Reisende sein

Ich glaube ja, dass es Reiseblogs schon in der Steinzeit gegeben hat. Nun ja, ein bisschen anders als heute vielleicht. Ich glaube jedoch, gerade Reiseberichte gibt es, seit der Mensch reist und erzählen kann. Zurück von der Jagd haben schon Steinzeitmenschen ihre Erfahrungen geteilt. Geschichten und Geschichte − sie werden nicht nur zur Unterhaltung erzählt, sondern auch zur Weiterbildung; zur Seelen- und Herzbildung ebenso.

Reisen also. Selbst eine Reisende zu sein, wurde mir nicht in die Wiege gelegt, und es gab Zeiten, in denen ich meine Höhle, mein Zuhause, nur schwer verlassen konnte – aus gesundheitlichen Gründen.

Heute aber reise ich wieder gerne. In meinem Tempo, auf eine mir entsprechende Weise, mit den mir liebsten Möglichkeiten und Fortbewegungsmitteln.

Nun ja, zu reisen ist das eine, das andere aber, über das eigene Reisen zu erzählen. Und noch was anderes ist es, Reiseberichte anderer zu lesen. Das mag ich sehr, allerdings müssen mich Inhalt und Schreibstil der Berichte begeistern.

Reiseberichte zu schreiben bringt den Vorteil, dass wir nach der Reise, wenn wir nicht mehr unmittelbar Reisende sind, erneut in unsere notierten Erfahrungen eintauchen können. Das gute alte Reisetagebuch sag ich da nur.

Und ich sage natürlich auch gerne und nochmals Reiseblog. Das Reiseblog hat sich im Laufe der letzten Jahre sehr weiterentwickelt und verändert, und vor allem etabliert. Gemacht wird es unterschiedlich. Über verschiedene Kanäle auch. Und mit unterschiedlichen Medien. So schreiben manche lieber erst im Nachhinein über ihre Erlebnisse und Erfahrungen, Tage, Wochen später, von zuhause aus, andere mögen es lieber, beinahe in Echtzeit, zu berichten. Wieder andere fassen ihre gesammelten Echtzeitberichte zyklisch im Nachhinein zusammen.

Die einen bloggen eher Bilder, um die sie ihre Geschichten spinnen, andere bloggen eher Erfahrungen philosophischer Art, die sich ihnen beim Reisen erschloßen haben, wieder andere bloggen unmittelbare Erfahrungen und illustrieren sie mit ihren Aufnahmen von unterwegs.

***

Mit einer kleinen Mail hat alles angefangen. Vor einigen Jahren war es und Annette meine erste Geschäftskundin, die ich nicht schon vor der Geschäftseröffnung gekannt hatte. (Zu sagen ist allerdings, dass ich meine Geschäftstätigkeit eben erst gestartet hatte.)

Ein Reiseblog wolle sie führen, schrieb sie, zusammen mit ihrem Mann Beat. Sie würden im Frühling 2014 aufbrechen und mit dem Bus kreuz und quer durch Europa reisen. Noch hätten sie sehr wenig Erfahrung mit internetter Technik, insbesondere Blog- und Bildbearbeitungssoftware. Als sich kurz darauf ein zweiter Bloglehrling anmeldete, führten wir, Irgendlink und ich, unseren allerersten Bloglernworkshop durch. Was uns allen sehr viel Spaß gemacht hat.

Heute sind Annette und Beat längst keine Lehrlinge mehr, weder in Sachen Blogbetreiben noch in Sachen Bildbearbeitung. Seit nunmehr zwei Jahren bereisen sie Europa. Kreuz und quer.

Und werden dabei immer langsamer, wie uns Beat gestern erzählte. Auf ihrem Weg von Nord nach Südost haben sie dieser Tage bei Verwandten in der Schweiz haltgemacht und auch uns mit einem kleinen feinen Besuch beehrt. Der NOBIS, wie sie ihren Bus liebevoll getauft haben (wie es dazu kam? hier → klicken), hat mit seinen sechs Metern Länge sogar knapp Platz auf dem letzten Parkplatz vor meinem Wohnhaus.

unserwegs
Diese Europakarte zeigt die vom Unserwegs-Team schon bereisten Länder

Bei Kaffee, Tee und Kuchen erzählen wir uns gegenseitig von unseren Lebensreiseerfahrungen, tauschen Blogwissen und Reisetipps aus und genießen die Sonne.

In einen paar Tagen brechen Annette und Beat wieder auf. Diesmal ostwärts. Doch lest selbst! Ihr Blog unserwegs.com macht Reiselaune, weckt Fernweh und füttert die Augen.


Weitere Reisende, die ich diesen Frühling gerne auf ihren Touren begleite:

Pattafeufeu radelt seit Anfang Mai ans Nordkap. Er twittert und bloggt darüber. Nun stehen ihm seine letzten Tage im hohen Norden bevor, denn in wenigen Tagen wird er das Nordkap erreichen und danach via Alta zurück nach Deutschland fliegen.
Blog
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Frau Rebis ist ebenfalls eine passionierte Radlerin. Diesmal, will heißen in den Pfingstferien, hat sie die Poebene erfahren, auf dem Rad. Zuerst war sie eine Woche allein unterwegs, dann noch zwei Tage mit ihrer Tochter.
Blog
Twitter

Sicherheiten

Man solle, so sagen die Profis, man solle regelmäßige Backups machen, seine Daten − die auf dem Rechner gut sortierten, die gut auf Ordner verteilten, die gut benannten − immer wieder sichern, damit auch ja nichts von all dem vielen Notierten und Fotografierten verloren gehe.

Man solle backupen, sagten sie. Und ich habe gehorcht und meine Dateien zuerst auf Floppy- und ZIP-Disketten zur Sicherung abgespeichert, später auf CDs; feinsäuberlich nach Jahren, nach Ordnern, nach Themen. Später, seit etwa fünf oder sechs Jahren, haben diese Aufgabe externe Festplatten übernommen und das Backupen ist gleichsam ein dynamischer Prozess geworden.

