Schweden im Rückspiegel #1 | Hinreise, Örebro & Uskavi

Hier zeigen ich euch ein paar Bilder von Schweden. Unter uns gesagt: Ich mache das in erster Linie für mich. Zur Erinnerung. Für den Alltag. Zum Innehalten.

Hinreise & die ersten zwei Tage in Örebro

 

Reise nach Uskavigården & die Tage am Uskavi-See

(Groß/Galerieansicht durch Draufklick)

Nach Hause

Kurz nach halb zwei zeigt das Handy an, das ich für einmal nicht aus-, sondern auf Flugmodus umgeschaltet habe. Es soll mich schließlich am Morgen um Viertel nach sechs Uhr wecken.

Türenknallen. Laute Stimmen. Erneutes, wiederholtes Türenknallen. Schritte im Flur. Stimmen. Als wäre es Tag. Keine geflüsterten Zimmerlautstärke-Dialoge. Ich gucke kurz aus dem Fenster, da ist nichts zu sehen. Die Stimmen kommen wohl aus dem Nachbarszimmer. Ich bin hellwach, poltere mit der Faust an die dünne Wand. Erneuere die Taschentuch-Ohropaxe und versuche wieder einzuschlafen. Eine Stunde und dreimal An-die-Wand-Poltern* später bin ich wohl doch wieder eingeschlafen (*jedes Mal mit Herzklopfen, weil ich mich ja a.) nicht ärgern will, da ich mit Ärger im Blut erst recht nicht schlafen kann und auch b.), weil ich nicht weiß, was mein Poltern womöglich provoziert).

Über Twitter habe ich gestern erfahren, dass Wandererheime hin und wieder auch als Asylunterkünfte benutzt werden. Das passt zu meinen Beobachtungen im Solna Hotel. Nein, ich habe überhaubt nichts gegen Asylsuchende, ich mag einfach gerne ruhige Nächte. Ob ich schon um vier aufstehen und zum ersten Bus gehen soll?. überlege ich mir. Falls ich nicht mehr einschlafen kann?

Trotz allem habe ich Verständnis, denn wer zigtausend Kilometer abenteuerliche Reise mit Schleppern und unter Gefahren überlebt hat, sage ich mir, kann über das Bedürfnis nach Nachtruhe, das ich dringend habe, nur lächeln – so er das noch kann. Dennoch: Wäre es nicht irgendwie integrationsfördernd, sich an die Gepflogenheiten des Gastlandes anzupassen? Könnte ich das? Wie wäre es für mich, in einem ganz und gar fremden Land klarzukommen?

Mit diesen versöhnlich-nachdenklichen Gedanken schlief ich doch wieder ein und wurde vom Wecker aus einem intensiven Traum geholt, in welchem ich bei Freunden, bei einem Besuch, beschlossen hatte, alles hinter mir zu lassen und nur noch zu wandern und zu reisen. Mit dem Rucksack. Ein ziemlich schräger Traum war das gewesen.

Eine kurze Dusche, ein Mini-Frühstück, Fertigpacken. Schließlich wanderte ich bereits um kurz nach sieben los – nach Järv Krog, von wo der Flughafenbus allviertelstündlich nach Arlanda fährt.

Ich war sogar schon rechtzeitig für den 7:45-Bus da, der aber erst um 7:59 eintraf. Kartenzahlung war kein Problem. (Hätte ich doch dem Bettler gestern … Hätte-hätte-Fahrradkette, sagt Irgendlink gerne.)

Ich verlasse in Unkenntnis des richtigen Terminals einfach mal bei Terminal 2 & 3 den Bus, muss daher den ganzen Weg zum Terminal 5, meinem Terminal, zu Fuß zurückgehen. Hier hat es keine Rollspuren wie an andern Flughäfen, und ich wandere gefühlt kilometerweit durch menschenleere Gänge. Darum bin ich froh, als ich endlich einen Gepäckwagen entern kann.

