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Schlagwort-Archive: Histörchen

Sein (Gerundium)

Man muss etwas machen. Man kann nicht nur da sitzen. Er sagt es mit dem vielzitierten Brustton der Überzeugung. Sitzt da. Sitzt einfach nur da und sagt es. Obwohl er klein gewachsen ist und in sich zusammengesunken im Stuhl kauert, wirkt er jetzt groß. Weil er weiss, was zu tun ist. Vielleicht.
Man muss etwas machen. Alles andere ist Zeitvergeudung. Man kann nicht nur schlafen, essen, trinken und Zeitung lesen – oder Bücher. Mit dem Kinn deutet er auf ihre Bücher auf dem Tisch, die für die Bücherei bestimmt sind. Seine Hand fegt durch die Luft. Radiert alles aus, was ihn stört.
Man muss etwas machen, etwas richtiges. Spazieren gehen reicht nicht. Grübeln ist Zeitverschwendung. Man muss hingehen und etwas MACHEN, sag ich. Sitzt noch immer da. Nimmt einen Schluck kalten Kaffee aus der großen Tasse mit dem halb abgesprungenen Henkel. Schüttelt den Kopf.
Man muss etwas tun. Mit den Händen. Arbeiten. Etwas tun, damit die Welt sich weiterdreht. Sein rechter Zeigefinger zeichnet einen Kreis, ohne dass die Hand sich mit dreht. Die Welt bleibt stehen, wenn wir nichts tun. Wir müssen sie bewegen, hörst du.

Sie sitzt da und hört zu. Denkt, dass die Welt alle braucht (gebraucht werden – ha! Will sie das?). Alle. Ich aber, denkt sie, ich sitze nur. Sie wendet ihren Rollstuhl und fährt durch den Flur in ihr Zimmer. Bin ich daseinsberechtigt?, fragt sie sich und schaut zum Spielplatz gegenüber. Mütter und Kinder, die etwas tun. Nicht zum ersten Mal denkt sie darüber nach. Schon vor dem Unfall fragte sie sich oft, wozu sie überhaupt hier sei. Schon früher war sie anders gewesen. Nicht so belastbar wie die anderen. Konzentrieren ging auch früher nicht lange. Und heute?

Sogar Alf ist besser dran, denkt sie. Auch er konnte zwar nicht mehr laufen. Arbeiten schon gar nicht mehr. Seinen Rücken hat er sich in der Fabrik kaputtgeschuftet, doch immerhin war er nicht depressiv. Immerhin konnte er noch sagen, was er dachte. Und er wusste, was er wollte. Immer noch. Die Welt verändern.

Sie starrt aus dem Fenster. Was macht mich glücklich?, fragt sie sich. Nicht: was muss ich machen. Die richtige Frage lautet: Wann bin ich zufrieden und wieso? Und findet mich das Glück auch, wenn ich nie mehr etwas anderes machen kann als …

Ihre Gedanken stocken. Machen? Tun? Ich aber, ich bin nur. Reicht das denn nicht?

 

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Zeitfresserchens Lust

Da las ich heute, bei Sherry wars, über unsere nachlassende Konzentrationsfähigkeit und dass wir nach einer Viertelstunde Arbeit an einem Thema bereits mit den Füßen scharren. Wir müssen doch endlich mal wieder nachschauen, ob uns jemand gemailt hat. Ob eine SMS eingegangen ist. Ob dies. Ob das. Ob jemand nach uns fragt.

Wie ich da sitze und schreibe, fallen mir ab hier sogleich ein paar mögliche Fortsetzungen für diesen Blogartikel ein. Die erste, die ich mir vorgenommen habe, nenne ich hier mal Spur eins. Auf ihr will ich über Zeit und unseren Umgang mit ihr sofasophieren. Problemlos könnte ich jetzt an Spur zwei weiterspinnen. Will heißen, über soziale Kontrolle schreiben. Über Nachbarn, die wissen, wann ich das Haus verlasse. Wo ich einkaufen gehe. Wie ich meine Wäsche aufhänge. (((Oops, schlampig wie ich bin, habe ich seit Stunden die Wäsche in der Maschine vergessen! Mach ich gleich nach dem Bloggen, versprochen!)))

