Langeweile oder die Angst vor der Stille

Gestern Nacht

Stille. Nur der Mond und ich. Und die Hitze der Sommernacht; ja, die auch.

Vollmond im August
Vollmond im August

Heute Mittag

Mir ist es zu heiß – hier sind es 32 Grad – und ich bin froh, dass es ab Dienstag wieder kühler wird. Noch nicht lange her, war mir Hitze egal. Paar Jahre machen den Unterschied. Persönlicher und globaler Klimawandel sozusagen. Aber keine Angst, darum geht es heute nicht. Nicht hier.

Wandel dennoch. Wandlung. Veränderung. Neubewertung. Andere Blickweisen. Dazu eine wachsende Sehnsucht nach Verlangsamung und Entschleunigung.

Zunehmend fehlt mir das Verständnis, wann immer ich da und dort Sätze lese wie “Da und da ist es langweilig!” oder “… schon bald machte sich Langeweile breit und ich ging”.

Wir halten es nur schwer aus, wenn nicht ständig etwas passiert. Wenn wir uns nicht ständig mit neuen Eindrücken füttern können. Ablenkung. Animation. Ja, klar, auch Inspiration suchen wir, und nein, ich will das alles auch gar nicht schlechtreden, aber …

“Ich kenne Leute, die nicht mehr fähig sind, kontemplativ in sich zu gehen, sich zu langweilen (das Wort wird noch aussterben), ein Buch zu lesen. Ich schaue um mich und sehe Leute, die ständig mit irgendwas (in der Regel mit ihrem Smartphone) beschäftigt sind. Vielleicht ist der letzte tiefe, zusammenhängende Gedanken für sehr viele Menschen schon sehr lange her.

Wir müssen uns dringend fragen, wie wir leben wollen, welche Ansprüche wir an uns selber haben und was zum Teufel ist eigentlich unser Selbstverständnis?”

Quelle: LARA PALARAs Philosophische Küche im Umbau

Was ist es, das uns so unruhig sein lässt? Mal abgesehen von all den digitalen Ablenkungsmaschinen, von denen ich auch ein paar beherberge.

Ist es die Angst vor dem Nichts? Vor der Stille?

Mögen wir einfach nicht gerne mit uns selbst allein sein und sind drum ständig darauf bedacht, etwas zu finden, das uns von uns selbst ablenkt? Fürchten wir uns gar vor uns selbst?

Angst?

Gestern, vor dem Einschlafen, hatte ich eine meiner Panikattacken, wie ich sie in unterschiedlicher Intensität schon seit vielen Jahren habe. Inzwischen habe ich gelernt, sie nicht mehr einfach nur zu fürchten, sondern immer mal wieder ihren Vorhang zu heben und dahinter zu schauen. Oft sind es bevorstehende Veränderungen oder konkrete, aber mir selbst im Moment unbewusste Verlustängste, die meinen Körper mit Angstgefühlen erschüttern und mir den Atem und den Schlaf rauben.

Der bevorstehende Flug Irgendlinks, überübermorgen Vormittag von Alta nach Oslo, am Nachmittag von Oslo nach Frankfurt macht mit nervös. Zumal ich weiß, dass Irgendlink nicht gerne fliegt und er auch noch nicht weiß, ob und wie der Fahrradversand klappen wird. Ist es seine Nervosität oder ist es meine, sie ich spüre? Hinter der Nervosität lauert die Angst, dass etwas geschieht. Flugzeugabstürze sind zum Glück selten, sage ich mir. Doch Ängste sind irrational, wie wir wissen, meine jedenfalls. Fast alle meine Ängste sind irrational. Und nur ganz wenige kann ich mit dem Verstand und mit Erklärungen weg-ixen.

Angst also. Angst in vielen kleinen Alltagsdingen, die wir tun und lassen. Angst vor der Langeweile, die uns doch schon schön mit der Weile verbinden könnte, mit der Ruhe, mit dem Sein. Aber da ist eben auch gleich die Angst vor dem Alleinsein zur Stelle. Und jene vor der Stille. Vor der Nähe zu sich selbst.

Angst ↔ Mut

Ich füttere meine Ängste neuerdings mit Mut. Ich versuche, mir in konkreten Angstmomenten mutige Alternativen vorzustellen, denke mir Gegengewichte aus, fühle Gegengewichte. Nein, das ist nicht einfach. Aber einen Versuch wert.

Respekt und so Sachen

Ich habe Respekt vor Menschen, die in größeren Zusammenhängen denken können. Frau Meike zum Beispiel. Diesen Artikel gestern, den ich auf Twitter verlinkt habe, müsste Pflichtlektüre sein.

Bitte lies ihn: Die Enden der Skala (hier klicken). Wie Übervölkerung Seximus auslösen kann und zu kurzes Denken und Fehlinformationen uns in eine Einbahnstraße führen, aus der es vielleicht kein Zurück mehr gibt.

Auf dem Weg zur Arbeit denke ich über diesen Text nach. Denke darüber nach, dass und wie wir Menschen uns vielleicht eines Tages selbst ausrotten. Weil es noch nicht mal mit dem Umdenken klappt, geschweige denn mit dem Umhandeln. Unser Körper, so sinniere ich unterwegs, unser aller gemeinsamer Körper ist die Erde. Oder unsere Mutterbrust. Aber so wie wir damit schindludern, nun ja … ihr wisst es selbst.

Tendenziell verliere ich ob all des Schrecklichen, das ich um mich herum und in der Welt wahrnehme, den Blick für das Gute, für die Details, für die Schönheit. Aber nein, das kann es auch nicht wirklich sein, denn das fördert ja meine Absicht, die Mitwelt zu einem besseren, lebenswertvolleren Ort zu machen, auch nicht.

Vollgepackt mit Post aus dem Kasten, öffne ich die Schulhaustüre. Ein paar Kinder sitzen an den Tischen im offenen Foyer und scherzen miteinander. Einige brüten über Heften, einige grüßen mich.