So backupte ich also regelmäßig vor mich hin. Bis zu jenem Tag jedenfalls, an dem meine 2TB-Festplatte auf einmal nicht mehr lesbar war. Dass Daten drauf waren, wusste ich ja, schließlich habe ich diese selbst draufgeladen und sie wurden ja auch angezeigt. Doch die Daten selbst konnte ich nicht mehr öffnen. Vermutlich ist sie einmal zu viel gestürzt, die Festplatte, und hat sich dabei das Rückgrat gebrochen.

Ich machte mich darum mit dem Gedanken vertraut, dass ich als verloren akzeptieren muss, was verloren gegangen ist. Frei nach Kerouac. Doch Irgendlink wäre nicht Irgendlink, wenn er nicht zumindest versucht hätte, eine Lösung zu finden, um meine Daten zu retten. Und der Versuch gelang. Er konnte alle Daten auf eine neue externe Festplatte überspielen und dort liegen nun seit vielen Monaten 1313 Ordner mit je ungefähr 1000 Dateien.

So weit so wunderbar.

Dumm nur, dass diese Dateien dort a.) ohne ihre vorherigen Namen und b.) weder nach Typen noch nach Datum noch nach Größe sortiert herumliegen. Querbeet.

Nun kommt die Konsole ins Spiel. Ihre Macht hat mir Irgendlink gestern aufs Neue demonstriert, als wir endlich mit der Extraktion der über einer Million Dateien angefangen haben. Den Anstoß gab die Suche nach Bildern von Anno Ypsilon. (Mit meiner ersten schlichten Suche − nach Datum und Größe − war der Datenrettungsordner schon schnell und massiv überfordert. Er hängte sich eins ums andere Mal auf.)

Die Konsole − auch Terminal genannt, oder nenn es einfach den schwarzen Bildschirm − ist jener Ort, in den man eintippen kann, was der Rechner tun soll … Die Konsole ist mächtig, zaubermächtig sogar, wenn man denn die richtigen Wörter kennt.

Irgendlink kennt zum Glück ein paar Zaubersprüche und nun haben wir den ersten Spreu, all die winzigen Thumbnails, welche die Ordner vollgestopft hatten, vom Weizen getrennt. Parallel dazu habe ich ein Programm laufen, das alle Bilder aus den chaotischen Ordnern, die diesen Namen nicht wirklich verdienen, holt und sie nach Exif-Daten, sprich chronologisch, ordnet.

Im Gegensatz zur Konsole ist dieses Programm ein grafisch arbeitendes; ich sehe ihm zwischendurch dabei zu, wie es die zu ordnenden Daten durchlaufen lässt. Winzige Bilder blitzen auf. Vielleicht eine Zehntelsekunde lang. Es läuft ein Film vor meinem Auge ab, ein ziemlich hektischer. Ein Film der letzten sechzehn Jahre meines Lebens. Landschaften, Menschen, Dinge sehe ich da. Lachende Gesichter. Mit all den verschiedenen Apparaten aufgenommen, die es seither gegeben hat. Ein Lebensphasenfilm sozusagen.

Heute Nacht habe ich sogar so ähnlich geträumt. Bilder flitzten durch meine Traumwelt, kamen, gingen, kaum gesehen, schon wieder weiter.

Seltsam dankbar macht mich dieses Bildersortierprozess – dankbar, diese bildhaften Erinnerungen, die ich schon verloren und un- fass und unsichtbar geglaubt hatte, wieder sehen zu dürfen.

Irgendwie glabt man ja, externe Festplatten seien für die Ewigkeit gebaut. Glaubt man, denkt man, hofft man. Aber vielleicht gibt es ja die Ewigkeit ebenso wenig wie wirkliche Sicherheit?


(Noch steht uns die Extraktion aller Dokumente aus den chaotischen Ordnern bevor, auch dabei wird uns die Konsole bestimmt gute Dienste leisten.)

Das Ding mit dem Glück

Was mich glücklich macht? Wenn ich mich einlassen kann, mit Haut und Haar, wenn ich das Grübeln lassen und wenn ich das, was ich tue, mit voller Hingabe tun kann – ohne Hin- und Herzuspringen, ohne Unterbrechungen, ohne Ablenkungen; wenn ich mich ins Tun vertiefen kann und nicht schon mit den Gedanken beim Nächsten To do, das auf meiner unendlich langen Liste steht, bin; wenn ich Ja sagen kann zum Moment und nicht nach hinten und nach vorn schauen muss …

Wenn – dann … so einfach ist es manchmal, das Ding mit der Hingabe. Wenn Hingabe, dann Glück. Nun ja, natürlich geht die Gleichung nicht immer auf, das Leben ist ja weißGöttin nicht ideal, und oft bin ich es mir nicht bewusst, dass ich nur ein bisschen an der inneren Haltung schrauben müsste, um dem Glück Zugang verschaffen zu können.

Manchmal wiederum ist es einfach einfach, das Ding mit der Hingabe und die Gleichung – wenn Hingabe, dann Glück – geht *schwupps* einfach auf.

Zwei Zauberwörter sind es nur, die es manchmal braucht:
Jetzt
und
Ganz.

Gestern dieser Spaziergang durch den dämmernden Wald mit dem Liebsten. Diese Schale Carameleis mit Waldbeeren auf dem Sofa. Dieses Sein. Den Worten lauschen. Sprechen. Schweigen.

Manchmal kommt das Glück auch ganz unvermutet. Beim Zähneputzen zum Beispiel oder beim Geschirrspülen gar. Beim Schreiben sehr oft. Und manchmal sogar bei der Büroarbeit.

Hauptsache ich lasse mich ein. Und ich lasse mich nicht ablenken – weder von außen noch von mir selbst. Denn Ablenkung ist es vor allem, die mich krank macht.

Und, so denke ich gestern Nacht vor dem Einschlafen, das ist es wohl, was sich die Werbung, was sich die Wirtschaft zunutze macht und in bare Münze umwandelt: Unsere Bereitschaft zur Ablenkung ist das Glutamat des Kapitalismus, der Kommerz- und Konsumgesellschaft (zu meinem Glutamat-Artikel bitte → hier klicken).