Spur zwei eröffnet mir problemlos mindestens zwei weitere Spuren, wie ich weitererzählen könnte. Und von jenen zwei Spuren je wieder zwei, mindestens. Meine blühende Phantasie ist ein Zeitfresserchen der grenzlosen Art. Beim Bilderbearbeiten ist es noch schlimmer. Nehmen wir ein schlichtes rohes Bild, fotografiert mit dem iPhone. Kaum fotografiert, oder noch vor dem Klick, habe ich mindestens zwei Ideen, wie ich das Bild weiter entwickeln will. Alles, was danach kommt, nenne ich nicht mehr Fotografie, sondern digitales Gestalten, kurz iDogma. Auch iKunst, wie Mietze neulich vorschlug, gefällt mir. Manchmal verfolge ich von Anfang an gleich mehrere Spuren der möglichen Bearbeitung, wobei während der Arbeit nach jedem Schritt laufend neue Spuren dazukommen. Hilfe, da könnte ich mich glatt in meinem eigenen Bilderdschungel, auf Nimmerwiedersehen, verirren! Und von jedem Bild gäbe es danach mindestens zehn finale Versionen. Wenn ich denn die Zeit hätte! Und wenn ich mich nicht immer mit mir selbst auf eine Variante oder zwei einigen könnte.

Im Grunde läuft es bei AppIt!, einer der Arbeitsgruppen auf IPA, unserer iPhoneArt-Community, ziemlich genau so. Ein rohes Bild wird von allen, die mitmachen wollen, weiterbearbeitet. Wirklich spannend, was aus dem langweiligen Baum, den ich neulich hier erwähnt habe, geworden ist. Der Beweis: Auch aus einem banalen Bild lässt sich etwas Witziges gestalten. Das macht Hoffnung.

Hätte ich bloß mehr Zeit, dann würde ich …, jeden Tag denke oder sage ich diesen Satz mindestens fünfmal. Zeit habe ich zwar schon, doch wie setze ich meine Prioritäten? (((Oh, ich bin wieder auf Spur eins gelandet. Wow!))) Was ist uns wirklich wichtig? Ist es das, womit wir am meisten Zeit verbringen? Die meiste Zeit verbringen wir – ihr da draußen jedenfalls, ich im Moment nämlich nicht – bei der Arbeit. Wir leisten viel, um viel Geld – und gleich noch mehr Geld! – zu verdienen, womit wir uns Dinge kaufen können, die unserer Unzufriedenheit entgegenzuwirken sollen, die dadurch entstanden ist, dass wir so viel arbeiten. Immerhin kurbeln wir so die Wirtschaft an und das ist doch gut, oder etwa nicht!?

Vor ein paar Jahren habe ich in Bern an einem tollen Kunstprojekt zum Thema Zeitverschwendung teilgenommen. Es gab Bilder, Musik und Literatur rund um dieses faszinierende Thema. Weil wir im Vorfeld keine Zeit gehabt hatten – logisch irgendwie! – trafen wir Autorinnen und Autoren uns kurz vor der Lesung, um den Ablauf unserer Lesung zu nageln. Wir waren uns schnell einig, uns beim Lesen abzuwechseln, legten spontan eine Reihenfolge fest und trugen schon bald einen witzigen Mix aus ernsten und heiteren Texten vor. Dem Publikum und uns hat es jedenfalls Spaß gemacht.

Unter anderem kamen einige meiner Kürzestgeschichten, genannt „Voller Einsatz“, die nur einen einzigen Satz lang sind, voll zum Einsatz. Zeitersparnis pur!

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Zeitgeist

Um deinen dunkelgrauen Zeitgeist bei Laune zu halten, brauchst du ihn bloß – wie eine Parkuhr – mit deinem Zeitmangel zu füttern, doch egal, ob du nun mit Zeit handelst, nie Zeit hast, Zeit abarbeitest, andern Zeit stiehlst, Zeit absitzest, Zeit vorarbeitest, um freie Zeit zu schaffen oder ob du gar Zeit vertrödelst oder totschlägst, eins darfst du auf gar keinen Fall tun, denn sonst wird er sauer: Zeit haben.