Respekt!, denke ich. Wie es der Welt geht, wie es unseren Mitmenschen geht, wie es mir selbst geht, hängt davon ab, wie viel Respekt ich-du-er-sie-es von den andern bekomme/bekommt und diesen entgegenzubringen fähig ist.

Doch wie bringt man einem Kind Respekt bei?, frage ich mich, während ich die Bürotür aufschließe. Manche haben ihn, manche nicht. Respekt kommt von Rücksicht und äußert sich darin, dass wir unsere Mitmenschen und unsere Mitwelt aufmerksam wahrnehmen und behandeln, freundlich mit allen umgehen, aufrichtig sind und aufmerksam sind auf deren Bedürfnisse und deren Belastungsgrenzen. Und dass wir uns unseres Handelns im Kontext mit unseren Mitmenschen und unserer Mitwelt, dass wir uns der Wechselwirkungen bewusst sind. Mit uns selbst mit drin, denn Respekt fängt bei mir an. Schließt mich ein. Ich bin Teil meiner Mitwelt.

Wechselwirkungen also, mich als Teil des Ganzen wahrnehmen, wissen. Das kann aber nur funktionieren, wenn alle mitmachen. Oder viele. Wenn viele in großen Zusammenhängen denken. Wenn viele Verantwortung übernehmen.

Demokratie gut und schön, aber nicht immer handelt die Mehrheit richtig. Nicht, wenn sie gleichgültig geworden ist, nicht, wenn sie verstummt ist und wegschaut. Nicht, wenn sie Affe spielt – Siehtnix, Hörtnix, Sagtnix.

Bevor ich ins Büro gefahren bin, war ich zuerst für eine Stunde im Chefbüro im Nachbarort – den Chef bei seiner Abschlussarbeit für die Weiterbildung coachen. Sein Büro ist auch in einer Schule, einer Grundschule. Wie ich vom Parkplatz zum Büro gehe, höre ich hinter mir die Stimme eines Mädchens, eine singende, eine glücklich singende Stimme. Ich drehe leicht den Kopf und sehe sie. Vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Mit dem Trottinett auf dem Weg zum Kindergarten. Selbstversunken. Eins mit sich und der ganzen Welt. Ich gestehe, dass ich sie um ihre Leichtigkeit beneidet habe. Und ich habe ihr ganz fest gewünscht, dass sie sich viel davon bewahren kann. Dass sie ihr Lied nie verliert, und nie die Lebensfreude. Aber dass sie Verantwortung übernimmt. Dass sie mitfühlt und mitdenkt. Und dass sie in Zusammenhängen denken lernt.

Human meint human. Eigentlich.

Es ist ja nicht so, dass es zu anderen Zeiten sehr viel anders wäre als jetzt. Nur halt anderswo. Weiter weg. Wo man besser wegschauen kann. Ich jedenfalls.

Und nun geht das grad überhaupt nicht mehr. Nicht bei mir. Und obwohl ich weiß, dass ich im Moment – hier wo ich bin – nicht viel ausrichten kann, außer Haltung zu zeigen, fühle ich mich schuldig. Nicht, weil ich Kriege angezettelt habe. Aber weil ich Teil dieser Gesellschaft bin. Schuldig? Oder nennen wir es wohl besser mitverantwortlich.

Ich sitze da und stelle mir vor, wie sich diese Familie wohl fühlt, von der gestern die Kaiserin (→ hier) gebloggt hat. Das Kleinkind, das körperlich behindert, mit den Eltern und seinem Geschwister auf der Flucht war. Wochenlang vielleicht. Wie sich das Kind fühlt, wie es denkt, was es denkt, was es sieht, wenn es morgens in diesem Moabiter Flüchtlingslager aufwacht. Was fühlt die Mutter? Was der Vater?

Es gelingt mir nicht, diese vielen flüchtenden Menschen als Masse zu sehen. Ich sehe Menschen. Einzelne Menschen. Viele einzelne Menschen, die genau so wie ich denken, fühlen, hungrig & durstig sind, bedürftig, müde, sich zurückziehen wollen …

Wenn dann andere Menschen in unserer Zeit und in unseren Ländern so tun, als hätten sie mit alledem nichts zu tun, kommt mir die Galle hoch.

Eine tolle Antwort auf einen solch ignoranten Kommentar hat hier Liisa geschrieben:
“Dass sich heute Clans um Ölquellen schlagen, viele Länder Dikatoren haben, etc. etc. sind in den allermeisten Fällen Folgen kolonialen Verhaltens von Europäern, das bis in die Jetztzeit – nur mit anderen Mitteln und heute (meist) nicht mehr so bezeichnet – fortgesetzt wird. Es sind die Folgen davon, dass wir (Europäer, Deutsche, US-Amerikaner, etc.) Waffen in diese Länder bzw. an Diktatoren verkauft haben, und uns daran Jahr für Jahr goldene Nasen verdienen.

Sie haben recht, dass die Vergangenheit, bzw. Teile davon nicht der einzige Grund sein sollte, warum wir Menschen in Not heute helfen, aber es ist einer von diversen Gründen. Weitere Gründe sind z.B. die Menschenrechte, die nicht nur für privilegierte Weiße/Reiche gelten, sondern für alle Menschen und dass man Menschen in höchster Not nicht die Tür vor der Nase zuschlägt.”
(Quelle: Kommentar von Liisa Charming Quark)

Schnitt.

Vor ein paar Tagen. Zwei Zwölfjährige haben sich geprügelt.  Einer ist auf den andern los. Hat ihn getreten. Tage später hat jener, der zugeschlagen und getreten hat, den andern um Verzeihung gebeten. Der andere hat ihm verziehen. Im echten Leben. In dieser Welt.

Allen Menschen Frieden – ja, das wünsche ich mir, seit ich denken und wünschen kann. Allen. JAWOHL, ALLEN! Auch wenn dieses verdammte ALLEN auch jene meint, die Kriege anzetteln.

