Zufällig

Ob zufällig oder nicht, zurzeit stolpere ich über Bücher, die keine Krimis und weder belletristische noch hochgeistige Literatur sind, auch nicht klassische Biografien. Eher so Bücher, wie das, woran ich selbst arbeite. Bleuel_raushier Biografische Essays, Ausschnitte, Lebensabschnitte, Hinblicke, Einblicke. Das eine habe ich heute auf Onleihe entdeckt: Ich will raus hier. Nataly Bleuel beschreibt den Moment in ihrem Leben, als sich alles wendete und das, was danach kam. Diese Sehnsucht nach dem Leben, das sich vom Leben im Hamsterrad unterscheidet. ++++++++ Auch Milena Mosers neues Buch geht in eine sehr ähnliche Richtung. Sie schreibt in Das Glück sieht immer anders aus über ihre Reise durch die USA, in der sie sich von ihrer Erschöpfungsdepression oder was immer es war, erholt und sich selbst und ihrer inneren Stimme wieder gehorchen will. Bücher über Wandlungen mochte ich schon immer. bleuelraus Und ihr? Was braucht es, dass ein Buch, ein persönliches Buch euch berührt?

Freude teilen

In eigener Sache heute mal wieder …

Ich arbeite im Moment sehr viel, so viel, dass das Blog zurzeit ein bisschen pausiert. Ich arbeite an wunderbaren Dingen:

  • An einem Buchmanuskript, das sich täglich weiterentwickelt und mir beim Schreiben zwar viel abverlangt, aber auch sehr gut tut.
  • An einem Schreibworkshopangebot …
  • Im Büro …
  • An Aufträgen, die meine Selbständigkeit ans Ufer gespült hat …
  • An einer neuen Webseite – zusammen mit Jürgen Rinck, die euch die lebenswertvollen Seiten des Lebens näher bringen will … bitte → hier klicken!
    Wir freuen uns sehr über und auf eure Besuche!

Und ja, es geht mir gut dabei, auch wenn einiges aus Zeitgründen auf der Strecke bleibt. Aber auch damit muss ich leben lernen.

In einem Zug zu lesen #2 – Druckstaueffekt von Sabine Wirsching

Selten hat mich ein Buch so überrascht, positiv überrascht.

DruckstaueffektcoverIch gestehe, dass ich – trotz der tollen Lesung letzten Herbst in Hamburg – ein klein bisschen Bammel vor diesem Buch hatte. Was kann man schon über die promiskuitive Liebe schreiben, dass nicht irgendwie wiedergekaut, trivial oder platt daherkommt. Und dann das!

Ein literarisch anspruchsvolles Buch, das dazu meinen haptischen und ästhetischen Ansprüchen, die ich bisweilen an ein Buch habe, gerecht wird. Das meine Augen und meine Hände verwöhnt. Außen und innen ist das Buch wie aus einem Guss.

Lesen!

Ein paar weitere inhaltliche Impressionen gibt es hier → klicken
und hier → klicken
und hier ebenfalls → klicken

Danke, Sabine, dass du dieses Buch geschrieben hast. Auch wenn ich nicht in Berlin lebe, gibt es doch ein paar ähnliche Erfahrungen in meinem Leben. Und ein paar ähnliche Erkenntnisse. Mehr verrate ich hier aber nicht.

Worum es geht?

Na, um die Suche. Nach der Liebe im allgemeinen, und jener zu sich selbst im speziellen. Aber das hört sich leichter an, als es ist.

Lesen! (Oh, ich wiederhole mich …)

DefinitionDruckstaueffekt

In einem Zug zu lesen #1 – Wiederholte Verdächtigungen von Jutta Reichelt

(M)eine neue Buchbesprechung gibt es hier → klicken!

KLM_151_LAY_Reichelt.inddEine weitere Besprechung des Buches gibt es auch bei Sätze und Schätze, wo ich das Bild geklaut habe. Dort habe ich auch das nachfolgende Zitat ausgeliehen, denn ich musste über die gleiche Stelle im Buch schmunzeln:

Wer bereits den Blog von Jutta Reichelt kennt, wird das eine oder andere déjà vu-Erlebnis haben – schmunzeln musste ich, als Katharina ihrer Nachbarin, der psychologischen Psychotherapeutin, die selbst einen Krimi schreiben will, einen Schreibratgeber ausleihen möchte.

Ein Buch, das ich sehr und herzlich empfehlen kann.

Einen Hörbeitrag dazu, gelesen von Emil auf Radio Corax, gibt es → hier.

Lärm

Immer. Lärm. Immer. Überall.
Nicht nur für die Ohren, für die Augen ebenso:
Ablenkung. Immer. Überall.