Süchtiggewordene sind wir, Getriebene, lechzend nach Impulsen, nach Ablenkungen, nach Konsumzöix, bereit, uns manipulieren und formen zu lassen. Diese neue Unzufriedenheit lässt uns Dinge tun, die wir, wären wir Glückliche, nicht täten, nicht bräuchten.

Ich nenne sie neu, diese Unzufriedenheit, die mit der alten, von Mangel und politischen sowie gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten genährten, nur noch wenig gemeinsam hat. Die Melodie der Unzufriedenheit vielleicht, den unablässigen Wunsch nach Veränderung und den Ruf nach mehr und noch mehr.

Wären wir Glückliche, wir wären anders. Und wir würden anders handeln. Vielleicht würden wir weniger tun, mehr lassen, und vielleicht würden wir mehr dort handeln, wo es nicht nur uns etwas bringt. Und wir würden, das ist meine Hauptthese, weniger konsumieren, weil wir weniger hungrig nach jenen Dingen wären, die zwar dem Gaumen schmeicheln, das Herz aber nicht satt machen.

(Als Kind stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn sich jeder Zustand wie Masern anstecken ließe. Dass sich Glücklichsein zum Beispiel oder Zufriedenheit wie eine Krankheit verbreiten könnten. Wer weiß das schon so genau?)

Wären wir Glückliche, würden wir nie oder wohl nur selten darüber nachdenken, dass wir es sind. Wir wären es einfach.

Über das Recht auf das eigene Tempo

Ich weiß, dass ich mit dieser meiner Sehnsucht fast allein bin. Ich spreche von jener, mich zuweilen danach zu sehnen, langfristig ohne das Konzept der messbaren Zeit zu leben. Ich sehne mich nach einem Leben ohne Maßeinheiten wie Wochentage und Uhrzeiten, ohne Zählung und Benennung der Tage und vor allem ohne das Bestimmtwerden von diesen. Als einzige Maßeinheit tolerierte ich Sonne, Mond und Sterne, Wind und Wetter, Temperatur und was immer noch zu den Rhythmen des Lebens, der Natur gehört.

Bei allen Dingen, denen ich mich zeitweilig − bewusst oder unbewusst − fast exzessiv hingebe oder ausliefere, sehne ich mich nach einer Weile nach deren Gegenteil. Nach deren Gegenbewegung. Ich will das Geländer, das die Uhr zu sein vorgibt, gegen einen Stock austauschen. Geländetauglicher ist dieser eh. Ja, heute, nach all den Jahren in Büros und bei anderen Jobs, wo es unter dem Strich immer irgendwie um das Einhalten von Terminen ging, sehne ich mich nun danach, keinen von außen getakteten Strukturen mehr folgen zu müssen; einzig dem Rhythmus der Natur gehorchen will ich, meiner Natur ebenso wie der Natur an sich.

Wie die meisten von uns habe ich mich im Laufe des Lebens ziemlich entfernt von meiner eigenen Natur − und von der Natur an sich sowieso. Natürlich gehe ich oft raus, radle, spaziere, wandere, pflanze etwas in meinem Gärtchen, erfreue mich der Blumen, Bäume, Blüten, säe und ernte … aber wirklich eins mit der Natur – meiner und der Natur an sich – bin ich, wenn ich ehrlich bin, längst nicht mehr. Zu viele Eingeständnisse mache ich. Ich könnte, nur so als Beispiel, ohne Einkaufsmöglichkeiten, ohne Geld, ohne menschliche Hilfe, da draußen nicht lange überleben. Nicht dass ich das heute und morgen können müsste, ich bin ja nicht auf der Flucht. Ich meine ja nur … und ich denke nach. Über diese Sehnsucht. Und über unsere Wanderung im Juli. Wie vor zwei Jahren auf unserer Reusswanderung auf den Gotthard wollen Irgendlink und ich auch diesmal einfach loswandern. Mit allem im Gepäck, was wir für das Leben in der Natur brauchen. Zelt und Bordküche, Schlafsäcke und Wechselkleider. Loswandern mit Start in den Bündner Bergen.

Und ja, wir wollen dazu bloggen. Vermutlich sogar gemeinsam, im gleichen Blog. Reiseblogs boomen. Ich lese fast immer bei irgendwem mit, die oder der jetzt, immer, heute, unterwegs ist und über ihre oder seine Tageseindrücke schreibt. Ich mag das. Sehr sogar. Vor allem, wenn es nicht nur bei Streckenbeschreibungen bleibt.

Tag 1, Tag 2, Tag 3 … schon oft war ich Irgendlinks Homebase und gab mit meinen Beiträgen seinen Reiseberichten einen äußeren Rahmen.

Mir wird zunehmend klar, dass ich mich je länger je schwerer tue mit Rahmen und Vorgaben. Und vor allem mit diesem immer wichtiger scheinenden Messen und Vergleichen. Dahinein habe ich gestern, eher zufällig, einen feinen, wichtigen Text über das Vergleichen gelesen. Seither spinne ich noch intensiver am Thema weiter. Ich beobachte es ja nicht erst seit gestern, wie sich selbst im Reisebereich eine Art Vergleich eingeschlichen hat.

[Wie viele Kilometer hast du heute gemacht?
Oh, so viele! Wow. Toll!]

[Viel ist nämlich besser als wenig, weil … ähm, hab ich vergessen …]

Gestern Abend, am Telefon, als Irgendlink und ich über unsere geplante Wanderung im Juli sprachen, schlug ich – natürlich spaßeshalber – vor, dass wir ja möglichst langsam wandern könnten.

Das geht natürlich nicht. Und es wäre zudem kindisch. Und genauso trotzbestimmt wie viele andere meiner Gedankenspiele, mit denen ich zuweilen gesellschaftlichen Vorgaben um des Widerspruchs willen widerspreche.

Nein, mir geht es nicht um Trotz. Mir geht es um das Recht auf das eigene Tempo. Eigentlich eine Art Menschenrecht, finde ich.

Das Recht auf die eigene Natur.
Das Recht auf artgerechtes Leben.
Ein Recht sollte man nicht einfordern brauchen müssen.
Ein Recht sollte für alle selbstverständlich gelten.
Ein Recht sollten wir andern selbstverständlich zugestehen. Auch uns.

