Das Dualboot der Seele 

Zukkini, Zuschini oder doch eigentlich Zugetti, wie wir SchweizerInnen eins meiner Lieblingsgemüse nennen? Wie spricht man das Ding denn bloß richtig aus? Und spielt es überhaupt eine Rolle, was richtig ist? Hat nicht jede und jeder ein anderes Richtig? Ist es Intelligenz, die uns motiviert, anderen sagen zu wollen, wie man etwas richtig ausspricht oder ist es nicht vielmehr das Bedürfnis, recht zu haben, besser zu sein, es besser zu wissen? 
Ich gestehe, dass ich nicht über dieser Sache stehe und und ich gestehe weiter, dass sich mir die Haare sträuben, die Nägel einrollen und das Herz schwerzt, wenn jemand MaLLorca sagt statt Maiorca. Wo doch jedes Kind weiß, dass zwei spanische ll als i ausgesprochen werden. 

Vor etwa zehn Monaten habe ich, eher zufällig, will heißen weil ich Gelegenheit und Geld hatte und am richtigen Ort war, zu einem Aktionspreis einen neuen Laptop gekauft. Der Gedanke war nicht neu, denn für meine Kundenaufträge brauche ich, damals noch im Konjunktiv, zuweilen Windoofprogramme und Word. 2012 hatte ich auf Ubuntu umgestellt und war und bin glücklich damit. Sollte ich auf dem neuen Laptop nun Windoo belassen, oder …?

Dualboot ist das Zauberwort, das ich rief, denn auf einem Rechner können gleichzeitig zwei Betriebssysteme laufen. Wenn man denn weiß wie sie zu installieren sind. Irgendlink übernahm diesen Teil. Seither kann ich dualbooten. Je nach Bedarf wähle ich Ubuntu (meistens) oder Windoo (selten). 

Dass wir andere Menschen nicht verstehen können, weder warum sie etwas so sehen noch warum sie etwas so tun oder gar sich so und so verhalten, liege – so mutmaßte ich gestern Morgen, als Irgendlink und ich über die Zustände auf der Welt, die doch nur ein Abbild der zwischenmenschlich schiefliegenden Kommunikation seien, sprachen – es liege wohl daran, dass wir Menschen unterschiedliche Betriebssysteme installiert hätten. Neulich in einem Bericht über Zwillingsforschung hatte ich einmal mehr über die ewigen theoretischen Ansätze, ob das menschliche Verhalten eher Produkt seiner Gene oder seiner prägenden Umgebung sei. Immer wieder wird diese Frage diskutiert. Und seit ich meine pädagogische Ausbildung abgeschloßen habe, hat sich offenbar gar nicht soo viel verändert. Wir seien eine Mischung aus Genprogrammen, die jedoch durchaus gewissen Umständen und Veränderungen unterlägen sowie der uns prägenden Umgebung, las ich also in besagtem Bericht. In meinen jungen Jahren hätte ich mir zuweilen gewünscht, die Forschung fände heraus, dass wir alle gar nichts dafür können, weil doch die Gene. Ich hatte es schon damals schwer gefunden, zu akzeptieren, wie wir waren, was wir warum taten und selbst eine zu sein, die. Nicht besser. Aber wenn daran doch die Gene schuld gewesen wären. Nun ja. 

Wir selbst sind es, die. Die sich nerven, wenn jemand Zuschini sagt. Oder andere schlimme Dinge tun. Schlimmere Dinge. Der Liebste ist einer der wenigen Menschen, die ich kenne, der sich auf diese lächerlichen Machtspiele nicht einlässt. Nicht mehr. Energieverschwendung sei das. Manchmal wünschte ich mir, dass ich mir dieses Betriebssystem auch installieren könnte, oder vielleicht gibt es ja schon bald ein Plugin, das mit meinem Betriegssystem kompatibel ist. Er habe das nicht immer können, sagt er allerdings. Und er müsse sich auch immer wieder dazu entschließen, nicht in die Falle zu treten.

Auch ich kann wählen. Immer. Na ja, fast immer. Kann wählen, ob ich mich in eine doofe aussichtslose Twitterdiskussion mit einem bornierten Zeitgenossen einlassen will. Oder nicht. Nacherziehen funktioniert ja eh nicht. Und alle Menschen so hinbiegen, dass sie … 

Pipi Langstrumpfs „Ich mach mir die Welt, wiedewiedewiesie mir gefällt“ heißt ja nicht, dass. Aber ich kann dem, was mir gut tut, mehr Raum geben und dem, was mich schmerzt, kein Futter mehr in den Napf kippen. 

Ist doch egal, ob du Zuschini oder Zugetti sagst, Hauptsache, ich weiß, was du meinst. 

Dieses Erwachsensein

Das Kind, das ich war, stellte sich Erwachsensein als etwas Großartiges vor. Als Kind sehnte mich nach der Freiheit, die ich mir vom Erwachsensein versprach. Wäre ich erst erwachsen, würde mir niemand sagen, was ich tun müsste. Ich könnte machen, was ich wollte mit meiner Lebenszeit.

Freiheit? Nun ja, die ordne ich heute eher Kindern zu. Und mir fällt dazu ein Satz ein, den mein Vater oft zu mir und meinen Geschwistern gesagt hatte, wenn wir über irgendwelche Einschränkungen lamentierten: Genießt das Kindsein, es ist früh genug vorbei. Und seine Frage an unsere Mutter, die er stellte, wenn er am Abend von der Arbeit nach Hause kam, lautete oft: Konnten sie heute Kindsein?

