reiseeindrücke zum einen, zum andern aber auch einfach Sophierereien, Sprachzöix, kleine Essays und Dinge, die ich gerne mit meinen LeserInnen teilen will. Genre? Puh, wie nennt man das? Kolumne vielleicht. Oder Kurzgeschichte. Essay. Ja, das kommt hin …

4.) Begrenzt Du Dich selbst dabei, gibt es eine Schere? Die Schere? Mal mehr, mal weniger. Beim rohen Text zwar noch nicht, aber später, beim Überarbeiten schon. Sprachstilistisch möchte ich auf hohem Niveau schreiben und inhaltlich möchte ich halt nicht einfach nur dummlabbern. Außerdem soll mein Geschreibsel aufrichtig sein. Ja, die Schere, sie ist da, ich gebe es zu. Aber ob sie mich begrenzt? Manchmal beflügelt sie mich eher …

5.) Das Beste und das Blödeste am Bloggen ist …? Boah, was für Fragen? Am blödesten sind wohl die dummen Stöckchenfragen. Und am besten die Möglichkeit, seine Gedanken kostenlos ins Netz zu furzen. ;-)

6.) Was ist Dein liebster, eigener Text und warum? Uiuiui, das wechselt. Manche Texte von früher würde ich am liebsten löschen, doch sie sollen bleiben. Sie gehören auch zu mir und meinem Weg. Dann wieder gibt es Texte, die ich hinterher lese und denke: Was? Ich soll das geschrieben haben. Aber einen liebsten Text habe ich nicht, sorry. Oder dann mehrere. Vielleicht der da (Link) oder der da (Link) … oder dieser hier (Link). Und andere … :-)

7.) Das große Thema meines Lebens lautet nicht mehr so sehr Sinnsuche wie früher, sondern vielmehr Selbstliebe konsquent leben. Dazu Dankbarkeit und Akzeptanz für das Leben, wie es ist. Und immer genug Mut für notwendige Veränderungen. Ja, Mut … Zusammengefasst wohl doch so was wie Lebenssinn?

8.) Ich bin eine coole Socke, weil …? Nein, ich bin weder eine coole Socke noch mag ich kalte Füße. Ich bin definitiv eine Mimose, ein Weichei und eine Warmduscherin, falls jemand bei mir ein paar Schubladen bedienen will. Sorry, liebe coole Welt da draußen, Coolness kann ich nicht bringen. Und nein, das wird sich wohl auch nie ändern. Wozu auch?

9.) Ich bin arschlangweilig, wenn es darum geht, cool zu sein. Siehe 8.) ;-)

10.) Der Wert der Dinge (und der Menschen) bemisst sich für mich durch seine Existenz. Das übe ich jedenfalls.

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Meine Fragen, die ich nun um das Stöckchen wickle, sind diese …

  1. Schreiben ist …
  2. Warum schreibst du und wie gehst du dabei vor?
  3. Verfolgst du beim Schreiben ein Fernziel?
  4. Wie reagierst du, wenn ein Kommentator in deinem Blog deinen Schreibstil kritisiert?
  5. Wie wichtig sind dir Statistikzahlen?
  6. Wie finden Menschen dein Blog?
  7. Wie viele Blogs besuchst du täglich oder wöchentlich durchschnittlich und wie viele Kommentare schreibst du ungefähr pro Tag, pro Woche?
  8. Welche Texte liest du am liebsten und wann empfindest du einen Text als gut oder schlecht?
  9. Welches sind (ganz spontan und ohne groß nachzudenken) deine drei wichtigsten Werte?
  10. Wie trägt Bloggen zu deiner Lebensqualität bei?

Und nun werfe ich das Stöckchen weit weg und hoffe, dass folgende Bloggerinnen und Blogger es auffangen und entwickeln mögen …

Sarah von Fuerhilde (oh, auch Candy hat dich nominiert? Da machst du doch gleich zwei für eins …?) ;-)
Kerstin aka eckisoap von siedendbunt
Ben von Farbenfröhlich
Madame von Au Contraire
Daniela von Filomena.me
Frau U. von Blinkyblanky
Roswitha von Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes
Lia von Liawriting
Annette und Beat von Unserwegs
und last, but noch least
Pillangó von Pillangoblog

Ich bin gespannt auf eure Antworten. Viel Spaß!