Wer schnell sein will, soll schnell sein dürfen. Daran ist nichts falsch. Nur dürfen die Langsamen eben auch langsam sein. Denn auch daran ist nichts falsch. Und auch ein mittleres Tempo darf sein. Nein, auch daran ist nichts falsch.

Falsch, oder besser krankmachend, ist unser ständiger Blick nach rechts und links, das Messen, das Abgucken, das Vergleichen und Sich-Anpassen, das oft aus dem Vergleich resultiert.

Auffallen wollen, weil man sonst in der Masse unterzugehen glaubt? Vielleicht. Wer will und zu müssen meint, soll halt. Hauptsache echt.

Im eigenen Rhythmus unterwegs zu sein, will ich lernen. Beim Radeln, beim Wandern, bei der Arbeit. Den Mut dazu sammle ich noch.

Do It Your Selfie − bloß wozu?

Neulich auf Twitter fragte einer, warum sich manche Twitternde von Selfies gestört fühlen. Ich unkte als Antwort, dass ich befürchte, dass unsere Welt noch an Narzissmus ertrinken wird oder an Mangel an echter Liebe verhungern. Ich schob nach, dass ich mich nicht von den Selfies an sich gestört fühle, sondern dass ich eher das Posten von Selfies und das Posen auf Selfies, gestört finde. (Versteht mich nicht falsch, Selfies zu machen, ist okay. Aber dieser Drang, diese − kaum gemacht − auch gleich posten, sich selbst vorzeigen zu müssen, ist doch irgendwie krank. Oder ist es eine neue Form davon, sich zu vergewissern, dass man lebt? Dass man noch lebt?

Nicht dass ich etwas gegen gute Porträts oder gegen Fotos mit Menschen drauf hätte. Nein, habe ich nicht. Es ist wohl eher dieses Posen, dieses Drang zur Selbstdarstellung, den ich ziemlich bedenklich, fast eklig, finde. Ein Zeichen, ein Symptom einer ziemlich kranken Gesellschaft, deren Mitglieder ihre Selbstwahrnehmung nach außen verschoben, nach außen delegiert haben.)

Doch ist das Selfie wirklich so etwas ganz und gar anders als ein Tweet oder ein Blogpost? Ist nicht eigentlich unser Übermaß an Teilgabe an unserem Leben, die dank Internet schier unbegrenzt möglich ist, krank und gestört? Dieser Ausschüttungszwang unserer Gedanken in diese Welt. Andererseits: Würden wir sie nicht ausschütten, auskotzen, wären sie ja ständig in uns drin und würden in uns gären und faulen und uns auffressen und krank machen undundund. Und darum schütten wir uns aus. Dann können die anderen schauen, was sie damit machen sollen (Sorry, ich wiederhole mich thematisch …)

+++ Schnitt +++

Erwacht bin ich heute Morgen, es war 5:55, mit dem Gedanken, den Gedanken festzuhalten, den ich soeben, erwachend, gedacht hatte. Diesen Gedanken hier: Warum wollen wir eigentlich alles immer gleich festhalten, aufschreiben oder gar publizieren? Warum halten wir alle unsere Gedanken, seien sie noch so banal, für aufschreibenswert?

Ich hatte es notiert, natürlich, weil es ja so ein wichtiger Gedanke ist, und ich wusste auch, dass ich darüber bloggen würde. Warum auch immer.

Woher, verdammt, woher kommt diese Teilenmüssen-Sucht, dieses Seht-her-was-ich-esse-trinke-denke-tue-Getue?

Und wie ist das eigentlich bei Nicht-Bloggenden, Nicht-Twitternden, Nicht-Facebookenden, Nicht-Elloenden oder sonstwie Sich-nicht-in-den (a)sozialen-Medien-Tummelnden?

Mal ausgenommen von jenen, die tatsächlich kaum das Bedürfnis haben, sich auszudrücken und auszutauschen, vermute ich, dass all die nichtangeleinten, nicht onlinen Menschen einfach andere Mittel und Wege suchten, fanden, suchen und finden. Nachbarn zutexten zum Beispiel. Leserbriefe an die Zeitungen schreiben. Im Dorfladen tratschen. Die Familie volllabern oder den Arzt und die Apothekerin. Am Stammtisch, am Arbeitsplatz …

Oh, ich gehe zu weit? Soziale Kontakte sind doch etwas ganz wichtiges und ganz wunderbares. Ja, klar.

Aber.

Dieses Übermaß an Selbstausdruck … nein, ich verstehe es nicht wirklich. Nicht bei mir, nicht bei anderen. Und tue es doch, drücke mich ständig irgendwo irgendwie aus; und ich muss gestehen, dass ich bisweilen diese menschlichen Tendenzen mit Argwohn – um nicht zu sagen mit Ekel – betrachte. An mir vor allem. Und ja, auch an anderen.

Zwischen Menschen

Im Zeitalter abgelutschter und inflationär missbrauchter Begriffe wie Liebe und Freundschaft denke ich oft darüber nach, was sich wie verändert hat und warum; und was eigentlich hinter diesen Begriffen und ihren schon fast beliebig gewordenen Interpretationsansätzen für mich steckt.

Freundschaft nennen wir unsere Beziehungen heute ziemlich schnell. Freundschaft zu sich selbst, ja, das finde ich gut; da gibt es aber auch die Freundschaft zu Büchern, zum Handy, zum Auto, zu Serienhelden, zu Stars und Sternchen … Nun ja, da reicht mir das Wort ‚mögen‘. Doch wenn ich das Wort Freundschaft in den Mund nehme, denke ich sofort an Menschen. An einige meiner Lieblingsmenschen. Den Liebsten, der auch bester Freund ist, an Freundinnen und Freunde …

Bevor ich Freundinnen hatte, haben wir alle, die Kinder unserer Straße, mehr Buben als Mädchen, einfach zusammen gespielt und uns über so Dinge wie Freundschaft keine Gedanken gemacht. Wir waren im Wald, wir waren im Garten, in den Feldern streunten wir herum, wir waren Indianer, Cowboys, Polizisten und Räuber und wir waren vor allem eins: Menschen mit dem Bedürfnis zusammen zu lachen. In den ersten Schuljahren waren sich die meisten Mädchen zu gut für mich, zumal ich in der Pause lieber auf den Baum auf dem Schulhaus kletterte als seilzuspringen. [Noch war ich kaum domestiziert, noch war ich halbwild.]