An “meinem” Schalter wartet niemand, die meisten Mitreisenden sind offenbar schon drin. Ich kann schnell einchecken, doch beim Handgepäck-Durchgang pfeife ich. Alarm! Bei mir! Es sind offenbar die Schuhe, die das Pfeifen ausgelöst haben, aber mit denen ist dann doch alles in Ordnung.

Das Handyladegerät piepst auch, auf dem Band, die Kontrolliererin packt deshalb mein Stoffrucksäcklein aus. Ooops, das Ladegerät! Das hatte ich ganz vergessen.

Der Flug startet eine Viertelstunde zu spät und kommt zehn Minuten zu spät in Düsseldorf an.

Hier warte ich nun, dass ich um 14:20 endlich einborden kann. Es ist schon okay, dieses Hin- und Herreisen, aber ich bin immer wieder froh, wenn ich jeweils wieder “draußen” sein kann. Flughafengebäude sind surreal-künstliche Welten, die für mich nicht wirklich attraktiv sind; nur Mittel-zum-Zweck, mehr nicht.

Nach drei Wochen Hochdeutsch und Englisch bin ich gespannt, wie mir das Schweizerdeutsch bekommt.

Apropos Schweiz: Die hat ja heute Geburtstag. Ich hoffe, dass ich deswegen unbehelligt heimreisen kann. Ich mag die Schweiz, wirklich, aber so Feuerwerkfestivitäten wie es der 1. August inzwischen geworden ist, brauche ich nicht wirklich.

Dennoch kommt langsam Heimkehr-Freude auf. Mein Bett, mein Bad, mein Gärtchen. Und mein Laptop. Ans kaputte Auto denke ich lieber nicht.


  
  

Stockholm erleben

Nachdem ich am Morgen die etwa drei Wanderkilometer entfernte Busstation Järva Krog ausfindig gemacht habe, inklusive einiger Umwege, habe ich in Ulriksdal kurz vor zwölf meinen Zug genommen. Nach Stockholm.

Wie ein Kind kam ich mir vor, das mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen durch die Stadt stromerte. Wenn ich wieder daheim bin, werde ich eine kleine Stockholm-Bilder-Galerie nachliefern, versprochen!

Heute nur ein paar wenige Impressionen. Vom Bahnhof aus habe ich mich einfach treiben lassen. Richtung Süden, Richtung Gamla Stan, Richtung Altstadt, Richtung Schloss.

Immer wieder innehalten. Bilder einfangen – innere ebenso wie mit der Handykamera. Mich hinsetzen. Ein paar Tweets schreiben.

Eine Weile hatte ich, wie viele andere Menschen, an der Sonne, auf den Stufen vor der Concert Hall gehockt, das Markttreiben auf dem Platz beobachtet und dabei den Klängen aus dem Innerrn gelauscht, bevor ich mich durch die offenen Türen gewagt habe.




Beeindruckt und berührt hat mich die in der Concert Hall gezeigte Photoausstellung von Elisabeth Ohlson Wallin namens Ack Sverige, du sköna. Oh Schweden, du Schöne.



Wallins Blick auf ihr Land ist liebevoll, weit, ungeschönt, tolerant und lebensnah. Bettler, Demonstrierende, Konsumierende, Betrunkene, Tiere, Menschen … Es ist dieses Schweden, das ich auch sehe und wiedererkenne, wenn ich diese Bilder betrachte.

Wie würde ich meine schöne Schweiz wohl analog zu Wallin ausdrücken?

Mit verändertem Blick bin ich weitergezogen und stellte er einige Zeit später fest, dass ich einen anderen Blick drauf hatte: Ich sah mir die Menschen an. Sah ihre Schönheit, sah all das Unperfekte, das uns Menschen ausmacht. Sah traurige Augen. Lachende Gesichter, verbissene, resignierte. Und ich sah die vielen Kinder, Kinderwägen, Eltern. Zwei sich kreuzende Kinderwagen. Die zwei Minis darin hätten am liebsten gebremst und einander ein bisschen die Welt erklärt. Die Eltern gingen einfach weiter.