Noch mehr Hirn- und Herzgespinnste

Wenn ich blogge, bin ich Bloggerin,
wenn ich schreibe, Schreiberin,
wenn ich twittere, Tweeterin,
wenn ich ein Pinterest-Konto habe, Pinnerin,
wenn ich ein FB-Konto habe, Facebookerin,
wenn ich Dinge mache, eine Macherin,
wenn ich denke, Denkerin,
wenn ich träume, Träumerin,
wenn ich lache, Lacherin,
wenn ich spinne, Spinnerin,
[...]
… und wenn ich aufs WC muss, was bin ich dann?
Und was, wenn ich gar nichts mache?

+

Nennt sich das, was wir tun, Multitasking? Oder einfach nur irgendwie schizophren?
Bin ich hybrid oder einfach nur chamäleonesk?
Flexibel oder einfach nur angepasst und anpassungsfähig?
Wirklich kreativ oder einfach nur eine Reste-Aufwärmerin?

+

Und nun noch ein bisschen Dada mit einigen meiner Twitterposts und -antworten

Und die andere Hälfte? Ein Bett im Wald, oooh, das hätte
ich auch gerne! Die Krawatte, nicht
den Hoodie. Mundwasserfall. Kleider aus Menschenhaut! Friedlicher als
gedacht. Wo ist das denn? Noch besser: aus-
ziehen. Shibashi? Wenn man dafür in Kauf nimmt, dass
es keinen Weg zurück gibt? Wer könnte da NEIN
sagen? Klingt nach friedlichem Kampfsport. Zwar ein
Weg, von Wille aber keine Spur, da setz’ ich mich mal
hin, was mach ich hier nur? Tastaturschrei. Für die Liste
für die Pille. Hier müsste es auch Triggermel-
dungen geben, personalisierte! Schlimmer als jeder Zaun-
pfahl. Marktlücke entdeckt. Bildungs
lücke
meinerseits? Genieß deine Mittags-
pause. Danke, das muss ich mir gleich näher an-
sehen. Muss man das kennen? Melde mich
gleich mit an … Klingt gut. Viel Freude
damit! Da bleib ich besser Dortwo-ich-bin. … wie
die Menschen: je reicher desto geiziger. Das
klingt nach Vorstellungstermin? Aber Hauptsache, man
nimmts nicht persönlich.

+

Man nimmt nichts persönlich – gut, von mir war das ironisch gemeint. Wird aber oft gesagt. Und jedes Mal denke ich dabei: Sind wir denn Maschinen geworden, weil wir so gar nichts mehr persönlich nehmen?
Ob wir womöglich, ähnlich wie Geräte, gar extra mit Fehlern und Abnützungszeiten konstruiert worden sind (und wenn ja: von wem?), damit wir nicht zu perfekt sind, damit der Hersteller nicht Konkurs macht und immer was zu tun hat. Und damit es uns nicht langweilig wird, das Leben.

Herzgesponnenes

Sie: Wenn ein Tweet-Post so etwas wie eine Seifenblase ist und ein Facebook-Post eine Art Kurzfurz, was wäre dann ein Blogartikel? Ich sehe da eine Art Treppchen vor mir, klein, mittel, groß. Das Blog ist am gewichtigsten von diesen Dreien. Alle einzelnen Posts sind Kieselsteinchen, Steine oder Brocken, die ich ins Wasser werfe. Kurz gibt es Wellen, doch bald ist der Wasserspiegel wieder ruhig. Wozu also schreiben?
Er: Auf den einzelnen Eintrag bezogen, magst du mit deinen Bildern recht haben. Letztlich ist aber jedes einzelne unserer Posts Teil eines großen Gewebes. Teil deines persönlichen Archivs. Man muss es als Ganzes sehen. Alles hängt zusammen.

+

Sie: Im Gegensatz zum Stein, der der Bildhauerin durch seine Form etwas sagen kann über seinen Wunsch, was er mal werden will, wenn er fertig gehauen ist, sagt mir das weiße Blatt Papier einfach überhaupt nichts. Ist das nun Freiheit oder Fiesheit?

+

Sie (zwinkernd): Hast du die Uhren schon gerichtet?
Er (zwinkert zurück): Wo denkst du hin? Es heißt doch: Du sollst nicht richten!