Heute Morgen bin ich auf Krautreporter, meiner Online-Tageszeitung, einem Link in die dortige Bin-ich-normal-Serie gefolgt: Bin ich normal, wenn ich mich als Erwachsene nicht erwachsen genug fühle?

Über das Peter Pan-Syndrom lese ich dort und dass die Wirtschaft uns Menschen möglicherweise bewusst infantil halte, weil wir auf diese Weise manipulierbarer seien und mehr konsumierten. Mag sein.

Jetzt tu doch nicht so erwachsen!, sagen wir zuweilen, wenn uns ein Mensch mit seinem sturen Verhalten nervt; und ich ertappe mich dabei, dass für mich Erwachsensein zu einem Synonym für Unflexibilität, Sturheit, Humorlosigkeit und grauer Langeweile geworden ist.

Während die Langeweile eines Kindes farbig ist, sonnendurchflutet und Raum für Tagträume schafft, ist jene der Doofen Erwachsenen grau und riecht nach Unzufriedenheit. Nicht vergessen: Doofe Erwachsene unterscheiden sich nicht nur von Kindern, sondern auch von Guten Erwachsenen grundlegend. Während sie im Spiel und Nichtstun keinen Sinn sehen (außer wenn sich dabei etwas messen lässt), stattdessen alles rationalisieren und objektivieren, haben Gute Erwachsene ein Gespür für die Nischen im Alltag, für das Spiel, für die Tagträume, für die Absichtlosigkeit, die sie aus der Kinderzeit in ihren erwachsenen Alltag gerettet haben. Gute Erwachsene haben das Kind, das sie waren, noch immer ganz nah in sich drin, selbst dann, wenn sie sich kaum mehr an Fakten aus ihrer Kindheit erinnern. Sie erinnern sich aber daran, wie es damals war, als noch alles möglich war.

Der dritte mir bekannte Erwachsenentypus ist übrigens der oder die Unerwachsene Erwachsene, auf welchen sich der erwähnte Krautreporter-Artikel vermutlich bezieht.

Wenn ich in den Sozialen Medien manchmal Diskussionen beobachte, sehe ich, wo, was und wie die Guten und wo, was und wie die Doofen und was, wo und wie die Unerwachsenen Erwachsenen schreiben. Wobei. So einfach ist es nicht, denn viele von uns haben mehrere Erwachsenentypen installiert und die Grenzen sind fließend.

Auch die Unerwachsenen Erwachsenen sind meiner Erfahrung nach weitverbreitet. Sie sind die, die auf keinen Fall werden wollen wie die Doofen Erwachsenen. Dass es auch Gute Erwachsene gibt, interessiert sie nur am Rande. Erwachsensein ist ihnen grundsätzlich suspekt, unheimlich. Sie leben zwar in einem erwachsengewordenen Körper, doch ihr Verhalten ist punktuell oder flächendeckend das eines Kindes.

Kindliches Verhalten ist bei einem Kind normal, bei einem Erwachsenen befremdend. (Und umgekehrt ist auch erwachsenes Verhalten bei Kindern befremdend.)

Ob die psychologische These stimmt, dass wir in Lebensbereichen und Lebensphasen, in welchen wir traumatische Erfahrungen gemacht haben, steckenbleiben? Und wenn ja, ob das der Grund ist, warum manche nicht erwachsen werden können? Wäre diese Erklärung aber nicht ein bisschen zu einfach?

Ich frage mich, ob vielleicht auch das Männlein-Verhalten so ein Phänomen unserer Zeit sein könnte? Männlein nennen wir übrigens jene jungen Kerle, die ihren Selbstwert mit Lautstärke (Stimme, Automotor) und potentieller Potenz (schnelles Auto) sicht- und hörbar machen müssen. Im oben genannten Krautreporter-Artikel von Susan Mücke lese ich dazu: »Junge Erwachsene sind auch besonders häufig für Unfälle im Straßenverkehr verantwortlich. Fast jeder fünfte Unfall mit Personenschaden (19,8 Prozent) durch einen PKW wurde von einem 18- bis 24-Jährigen verursacht. Meistens ist eine „nicht angepasste Geschwindigkeit“ dafür verantwortlich.«

Was aber ist es denn, das die Guten Erwachsenen auszeichnet und von den Doofen und Unerwachsenen Erwachsenen unterscheidet?

Der oder die Gute Erwachsene kann

  • relativieren
  • Verantwortung übernehmen für das eigene Handeln
  • Mitverantwortung übernehmen für die Mitwelt
  • Zusammenhänge erkennen
  • sich anderen gegenüber, die anders denken, adäquat verhalten
  • über sich selbst lachen

und hat

  • Gelassenheit
  • Humor
  • es nicht nötig, sich zu vergleichen und zu profilieren
  • Verständnis dafür, dass sich alles ständig verändert
  • genießen

und ist

  • empathisch
  • klar
  • kritikfähig
  • nicht besitzergreifend

Natürlich können auch Unerwachsene oder Doofe Erwachsene lieben, lachen, verantwortungsbewusst handeln und so weiter, doch in meiner ganz persönlichen Differenzierung fehlen ihnen die Tools für Vernetzung und den zusammenhängenden Blick in die Welt. Gerne schieben sie Schuld oder auch nur Verantwortung ab und hängen ihre Fahnen nach dem Wind.