Mag sein, dass ich mir Freundschaft darum schon damals als etwas Großes, als etwas Großartiges vorgestellt habe, größer als jeder Pausenplatz. Größer jedenfalls als dieses Smalltalk-Ding, das ich damals mit meinen  Kameradinnen erlebte.

Vertrauen ist der erste Begriff, den ich mit Freundschaft assoziiere. Sich etwas anvertrauen, was nicht alle wissen sollen. Ja, ich will dir vertrauen und ich will, dass du mir genauso vertraust. Dass du mir nicht nur Schönes erzählst, dass du mir nicht nur deine Schokoladeseiten zeigst, sondern dass du dich mir öffnest und mir deine Abgründe zumutest. Auf dass auch ich dir von den Dellen in meinem Leben erzählen kann, dir meine Bitter- und Hässlichkeiten, meine Höllen, zumuten kann. Und so vertrauen wir gemeinsam darauf, dass keine von uns beiden unser Wissen, Fühlen und Ahnen, das wir einander geschenkt haben, missbraucht. Loyalität, ja, sie ist ebenfalls Teil meines Verständnisses von Vertrauen. [Doch keine Angst, ich will nicht die einzige Freundin und Vertraute sein, die du hast. Das würde mich überfordern, und nein, du bist auch nicht die einzige Freundin und Vertraute, die ich habe. Mit Freundin X. teile ich andere Erfahrungen und Gedanken als mit dir, und mit Freund Y. nochmals anderes. So wie wir alle viele sind und viele Seiten in uns tragen, so teilen wir diese Vielfalt auch mit unterschiedlichen Menschen auf unterschiedliche Weise.]

Wahrhaftigkeit ist ein weiterer Begriff, den ich mit Freundschaft verbinde. Vielleicht kommt wahrhaftig zu sein gar noch vor Vertrauen, denn es ist für mich die Voraussetzung desselben, wenn denn eine Freundschaft wirklich diesen Namen verdient. So, wie ich mich dir ungekünstelt und unverstellt zumute, erlöst vom Wunsch, dich beeindrucken oder dir gefallen zu wollen, so wahrhaftig – und damit auch bereit, von dir verletzt zu werden –, so echt, so authentisch wünsche ich mir auch dich. Denn nur wenn wir beide uns einander offen und unverstellt zumuten und anvertrauen, kann etwas zwischen uns wachsen, das ich Freundschaft nenne.

Auf alles andere verzichte ich gerne. Alles andere ist Treten an Ort. Alles andere ist Smalltalk, Kleingeschwätz. Alles andere ist Zeitverschwendung. Ich mag meine kostbare Lebenszeit nicht mehr auf Menschen verschwenden, die mir nicht mit gleicher Offenheit, wie ich sie ihnen entgegenbringe, begegnen. Die sich unter und hinter Floskeln verstecken, die mir nur ihre Fassade zeigen und diese immer schön auf Hochglanz polieren. Nur weil wir damals Freunde waren, müssen wir heute nicht zwingend und noch immer Freunde sein. Nur weil wir vieles zusammen erlebt haben, müssen wir nicht auf Gedeih und Verderb einander geschönte Rapporte dessen liefern, was uns das Leben so antut. Wenn ich anmerke, dass ich deine Hochglanzwelt und dein So-tun-als-ob nicht glauben kann, weil sie mir nicht wahrhaftig genug ist, und du entgegnest, dass du mich nicht verletzen wolltest, schlucke ich leer. Sehr leer.

Kritikfähigkeit und -bereitschaft gehören für mich ebenfalls und unbedingt in eine Freundschaft. Ja, ich will dich verstehen, aber ich will dass du das auch tust. Versuchen wir es zumindest. Klar will ich, dass du mir sagst, wenn du findest, dass ich auf dem Holzweg bin oder etwas das ich tue, nicht toll findest. Aber bitte nicht pauschal, sondern differenziert und begründet. Ich will mich mit dir nämlich auseinandersetzen, ich will dich sehen, ich will dein Herz sehen, nicht die Glasur, die hochglänzende Fassade. Und ich will auch nicht dein Bad samt dem Kind-in-dir auskippen. Und darum erwarte ich das alles auch von dir.

Ich hoffe, dass wir einander – wenn du es brauchst, wenn ich es brauche – Stützen sind. Dass wir einander helfen. Dass wir – selbst wenn wir nicht immer alles toll finden, was der oder die andere tut – wohlwollend miteinander sprechen können. Oder aber dass wir unser Gespräch für immer beenden.

Ein paar Erwartungen hab ich offenbar doch an eine Freundin, an einen Freund. Die Sache mit der bedingungslosen Liebe ist so bedingungslos wohl doch nicht. Bedingt denn Liebe nicht immer ein Gegenüber? Ob nun zwischen Freunden, als Paar oder auch als Elternteil oder Kind: Liebe setzt eine Verbindung voraus und bedingt, dass wir einander Zugewandte sind. Meint, dass wir diese Liebe, die den Boden unserer Freundschaft ausmacht, mit wahrhaftigen Begegnungen nähren. Mit wahrhaftigem Sein. Mit einem Blick ins Herz. Diese Bedingungen brauche ich. Sonst verdorrt eine Freundschaft. Dann sag ich lieber ‚Lebewohl!‘ und ‚Machs gut!‘ und ‚Danke für alles!‘

Was ich noch sagen wollte und schon mal gesagt habe – reblogged

Ich mag das, Mösiö Glumm! Und drum reblogge ich es hier. Danke.

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„Ich mag es, wenn sie mir spätabends einen Kuss gibt und viel Spaß beim Träumen wünscht, ‚oder was auch immer du da treibst, wenn du gleich die Augen geschlossen hast.‘ 

Ich mag Popsongs, die sich voranschleppen wie ein Tag, an dem man es schwer hat, und am Abend ist die Sache ausgestanden. 