+

Sie: Wir wollen doch alle gesehen und gelesen werden. Und geliebt und so. Alle. Und dazu strahlen wir mit der Sonne um die Wette.
Er: Dabei ist die ja auch nur ein Stern. Ein Stern unter vielen. Wie wir.
Sie: Aber alle leuchten sie so schön. Und das ist wirklich ein Dilemma. Ich habe so viele gute Blogs abonniert, dass ich meine ganzen Tage mit Bloglesen verbringen könnte. Und dabei sind das noch nicht mal alle, die ich gerne lesen würde. Ich will keinen Artikel verpassen. Außerdem hat sie ja auch etwas familiär-rührendes, diese Welt der Mitbloggerinnen und Mitblogger. Unsere erweiterte Familie. Und das ist nun mein Dilemma: Setze ich meine Zeit für das Lesen all der tollen Dinge ein, die es schon gibt oder schreibe ich selbst ein paar Dinge, die vielleicht auch nicht schlecht sind?
Er: Die virtuelle Welt wird gemeinhin überbewertet. Ich würde mich wohl fürs Selbstschreiben entscheiden.
Sie: Ich ja auch. Dann verliere ich jedoch das ganze Lesevergnügen. Das Leben ist ein einziger großer Kompromiss – und eins ist eh einfach nicht genug.

+

Am Sonntag, unterwegs im Wald:
Sie: Schau mal dort, wie sich die Natur diesen Ort wieder zurückholt! Toll … ich wusste es: die Natur ist auf Anarchie angelegt. Sie lässt sich nichts vorschreiben. Hält sich an keine Grundstückgrenzen. Wenn man sie nur machen lässt.

+

Sie: Kennst du das Gefühl auch, dass das, was du tust, nicht reicht, um ein so guter Mensch zu sein, wie du sein möchtest?
Er: Ähm? Nein …?
Sie: Ich trenne Müll, lebe so einfach wie möglich, verbrauche möglichst wenig Energie (gut, ich könnte noch viel weniger), ich handle politisch und gendertechnisch as correct as possible, ich ernähre mich relativ gesund, esse kein Fleisch, fahre so wenig Auto wie möglich (na ja, noch weniger wäre auch möglich, aaaber …) und so weiter. Und dennoch habe ich das Gefühl, es reicht nicht. Es ist immer zu wenig. Und dann denke ich voller Wut an all die andern Menschen, die sich über solche Dinge noch nicht mal einen winzigen Gedanken machen und so tun, als hätten wir noch irgendwo eine zweite Erde auf Vorrat. Ich denke dann sofort: Nein, so möchte ich nicht sein, nicht so wie die. Und dann denke ich: Es ist mein Denken, dass ich noch ändern müsste. Weil ich ja nicht so denken will. Und mich nicht vergleichen. Und dass ich das alles, was ich tue, ja für die Erde tue, nicht für die. Aber die gehören ja auch zur Erde, sind Teil von ihr. Ich denke vor allem an die Erde, an die Natur, an die Tiere. Und ja, auch an die Menschen, an die, die nach uns kommen. Was nun, wenn die auch alle so doof sind, wie die, die sich keine Gedanken über so Sachen machen? Dann kann ich es ja bleiben lassen … Die sind doch alle selbst schuld, wenn sie vor die Hunde gehen. Aber das sind ja dann auch wir. Das große Wir. Wir alle. Und dann denke ich, dass ich anders über die andern denken sollte. Mir zuliebe. Uns zuliebe.
Er: Über solche Dinge denkst du also nach?
Sie: Hm ja, du nicht?
Er: Hm, nein …

+

Sie: Niemand sieht die Welt, wie sie wirklich ist. Alle haben wir unsere ganz persönlichen Filter: Drama. Ironie. Komödie. Zynismus. Schönfärberei.

In einem Zug gelesen #13 – Die Frau ohne Gesicht

Nein, nicht wirklich in einem Zug gelesen, weder noch. Weder im Zug sitzend noch in einem Rutsch. Seit ich nicht mehr regelmäßig Zug fahre, lese ich weniger Bücher und arbeite mehr. Mehr an den eigenen Projekten auf jeden Fall. Aber meine Buchbesprechungsserie soll trotzdem weitergehen. Wenn auch sporadischer, wie ihr wohl gemerkt habt … :-) Und eine richtige Buchbesprechung ist das hier auch nicht. Dafür eine herzliche Leseempfehlung.