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Zeit sammeln

Das ist die Geschichte jenes jungen Mannes, der erfahren hatte, dass er eines Tages sterben würde, der sich auf den Weg machte, um überall, wohin er kam, Zeit zu suchen, zu erbetteln, zu sammeln, und tatsächlich viel Zeit geschenkt bekam, doch diese durch die ständige Rennerei wieder aufbrauchte und daher beschloss, nicht mehr weiter zu rennen, sondern seine Vergänglichkeit zu akzeptieren, und dabei erkannte, dass er endlich Zeit hatte, denn nun war die Zeit auf seiner Seite und schien sich gar zu vermehren, während er schaute und lebte und atmete und grüßte, und er wurde reicher an Zeit als je zuvor, und dabei alt und älter, und eines Tages starb er weise und glücklich.

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copyright by sofasophia as usual

 
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Geschrieben von - 6. Februar 2012 in alleTexte, Histörchen, Voller Einsatz!

 

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Sandsteinweisheiten

Irgendwo in einem kleinen Dorf lebte eine Frau, die in ihrem Leben schon ganz viele Steine gesammelt hatte. Jeder einzelne Stein hatte eine eigene Geschichte, wie er irgendwann in ihr Leben gekommen war. Einige Steine hatte sie selbst gefunden und nach Hause getragen, andere waren ihr von Freunden als Geschenk überreicht worden. Wieder andere waren schon lange vor ihr da gewesen. Genau da, wo später ihr Haus gebaut worden war. Doch wenn wir genau sein wollen, waren eigentlich alle Steine schon vor ihr da gewesen. Viel länger waren sie alle schon da, sehr viel länger. Vielleicht deshalb mochte die Frau ihre Steine so sehr. Zugegeben, es ist anmaßend, Steine als Besitz zu sehen. Das wusste die Frau und deshalb behandelte sie die Steine auch mit sehr großem Respekt.

Da lagen also überall in ihrer Wohnung Steine herum, Sandsteine einträchtig neben schlichten Kieselsteinen, Granitbrocken neben Halbedelsteinen und Versteinerungen neben erstarrten Lavaklumpen. Steine seien irgendwie weise, sagte die Frau eben zu ihrer Freundin, mit der sie Tee trank. Steine hätten schon alles gesehen. Den Anfang der Welt hätten sie miterlebt und sie würden auch noch da sein, wenn wir Menschen längst wieder vergangen seien.

Weise?, fragte sich ein kleiner Sandstein, den die Frau letzte Woche auf einem Spaziergang aufgehoben hatt. Er lag direkt an der Sonne, auf dem Fensterbrett. Von seinem Platz aus konnte er alles sehen. Und alle. Wie schön es hier war! Dass es so viele andere Steinarten gab, hatte er nicht einmal geahnt. Steine mit allen möglichen Mustern, in allen Schattierungen, Farben und Texturen. Wie schön sie alle waren! Zum Glück sah niemand zu ihm hin. Der kleine Sandstein konnte sich keinen Reim darauf machen, warum er hier war. Warum er mitten unter diesen wunderschönen Steinen sitzen durfte. Schließlich war er ja nur ein kleiner Sandstein. Ein paar Sandkörner, die vor unzähligen Jahren zufällig auf Quarz getroffen und sich durch ein paar weitere ebenso zufällige Begebenheiten mit diesem verkittet hatten.

Im Berg, wo er sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, waren übrigens noch ganz viele von seiner Sorte. Eines Tages als Menschenkinder in seiner Nähe herumgetollt hatten, waren einige von ihnen heraus gepurzelt. Lustig war das gewesen. Zuerst. Doch schon bald war es langweilig geworden. Am Boden liegend hatte er keine so gute Aussicht mehr gehabt wie zuvor in der Felswand. Sein Leben war irgendwie sinnlos geworden. Bis sie gekommen war, die Menschenfrau. Sie hatte ihn gefragt, ob er mit zu ihr kommen wolle. Zugegeben, das hatte ihm gefallen, und natürlich hatte er eingewilligt. Nun war er da. Inmitten all der Schönheiten. Am besten gefiel ihm der Stein dort drüben. Er glänzte, seine Oberfläche war anthrazitfarbig und er hatte viele verschiedene Einsprengsel, die je nach Tageszeit hell oder dunkel funkelten.