Und ja, auch ich habe doofe und unerwachsene Anteile. Mit meiner Aufzählung will ich darum mir selbst Mut machen (dir vielleicht auch), der Guten Erwachsenen in mir drin mehr Raum zu schaffen und das Erwachsensein mit neuen, positiven Synonymen wie Reife zu füllen.


(PS: Dem augenzwinkernd-satirischen Unterton zum Trotz meine ich das hier eigentlich ziemlich ernst.)

Auswahl

Frau Rebis radelt zurzeit durch Tschechien. Sie bloggt und twittert von unterwegs. Gestern hatte sie ein Dilemma, das ich gut kenne. Auf der großen Zeltwiese galt es auszuwählen, wo sie ihr Zelt auf bauen soll.

»Ist nur ein wenig schwierig, auf der riesigen freien Wiese einen Platz für das Zelt auszusuchen. Wirklich jetzt: wenn so gar nichts dasteht, wenn ich riesige freie Wahl habe, woran orientiere ich mich dann?«

Quelle: fraurebis.wordpress.com

Könnte ich tun, was ich wollte, ohne Gedanken an den Verdienst, weil ich Bedingungsloses Grundeinkommen erhalte zum Beispiel, wie würde ich dann leben? Wo würde ich leben und wie würde ich meine Lebenszeit verbringen?

Wie viel Sinnhaftigkeit beziehen wir dadurch, dass da Vorgaben sind – ob nun andere Zelte oder Menschen, die etwas so und so tun.

Hängt das Recht auf ein gutes Leben davon ab, wie viel wert mein Leben hat? Wie viel wert ist und hat ein Leben? Deins, meins, irgendeins. Müssten sie nicht theoretisch alle gleich viel wert sein? Und wer misst das und woran? Und was ist die Währung?

Hängt mein, dein, unser Wert womöglich davon ab, welche Spuren wir hinterlassen, was wir tun, was wir unterlassen, wie sehr wir der Gesellschaft dienen und wenn ja, womit? Ist es dieser Wert der meinem Leben das Recht auf ein gutes Leben gibt? Ist es womöglich dieser Wert, der einem Leben seinen Sinn gibt?

Und wie steht es mit jenen Dingen, die ich tue, weil sie mir Freude machen und mir gut tun, aber letztlich niemandem dienen? Damit meine ich nicht erholungsbedingtes Abhängen, Lesen, Lachen, Einfachsein, sondern jene Dinge, die ich Kunstschaffen nenne. Die Arbeit an meinen Texten zum Beispiel oder das absichtslose Appen von Bildern, Bloggen auch; alles also, was mit dem Ausdruck meiner ganz persönlichen Perspektive zu tun hat?

Fazit? Ich tue etwas, weil ich etwas verändern will – innen und außen. Weil ich die Welt zu einem besseren, schöneren Ort machen will. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht, aber ich will es. Und so ähnlich sehe ich es übrigens auch mit der Arbeit. Nur um des Geldverdienens willen zu arbeiten, liegt mir nämlich gar nicht.

Könnte ich auswählen, was würde ich tun?
Und du?

Was wahr ist und was wirklich – reblogged

Ich freue mich immer, wenn meine eigenen Gedanken irgendwo an anderer Stelle ähnlich gedacht werden. Das Thema meines letzten Blogartikels zum Beispiel.

Heute lese ich im Logbuch von Rittiner & Gomez auf Isla Volante folgendes.

ja. wie ist das möglich, dass du im meiner wohnung auftauchst, dass du … sprechen …

ich sagte es doch bereits, ich war da – und schon hier, als du kamst!

das ist nicht wahr!

hm?

warum soll ich dir glauben, dass …

entschuldige bitte, lass uns das in der wohnstube bereden, dieser flur atmet durchgang, ist en passant, kommen und gehen, da zieht es mich hinaus. und außerdem zieht es.

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Wirklich und wahr

Wie wahr ist die sogenannte Wirklichkeit und wie sie auf mich wirkt? Ist wahr, wie ich sie wahrnehme, diese Welt, in welcher ich versuche, nicht unterzugehen? Und wo verläuft der Grat zwischen Wahrheit und Wahrnehmung und was meint Wahrheit wirklich?

Ist wirklicher, wie ich selbst mich wahrnehme oder ist wahrer, was andere in mir sehen? Meine Wirkung, mein Wirken, meine Auswirkung, die von außen wahrgenommen wird: ist sie wahr? Und wer sagt, was wahr ist? Ist sie womöglich nur dann wahr, wenn die Fremdwahrnehmung kongruent mit meiner Selbstwahrnehmung ist?

Aber werde ich denn nicht immer durch irgendwelche Filter gesehen? Meine eigenen Filter – mal liebevoll, mal selbstabwertend – ebenso wie die anderer? Im Umkehrschluss sehe ich ein, dass auch ich andere durch Filter sehe.

Darum muss der Versuch zu verstehen, wirklich zu verstehen, letztlich scheitern. Ein Satz wie ein Kehrreim in meinem Leben. Heute ergänze ich ihn: Auch der Versuch, mich selbst wirklich verstehen zu wollen, muss scheitern. Es ist vermutlich die Absicht dieses Verstehenwolllens, die diesem Ansinnen im Weg steht. Paradox, ich weiß. Die Absicht, das Ziel,  sie verstellen meinen Blick, behindern meine absichtslose Gegenwärtigkeit und gleichen laufend meine Wahrnehmung mit Vergangenem, Erfahrenem, Erinnertem ab. Bereits das Ziel, verstehen zu wollen, duftet verdammt stark nach Interpretationsversuch.