Als sich die Aufzugtür öffnete, wurde ihr noch etwas anderes bewusst. Sie hatte keine Angst. Nach dem die Gefahr vorbei war, verspürte sie ein merkwürdig angenehmes Gefühl.
So dürfte ich nicht empfinden. Ich war in Lebensgefahr. Aber ich fühle mich stark und in jeder Hinsicht verdammt gut.
[...]
„Ich verstehe jetzt, warum du diese Arbeit machst“, sagte Lia. „Sie gibt einem das Gefühl, stark zu sein.“
Mari nickte.
„Nicht immer. Aber ziemlich oft.“

hiltunen_frauDiese Zeilen aus dem Buch Die Frau ohne Gesicht des Finnen Pekka Hiltunen klingen bei mir nach. Eine tolle Buchbesprechung dazu gibt’s bei Nicole auf My CrimeTime. Dort habe ich mir auch die Inspiration, dieses Buch zu lesen, geholt.

Ich mochte dieses Buch von der ersten bis zur letzten Seite – wegen des Schreibstils (dicht, authentisch, detailreich und äußerst realistisch) ebenso wie wegen der Figuren (nachvollziehbar, mehrdimensional, lebendig). Das tröstete mich über die tragischen Ereignisse hinweg, die der Autor erzählt. Doch was mir an dieser neuen Serie besonders gut gefällt, ist, wie die beiden finnischen Frauen Lia und Mari, die sich in London kennenlernen, gemeinsam Dinge in Bewegung setzen, um die Welt zu einer besseren zu machen – zuweilen auch jenseits des Gesetzes. Und das so ganz ohne Moralin, Pathos und gänzlich ungekünstelt. Einfach, weil sie ein Unrecht nicht länger mitanschauen können. Und weil sie Mitgefühl haben. Weil sie Menschen sind.

Ich verstehe jetzt, warum du diese Arbeit machst, sagt Lia. Ich verstehe jetzt, warum ich schreiben muss, sage ich. Und ich verstehe jetzt, warum so viele schreiben müssen und wollen. Es gibt uns das Gefühl, stark zu sein und die Welt ein klein bisschen besser machen zu können. Mit unseren Gedanken über das Leben, über die Welt, über die Liebe, über Missstände. Und ja, auch mit unseren Gedanken über die Schönheit. Und auch mit Humor machen wir die Welt ein klein bisschen besser.

Wir schreiben uns die Welt lebenswerter. Wenn ich durch den Reader gescrollt bin und meine Lieblingsblogs besucht habe, fühle ich mich gut genährt. Nach diesem Seelenfrühstück sieht die Welt doch gleich lebenswerter aus.

Und nun freue ich mich auf die Fortsetzung von Pekka Hiltunen. Auf Lias und Maris neue Geniestreiche.

Das Geheimnis neuer Wege

Endlich an den Anfang gehen. Will heißen: ans Ende. Dahin, wo die Reuss zu sein aufhört. Wo sie in die Aare mündet, wo sie Aare wird. Denn wir haben geschummelt, damals, vor ein paar Monaten. Ende Juni haben wir bei unserer Reusswanderung nämlich nicht genau dort angefangen, wo sie wirklich aufhört, die Reuss, sondern ein paar Kilometer südlicher. Es passte eben besser damals. Und es wäre ein Umweg gewesen.

Heute nun, endlich, sind wir gemeinsam zum Wasserschloss gewandert. Das Schloss? Der Zusammenschluss, der Zusammenfluss der drei größten Schweizer Flüsse. Den Rhein, der größte von allen, zu dem die drei hier später werden, nicht mitgezählt, denn er besucht ja nach der Schweiz noch andere Länder.

Item. Die Reuss. Wir nehmen einen Weg, den Irgendlink noch nicht kennt. Wir zeichnen unterwegs, machen Fotos. Bleiben da und dort stehen. Staunen. Lassen uns besonnen. Neun Vögel genießen den blauen Himmel, fliegen Kreise. Immer ein anderer führt an. Kreise fliegen sie, Bögen.
Ästheten seid ihr, denke ich. Ihr mögt das Schöne so sehr wie ich. Wie fühlst du dich, Vogel, da oben? Ja, du; dich meine ich.