Nein, es ist nicht so, dass es zu anderen Zeiten sehr viel anders wäre als jetzt. Leider nicht. Ich wünsche mir für mich, dass ich in mir endlich Frieden mit dieser Welt voller Kriegsherde machen kann. Nicht resigniere und verbittere, sondern bereit zu handeln. Dass ich meine Kraft nicht in die Empörung und das Entsetzen, nicht in die Hilflosigkeit und Verzweiflung stecke, wie ich es im Moment leider tue, sondern dass ich sie für Mitgefühl und Handeln-bei-Bedarf einsetzen kann.

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Das Schamding

Immer wieder staune ich, worüber Knausgård sich alles so schämt oder was ihm – für ihn selbst oder stellvertretend für Linda, seine Frau – alles so wahnsinnig peinlich ist. Da gibt es diese Stelle in seinem Buch LIEBEN, wo er mit seiner Frau und seiner Mutter in https://i2.wp.com/waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgeinem Restaurant eine ungenießbare Fischsuppe vorgesetzt bekommt. Alle drei versuchen es abwechselnd in der Küche mit einer schüchternen Reklamation, bekommen keinen Ersatz und verlassen schließlich, ohne gegessen aber bezahlt zu haben, das Lokal. Und ihm ist es total peinlich. Ob Scham kulturell verschieden ist, frage ich mich da nicht zum ersten Mal. Ich bin auf jeden Fall diesbezüglich unbarmherzig. Wenn ich etwas nicht essen kann, gebe ich es zurück, bezahle es nicht und es ist mir nicht peinlich. Wenn ich etwas zahle, dann muss es auch essbar sein.

Aber Scham ist mir natürlich nicht fremd. Ich erlebe Scham vor allem bei seelischen oder seelisch-körperlichen Unzulänglichkeiten, Dinge, die ich energiemäßig nicht schaffe, für die ich nicht stark genug bin. Zum Beispiel, dass ich so geräusch- und geruchsensibel bin, ja, dafür schäme ich mich manchmal. Dass ich mit Lärm und Gestank nicht wirklich locker umgehen, solche Dinge nicht einfach ignorieren kann. Weghören und wegriechen geht fast nie. Oder aber ich schäme mich für doofe Tippfehler. Ja, und für tollpatschige Missgeschicke im Alltag, bei der Arbeit, Vergesslichkeiten. Alles sehr menschliche Dinge im Grunde, die uns allen passieren, aber Dinge halt, in denen ich den hohen Ansprüchen an mich selbst nicht genüge. Die daraus entstehende Scham ist seltsam unfassbar, selten fassbar, benennbar. Und sie ist selten auf einen Menschen gerichtet, vor dem ich mich konkret schäme, noch nicht mal wirklich auf mich selbst. Eher auf die unfassbare, unbekannte Masse von Menschen, die mir eigentlich egal sein könnte.

Ja, auch Fremdschämen tue ich mich manchmal. Für mein Land vor allem in politischen Belangen. Für meinen Kanton (= Bundesland). Für mein Dorf auch. Zum Beispiel nach Abstimmungen, die unerwartet nach rechts kippten. Ja, solche kollektive, solidarische Scham kenne ich; ansonsten, persönlich, für andere, ist mir fremdschämen je länger je fremder geworden.

Schreibend denke ich über mögliche Zusammenhänge oder Auslöser zwischen Scham und Eitelkeit nach. Vielleicht hängen diese beiden Themen stärker zusammen als wir denken? Und was zum Teufel ist Eitelkeit eigentlich genau? Was will sie? Wem dient sie und wohin zielt sie?

Und was passiert eigentlich mit mir, wenn ich etwas getan habe, das mich beschämt? Herzklopfen, ein heißer Kopf, ein bisschen Wut auf mich selbst. Irgendwann später – hoffentlich, meistens und immer häufiger – ein Grinsen. Ein Ist-ja-nicht-soo-schlimm-Gedankenkuss als Selbsttrost. Denn, ganz ehrlich, da ist (in aller Regel) niemand, der meine schamhaften Momente auf einer schwarzen Liste festhalten oder mich nun verachten würde. Und selbst wenn? Was geht mich dieser Mensch an, der mich verurteilt, weil ich nicht unfehlbar bin? So what?

Dennoch triggert die Scham. Bloß da zu stehen, nackt, bloßgestellt – dieses Schamding weckt wohl in mir, in fast allen von uns, alten Schmerz aus der Kindheit. An der Wandtafel stehend, die physikalische Gleichung nicht lösen können, weil ich die Formel nicht mehr weiß, die ich auf dem Stuhl dort hinten noch wusste. Ich ahne, dass es solche Erlebnisse sind, aus der wir unsere Scham geformt haben. Die uns zu schamhaften Wesen gemacht haben. Mir imponiert diesbezüglich Lindas Mutter, um wieder zu Knaugårds Buch zurückzukommen.

Diese Szene mag ich, wo Knausgard über eine Silvesterfeier erzählt, im Laufe derer sich alle sechs Freunde, drei Paare, gegenseitig ihre schrecklichsten Kindheitserlebnissen erzählen und dabei rückhaltslos offen sind. Linda erzählt von ihrer Mutter. Die keine Scham kennt. Die aber gerade durch ihre schamlose Art, sich für sie, ihre Tochter, einzusetzen, Linda sehr oft in tiefste Verlegenheit gestürzt hatte. Wieder diese Scham, die wir als Kinder so ganz anders denn als Erwachsene wahrnehmen. Für Kinder ist Scham das Monster, das uns für immer und ewig verschlingt.

Ich stutze, dass die Offenheit dieser Runde offenbar eher ungewohnt und unerwartet ist, ein bisschen der Müdigkeit und dem Alkohol geschuldet wohl auch. Schade eigentlich, denn unter Freunden sollten wir uns doch trauen. Oder ist es wohl so, dass wir uns doch nicht so ganz trauen, uns andern zuzumuten?

Oh ja, da steckt Vertrauen und Mut im Satz. Und beides braucht es wohl, um das Schammonster zu überlisten.

Erwartungen erfüllen?