Nehmen wir diese vielen Ichs in diesem Text. Sie sprechen aus, was ich persönlich denke, tragen aber zugleich, latent zumindest, die Hoffnung spazieren, dass andere sich in meinen Ichs spiegeln können.

Doch jedes andere Ich, das sich selbst in meinen Worten begegnet, blickt in ein anderes Spiegelbild. Sieht sich selbst, versteht meine Gedanken anders, interpretiert sie anders, hält einen anderen Filter in der Hand. Und scheitert, zumindest teilweise, daran, dass er/sie/es mich nicht wirklich verstehen kann.

Wohnt hier die Enttäuschung? Sind wir an immer wieder diesem einen Punkt vom anderen Menschen enttäuscht – oder eher doch ent-täuscht? –, also am Ende der Selbsttäuschung angelangt? Vielleicht ist es ja einfach so, dass wir uns enttäuscht fühlen, wenn (oder weil?) wir auf die Illusionen und Bilder in unserm ganz persönlichen Rucksack mit all seinen Schatzkästchen und Müllsäcken reingefallen sind. Ist meine Enttäuschung über die Welt mit all ihren Wesen letztendlich also schlicht und einfach mein Problem?

Ich gehe ja immer von meinen persönlichen Maßeinheiten aus. Ich trage sie in meinem Rucksack. Wir alle, vermutlich. Wo immer ich gehe, trage ich mein ganz persönliches Schatzkistchen und meine ganz persönliche Abfalltüte, meine am eigenen Leib gemachten Erfahrungen und Erinnerungen mit mir herum. Alles, was mir begegnet, lese ich durch den Filter, der an meinem Rucksack baumelt. Alle meine Gefühle entschlüssle ich mit ihm, mein Denken ist gefiltert, meine ganze Wahrnehmung, die Für-Wahr-Nehmung meiner Mitwelt: Dinge, Menschen, Natur. Dass du/er/sie/es die Welt aus einer anderen Warte sieht, ist zuweilen, obwohl es logisch ist, schwer nachzuvollziehen, schwer zu verstehen; oder eben vermutlich gar nicht, nicht wirklich. Wissen, was du/er/sie/es wirklich sieht, kann ich nicht. Noch weniger, was du/er/sie/es wirklich meint. Ich meine: Wirklich.

Darf ich dir also vorwerfen, wie du auf mich wirkst? Wenn ich es mir recht überlege, eigentlich nicht. (Außer du tätest es in der Absicht, mir zu schaden.) Darfst du mir also vorwerfen, wie ich auf dich wirke? Wenn du es dir recht überlegst, eigentlich auch nicht. (Außer ich täte es in der Absicht, dir zu schaden. Wovon nicht auszugehen ist.)

So sind wir alle andere, als die, die andere in uns sehen. Und darum ist wohl nur bedingt wahr, wie die wahrgenommene sogenannte Wirklichkeit auf mich wirkt. Was du in mir siehst und wie ich auf dich wirke, ist also nicht wirklich ein Kriterium für Wahrheit (was immer sie ist); ebensowenig wie das, was ich in dir sehe und wie du auf mich wirkst.

Ich ahne, dass, wenn ich das irgendwann verinnerlicht habe, es ein klein bisschen einfacher ist, dieses Leben.

Sehen oder nicht und wenn ja, wie und womit

Anfang dieser Woche sind Irgendlink und ich nach Hessen gefahren. Unser Besuch bei Frau Traumspruch hat mich tief berührt und tut es noch. Zum einen wollten wir sie schon lange persönlich kennenlernen, zum andern durften wir ihr, auf die Bitte anderer hin, ein Gerät vorbeibringen, das ihr hoffentlich dabei hilft, mit dem ihr verbliebenen Sehrest Texte zu lesen.

In das Gerät gelegte Texte lassen sich damit fast beliebig vergrößert auf dem Bildschirm anzeigen. Lesen als fast Blinde fällt Frau Traumspruch schwer. Ihre Augen hindern sie am Sehen. Das ist ein Hindernis, in der Tat, und ja, wer wenig oder gar nicht mehr sieht, gilt in unserer Gesellschaft als behindert. Behindert ist aber womöglich in erster Linie unser Umgang mit den gegebenen Einschränkungen.

Doch zum Glück findet da und dort ein Neudenken statt und gibt es auch schon einige Hilfsmittel, die es blinden Menschen erleichtern, sich in der sich verändernden Welt, eben auch in der virtuellen Welt, halbwegs befriedigend zu bewegen. Die Lobby für Blinde ist jedoch nicht riesig, sonst gäbe es im Softwarebereich bestimmt schon überzeugendere Werkzeuge als die Screenreader von Apple und MS. Da ist noch viel Entwicklungspotential, denn sie lesen mal vor, was da steht − inklusive aller Sonderzeichen und Icons −, mal lassen sie aus, was wichtig wäre. Immerhin lesen sie vor, denn einen Bildschirm mit Brailleschrift zu bestücken dürfte technisch eher schwierig sein.