Außen.
Innen?

Der Stille lauschen. Jetzt.

Keine Zeit!?

Ist es unsere Angst vor ihr,
die so viel größer und mächtiger ist als jeder Lärm?

Denn mächtiger und weiser als jeder Spiegel ist sie.

Was würde sie uns verraten?
Welche Geheimisse kennt sie?

+++

EDIT: Emils virtuelle Antwort gibt es hier (klicken).

Danke von Herzen!

Ein- und Ausfälle

Wenn ich hier – auf dem einsamen Gehöft – bin, beim Liebsten, falle ich zuweilen aus der Zeit. Als wäre ich ein Gerät in Service, das gewartet wird. Nichts tun, was Energie braucht. Einfach nur Pause. Und auftanken.

Ich habe mich erholt die letzten Tage. Erholt von meinem seltsamen Fieberschub, der mich an den Borreliose-Schub von vor fünf Jahren erinnert. Bin wohl ein bisschen hypochondrisch unterwegs zurzeit.

Für Geistreiches bin ich zu Dada, zu fatalistisch, und so lasse ich die Dinge geschehen. Das können sie auch ohne mich. Manchmal sogar besser.

Am liebsten zeichne ich zurzeit. Auf meinem Tablet, das ich mir neulich geschenkt habe.

Malwiedergemalt

+++

die fünf

Und dann träume ich auf einmal ganz fest von den Sommerferien in Schweden. Vom See und vom Ruderboot. Und von den Schäreninseln, auf die ich mich fähren lassen will.

Und wie froh ich darüber bin, dass ich farbig träumen kann.

Leere und so.

Inspiriert von Ulli, die gestern über die Leerheit bloggte, habe ich mich auf die Findung nach einem uralten Text gemacht. Geschrieben vor siebzehn Jahren, in Zürich. In einem anderen Leben.

Hier ist er.

+++

jetzt

hier fülle
da leere
beschenkt erfüllt vollgestopft überhäuft
ausgesogen beraubt befreit ausgeleert
negativ
positiv
bewerten
gegen teil
mitte
gleich gewicht
gerechtigkeit
extreme
kontraste
das eine nicht existent
ohne das andere
die summe aller zahlen ist null
ist alles ist nichts
illusion
nur das jetzt ist wirk lich
was war: illusion
was sein wird: erinnerung
hoffnung
gegenwart der punkt auf meiner unendlichen
gerade
der kreuzpunkt
aller unendlichen geraden ist jetzt
jeder punkt ein kreuzpunkt jeden lebens
unendlich
unfassbar
nur das jetzt ist wirk lich
jetzt be wirke
ich
mein leben
bringe es in die mitte
meine mitte
die universelle mitte
da ist liebe zu
mir
dir
allem sein
der punkt
die quelle
die mitte
keine illusion
wirk lich keit
die liebe
dort
nein
hier
bin
ich

4/98

Brücken finden

Gestern in der Schule, ich musste, obwohl es Samstag war, arbeiten, stellten unsere Musiklehrpersonen ihre Instrumente vor, die an unserer Schule unterrichtet werden. Vor allem Eltern mit Kindern waren unserer Einladung gefolgt, doch es kamen auch Menschen ohne Kinder. Alle schauten sie sich um und probierten in den verschiedenen Schulzimmern die Instrumente aus. Ich war zwar meistens am Tresen und schenkte Kaffee ein und aus, sagte den Leuten, wo sie was finden können und beantwortete Fragen, doch zwischendurch machte ich eine Photografierrunde für die Webseite. Dabei packte ich die Gelegenheit beim Schopf und probierte selbst das eine oder andere Instrument aus. Nein, falsch. Nicht das eine oder andere, sondern genau diese drei: Violine und Cello. Und Oboe. Die ersten beiden, weil ich als Kind immer davon geträumt hatte, Geige spielen zu können. Eine Schulkameradin war eine begnadete Violinistin und bezauberte uns, als Klasse, einmal mit ihrem herrlichen Vortrag. Genau so spielen, so virtuos und leidenschaftlich, ja, das wünschte ich mir – damals wie heute. Klavier war mein zweites Wunschinstrument gewesen, doch dafür – ebenso für Violine – hätte das Geld nie gereicht. Beim Klavier dazu auch der Platz nicht. Zwar bin ich in einem Einfamilienhaus groß geworden, doch die einzelnen Zimmer wären alle nicht groß genug gewesen für ein Klavier.