Wir verlassen die Zivilisation und tauchen in den Wald ein, in eine andere Welt, eine Wildnis, eine Zwischenwelt, einen Dschungel und mir ist zumute wie vor drei Monaten. Nur der schwere Rucksack am Rücken fehlt.

neue Wege_1

auf neuen Wegen

Beim Wasserschloss angelangt, stellen wir fest, dass der Wasserstand der drei Flüsse so tief ist wie selten und dass wir direkt am Fluss, diesmal ist es die Aare, zurückwandern können. Weiter stapfen wir durch den Wald und gehen matschige Wege, die unsere Wanderschuhe ganz schön versauen. Weiter durch den Dschungel. Herrlich.

Hier könnte man das Zelt aufbauen, sagt Irgendlink. Stimmt. Oder schau, hier drüben! Tolle Plätze.

Familiengartensiedlung, an der wir das erste Mal auf der Fluss- statt auf der Straßenseite vorbeiwandern.

Schließlich und endlich wollen wir, es wird dunkel und kühl, wieder nach Hause. Aber nicht auf dem bekannten Weg, nicht heute. Heute sind es neue Wege, die locken. Neue Wege haben einen ganz eigenen Charme.

Ich liebe neue Wege, die mir neue, ungeahnte Möglichkeiten auftun. Wenn ich denn den Mut habe, nicht immer auf den bekannten Straßen zu gehen. Wir finden unerwartet einen Waldweg, der mit Stufen in den Berg gelegt ist und gelangen so vom Unter- ins Oberdorf.

Wer hätte das gedacht?

Nein, da war ich noch nie, obwohl es doch so nahe ist.

Nach uns die Zukunft?

Heute Morgen habe ich leer geschluckt. Emil hat – ohne meinen Text gelesen zu haben – sozusagen die Fortsetzung meines gestrigen Artikels geschrieben. Er fängt mit einem Zeitungszitat, aus dem ich hier rezitiere an:

Zwar leben wir in einer Zeit galoppierender Modernisierung, der Begriff Zukunft wird jedoch nicht mehr durchweg positiv wahrgenommen. Wir wissen nicht, ob Kriege, Umweltkatastrophen, demografische Probleme oder Wirtschaftskrisen auf uns zukommen, bestenfalls bleibt alles, wie es ist. Man möchte an diese Zukunft nicht erinnert werden, man möchte vielmehr von dem Gedanken an sie abgelenkt werden. Also feiern wir in Mode und Stil die vergangenen Jahrzehnte. Die fünfziger, sechziger, siebziger, achtziger, sogar die neunziger Jahre: Jede vergangene Dekade erscheint uns attraktiver als das, was noch kommt. […] Früher bedeutete Industrie-Design, das gleiche Produkt für viele Menschen herzustellen. Ein Design musste für alle passen. […] Ein innovatives Produkt reißt die Menschen nicht mehr mit – es passt sich an sie an. Man kann kaum noch eine Zukunftsvision für alle formulieren. Denn die Menschen nehmen sich nicht mehr als Teil eines Ganzen, sondern als Individuen wahr. Mit ganz eigenen Werten und Interessen.

Quelle: Tillmann Prüfer im ZEITmagazin Nr. 43/2014; S. 24

Aus seinen Gedanken zitiere ich hier ebenfalls. Und zwar jene Sätze, die auch ich schon so ähnlich gedacht.