Ich mag es, […]“

Weiterlesen: https://glumm.wordpress.com/2016/05/13/was-ich-noch-sagen-wollte-und-schon-mal-gesagt-habe/

Immer mehr von immer weniger

Immer wieder gelange ich an Orte in mir drin, an denen ich das Bedürfnis habe, nichts teilen zu müssen/sollen/wollen. An denen ich nicht mehr das Bedürfnis habe, etwas teilen zu müssen/sollen/wollen. Nicht Dinge, keine Angst, ich schreibe von Gedanken, Erfahrungen, Innenansichten.

Aber so ganz stimmt es so auch wieder nicht, denn wenn ich in mir an diesen Orten bin, twittere, elloe oder instagrame ich dafür zuweilen mehr als sonst. Irgendwo ein Ventil nach außen brauche ich dann wohl doch. Aber vielleicht sind es von solchen Orten aus weniger die komplexen Gedanken, die nach außen wollen, eher so die Spitzen derselben, getarnt oder verpackt in einem Bild, einem kleinen Satz, in einer Flapsigkeit womöglich sogar.

Zu anderen Zeiten und an anderen Innendrin-Orten sind es komplexe Gedanken, sind es Geschichten, sind es Ärgernisse, sind es Alltagsfreuden, die ich nach außen tragen will/muss/soll.

Das Ventil. Ich nannte es hier neulich auch die Erlösung(en). Denn das ist es ja. Überdruck. Ein Zuviel im Innen, das nach außen schwappen will, damit ich nicht platzen muss. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass es anderen ähnlich geht und wir alle tagtäglich unser Zuviel, unsere Eindrücke, unsere Erlebnisse, unsere Erfahrungen ausspucken, Verzeihung ausdrücken wollen, müssen, können, wird mir manchmal ganz schwindlig. Es ist so viel. Alles. Zu viel. Ich nehme das Viele zuweilen auf, verarbeite es in mir drin weiter, doch dann ist ja wieder noch mehr in mir drin, was raus will.

Und so weiter und so fort.

Ein Kreislauf, den ich manchmal genial und manchmal total krank finde. Nicht, dass das früher total anders gewesen wäre, als wir Menschen noch nicht alle diese Möglichkeiten gehabt hatten, uns auf so vielen unterschiedlichen Kanälen auszukotzen, nur glaube ich, dass sich an unserer Haltung etwas geändert hat. Wir leben mit Selbstverständlichkeiten, die wir nicht mehr grundsätzlich in Frage stellen. Warum auch. Da wir die Möglichkeiten haben, nutzen wir sie auch. Angebot und Nachfrage.

Heute, als ich am Vormittag im Büro schuftete, kam der Chef kurz vorbei, um vor dem langen Wochenende noch ein paar Sachen zu klären. Als wir die geschäftlichen Dinge besprochen hatten, erzählte er noch kurz von seiner gestrigen Autopanne und sprang von dort auf das heutige Einkaufs- und Konsumverhalten.

In zehn Jahren, oder vielleicht schon viel früher, sagte er, wird es in den Läden keine Kassiererinnen mehr geben. Da werden wir unsere Einkäufe selbst scannen müssen, wir werden übers Handy bezahlen und die ganze Verantwortung liegt bei uns. Wir müssen dann sogar, obwohl die Geschäfte ja unser Geld wollen, noch selbst den Bezahlvorgang abwickeln, für die da arbeiten. Findest du das nicht auch ziemlich schräg?

Nun ja, du kannst gerne in einen teureren Laden gehen, wo du bedient wirst und mit dem Preis auch die Dienstleistung mitzahlst. Aber solange du dich für das Immer-billiger entscheidest, musst du eben auf die Dienstleistungen und auf die Menschen, die diese erbringen, verzichten. Wir können nicht Immer-billiger haben ohne den einen oder anderen Abstrich zu machen. Das ist es, was ich zuweilen total schräg finde an unserer Haltung als Konsumierende: Wir wollen für immer weniger Geld immer mehr geboten bekommen.

Es geht, denke ich jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, schlussendlich immer auf Kosten von jemandem. Wenn ich wählen kann, dann doch lieber auf Kosten von uns Wohlstandsverwöhnten als auf Kosten von BilligarbeiterInnen.

Das ist zum Beispiel so ein Ort in mir drin: Die Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten, von Ungleichgewichten. Ein Ort, an dem ich mich nicht gerne aufhalten, weil er mich verstört, weil ich mich darin hilflos fühle. Und dann, ich gestehe es, erlaube ich mir, die Türe zu diesem Ort hin und wieder zu schließen, mich an andere Orte mit einer weniger schmerzhaften Umgebung, zu begeben. Über Ungerechtigkeiten habe ich schon so viel geschrieben, geweint, nachgedacht, getrauert, dass ich es bisweilen für überflüssig halte, noch mehr darüber zu schreiben. Bringt ja eh nichts. Andererseits: Wenn wir sie nicht benennen, werden sich die Dinge auch nicht ändern.

Die Dinge nicht und auch die Gedanken einer Mehrheit von Menschen nicht, die nicht wirklich über Zusammenhänge nachdenkt. Und auch die Zusammenhänge werden sich nicht ändern. Es ist ja schon verflixt: Weil das eine das andere bedingt, auslöst, voraussetzt, können wir ja nicht einfach hingehen und es ändern. Denken wir.

Und ich frage mich, ob das wirklich stimmt. Was, wenn …

Und so frage ich mich jetzt, ob es etwas bringt, dass ich diese Gedanken hier veröffentliche. Klar, mir hilft das Schreiben beim Gedankenverdauen, beim Zur-Ruhe-kommen, doch muss ich sie deswegen veröffentlichen? Muss ich sie teilen? Muss ich Teil dieser Schaut-her-was-ich-denke sein? Will ich es? Brauche ich es?

Ist das da, was wir in den Blogs und sozialen Medien von uns geben nicht einfach Hirnwichserei? Und darum, nun ja, darum werde ich diesen Artikel nun doch veröffentlichen. Und weil es doch auf einen Text mehr oder weniger nicht ankommt. Ihr müsst ihn ja nicht lesen.