Violine also. Die Musiklehrerin nötigte mir liebevoll eine Violine auf, damit ich meinem Kindertraum endlich ein klein wenig näher kommen könne. Ich gehorchte gerne, wenn auch vorsichtig. Mit dem Bogen über die Saiten streichend erschrak ich zuerst über den hässlichen Ton, der dabei entstand. Ich hielt den Bogen noch zu zaghaft, strich noch mit zu wenig Druck über die Saiten, traute mir noch nicht zu, zu tönen. Doch als die Lehrerin meine Hand führte, klang es auf einmal schon sehr schön. Sie ließ mich den richtigen Druck spüren, erleben, kennenlernen. Ein echt tolles Gefühl war das, als nun wohltuende Töne in mein linkes Ohr flossen. Ja, Fließen ist das richtige Wort, das die Farbe, das Gefühl und die Bewegung dieser Töne beschreibt. Ich stellte bald fest, dass ich von der Körperhaltung her wohl eher nicht so die Violinespielerin sein würde, denn bald hatte ich den Krampf im linken Arm. Mein linkes Ohr, das Tinnitus-Ohr, war auch ein bisschen überfordert und sirrte gleich ein bisschen lauter als sonst vor sich hin.

Weil im gleichen Schulzimmer auch die Cellolehrerin untergebracht und ich nun ein klein bisschen mutiger geworden war – und ja nichts zu verlieren hatte –, wagte ich mich nun auch an dieses Instrument. Ich war begeistert, denn – vom Klang, von der Handhabung und vom Spielgefühl her – gefiel mir das Cello noch viel besser als mein Kindertrauminstrument Geige. Nun ja, spielen lernen könnte ich wohl auch Cello nicht wirklich, da ich meinem Musikgehör das nicht so recht zutraue. Wie wenig es nämlich braucht, um von einem Ton zum nächsten zu gelangen, stellte ich sehr bald fest, als ich auf den Saiten mit meinen Fingern die verschiedenen Töne zu finden versuchte. Mein zu wenig gutes Musikgehör war damals ja auch einer meiner Gründe, dass ich den Wunsch, Geige spielen zu lernen, aufgegeben hatte. Die Sicherheit, die Tasten, Klappen und Löcher, wie sie Klaviere und Blasinstrumente zur Definition von Tönen haben, geben, ist da schon eher meins. Auch die Bünde, wie bei der Gitarre, die ich ein bisschen klimpern kann, sind mir lieb. Die Freiheit eines Cellostegs würde mich überfordern. Vermutlich. Noch zumindest.

Später, zurück am Tresen, fragte ich ein kleines Mädchen, es war vielleicht sechs Jahre alt, welches Instrument es denn am liebsten spielen möchte. Es zögerte keine Sekunde und sagte: Klavier. Aber, dass ich es schon kann.

Seine Mutter und ich lächelten über diesen weisen Satz, in welchem wir uns selbst erkannten. Die Mutter selbst will Gesangsstunden nehmen, sich ihren alten Kindheitswunsch erfüllen. Gut so. Und ich, ich werde eine Probestunde auf der Oboe nehmen. Einfach mal schauen, wie das zu mir passt. Und weil mir der Gedanken, etwas angefangenes, obwohl es damals ja die Flöte gewesen ist, weiterzubringen, gefällt mir. Etwas zu lernen, etwas neues zu lernen, es weiterzuentwickeln, meine Grenzen auszuweiten – ja, das reizt mich. Und eben: zu üben; einen Weg zu gehen; mich auf einen Prozess einzulassen. Schülerin zu sein.

Den Weg des Übens scheuen wir ja oft. Wir wollen etwas, das uns gefällt, schon können, wie es das kleine Mädchen so wahr gesagt hat. Etwas nicht gut zu können, war wir gut können wollen, ist uns peinlich. Da kommen wieder diese alten Schamgefühle aus der Schule hoch, die die meisten von uns bestimmt auf die eine oder andere Weise kennen.

Rückschläge gehören zum Lernen dazu, ja, klar, das wissen wir, aber wir mögen sie trotzdem nicht. Und natürlich gibt es Talent. Wir haben Begabungen, wir haben Begabungen erworben, entwickelt, per Geburt vielleicht  mitbekommen. Dennoch lernen wir immer auch ein Handwerk, wenn wir eine Kunst erlernen. Und das heißt eben auch üben. Ob nun beim Spielen eines Instrumentes, beim Schreiben, beim Malen, beim Bauen von Mauern, beim Schneiden von Bäumen, beim Pflegen alter Menschen, beim Unterrichten von Kindern, beim Mehren von PC-Wissen: immer ist lernen üben. Fehler machen und scheitern inklusive. Weitergehen.