Erwartungen anderer an mich müssen nicht erfüllt werden, steht schon über drei Jahre mit abwischbarem Stift auf meinem Kühlschrank. Kaum mehr lesbar. Meine Erwartungen an mich will ich immer wieder neu überprüfen. Steht eigentlich auch da, doch kaum mehr lesbar. Die Sätze sind damit für mich nicht weniger wahr geworden, obwohl ich sie oft vergesse.

Wie oft tappe ich in die Falle zu glauben, die anderen hätten irgendwelche Ansprüche darauf, dass ich ihren Erwartungen an mich gerecht werden müsste. Erwartungen, wohlverstanden. Ich spreche hier nicht von Pflichten.

Mein Schreibprogramm, Libreoffice, schlägt Ahnungen, Glauben, Meinungen, Annahmen als Synonyme für Erwartungen vor und zeigt mir damit, was ich schon ahnte: Erwartungen siedeln im Bereich des Irrationalen und drücken manchmal ganz schön auf die Brust. Mich engen sie meistens ein.

https://i2.wp.com/waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgWie ich gestern, beim Lesen von Karl Ove Knausgårds Buch LIEBEN Seite um Seite über seine komplizierte Liebesbeziehung zu Linda las, musste ich immer wieder leer schlucken. Er erwartet von ihr, dass sie ihm Raum gibt. Sie erwartet von ihm, dass er ihr ganz nahe ist. Kann das gut gehen? Sie erwartet, dass er sie hält und unterstützt, da sie ihn doch so sehr braucht. Da sie doch immer wieder bipolaren Schwankungen ausgesetzt ist. Er erwartet, er hofft, dass sie ihn versteht. Sie hofft, dass er sie versteht. Ich leide, wenn ich das lese. Weil ich ähnliches in einer längst vergangenen Liebesbeziehung ebenfalls erlebt habe. Ich lebte damals sozusagen an Knausgårds Stelle und bin darum beim Lesen zuweilen richtig wütend auf Linda, die ihn so bedrängt. Aber da ich in meinem Leben ja ebenfalls schwere depressive Schübe hatte, kenne ich auch Lindas Verfassung. Diese Hoffnungs- und Perspektivelosigkeit, all diese Ängste, diese Panikschübe sind mir ebenfalls vertraut. Ich leide mit ihr. Ich leide mit ihm. Sehe keinen Ausweg für die beiden. Sie lieben sich und gehen doch zuweilen heftig aufeinander los. Ähnliches las ich heute auf Glumms Blog.

Erwartungen, wie ich sein sollte. Was ich tun sollte. Was ich denken sollte. Wozu ich in der Lage sein sollte. Was ich vermeiden sollte. Andere an mich. Ich an andere. Ich an mich.

Überall Erwartungen. Auch bei der Arbeit. Nein, dort sind es Erwartungen und Pflichten. Dass ich meine Arbeit gut mache, ist meine Pflicht. Aber dass ich immer wieder, wie er, über meine Kräftegrenzen gehe, ist keine Pflicht. Bestenfalls eine Erwartung meines Scheffs an mich. Trotzdem bin ich heute, weil das Fieber mich lahmlegte, nach Hause gegangen, nachdem ich alle an Termine gebundenen, heute notwendigen Aufgaben erledigt hatte. Lohnzahlungen auslösen – zum Beispiel – ist ja auch *hüstel* in meinem eigenen Interesse.

Erwartungen bewegen sich, wie gesagt, auf der irrationalen Ebene. Moralische Pflichten könnten wir sie möglicherweise auch nennen, denn zuweilen fühle ich mich von ihnen beinahe so in die Pflicht genommen wie von definierten, in Worten gefasste Pflichten.

Wie verhält sich Verpflichtung zu Solidarität − insbesondere in Freundschaften? Wo bleibe ich? Was kosten mein Nein und warum scheue ich diesen Preis zuweilen auf Kosten meiner eigenen körperlichen und seelischen Ressourcen? Was darf eine Freundschaft kosten? Dürfen andere/darf ich in einer Freundschaft überhaupt etwas erwarten, in einer Liebesbeziehung?

Gestern habe ich in meinem abendlichen Fieberdusel beim allabendlichen Telefongespräch mit Irgendlink, der schon bald am Nordkap ist, über Knausgård gesprochen. Habe dabei auf unsere Beziehung Bezug genommen. Was wäre wenn? Wie würde es uns gehen, wenn wir uns mit gegenseitigen Erwartungen beladen würden? Mache ich mir etwas vor, wenn ich glaube, keine Erwartungen an ihn zu haben? Kann ich überhaupt keine Erwartungen haben – an ihn, an mich, an andere Menschen, ans Leben?

Und wo, bitte schön, liebes Leben, ist die Grenze zwischen Vision und Erwartung?

Fiebrige Gedanken. Gedacht und geteilt. Gespannt, was sie mit euch, meinen Leserinnen und Lesern machen.

Das doppelte Rheinfelden

Kurz nach drei Uhr stehen Freundin E. und ich auf dem gleichen Bahnhof, wo ich sie vor knapp zwei Tagen abgeholt habe. Eine wunderbare Zeit mit nährenden Gesprächen und viel zu kurzen Nächten haben wir zu zweit zusammen verbracht. Mit schönen Spaziergängen, lecker Essen und Trinken. Die feine Flasche Wein.

Urban ArtWalk Brugg | © by Sofasophia
Ein großes Geschenk ist solche Offenheit. Mein Herz ist weit, weich, dankbar und tut ein bisschen weh, wenn ich an den nahen Abschied denke.

Nun fährt sie also gleich zurück, nach Hause, nordwärts. Doch warum steht auf dem Ticket nicht die gleiche Abfahrzeit wie auf der Bahnhofsanzeige? Vier Minuten Unterschied? Ein Fehler bei der Deutschen Bahn, die das Ticket ausgestellt hat? Also wirklich! Ich checke mit meiner Bahnapp, wann der Zug, den wir hier erwarten, in Basel ankommt. Auch diese Zeit stimmt nicht mit den Zeiten auf E.s Ticket überein. Seltsam das. Auf einmal, es ist schon ein paar Minuten später, begreife ich: Wir sind am falschen Bahnhof!