Diese Sehnucht nach Erlösung

Was genau ich geträumt habe, ist nicht relevant, zumal ich mich nicht mehr erinnere. Woran ich mich aber genau erinnere, ist, dass ich um Lösung, Erlösung, Auflösung herum geträumt habe.

Eine der Erinnerungsspuren zurück in die Traumhandlungsebene befasste sich mit Druckaufbau, mit Leistungsdruck, mit Pflichten, mit Erwachsensein vielleicht auch − doch möglicherweise kam diese Ebene erst dazu, als ich bereits in jener Phase kurz vor dem Aufwachen war, wo Träume es sich zuweilen anders überlegen und sich zurückziehen, um nicht die Schwelle zur materiellen Realität überschreiten zu müssen. (Ob sie den Schmerz ahnen, die Träume, der auf sie wartet, vielleicht, falls sie wahr, falls sie real würden? Und wäre es denn Schmerz?)

Was brauche ich? Was tut mir gut? Zwischen Notwendigkeiten und Luxus ist ein großer Graben. Was brauchen das Kind-in-mir wirklich? Und was brauche ich erwachsener Mensch? Was brauche ich wirklich um der Wirkung, der Wirksamkeit, der Wirklichkeit willen und um sie zu ertragen? Was erfüllt mich, was erlöst mich, was heilt und was nährt mich? Was wendet Situationen, die wie Sackgassen aussehen und mir Angst machen?

Sind es letztendlich weniger die Dinge an sich, Materie und Umfeld, als vielmehr die Bewegungen, die Handlungen, unsere Hingabe und Zuwendung, ein Blick, eine Berührung, die uns erlösen?

Wenn ich so um mich schaue (oder/und weil ich von mir auf sie schließe), dünkt mich das ganze Paket, das manche Freundinnen und Freude so mit sich herumtragen, verdammt groß und schwer. Unlösbar schwer?

Brauche ich, brauchen wir alle vielleicht deshalb im Alltag immer wieder unsere Erlösungen?
Ist das Leben nicht ein einziges Spannungsbogen aufbauen und Spannungsbogen abbauen?
Spannung
und Erlösung.
Hin zu mir,
weg von mir.
Ewiges Auf und Ab,
endliches Kreisen.

Ja, ich brauche Erlösungen. [Und ich vermute, dass sogar ein Mord eine Art Selbsterlösung sein kann, zuweilen, auch wenn das für mich keine Option ist. Außer vielleicht im Lesen von Krimis.]

Wie ich mich am liebsten erlösen lasse? Zum Beispiel durch eine wunderbare, mit dem Liebsten zusammen gekochte Mahlzeit. Durch den gemeinsamen Gaumengenuss. Oder − wie gesagt − von Geschichten anderer in Büchern und Filmen. Auf Wanderungen und Radtouren erlöst mich die Natur. Immer ist es wohl diese Hingabe an den Augenblick, ans Jetzt, die mich erlöst, zuweilen beinahe auflöst. Mich in mir. Wie im Orgasmus. Oder im Wasser, beim Duschen oder Schwimmen. Und im Fluss von Musik, von Stille und von Schlaf.

Ich ahne, dass die definitive Erlösung der Tod ist.

Gut gelandet

»… im Roman wäre der Flieger abgestürzt:-) Ne. Lief alles prima.« So twitterte Irgendlink heute Morgen auf Nachfragen, wie denn der Flug verlaufen sei.

Nun ja … vielleicht war es ja eine Schnapsidee, ihn mit dem Auto abzuholen. Zumal ich ja nicht so gerne an Orte fahre, die ich nicht kenne. Auch Orte mit verschiedenen Ein- und Ausfahrten, mit Parkhäusern und Ebenen, sind mir suspekt. Doch natürlich wollte ich den Liebsten gestern unbedingt abholen. Mit dem Zug wäre wohl einfacher gewesen. Denke ich im Nachhinein.

Nachdem ich auf Flightradar24 Irgendlinks Flugzeug bis über die französische Grenze beobachtet hatte, machte ich mich um 21 Uhr langsam auf den Weg zum Flughafen. Die Karten-App prognostizierte mir etwa vierzig Minuten Weg, die Landezeit wurde mit 22:03 angezeigt. Aussteigen, Gepäck abholen und so weiter dauert so zwischen zehn bis zwanzig Minuten. Spätestens um 22:15 wollte ich, so mein Plan, am Arrival stehen, wie in den Filmen, und dem Liebsten in die Arme fallen.

Schon bei der Abfahrt ging es los mit erschwerten Bedingungen. Statt, wie immer, zum Autobahnzubringer Richtung Zürich zu fahren, der doch einen ziemlichen Schlenker in die Gegenrichtung beinhaltete, entschied ich spontan über die Nachbarsdörfer zur übernächsten Autobahneinfahrt zu gelangen. Ich hatte, wie oft, wenn ich eine Strecke nicht so gut kenne, mein Handy als Navi eingeschaltet. Die beruhigende und wissende Stimme, die mich lotst, tut mir oft sehr gut. Diesmal jedoch machte sie mich nervös, denn da war eine Baustelle, die das Navi nicht kannte, eine Umleitung, und so wollte die Dame, dass ich Dinge tue, die ich gar nicht tun konnte. Wegen gesperrter Straßen.

Natürlich fand ich die Autobahn dann doch noch, das Navi ersetzt den gesunden Menschenverstand ja nicht. Und klar, dass es zwei verschiedene Routen zum Flughafen gibt, das weiß ich. Theoretisch. Kennen tat und tue ich bisher aber nur jene durch den Gubrist. Mein kluges Navi wusste, dass es dort einen Stau habe. So wollte es mich wohl, vor Zürich, umleiten, aber die Wegweiser ‚Zürich City‘ wollte ich partout nicht nehmen, weil, so mitten durch die Stadt, auch wenn es nur Transit gewesen wäre, ne, dazu hatte ich wirklich keine Lust. So folgte ich brav den ‚Flughafen‘-Schildern und hoffte, dass der Stau, wenn ich erstmal dort sein würde, wo er gewesen wäre, sich längst aufgelöst haben würde.