Vielleicht mag ich meine neue Arbeitsstelle deshalb so gerne, weil ich hier etwas aus meiner Kindheit wiederfinde? Diese Freude am Lernen nämlich. Unsere Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, sich mit Musik ausdrücken zu lernen. Wir geben ihnen die Möglichkeit, ein Werkzeug kennenzulernen, mit dem sie sich ausdrücken können.

Die Möglichkeit, uns mit jenem Medium, das uns entspricht, auszudrücken, ist etwas vom heilsamsten, was es für uns Menschen gibt. Wir können uns so, beim Anwenden unseres Mittels, nahe kommen, nahe sein. Auch schon, während wir unser Medium kennen und anwenden lernen. Wir ermöglichen uns so ein zufriedeneres Leben als ohne dieses Medium.

Sinn im Leben finden heißt womöglich also auch, mein Medium zu finden, meine Brücke, meinen Schlüssel, der mir hilft, das Leben aufzunehmen, zu verstehen versuchen und es auf meine Weise auszudrücken?

Werden und vergehen

Tulpendasein
Tulpendasein

Ein Kehrreim meines Lebens ist das Nachdenken über unseren Platz in dieser Welt. Der Wunsch, der mich dabei durchdringt, ist, dass jede und jeder da sein sollte, wo sie oder er am besten gedeihen kann. Mensch, Tier, Pflanze, Mineral … alles.

Zu wissen oder zumindest zu ahnen, wozu ich da bin – und dies dann auch zu sein, zu tun, zu leben – ist Teil der Basis eines zufriedenen Lebens.

Immer wieder dieses Ahnen in mir, dass es nicht keinen Sinn in allem gibt.

Das Ahnen aber auch, dass die Blüte der Tulpe nicht zur Erquickung menschlicher Augen stattfindet. Und ihr Zerfall auch nicht deshalb so schön ist, weil er uns würdevolles Loslassen lehren will. Und dass die Schönheit auch im Sterben wohnt. Wohnen kann.

Geheimnisse.

Vielleicht liegt eines dieser vielen Geheimnisse des Lebens ja in der Zwiebel verborgen, diesem Ding, das in der Erde überwintert – scheinbar tot. Jeden Frühling neu geboren werdend. Vielleicht kann ja die Zwiebel uns ein wenig mehr Geduld lehren, doch nicht dazu ist sie da.

Nicht sind die Dinge, die Pflanzen, die Steine, die Tiere, die Menschen dazu, das Dasein aller anderer Wesen und Dinge zu erklären – und dennoch ist da diese Verbindung in allem.

Und Erde, Luft, Wasser und Feuer, die alles erst ermöglichen. Vielleicht ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen des Lebens ja in der Vielfalt verborgen und in all den Möglichkeiten, in dieser Vielfalt miteinander zu sein – statt gegeneinander.

Mit- und nebeneinander. Inspiration.

Biene und Blüte lehren sie uns. Zeigen uns, wie teilen geht. Wie Hingabe ans Leben geht. Und wie Loslassen.

Tulpenalter
Tulpenalter

Während andere ihre verblühenden Blumen längst weggeworfen haben, lasse ich sie sehr oft sehr lange auf dem Tisch stehen. Nennt mich faul, nennt mich meinetwegen sogar nekrophil, aber ich mag es einfach. Ich mag das Welken. Und wie würdevoll Blumen Abschied nehmen. Wie sich ihre Schönheit offenbaren, indem sie sich ein letztes Mal ganz öffnen. Alles gebend. Alles loslassend.

Und dann träume ich immer mal wieder von einer neuen Alterskultur. Von einer Gesellschaft in der das Lebensalter keine Rolle mehr spielt. Ich träume von einer Gesellschaft in der Altersweisheit eine Gabe ist und in der Augen- und Stirnfalten sowie weiße Haare willkommen sind. Weil wir wissen, dass wir einander brauchen. Und weil wir wissen, dass wir voneinander lernen können. Von alten Menschen zum Beispiel Verantworung füreinander zu tragen. Auf dass diese Qualität niemals aussterbe.

richtig sterben | vorgelesen

Ich bin begeistert und berührt … und ja, ich fühle mich geehrt. Eben habe ich ein sehr großes Geschenk bekommen, das ich nicht für mich behalten kann.

In der letzten “Buchfink”-Sendung, einem Literatur zum Hören-Ohrenschmaus der feinen Art, die das freie Radio Corax allzweiwöchentlich ausstrahlt, hat Moderator und Mitblogger Emil meinen Blogartikel “richtig sterben?” vorgelesen.

Hier könnt ihr ihn und ihn hören.

Danke, lieber Emil, für deine wunderbare Lesung.