Hart wie Granit sollte man sein, hatte jemand von den anderen Steinen geflüstert. Vielleicht war es sogar der kleine, grüne Edelstein gewesen, der sich manchmal ein wenig aufspielte. Er könne heilen, hatte er vorgestern behauptet. Und wenn!, dachte der kleine Sandstein. Aber du bist dennoch nicht so schön. Und schon gar nicht so schön hart wie der Granit da drüben.

Hart, ja, hart wäre er gerne, unser kleiner Sandstein. Nicht so weich, dass er immer darauf aufpassen musste, nicht kaputt zu gehen. Eingebettet in der Felswand war das kein Problem gewesen. Erst nachdem er herausgefallen war, fingen die Probleme an. Wenn die Frau das Fensterbrett abstaubte, nahm sie ihn ganz vorsichtig hoch und wischte die Sandbrösel unter ihm weg. Ich vergehe, dachte er jedes Mal. Ich werde immer weniger. Bald bin ich ganz weg. Und meine Teile werden überall verstreut sein. Ich bin viele, bestehe aus unzähligen Körnern und nur dem Quarzzement verdanke ich, dass ich überhaupt da bin. Noch da bin. Glücklicherweise gefällt mir wenigstens meine Hautfarbe. Immerhin etwas. Rötlich und hellbraun ist wirklich ganz in Ordnung. Doch ich wäre einfach zu gerne hart. Ganz hart. Wie Granit. Niemand könnte mir etwas anhaben. Niemand könnte mich einfach zerbröseln. Niemand würde über mich spotten. Hart sein ist alles! Für uns Steine ist das das Wichtigste überhaupt!

Während sich der kleine Sandstein mehr und mehr in etwas hinein steigerte, das sich schon bald nicht mehr bremsen lassen würde, fühlte er auf einmal, wie er aufgehoben wurde. Schon wieder abstauben?, fragte er sich. Das hat sie doch heute Morgen erst gemacht.

Schau!, hörte er die Stimme der Frau, dieses Kerlchen hier habe ich neulich im Steinbruch drüben gefunden. Er lag auf einmal vor meinen Füßen. Fast wäre ich weitergegangen, doch ich konnte nicht anders. Ist er nicht wunderschön? Mir gefällt, dass er so fein, weich und zerbrechlich ist. Er fällt beinahe auseinander. Eigentlich ist er wie ich. Wie gerne wäre ich manchmal so hart wie der Granit dort drüben. Dann schaue ich mir diesen Stein hier an und denke: Es ist gut, so zu sein wie ich bin. Weich. Porös. Durchlässig. Zerbrechlich. Ich bin so. Sinnlos Granit sein zu wollen. Granit hat es genug auf der Welt. Aber wir Sandsteine sollten uns nicht mehr länger dafür schämen, dass wir Sandsteine sind. Diese Welt braucht uns …

Behutsam hatte sie den rotbraunen Stein wieder aufs Fensterbrett gelegt. Sie spazierte mit ihrer Freundin durch die Wohnung und ihre Stimmen wurden leiser. Auch unser kleiner Stein war ganz still geworden. Und ein klein bisschen größer geworden war er auch, innen drin auf jeden Fall.

 
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Geschrieben von - 14. Oktober 2011 in alleTexte, Herzgespinst, Histörchen

 

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Ein Ei #4

Was ist denn los? Wieso kräht Roland Hahn wie wild Richtung Hühnerhoftor?

Ach so, sie ist wieder ausgebüxt, Lady White, und kommt nun reumütig zurück zur Schar. Es ist Sonntagvormittag und Irgenlink öffnet ihr netterweise die Türe. Was wäre, wenn er das gelassen hätte? Zuschauen hätten wir sollen, zudchauen, wie sie ohne unser Zutun zurück geht. Schlau wie sie ist, hätte sie es geschafft. Raus ist sie ja auch von alleine. Wie Blondie.