Rheinfelden Schweiz und Rheinfelden Deutschland sind nämlich wie Lotte und Luise, bekannt als das doppelte Lottchen. Erich Kästner lässt grüßen. Doppelte Grenzorte gibt’s noch mehr hier in der Gegend. Auch Laufenburg und Basel gibt es ja sozusagen zweimal. Und nun das!? Ich hätte es wissen müssen!

Genau jetzt fährt E.s Zug ab. Aber nicht hier, sondern drüben, auf der anderen Seite, im andern Ort, auf der anderen Seite des Rheins. Mist aber auch! Hätte ich doch! Hätten wir doch! Dass ich das nicht gemerkt habe? Dass ich nicht mal geguckt habe?! Ich ärgere mich furchtbar. Freundin E. ist nur ganz kurz konsterniert, dann sofort lösungsorientiert. Wo kann ich den Zug, oder dann den nächstbesten, denn erwischen?

Mit dem Zug, der bald kommt, könnte sie zwar nach Basel Schweiz fahren, aber sie hat ja keine gültige Fahrkarte und müsste dort eh umsteigen, den Bahnhof, das Land wechseln und so weiter …

Wir gehen zurück zum Auto. Ich bitte meine Kartenapp, mich zum badischen Bahnhof Basel zu navigieren. Sie tut es, ob gern oder nicht ist mir egal. Schließlich sind wir dort. Keine Ahnung, was das neue Ticket kosten wird. Das Superbilligticket ist nun hinfällig und irgendwie finde ich das echt doof. Solche Geldverluste tun mir, auch wenn es andere trifft, immer furchtbar weh.

Doof ist auch (und ich gestehe, dass ich weit weniger gelassen bin als Freundin E.), doof ist auch, dass es keinen einzigen freien Parkplatz in der Ein- und Aussteigebucht am Badischen Bahnhof gibt. Ich kann das Auto also hier nicht stehen lassen. Eine Buße muss heute nicht auch noch sein, wo ich doch vorhin schon bei Dunkelorange über eine Kreuzung gebrettert bin.

Schweren Herzens lasse ich also meine liebe Freundin ziehen. Sie ist unglaublich zuversichtlich. Das wird schon!, sagt sie. Irgendwann werde ich daheim ankommen. Gut ist doch auch, dass es erst beim Heimweg passiert ist, das Malheur, und dass wir doch so viel Zeit zusammen hatten! Aber verflixt ist es ja schon, sagt sie nun. Auch diesmal ist U. krank geworden und konnte nicht dabei sein. Und auch diesmal gab’s bei mir eine Zugpanne.

Später, von daheim aus, rufe ich sie an. Sie sitzt bereits im Zug und wird mit diesem sogar früher als mit der billigen Verbindung daheim sein. Und das Sahnehäubchen: Beim Aufpreis war die Bahn mal wieder kulant und hat ihr nicht den ganzen Fahrpreis verrechnet. Hut ab, Deutsche Bahn!

Gute Fahrt, liebe E.!

Zerrissenheiten

Vielleicht bin ich zu müde. Eigentlich sogar viel zu müde. Zum Bloggen. Für Denkarbeit, obwohl es im Grunde nie nicht denkt in mir. Und darum passt es perfekt zum Thema. Zum Titel oben.

Ja, zerrissen bin ich sehr oft. Leben in dieser Welt ist wohl nichts anderes als ein fortwährender Balanceakt zwischen – … hm … gute Frage. Zwischen?

Ein Seiltanz ohne Netz?

Wie Radfahren auf dem Deich, wie es Frau Rebis beschrieben hat, die zurzeit von Nord nach Süd auf der deutsch-deutschen Grenze radelt. Und bloggt. Mal Ex-DDR, mal Ex-BRD … immer hin und her.

Wie Leben.

Die eine Seite, auf der ich lebe, ist dieser ganz gewöhnliche, eher unspektakuläre Alltag, in dem ich mir mein Brot verdiene und mich davon ausruhe. Ich tue sehr oft Dinge, die ich mag, die, die kein Geld einbringen, mach ich besonders gerne, aber auch die andern sind ganz okay; ich tue sie, will heißen, ich arbeite, um Ende Monat das Dach über dem Kopf für den nächsten Monat zu bezahlen. Und die kranke Kasse. Und das Futter auf dem Tisch. Dazu immer mal wieder ein paar neue Bücher. Und Benzin fürs Auto. Und für den einen oder andern kleinen Luxus. Neben der Arbeit die sozialen Kontakte. Virtuelle über das große weltumspannende Netz und persönliche, also solche mit lebendigen, anfassbaren Menschen im richtigen Leben. Neben den sozialen Kontakten sind da noch die eigenen Projekte. Die Arbeit am Buch. Andere Texte, die ich schreibe, für und ohne Geld. Und Kunstzöix da und dort.

Auf der anderen Seite die Mitwelt, in der ich lebe. Und du auch. Diese große weite Welt. Diese schöne Welt. Diese schreckliche Welt. Diese Welt mit ihren Katastrophen. Mit ihren Kriegen. Ihren Flüchtlingen. Ihren Heimatlosen. Und hier ist sie: Meine ganz konkrete Hilflosigkeit, Zerrissenheit. Unklarheit. Mit all den Ideen, die ab und zu auftauchen: Könnte ich zum Beispiel Deutsch unterrichten? Könnte ich dies, könnte ich das? Nur eins: Viel spenden kann ich nicht.

Beim Einkaufen in der Stadt treffe ich ihn drei- oder gar viermal, den Mann, der neuerdings vor dem Coop Surprise – das Straßenmagazin verkauft. Seit ich nicht mehr mit dem Zug pendle, sehe ich die VerkäuferInnen kaum mehr. Ich kaufe darum ohne Zögern mal wieder das neueste Heft und fühle mich gut dabei. Ich habe mir und ihm einen Dienst getan. Mir habe ich eine sehr gute Zeitschrift gekauft. Und er hat die Hälfte vom Erlös, nämlich drei Franken, Taschengeld verdient. Obdachlose gibt es nicht nur in Griechenland immer mehr.