Wer etwas Kostbares verliert − ob das Augenlicht oder einen geliebten Menschen ist dabei vielleicht sogar sekundär -, muss sich neu erfinden, neu zusammensetzen. Wohl denen, die dabei nicht verbittern.

Dass sie nie hadere, behauptet Frau Traumspruch nicht. Auf die Frage, was sie jetzt gerne tun würde, wenn sie könnte, wie sie wollte, antwortete sie einer Bekannten: In ein Museum gehen. Ja, auch Blinde möchten Bilder sehen. Möchten teilnehmen, teilhaben an Kunst, an Ausdruck, an Politik, am kulturellen Leben. Mich berührt, dass Frau Traumspruch nicht im Hader stecken geblieben ist, als sie vor neun Jahren innert Wochen fast ganz erblindete. Ich freue mich, dass sie sich dem Neuen gestellt hat und eine Zufriedenheit ausstrahlt, die ich manchmal bei mir selbst vermisse. Zufriedenheit, ja, und ich wünsche es uns allen, dass wir im Frieden sein können mit unserem So-Sein.

Mit Frau Traumspruch, ihrem Partner und Irgendlink zusammen am Tisch zu sitzen und über das Leben nachzudenken, zu spüren, was ist und was geht und was möglich wäre, hat mich ermutigt, mehr wieder am Frieden mit mir selbst zu arbeiten.

Was wir alle konkret tun können? Bilder, die wir in den sozialen Netzwerken teilen, können wir beschreiben. WordPress-Bilder werden zum Beispiel im Bearbeiten-Modus beschrieben − in der App ebenso wie am Rechner. Es ist ganz einfach: Wir klicken uns in die Alt-Text-Zeile und beschreiben, was das Bild zeigt. Nennt die Gegenstände, Menschen, Formen und Farben auf dem Bild, allenfalls auch die Bildebenen wie Hinter- und Vordergrund. Nein, es braucht keine Interpretation und Intention, keine grossen Geschichten, einfach nur die Bildinhalte.

Bei Twitter können wir innerhalb der App (jedenfalls bei den neueren Updates auf iOS, bei Android weiß ich nicht) das Tool ‚Bildbeschreibung‘ in den Einstellungen* freischalten, um ab sofort jedes Bild kurz beschreiben zu können (Dieser Textbereich hat deutlich mehr als 140 Zeichen und die Bildbeschreibung ist danach im Quelltext des Bildes, als Bildinformation, mit dem Bild verknüpft). Kleiner Aufwand, große Wirkung!

Neuerdings lassen sich bei Twitter auch über den Browser − jedenfalls mit Mozilla geht es − Bildbeschreibungen einfügen. Dazu einfach das Bild antippen und auf den Button ‚Bildbeschreibung hinzufügen‘ klicken. So lässt sich das Bild, wie oben erwähnt, beschreiben.

Wenn ein Tweet mit einem Bild in Frau Traumspruchs Timeline erscheint, wird er ihr vorgelesen. Doch das Bild im Tweet kann natürlich nur dann vorgelesen werden, wenn es mit einem Text verknüpft ist. Andernfalls bleibt die blinde Twitterin mit dem illustrierten Tweet auf dem Trockenen sitzen.

Ein Beispiel gefällig? Ein Tweet lautet vielleicht so: »Guckt, was ich heute im Wald gesehen habe. Doppelpunkt.« Dann das Bild.

Ohne Bildbeschreibung versteht der oder die Betroffene nicht, worum es geht. Mit Bildbeschreibung kann er oder sie mitstaunen und mitdiskutieren.

Bei Instagram können wir ebenfalls Bildbeschreibungen einfügen, allerdings nicht im Quelltext, soviel ich weiß, aber immerhin können wir einen Bildkommentar vor dem Publizieren des Bildes einfügen.

Ich persönlich war sehr unsicher, wie ich mit künstlerisch erstellten Bildern oder Collagen umgehen soll. Da reicht es, sagt Frau Traumspruch, wenn sie etwa grob weiß, worum es geht. Das Thema vielleicht und die Technik, die angewendet wurde.

In diesem Kontext erwähne ich gerne, dass die sozialen Medien für Blinde oft die einzigen Fenster in die Welt sind, da durch das Nichtsehenkönnen oftmals auch ihre Mobilität eingeschränkt ist.

Liebe Leserinnen und Leser, ich hoffe, dass ihr Lust bekommt, eure Bilder zukünftig mit Beschreibungen auszustatten. Ich bin sicher, dass ihr damit Sehbeinträchtigen und Blinden helft, die Welt weiter zu erleben.


* iOS-Twitter-App: Gehe auf Einstellungen > Bildschirm und Ton > Barrierefreiheit > Bildbeschreibungen verfassen (Button anklicken)

Das Schöne und das Biest

Womöglich ist es per Werkeinstellung nicht vorgesehen, dass ein Lebewesen nur dem Schönen, dem Lebensfördernden frönt. Umgekehrt ist es kaum erstrebenswert, immer nur auf das Biest, den Schweinehunde, den internen, zu hören. Es muss wohl dieses ewige Hin und Her sein, dieses Auf-dem-Lebensseil-Balancieren, dieses ständige Ringen um das Gleichgewicht, was uns Lebewesen lebendig hält. Balancieren wir nicht mehr, sind wir tot.

Wollen und müssen.
Essen und scheißen.
Tun und lassen.
Helfen und weggucken (wenn ja oder nein und wann und wo?).
Ruhen und arbeiten.
Reiben und entspannen.