Und bestimmt hat sie wieder irgendwo Eier gelegt, sag ich noch zu Irgendlink. Später gehe ich rüber in meine Höhle, komme dabei an Lady Whites Versteck von vorgestern vorbei und entdecke drei Eier. Eins noch legewarm.

Am Abend, als ich bereits den Hühnerstall geschlossen habe und mich anschicke, den Hühnerhof durchs Gatter zu verlassen, kommt seelenruhig ein letztes Huhn daherspaziert. Ach, das wollte Roland Hahn mir also sagen, empört krähend, während ich das Tor geschlossen habe. Nein, es ist weder Blondie noch Lady White, sondern eine braunweiß gefiederte Hühnerdame, die wie eine Königin durch die beiden Türen schreitet, die ich ihr öffne. Kein bisschen Hektik.

Drei Ausbrecherinnen? Was will uns das sagen?

 
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Geschrieben von - 8. Mai 2011 in alleTexte, Histörchen

 

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Das Drama auf dem Hühnerhof oder Ein Ei #3

Da sitze ich gemütlich mit dem Frühstückstee auf der Treppe vor dem Haus und genieße friedlich vor mich hin, als ich auf einmal in unüblicher Nähe ein Huhn gackern höre. Blondie?, denke ich, so früh schon ausgebüxt?, als ich weißes Gefieder hinter den Holzvorrat huschen sehe.

Ich auf, Tasse hingestellt, gehe rüber zum Stapel und will mit beruhigenden Worten das Huhn raus ködern. Was nix bringt, natürlich. Ein langes Holzstück, mit dem ich hinter den Stapel in den schmalen Spalt rein fummle, lässt das Huhn verstört heraus huschen. In der Scheune, in die es vor meiner sanften Stimme flüchtet – ich befürchte, dass es mein Schweizerdeutsch nicht versteht – gibt es viele Optionen. Es wählt den schwierigsten. Seine Neugier hat gesiegt. Neuland lockt auch Hühner. Im Holzlager versteigt es sich geradezu. Sicher zwar vor mir, die ich nicht auf dem aufgetürmten Vorrat herum klettern mag, aber es steckt doch irgendwie in der Sackgasse.

Ich mache ihm den Rückfluchtweg frei und das Spiel geht von vorne los. Huhn geht zurück in den Spalt hinter dem Stapel, nachdem ich ihm auf dem Hof vergeblich gefolgt bin.

Da – genau da! – will es sein Ei legen, genau da, unerreichbar. Oke, das Ei wäre ein kleiner Verlust. Hier geht es um das Huhn. Würde es, wie Blondie, die Ausbrechkönigin, das Loch im Zaun finden und von selbst zurückkehren? Oder würde es vorher vom Fuchs, einer Wildsau oder einem der hier herumfliegenden Raubvögel gefressen werden? Rettet dem Huhn der schützende Zaun das Leben, da die Freiheit zu gefährlich ist?

Ich warte ab. Fünf Minuten. Mit dem Besen in der Hand gehe ich erneut zum Stapel. Das Huhn ist ruhig. Es kommt auch nicht gleich hervor, als ich mit dem Besen vor seinem Schnabel herum wedle. Ganz langsam und laut schimpfend kommt es schließlich heraus, flattert in die Scheune, diesmal richtig Richtung Hühnerhof, und versteckt sich nur mal kurz unter dem Wohnwagen. Ich bitte es mit Hilfe des Besens heimwärts, wo die restliche Hühnerschar, allen voran Roland Hahn, sich aufplusternd, Spalier steht und die verlorene Tochter willkommen heißt. Leider ist eine Hühnerhoftüre keine halbdurchlässige Wand. Huhn rein lotsen ohne andere Hühner rauszulassen ist nicht ohne. Glückliches Gegacker, als ich nach gelungener Tat das Tor zustoße. Puh, geschafft!

Und die Moral von der Geschicht’? Wie ich zurück zu meinem abgekühlten Tee spaziere, liegt dies hier, unter dem Wohnwagenvorderteil, wohlbehalten auf meinem Weg:

EDIT: Gute Eierschalen vermögen gut zu schützen! :-)

 
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Geschrieben von - 6. Mai 2011 in alleTexte, Histörchen

 

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