Wer das Buch mit Lebensgeschichten von Straßenmagazin-Verkaufenden per Crowdfunding unterstützen möchte, kann das gerne tun. → Hier gibts mehr Infos. ←

Wenn ich über all die Menschen nachdenke, die vom Leben an die Ränder der Gesellschaft gespült werden, sind es vor allem zwei Menschengruppen, die mein Herz besonders hastig poltern lassen. Es sind dies erstens die jungen Frauen, die fürs horizontale Gewerbe in unsere Länder geködert und gekarrt werden. Meistens mit riesigen Schulden, die sie niemals werden zurückzahlen können. Die Papiere bekommen sie erst wieder, wenn die Schulden bezahlt sind. Also nie. Die zweite Gruppe sind jene Menschen, die als moderne Sklaven, ähnlich den jungen Frauen, in unsere Länder geholt werden und ohne Rechte auf Baustellen und in Lagern und Fabriken arbeiten, ebenfalls mit immensen Schulden und ebenfalls ohne Papiere. Dazu in meist menschenunwürdigen Unterkünften.

Natürlich leide ich auch mit all jenen Menschen, die als BilligarbeiterInnen und SexsklavInnen in ihren Ländern ausgenützt werden. Extremst sogar. Und mit allen, die in ihren Ländern Krieg erleben müssen. Mit allen Unterdrückten. Warum es aber genau die vorher genannten Menschengruppen sind, die mich besonders beschäftigen? Vermutlich weil sie noch mehr als alle anderen Gefangene sind, denn sie haben nicht mal mehr ihre Heimat, ihre Familien, ihre Sprachen. Nichts mehr außer Schulden und Angst. Und wir, unsere Gesellschaft mit unserer Dekadenz und unserm Ruf nach “Immer mehr”, geben dieser Entwicklung Vorschub.  Auch “Immer billiger” hat seinen Preis.

Mein Herz schmerzt ob des Leids dieser Menschen. Und ob meiner Zerrissenheit. Weil ich nicht weiß, wie ich mit all diesem Wissen überhaupt leben soll. Leben kann. Wie kann ich froh sein und über Alltägliches lachen, überhaupt alltäglich leben, wenn andere so verdammt leiden müssen?

Und ich tue es doch. Und ich vergesse sie ab und zu, diese anderen. Weil ich es nicht ertragen würde. Durchdrehen müsste ob des Irrsinns. Verdrängen und wegschauen, um mein Leben leben zu können. Im Hinschauen wegschauen. Irgendwie. Und im Wegschauen hinschauen. Es ist wohl dieses Wissen, dass alles verbunden ist, dass mich leiden lässt. Aber ich leide auch an meiner Hilflosigkeit. Was ich ein ziemlich sinnloses Leid, ein sehr egoistisches Leid finde, das ich am liebsten nicht wahrnehmen würde.

Keine Ahnung, warum ich das aufgeschrieben habe. Es wollte raus.

Leerstellen & Leerschläge

Apostroph Dass mich Deppenapostrophe nerven, die viele Menschen vor ein Genitiv-S setzen (Anna’s Garten), habe ich ja schon am einen oder andern Ort bekannt. Diesen Apostroph gibt es nämlich in der deutschen Sprache nicht. In unserer Sprache ist der Apostroph ein Stellvertreter für einen ausgelassenen Buchstaben (drum ist ja Hans’ Garten möglich).

Sorry, aber manche Regeln müssen einfach sein. Punkt.

Dass nun aber zum Deppenapostroph auch immer öfter der Deppenleerschlag kommt, dieser Leerschlag da, wo eigentlich ein Bindestrich hinkommt (Motor Inspektion statt Motor-Inspektion oder Motorinspektion), finde ich bedenklich.

Und ja, zu viel Leerschläge werden auch im falschen Umgang mit Bindestrichen gemacht. Wenn nämlich der Bindestrich als Gedankenstrich (Halbgeviertstrich, der ein bitzeli länger ist als der Bindestrich) verwendet missbraucht wird, sieht das dann so aus: Motor – Inspektion.

Riesengroßes Autsch.

Die ersten beiden Unsitten sind der englischen Sprache abgekupfert. Haben sich wie Schlingpflanzen in unsere Sprache eingefressen. So willkommen mir multikulturelles Gut im zwischenmenschlichen Bereich ist, so intolerant bin ich bei der Sprache. Nennt mit spießig, aber für mich gebühren jeder Sprache ihre Regeln.

Konkret: Schreibe ich englisch, verwende ich ein Genitiv-S und es heißt somit Anna’s garden. Kein Thema. Und dann heißt es auch Motor inspection, mit Leerschlag dazwischen.

Warum mir das so wichtig ist? Weil die deutsche Sprache schön ist. Tippfehler sind lässlich und passieren allen. Davon spreche ich nicht. Ich spreche von Sorgfalt. Unsere Sprache ist Teil unserer Umwelt, darum sollten wir ihr Sorge tragen. Sprachschluder ist für mich wie Müll am Strand. Dosen oder Scherben, an denen man sich stößt oder sich gar verletzt. Abgesehen davon, dass sie da nichts verloren haben.

Ich habe nichts gegen Sprachneuschöpfungen und Wortspiele, und ich liebe den kreativen, gerne auch anarchistischen Gebrauch der deutschen Sprache; aber solange wir so tun als würden wir deutsch schreiben, dann sollten wir nicht nur so tun als ob. Das macht nicht Sinn, sondern ergibt Sinn und ist sinnvoll (Sinn machen ist, aber das wisst ihr bestimmt all, eine falsche Übersetzung von to make sense).

Ähm. Wo war ich gleich?

Ach ja, Leerschläge. Und Leerstellen. Am richtigen Ort sind sie absolut notwendig.
Musik ohne Pause? Vergiss es.
Texte ohne Abstände zwischen den Wörtern und auch zwischen den Buchstaben sind unlesbar. Unverständlich.