Zugegeben, für meinen Geschmack ist da zu viel Schweinehundkram. Zumindest in meinem Fokus. Schwindlig wird mir ob der Einseitigkeit. Ob der Berichterstattung auch, die schwerpunktmäßig über den Zerfall nicht nur berichtet, sondern in zunehmend instrumentalisiert. Und schlecht wird mir auch immer wieder ob all der subtil-manipulativen Methoden, deren wir uns bedienen.

Mir wir schlecht vom Zustand der Welt, wie gesagt, im Großen ebenso wie im Kleinen. Insbesondere vom Zustand der Spezies Mensch (mich eingeschlossen). Mir fehlt in all dem Hässlichen drin, das Gegengewicht, damit wir nicht kollektiv vom Seil fallen. Mir fehlt das Leichte, Schöne, Nährende, Ermutigende. Obwohl ich natürlich auch all die Menschen sehe, die aufstehen. Die Wahres sprechen, die Dinge beim Namen nennen und verändern. Ich bin also nicht ganz und gar hoffnungslos. Noch balancieren wir, noch leben wir.

»Muss ich aufgeben, wegschauen, mich durch ein Wurmloch zurückziehen, um in einer selbst erdachten Blümchenwelt neu in Erscheinung zu treten?«, fragte Irgendlink im Flussnotenblog vor ein paar Tagen angesichts der Zustände dieser Welt.

»Muss ich wegschauen, um überleben zu können, muss ich wegdenken, wegfühlen, weghören, um nicht von all dem Mist überflutet zu werden, den wir Menschen mit uns Menschen anstellen,« frage ich. »Müsste ich nicht vielmehr Kürbisse in diesen Mist setzen? Oder Luthers berühmten Apfelbaum, den man pflanzen sollte, selbst wenn morgen die Welt unterginge?«

Mit Schönheit der Hässlichkeit antworten. So twitterte ich vor Monaten.

Schönheit? Ist das nicht ein bisschen banal? Und ein bisschen unpolitisch, ein bisschen naiv und, ähm, vor allem ein bisschen langweilig und ununterhaltsam? Außerdem: Wer will denn immer nur Sonnenuntergänge und Blümchen? Zumal … gerade KünsterInnen sollten doch etwas aussagen … Stellung beziehen.

Schönheit − was immer sie ist oder nicht ist, aber unpolitisch ist sie zuletzt, denn Politik meint neben den Strukturen und Prozessen einer Bevölkerungsgruppe immer auch die Inhalte zur Führung der Gruppe nach innen sowie die Beziehungen der einzelnen Gruppenmitglieder, der einzelnen Menschen zu- und miteinander: Ohne Schöheit als Leitplanke ist das Wohl einer Gemeinschaft nicht umsetzbar.

Schönheit sei zumindest im Kontext mit Kunst zu banal? Sorry, aber ich kann es nicht mehr hören, dieses Kunstgedönse; und dieses Bewerten, was geht und was nicht, langweilt mich je länger je mehr. Dieses gegenseitige Sich-Messen, dieses Sich-Ausbooten, dieses Sich-Profilieren und Sich-Dekorieren (nun ja, nicht nur in der Kunstszene natürlich).

Ich sehne mich nach aus Lebensfreude und dem Bedürfnis nach Lebendigkeit oder einfach so, aus Lust am Kreieren, Gewachsenem, nach Organischem statt Konstruiertem. Ob von Kunstwerk oder Apfel, ob Kürbis oder Erzählung ist dabei zweitrangig. Ich sehne mich danach, von Kunstwerk, Apfel, Kürbis oder Erzählung berührt zu werden, berührt von deren Unabsichtlichkeit, von ihrem Einfachso, von ihrer Phantasie und ihrem Humor. Ja. Ich wünsche mir auch mehr Ermutigung statt Selbst- oder Einander-Zerfleischung. Und ich wünsche mir mehr Wahrhaftigkeit und weniger Selbstdarstellung. Mehr Teilen und Sich-mit-Freuen und weniger Das-war-meine-Idee. Mehr kreative Hingabe an den Fluss und weniger meist vom Verstand gesteuertes Andere-Überzeugenwollen. Mehr Erzählen, was ist und es auch wirklich so meinen und weniger Interpretieren und Nacherziehen.

(Und damit meine ich wirklich immer auch mich selbst mit.)

So Dekozöix

Wie sie sich dekorieren, die Menschen,
mit einer nacherzählten Geschichte über sich,
die sie in ein gutes Licht stellen soll.
Mit der Erwähnung, wie dicke sie
mit XYZ sind, deren oder dessen Glanz doch bittebittebitteschön ein klitzekleines riesengroßes Bisschen
auf sie abfärben möge.
Mit ein bisschen Farbe und ein bisschen Puder dekorieren sich manche
an jenen Stellen,
die nicht so gefällig sind.
Andere dekorieren sich mit ein bisschen Nichts,
aus Trotz,
und um der Natürlichkeit willen.
Und ja, mit Worten auch, mit
Worten wie bunten Tüchern.

Fassade, so viel Fassade,
Tand,
Selbstdarstellung.

Um nicht, nein bloß nicht!,
sich selbst
so klein,
so menschlich klein,
klein und demütig,
− oder warum nicht einfach ganz einfach? −
verletzbar, so verdammt verletzbar
und angreifbar, auslachbar, unbequem,
sein zu müssen.
Nackt und wahrhaftig.