Konjunktiv, du alter Mann, zieh mal lange Hosen an.

Hatte er aber nicht, der Stau, weder lange Hose noch sich aufgelöst, und darum tat er, was er am besten konnte: Uns ausbremsen. Mitten im Tunnel. Nicht lustig das.

Etwa eine Viertelstunde später löste er sich allmählich auf und ich schaffte es auf kurz nach 22 Uhr vor den Flughafen. Vor lauter Nervosität und Vorfreude hatte ich nämlich die Sache mit den Parkhäusern nicht so richtig begriffen, den Abzweig verpasst und parkte nun, vorerst, mal auf den ‚Fünf Minuten gratis‘-Parkplätzen vor den Ankunftshallen. Das Ticket, das ich an der Schranke gezogen hatte, legte ich auf das Armaturenbrett. Ich lief in die Halle und sah auf der Ankunftsanzeige, dass Irgendlinks Flugzeug soeben gelandet war. Ob ich wohl eine Viertelstunde auf dem Fünf Minuten-Parkplatz stehen konnte? Wie wollten die das überhaupt kontrollieren? Ich ging wieder zum Auto, rollte ein bisschen näher zur richtigen Türe und wartete, mal drinnen, mal draußen, mal in der Halle. Schließlich fragte ich einen freundlich aussehenden Ordnungshüter, wie lange ich hier maximal warten dürfe. Er sagte, dass ich solange warten könne, wie ich wolle, aber dass es dann ziemlich teuer werden könne. Eine Minute koste einen Franken. Das hier seien wohl die teuersten Parkplätze der Schweiz. Ich schluckte schwer. Wo kann ich denn sonst hin?

Er erklärte mir, dass ich entweder aus der Schranke raus − inklusive vorheriges Nachzahlen natürlich − ins Parkhaus fahren oder aber die ganze Runde wiederholen könne, sooft ich wolle, denn dieser Fünf Minuten-Bereich sei als Runde angelegt. Ich könne rein und raus, sooft ich wolle. Ich beschloss, es war schon so zwanzig nach zehn und von Irgendlink hatte ich erst eine SMS bekommen, dass es noch dauern werde, erhalten, auf die Zähne zu beißen, die achtzehn Franken zu zahlen und ins Parkhaus 3, wie der nette Ordnungshüter mir empfohlen und wohin er mir den Weg erklärt hatte, zu fahren. Kaum dort, im Untergeschoß, rief Irgendlink an. Er sei vor der Ankunftshalle. Also genau dort, wo ich vor zwei oder drei Minuten meine horrende Nachzahlung geleistet hatte.

Jetzt fing das Verwirrspiel erst an, denn ich wusste vorerst nicht, wo ich war. Irgendwo auf dem Flughafen, klar, aber in einer für mich nicht nachvollziehbaren Distanz oder Nähe zu Irgendlink. Als ich endlich eine ‚Sie befinden sich hier‘-Tafel fand, wurde es ein bisschen einfacher. Oder noch komplizierter. Wir beschlossen, uns vor den Lifts auf meiner UG-Ebene zu treffen. Sein Lift konnte aber nur aufwärts, nicht abwärts. Seltsam. Dann konnten es nicht diese Aufzüge auf meiner Tafel sein, die rauf und runter konnten. Wieder telefonierten wir.

Ich schlug vor, dass er auf mich warten solle. Zumal er das ganze sperrige Gepäck − dazu das Rad kartonverpackt − zu schieben hatte. Und endlich begriff ich die traurige Wahrheit: Ich war in einem anderen Gebäude. Getrennt von ihm durch eine Straße. Eben jene, an der ich vor zehn oder fünfzehn Minuten gestanden hatte. Und als ich das endlich begriffen hatte, ja, da waren es wirklich nur noch ein paar Schritte. Zuerst wieder am netten Ordnungshüter vorbei über die Straße, dann durch die automatische Türe und schließlich in Irgendlinks offene Arme.

Hach.

Zurück, wieder am Ordnungshüter vorbei, diesmal Daumen-hoch- und Victory-Zeichen machend, in das Gebäude mit den Parkhallen galt es, meine Spur, die ich vorhin ziemlich wirr und im Zickzack gelaufen bin, wiederzufinden, denn die Brotkrümel hatten leider schon die Vögel weggepickt. Puh – war es hier? Bin ich so gekommen? Nein, hier war es. Ja. Und so fanden wir mein Auto wieder.

Das kartonverpackte Rad häuteten wir mit meinem Schweizermesser. Schlau, mein Liebster, wie er alles mit Haushaltfolie und Klebband umwickelt hatte, um es gut zu schützen. Schließlich lag alles am richtigen Ort und ich zahlte die auch hier, im Langzeitparking, nicht eben bescheidenen Gebühren. Irgendlink fuhr uns aus dem Flughafen-Areal heraus, immer Richtung Bern. Die Navi-Stimme befahl uns zwar auch diesmal wieder einen anderen Weg zu nehmen als durch den Gubrist, aber weil wir uns so viel zu erzählen hatten, ignorierten wir sie. Und landeten somit wieder im Stau. Diesmal war es aber egal. Und er war auch nicht ganz so lang. Und nicht im Tunnel. Und wir mussten schließlich heute nichts mehr. Wir hatten ja uns.

Gegen Mitternacht waren wir zuhause.

Happy End. It’s been a hard day’s night.

Und ja, es gibt echt bessere Gerüche als ungewaschene Europenner-Klamotten. Jetzt, gewaschen und sonnengetrocknet, riechen sie definitiv besser.

Pssst. Heute träumten wir von einer Blog-Reise-Radeltour zu zweit durch die USA … ich im Auto, er auf dem Radel. Und von tollen SponsorInnen träumen wir auch, die so etwas Verrücktes möglich machen.


+++ WICHTIGE INFO +++ WICHTIGE INFO +++

Das Flugzeug ist zum Glück nicht abgestürzt, dafür aber der Server, auf dem Irgendlink seine Blogs geführt hatte, das Irgendlink- und das Europenner-Blog sind quasi im digitalen Nirvana gelandet.

Vorläufig geht es hier weiter. Bitte klicken: https://irgendlink.wordpress.com/