Tage ohne Pausen machen krank.
Arbeit ohne Ausgleich auch.

Alles ohne Nichts ist tödlich.

Und ich vermute, ganz still und leise, je länger ich als Leserin virtuell mit Irgendlink im kargen, schönen, stillen Lappland unterwegs bin, dass wir nur deshalb so viel Bespaßung und Ablenkung brauchen, weil wir vergessen haben, wo der Ausschaltknopf ist.

+++

(… jaja, ein bisschen ist das natürlich augenzwinkernd gemeint. Ich kann ja nicht verlangen, dass alle … ja, was überhaupt? … na, ihr wisst schon … aber weh tut’s mir halt schon … )

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Mehr über die Deppenleerschläge gefällig?

Mehr über die Deppenapostrophe gefällig?

EDIT (Nachtrag am Nachtag)

Es ist NICHT meine Absicht, Menschen, denen das Schreiben nicht so leicht fällt, zu nahe zu treten oder gar jemanden zu verletzen.

Ich nerve mich über fehlerhaftes Deutsch vor allem in publizierten Texten von sogenannten und selbsternannten Profis wie WerbetexterInnen, Journis, RedaktorInnen etc.

Den Schlüssel umdrehen

Ein Quäntchen Unzufriedenheit fördere die Weiterentwicklung. Sagt man. Denn wäre alles immer gut, würden wir stagnieren. Zu viel Unzufriedenheit aber ist kontraproduktiv und lebensfeindlich. Und bei mir ist es schnell mal zu viel, da ich in meiner Selbstkritik oft nicht sehr freundlich mit mir umgehen. Mit anderen auch nicht.

Dass in mir ein ziemliches Quäntchen Wut ist, habe ich gestern gemerkt. Bei größter Hitze bin ich kurz vor eins, weil um eins die Bäckerei schließt, ins Dorf runter. Da ich noch Geld ziehen wollte, ging ich also zuerst zur kleinen Dorfbank. Als ich die Straße überquerte, fuhr ein Mann auf einer Vespa auf den Platz vor dem Bankomaten jenseits des Fußgängerstreifens. Er bockte seine Vespa auf, hob den Helm ab, kramte im Gepäckraum der Vespa und ließ dabei die ganze Zeit den Motor laufen.

Es gibt fast nichts, das mich im Alltag mehr nervt als ein unnötig laufender Motor. Diese dreifache Emission: gleichzeitig Lärm, Gestank und Benzinverschwendung. Meine Nase und meine Ohren sind wohl meine sensibelsten Sinne, und ich bin vermutlich eher überdurchschnittlich lärm- und geruchsempfindlich. Und ein bisschen sehr sparsam, da als Arme-Leute-Kind aufgewachsen.

Wie auch immer: ich nähere mich also dem Bankomaten und realisiere, dass dieser Mensch ebenfalls Geld ziehen will. Vor mir. Dass ich warten muss. Mein Frust ist groß, zumal ich an unser aller Hitze, zunehmend leide. Warten in der Hitze ist da schon mal schlecht. Ich frage also, um wenigstens einen Stressfaktor zu eliminieren, ob er nicht den Motor ausmachen könne. Er reagiert nicht, nestelt nur weiter an seinem Geldbeutel herum. Murmelt vor sich bin. Seltsamer Mensch.

Das Motorrad ist etwa anderthalb Meter hinter ihm vom Bankomaten entfernt. Nachdem er nicht reagiert hat, reagiere ich. Übergriffig. Was mir aber durch meine Wut gerechtfertigt erscheint. Ich drehe den Zündschlüssel seines Motors nach links. Aus. Ruhe. Der Mann, er ist wohl so zwischen fünfundfünzig und sechzig Jahre alt, dreht sich um und sagt mit drohender Stimme: Nicht anfassen, einfach nicht anfassen! Als wäre es eine Bombe, die gleich hochgehen wird. Oder er.

Ich flüchte mich in den nächstbesten Schatten. Um die Ecke. Außer Sichtweite. Sehe ihn nur in einer Autoscheibe gespiegelt. Höre, wie er vor sich hinbabbelt: Hat die mir doch einfach den Motor ausgemacht. Ich denke zuerst, dass er in ein Handy spricht, doch das tut er nicht. Das Handy holt er erst nachher raus, als er das Portemonnaie verstaut und ich mich am Automaten zu schaffen mache. Ich belausche ein Gespräch, weil ich da bin. Weil ich nicht weghören kann. Aber ich komme darin nicht vor. Er komme gleich, sagt er. Ist Mutter auch da. Er sei noch an der Bank. Blablablub.

Nun ja, mein Nacherziehungsversuch ist in die Hose gegangen. Im Grunde, ich gestehe es, wollte ich ihn ja sensibilisieren für Ruhe, für Motor-aus und so. Die meisten Menschen, die ich bitte, den Motor auszumachen, machen ihn aus. Oder sagen wir mal zwei Drittel ungefähr. Mit den andern führe ich oft sehr emotionale Diskussionen, die im Grunde nichts bringen.

Verschobene Wut? Ist da etwas von mir selbst, ein Quäntchen Wut auf mich selbst, auf meine ach so vielen Inkonsequenzen, die ich mit solchen Aktionen bloß nach außen verlagere und an andern Menschen, die auch nicht nett zur Umwelt sind, auslasse?

Oder war es sogar ein bisschen zivilier Ungehorsam, ein bisschen Zivilcourage?

Wäre es nicht hin und wieder sogar gut, ein paar Schlüssel umzudrehen?

Woher kommt diese Bitterkeit bloß?