Substanz, wo versteckst du dich?
Und du, Wahrhaftigkeit? Und du, Essenz?

Ach, die Menschen, wie sie sich aufblasen,
um gesehen zu werden,
entdeckt zu werden,
gelobt, beachtet,
erwähnt und geliked.

Ach, Mensch.

Mut zur Pause

Es war heiß, doch keine Geschichte hat verdient, so anzufangen. Nun ja, immer noch besser als mit „Es regnete“ anzufangen – selbst wenn es das tat (also regnen) – oder mit „Ich träumte“.

Dennoch. Dass es heiß war, spielte womöglich nur eine untergeordnete Rolle. Heiß konnte es ja immer sein und fast überall. Zudem ist ein winterlich überheizter Büroraum so unangenehm wie ein sommerlich schwüler Platz in einer großen Stadt. Und natürlich gilt das ebenso für Regen – sogar wenn du drin bist – und für Träume.

Angenehm oder unangenehm hängt nicht zwingend davon ab, wie es wirklich ist, da draußen, sondern davon, wie wir etwas wahrnehmen. Und wie wir es annehmen. Wie wir uns diesem Es, diesem Etwas, diesem Zustand, diesem Umstand hingeben können. So wie alles, was wir wahrnehmen (fast immer) in eine unserer Wahrnehmungsschubladen fällt. Wobei wir manche Dinge natürlich auch mal so mal so wahrnehmen.

Regenwandern, hitzewandern, regenradeln, hitzeradeln – vielleicht sind die Umstände, die uns das Wetter beschert, doch nicht ganz so nebensächlich, nicht ganz so leicht dem gewünschten Vorankommen unterzuordnen?

Das Wetter, so philosophierten Irgendlink und ich heute vor einer Woche, kurz bevor wir nach 20 Tagen Rheinwandern (ab Quelle in den Bergen) den Bodensee ereicht hatten, das Wetter ist das einzige, das wir Menschen nicht wirklich beeinflussen können. Da: Der Fluss im Wort, der Einfluss. Ja, den Fluss, den Rhein, haben wir beeinflusst, ihn gezähmt und ihn darum zum immer wieder Überschwemmen gezwungen, weil ihm die Mäander fehlen, die seinen Überfluss relativieren könnten. Wir haben ihn zwischen Deiche – zwischen Doppel- und Dreifachdeiche – gezwängt, aber das Wetter? Das Wetter, nein, das haben wir nicht im Griff.

Ja, ich bin eine Schönwetterwanderin und -radlerin, dennoch lehrt mich das Wetter Demut. Nun ja, ich übe noch. Ich hadere schnell, weil es mir unangenehm ist, wenn ich allzu sehr schwitze, allzu sehr nass vom Regen werde.

Vielleicht ist es eine Frage der Haltung? Nein, nicht vielleicht. Es IST eine Frage der Haltung (und ja,  klar, eine gute Ausrüstung hilft, aber sie wirkt sich nur bedingt auf die Haltung aus und ersetzt diese keineswegs).

Unterwegs zu sein, fordert Mut. Und ja, es macht auch Mut, den eigenen Rhythmus zu finden und ihm entsprechend Pausen zu machen. Sich selbst zuliebe das eigene Tempo zu finden. Um der Ruhe willen, die dabei in uns wachsen kann.

Frau Rebis radelt mit ihrem Sohn von ihrem Zuhause in Süddeutschland nach Berlin. Sieben Tage sind die beiden bereits unterwegs. Frau Rebis twittert und bloggt. Und ja, auch sie macht Pausen, Denkpausen, in denen sie sich schreibend mit Fragen des Lebens auseinandersetzt, die uns alle – als Reisende ebenso wie als Alltagsmenschen – angehen und berühren.

Hier lang → geht’s zu ihrem Blog, das ich allen, die bewusst unterwegs durchs Leben sind, gerne zu lesen empfehle. Frau Rebis twittert hier.

Bank im Wald, an WaldwegZwei Räder an Straße, Lichtung, Pause - im Hintergrund HügelBeide Bilder sind von Frau Rebis, freundlich ausgeliehen.

Auch der Emil ist unterwegs – er pilgert zu Fuß auf den Spuren der Jakobspilger von Görlitz südwärts Richtung Vacha, auf der Via Regia, wie der Ökumenische Pilgerweg auch heißt. Damit erfüllt er sich zwei schon lange gehegte Wünsche: das Fernwandern zum einen, das Pilgern auf Jakobswegen zum andern. Hier → lang gehts zu seinem Blog. Und hier twittert der Emil und ich freue mich sehr, auch ihn als Leserin begleiten zu dürfen. Es ist sehr ermutigend zu sehen, wie er sich mit dem Wandern auseinandersetzt und vorankommt auf seinem inneren und äußeren Weg.

Tafel aus Stein mit dem Satz "Hör auf das, was du weißt, statt auf das, was du fürchtest." -Richard BachPause im Regen in einem Hütchen, mit Bank. Der Rucksack zum Trocknen auf der Bank, das braune Cape hängt an der Wand.Beide Bilder sind von Der Emil, freundlich ausgeliehen.