Ein Einzelner ist leicht abzulenken, die Kraft eines einzelnen Menschen ist schnell erschöpft. Eine Masse könnte tatsächlich etwas am System ändern – das aber ist nicht gewollt. Also wird der Mensch, der Bürger, zum Konsumenten gemacht. Und damit es ihm nicht langweilig wird, darf er sich seine Konsumgüter selbst gestalten: Farbe, Material, Oberflächenbeschaffenheit sind auswählbar. Aber schon die Haltbarkeit ist etwas, das keinesfalls mehr beeinflussbar ist: Gleichwohl etwas geschont wird, es wird wirklich kurz nach Ablauf seiner Gewährleistungsfrist kaputtgehen.
[…] Keiner mag mehr normal oder gar Durchschnitt sein, in irgendeiner Weise sich eben nicht nur unterscheiden von allen anderen, sondern sogar besser sein als alle anderen. Aber wir sollten uns unsere Gemeinsamkeiten nicht aus den Augen verlieren, sie uns nicht aberziehen (lassen) und sie schon gleich gar nicht verkaufen …
Und wir sollten uns wieder einer Zukunft bemächtigen, einer gemeinsamen, einer, die allen Menschen ein Leben gestattet ohne Existenzängste, ohne Hunger, ohne Sterben an heilbaren Erkrankungen, ohne Krieg und ständige andere Kämpfe.

Quelle: Der Emil, Denkaufgaben Individualismus vs. Gemeinschaft

Ich freue mich immer, wenn ich bei meinen Blogbesuchen auf Gedanken treffe, die meine eigenen spiegeln, weiterentwickeln und so bei mir als Inspiration und Ermutigung zum Weiterspinnen ankommen. Ich freue mich, wenn andere das Leben auf mir vertraute, ähnliche Art wahrnehmen.

Personalize-me überall wer dieses Blog liest, liest einen von mir personalisierten Blog. Zwar gibt es nur eine beschränkte Anzahl WordPress-Designs (Hunderte inzwischen, vermute ich), aber diese lassen sich immer – teilweise gratis, teilweise mit Aufpreis – den persönlichen Bedürfnissen anpassen. Kaum jemand hat ein unverändertes Standardthema. Wir alle wollen doch, wie Emil sagt, anders sein als der Durchschnitt. (Notiz an mich: Warum ist eigentlich die Normalität und der Durchschnitt so negativ gefärbt? Zumal wir alle, wenn es hart auf hart geht, auf gar keinen Fall nicht normal sein wollen.)

Irgendwann ist der Höhepunkt jeden Wachstums erreicht. Alles hört irgendwann auf, zu wachsen, jeder Mensch, jeder Baum. Oder sagen wir es so: Ein Baum wächst irgendwann nur noch langsam; mehr in seiner Qualität als in der Quantität (Größe, Länge, Höhe, Breite, Dicke, Umfang und so weiter). Auch der Umfang von Individualismus wird eines Tages nicht mehr zu toppen sein. Was dann? Wird das Pendel vom höchsten Punkt – wie es die Schwerkraft vorgibt – wieder zum andern Ende zurückschwingen, zum Kollektivismus? Zu einer neuen Form davon womöglich?

Werden wir Menschen – wenn wir schon die Vergangenheit so glorifizieren wollen, wie im obigen Artikel beschrieben – aus der Geschichte lernen und irgendwie einen Weg finden, der als ganze Gesellschaft gangbar ist. Und zwar für alle, nicht nur für eine Elite, zu der wir  – selbst wenn wir nicht viel Geld haben – dennoch gehören. Immerhin sitzen wir an einem Laptop/PC/iBook oder Notebook und können lesen und schreiben. Und ein paar andere Dinge mehr.

Wie wir – als Ganzes, als Gesellschaft – uns unserer Zukunft bemächtigen, weiß ich nicht. Ich bin gespannt. Und ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dass es ein Weg ist, der uns allen das Leben lebenswerter macht.

Geschmeidige Finger oder goldenes Schweigen?

Ich möchte so gerne mal wieder einen richtig schönen, klugen Blogartikel schreiben, einen sofasophischen, einen nahrhaften. Nicht immer nur Dinge über meine Reisen schreiben, nicht immer nur Dinge über Dinge schreiben, sondern Dinge über das wirkliche Leben, bewegende Dinge. Manchmal jedoch hindert mich etwas, das ich schwer benennen kann, daran, einfach drauflos zu schreiben. Drauflos zu sophieren.