Ob es in der Schweiz ähnlich schlimm in Sachen Hasskommetare zu und her geht wie in Deutschland, weiß ich nicht wirklich. Ich lese ja kaum je Kommentare und meide weitestgehend solche Debatten – aus Zeitgründen und weil ich gemerkt habe, dass es mir nicht gut tut. Nicht, dass ich mir nicht Gedanken über die hässlich kommentierten Themen mache, aber meine Energie und meine Lebenszeit für Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten dieser oft schon primitiven Art aufzuwenden, ist mir einfach zu schade. Darum habe ich erst vor wenigen Tagen dank Twitter von diesen ganzen Flüchtlingshasskommentaren erfahren.

Heute Morgen, auf Twitter, habe ich mit andern Twitternden über die Gründe und die Wirkung solcher Kommentare diskutiert, über die Motivation dahinter. Unter anderem schrieb ich den Satz: Woher kommt diese Bitterkeit bloß?

Man kann diese Schreiberlinge natürlich nicht über einen Kamm scheren, doch würden wir die sozialen Umfelder der HasskommentatorInnen anschauen, würden wir sicher einen Großteil im unteren Bereich der sozialen und der Bildungsleiter ausmachen. Viele davon schon von Geburt an vom Leben benachteiligt, die Eltern Working-Poors vielleicht oder Langzeit-Arbeitslose. Möglicherweise ist da und dort (viel) Alkohol im Spiel. Das sind so die Bilder, die ich von Menschen, die zu Hasskommentaren neigen, habe. Das sind so meine Vorurteile.

Frau Meike sagt dazu:
“Fremdenfeindlichkeit ist nicht länger ein Nischenproblem ostdeutscher Dörfer mit hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Intelligenz und vielleicht war sie das auch nie. Die sozialen Medien haben offenbart, dass Fremdenfeindlichkeit und Menschenhass mitten unter uns sind, dass sie zwar auch etwas mit der mangelnden Bildung ostdeutscher Neonazi-Gruppierungen zu tun haben, aber eben nicht nur. Die Facebook-Posts, über die sich das Netz in lustigen Tumblr-Blogs moralisch erhebt, wimmeln zwar oft von Rechtschreibfehlern, doch ebenso oft sind die Schreiber ganz normal scheinende Menschen”
Quelle: Frau Meike sagt

Wie auch immer: Ich nenne sie verbitterte Menschen. Menschen, die mit ihrem Leben hadern. Unzufriedene Menschen. Menschen, die allen Grund haben, das wenige, das sie haben, mit Hand und Fuß, mit Wort und Tastatur, zu verteidigen, also? Wie krank, wie leer, wie hoffnungslos muss man wohl sein, um sich zu Äußerungen wie … XXX … (nein, ich mag hier nichts zitieren) verführen zu lassen. Verführen lassen? Ist es das? Wie viel Manipulation steckt dahinter? Denn nicht nur ich muss häufig in diesen Tagen an die Macht der Suggestion und Manipulation durch das Wort im Vorfeld des zweiten Weltkrieges denken. Wenn genug Menschen sich gegenseitig an ihrer vermeintlich beschissenenen Lage aufgeilen, ist das wie ein Haufen dürres Holz, der nur noch ein brennendes Streichholz braucht um zu brennen.

Vermeintlich beschissen? Nun ja, ich weiß natürlich viel zu wenig über Menschen, die wirklich ganz ganz unten sind. Oder jedenfalls nicht aus eigener Erfahrung. Zwar lebe ich auch mehr oder weniger am Existenzminimum, vermutlich sogar darunter, doch ich fühle mich dennoch reich.

Vermeintlich beschissen sind die Umstände vielleicht wirklich? Aber … nein … ich bin wohl nicht befugt, ein ABER anzufügen. Was weiß ich schon? Aber, sage ich dennoch, aber wir vergessen manchmal, wir Menschen, wie viel wir mit unserem Denken, mit unserem Handeln, mit unserer Haltung in der Hand haben. Wie viel wir beeinflussen können, könnten, wenn …

Auch im umgekehrten Sinn! Wir können mit Hasstiraden die Welt noch hässlicher machen als sie schon ist, aber wir können auch mit einem anderen Denken, mit einer anderen Haltung, die Welt zu einem lebenswerteren Ort machen Denn die Welt ist auch schön. Wenn man genau hinsieht. Mag sein, dass das moralisch klingt. Ist es vielleicht auch. Mir egal. Ich habe es am eigenen Leib erlebt, dass man sein Schicksal bis zu einem gewissen Grad wenden kann.

Auch meine Arbeitsstelle vor Jahren in einem Flüchtlingszentrum hat mich diesbezüglich vieles gelehrt. Obwohl ich abends oft nicht einschlafen konnte vor Sorge um all die Leute, für die wir eine Lösung finden wollten. Für ihr neues Leben fern von daheim. Oder wenn ihre Gesuche zum zigsten Mal abgelehnt worden waren und die Ausweisung bevorstand. Wenn ihr Asylantragsgrund “Armut” zu wenig gewichtig war zum Beispiel oder wenn sie zu wenig oder nicht akut genug in Lebensgefahr waren. Wenn ich an den jungen Mann aus dem Iran denke, der als Achtzehnjähriger desertiert ist, nach vier Jahren Krieg als Kindersoldat. Wenn ich …

Niemand ist freiwillig auf der Flucht. Niemand verlässt freiwillig sein im Kriegszustand oder in Armut befindliches Heimatland.

Ich gestehe dennoch, ich weiß noch immer viel zu wenig. Doch ich weiß, dass wir die Wahl haben über die Art unserer Gedanken. Immer.

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Mehr zum Thema:

Aus persönlicher und gesellschaftpolitischer Sicht empfehle ich herzlich folgende Blogartikel:
Frau Meike sagt: Die Sonne der eigenen Anständigkeit
Stefunnys Weblog: Flüchtlinge, Krieg und was das mit mir zu tun hat
Sophieleben: “Geh doch nach Hause!” – Wo soll das sein?

Anja Reschke, Journalistin und Moderatorin der Tagesschau, veröffentlichte neulich einen Kommentar zu den Tagesthemen. Mutig und klar forderte sie dazu auf, Stellung gegenüber Fremdenhass zu beziehen. Das Video mit ihrer Stellungsnahme gibt es hier.