Unterwegs zu sein, fern der persönlichen Komfortzonen, ist eine Herausforderung, die ich je länger je mehr wertschätze. Es geht ums Vorankommen – innen und außen –, nicht primär um das Ziel an sich. Und ja, fast nebenbei geht es auch darum, sich selbst besser kennenzulernen, zu reifen, zu verstehen, in Kontakt mit sich und seiner Umgebung zu sein, zu bleiben, zu kommen. Dazu wechselt die Umgebung stetig, mal ist sie vertraut, fremd, lieblich, lärmig, wunderschön, garstig … vieles können wir im Voraus recherchieren, doch ein Faktor wird immer unberechenbar bleiben: das Wetter.

Für heute waren eigentlich Regenfälle angesagt gewesen, den ganzen Tag; hier jedenfalls. Doch als Irgendlink und ich heute um halb zwölf losgeradelt sind – er, um zurück zum Rhein zu gelangen und mit ihm weiter Richtung Norden zu fließen, ich, um ihm auf dem ersten Stück zu begleiten – war der Himmel zwar grau, aber trocken. Und ist es noch. Für mich definitiv die Schublade „angenehmes Radelwetter“.

Ja, ich gestehe es, ich bin froh, wenn die Menschen, die ich mag, wohlbehütet – will heißen unfallfrei und trocken, aber auch nicht allzu sonnenverbrannt – durch den Tag kommen, den sie draußen, unterwegs in der Natur, den Elementen ausgesetzt, verbringen.

Irgendlinks Reise am Rhein könnt ihr weiterhin hier (→ klicken) verfolgen.

Drei Flüsse werden einer. Im Vordergund Irgendlink mal links, mal rechts, dank Bildaufnahmetechnik als Panorama

Ankommen zu wollen?

Dieses weiße Blatt – nun ja, kein Blatt, ein Feld, ein Fenster, eine Fläche, ein Spiegel vielleicht sogar –, es sagt, es ruft, es befiehlt: Schreib. Und ich, ich zögere. Schaue diese weiße Fläche an. Und fühle mich leer. Nein, nicht leer, wortlos, nein, auch nicht … desorientiert womöglich.

Nicht, dass ich die Tastatur und das Schreiben auf ihr verlernt hätte nach den drei Wochen Touchscreen-Schreiberei unterwegs am Rhein, eher ist es so, als wüsste das Herz nichts mehr mit diesem Sesshaftsein hier und dem Laptop und dem Hier- und So-Sein anzufangen.

Viereinhalb, fast fünf Tage bin ich nun wieder daheim und es ist ein Daheim, das ich mag. Ein Dorf, in welchem ich mich wohlfühle. Ein Bett, in dem ich gerne schlafe. Ein Bad, in welchem ich mir gerne die Zähne putze, den Spiegel angrinse, die Dusche benutze. Eine Wohnküche, in der ich gerne koche und am Tisch sitze, essend, lesend. Doch, ja, aber … hm, ja, da ist ein Aber. Eins, das sich mir noch nicht so richtig zeigt. Und ich weiß nicht, was es mir sagen will.

Derweil lese ich weiter im Buch von Rachel Joyce, das den schönen Titel Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry trägt. Vor unserer Wanderung habe ich es zu lesen angefangen und nun wandere ich wieder weiter mit Harold, der nach vielen Nächten in Pensionen damit angefangen hat, draußen zu übernachten und dabei – ähnlich wie ich – zu merken beginnt, wie die Natur einen Menschen verändert. Ihn demütiger macht, bewusster, wacher. Noch mehr als ich stellt Harold dabei fest, wie wenig er eigentlich wirklich braucht, um den Weg, den er gehen will, gehen zu können.

Vor ein paar Tagen habe ich über den Kontrast zwischen dem Leben draußen und dem Leben drinnen auf Flussnoten, unserm Rhein-Blog geschrieben. (Dort drüben haben wir in den letzten Wochen über unsere Erlebnisse und Erfahrungen erzählt und dort hat es auch einige wenige Bilder.)

Die meisten Bilder aber haben wir noch nicht gezeigt, selbst noch nicht wirklich angeschaut. So viele Bilder. Ich muss sie erst mal sichten, einige davon auswählen und verkleinern, bevor ich einige hier und auf Flussnoten zeigen kann.

Schreib!, tönt es also, das weiße Blatt, und ich würde gerne. Ich würde gerne dort weitermachen, wo ich – … ja, was? – aufgehört habe? Geht das überhaupt? Immer weiter und immer weitemachen, bloß um …?

Anzukommen?

Wie wichtig ist das Ziel? Und wenn ja, wie sieht es überhaupt aus, mein Ziel? Ist es nicht vielmehr so, dass ich eine Unterwegse bin, eine die geht. Mal schneller, mal langsamer, und dass das Ziel nicht mehr als eine Illusion des Ankommens erzeugt in seiner ganzen Vorläufigkeit? Zugegeben eine erwünschte Illusion, eine wohltuende. Eine, die dem Leben seinen vorläufigen Sinn gibt. Geben kann.

Pause.

Ich erlaube mir inzwischen, häufiger Pausen zu machen als noch vor kurzem. Weil ich sie brauche. Weil ich mich erholen muss. Beim Wandern waren die getrockneten T-Shirts, die getrockneten Socken und Schuhe unsere Pausenmaßstäbe. Was es wohl im Alltag sein könnte? Werde ich mir treu bleiben können im Alltag, mir, meinem wiedergefundenen Tempo und meiner akutellen Gegenwärtigkeit?

Das Gespür für sich selbst. Ich habe es endlich wieder und ich will es nicht mehr verlieren.