Die über dreihundert Follower auf WP und FB: warum followen sie mein Blog? (Followt man wem oder wen? Und wenn ja: warum?) Lesen sie meine Artikel wirklich oder lesen sie sie nur quer? Verstehen sie, was ich sagen will? Was sind das für Menschen, abgesehen von den vielleicht zwanzig-dreißig Menschen, die regelmäßig – oder auch nur hin und wieder – kommentieren? Und wie beeinflusst das Wissen um diese unbekannten Menschen mein Schreiben? Darf es mich überhaupt in irgendeiner Weise beeinflussen? Soll es sogar? Nennt man das womöglich Inspiration oder ist es eher Anpassung? Und warum schreibe ich überhaupt öffentlich? Falls ich nicht wollen würde, dass mir jemand beim Schreiben zuschauen und seinen Senf dazu abgeben kann, sollte ich es lieber im stillen Kämmerchen tun. Tue ich aber nicht. Weil ich bloggen will. Weil ich mich regelmäßig warm schreiben will. Damit die Finger schön geschmeidig bleiben. Und der Geist erst recht.

Sind öffentlich Schreibende narzisstisch? (Darüber habe ich hier schon oft andeutungsweise geschrieben.) Womöglich leben wir einfach in einer durch und durch narzisstischen Gesellschaft? Sage ich das nun, um von mir abzulenken? Jein. Ablenken muss ich nicht, denn vermutlich stimmt es – und ich bin es, auch, narzisstisch, meine ich. Denn ich gestehe, dass ich mich über mein Blog freue. Dass ich gerne rauf- und runterscrolle. Dass ich mich über Kommentare und so weiter freue. Dass ich mich über euch freue, die ihr mein Blog besucht. Dass ich mich über den Austausch mit euch freue. Abzulenken gibt es also nichts, nur zuzugeben.

Wenn ich mich auf andern sozialen Medien umschaue, begegnet mir – noch mehr als hier – Likegeilheit. Weniger auf meiner Timeline vielleicht, als bei Seiten und Gruppen, die ich hin und wieder frequentiere. Nicht immer, nicht überall. Aber doch oft und immer wieder. Und eine Oberflächlichkeit, gegen die auch ich nicht immun bin, weil wir doch alle immer zu wenig Zeit haben. (Wofür?) Wir wollen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel lesen, möglichst viele Infos einnehmen, verdauen, allenfalls gleich outputen und reagieren und kommentieren und eine Meinung dazuhaben. Überall und zu allem wollen wir/sollen wir eine Meinung bilden. Eigentlich leben wir diesbezüglich in einer wirklich verrückten Zeit: überall ist unsere Meinung gefragt. Unsere (Be-)Wertung. Unsere Empfehlung. Überall haben wir die Möglichkeit, unsere Meinung zu sagen, zu schreiben, mitzureden, mitzudiskutieren.

Schön und gut, doch wenn ich manchmal öffentliche Diskussionen und Kommentarstränge lese – insbesondere bei politischen Themen – muss ich oft mit lesen aufhören. Weil … das ist oft respektlos und unter der Gürtellinie, was da geredet wird. Selbst aus hochsensiblen Themen werden bald schwarzweiße Grabenkämpfe. Polarisierung. Und das ist, so hoffe ich, nicht der Sinn dieser Meinungsfreiheit?

Kommt dazu, dass man sich, will man von seiner Meinungsfreiheit und -möglichkeit Gebrauch machen, fast überall anmelden muss. Daten, Daten, Daten … Sie wollen ja nur deine Seele, die Netzwerke! Um zu wissen, womit und wie sie dich noch besser und noch persönlicher bewerben können, damit du (weiterhin) eine gute Konsumentin bist. Nein, darüber werde ich heute nichts schreiben, darüber könnt ihr euch heute und immer wieder ganz allein den Kopf zerbrechen.

Deine eigene Meinung: zählt sie wirklich, bewirkt sie wirklich etwas?

Meine eigene Meinung: Hauptsache du machst dir Gedanken, du lässt dein Denken nicht vom Mainstream kämmen und föhnfrisieren, sondern erlaubst dir persönlich deine eigene Meinung. Das Wichtigste, was du dazu brauchst, ist wohl Mut, nein, das Wichtigste, was du zum Leben brauchst, ist natürlich Liebe. Die zu dir. Die zu andern. Die zur Welt. Weil – ohne sie könntest du wohl nicht mutig deine Meinung sagen wollen.

Tja, … und schon wieder ist nichts aus meinem Schöner Artikel-Plan geworden (siehe oben). Vielleicht sollte ich also einfach mal nichts sagen/schreiben … schweigen ist ja bekanntlich Gold?