Kommunikation überall. Und auf einmal mag ich kaum mehr gehen. In der Nähe des Schlosses auf der Insel trinke ich einen Grüntee und genieße dazu ein Stück Blaubeerstreuselkuchen, lese ein bisschen in meinem Buch und erhole mich ein Stündchen.

Nachher endlich das Schloss. Nicht unnahbar.


  
Mitten drin in den Gassen. Unglaublich viele Touristen. Noch mehr Bettler als sonstwo in der Stadt. Ein Gitarre-Geige-Duo spielt Folk und ein Zwejähriger tanzt dazu mit Eis-am-Stiel um sein Leben.

Ich fühle mich wohl. Zurück auf dem Festland ein weiteres Päuschen. Sonne satt. Überall Parks und Menschen. Frohe und traurige.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof spült es mich in einen Outdoorladen. Hach. Ich kaufe mir ein Doppelpack Socken. Kann ich immer brauchen und ist eine schöne Erinnerung.

Im Buchkiosk beim Bahnhof kaufe ich mir das letzte Mal eine schwedische Zimtschnecke. Mein Lieblingsgebäck.

Der Zug steht schon da, als ich den Bahnsteig betrete und fährt ab, kaum habe ich mich gesetzt. Im Hemsköp brim Bahnhof Ulriksdal kaufe ich Käse, Brot und Bier, und un ja, das letzte Mal ein paar Goodies – fürs Abendessen und als Reiseproviant für morgen. Ich muss früh los, um 8 Uhr fährt mein Flughafenbus.

Als ich aus dem Laden komme, wühlt der Bettler, der vorhin am Ladeneingang gehockt war, offenbar erfolglos in den nahen Müllcontainern. Ich hatte ihm eigentlich ein paar Münzen geben wollen, doch nun hatte ich nur noch knapp das für morgen nötige Busgeld im Beutel.

Ob ich ihm meine Einkäufe überlassen soll? Oder mein letztes Geld, hoffend, dass ich im Bus mit Karte zahlen kann. Er sieht nicht, wie ich grüble und unverrichteter Dinge an ihm vorbeigehe, denn er hat nun den nächsten Container geöffnet. Ich gehe immer weiter. Bleibe ein paar Mal stehen. Gehe schließlich ohnd ihn zu unterstützen zurück ins Hotel. Beschämt.

Mein Finale in Schweden – Stockholm/Solna

Da bin ich nun also, in Solna, einem Vorort von Stockholm. Dem Köniz von Stockholm. 

Die Reise im Schnellzug Falun-Stockholm verlief, trotz der vielen Leute, angenehm. Joyce holte mich mittendrin an meinem Platz ab und lud mich im Speisewagen des Zuges zu einem Tee ein. Wir erzählten uns weitere Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse aus unseren Leben. Diesmal war eher ich dran – sie wollte mehr über meine Arbeit als Schreiberling, als Künstlerin wissen. Dummerweise hatte ich im Zug nach Stockholm – nach dem vielen Tee – vergessen, nochmals aufs WC zu gehen. 

So irrte ich ein wenig über Druck durch den riesigen Stockholmer Bahnhof, den ich ja vor fast drei Wochen bereits, allerdings von einer anderen Seite her, erlebt hatte. Damals war ich einzig bestrebt gewesen, möglichst schnell nach Örebro, zu Jürgen, zu kommen. Gestern wollte ich erstens ein WC finden und zweitens die beste Verbindung nach Solna. 

Meine Recherchen hatten eigentlich die Haltestelle Ulriksdal als optimalen Zielpunkt ergeben, doch die junge Frau am Touristinfo sagte, der nächste Zug zu meiner Destination fahre nach Solna Centrum oder Solna Station. Und es gäbe dort Busse. 

Da ich kein Kleingeld mehr hatte, konnte ich nicht aufs 10 Kronen teure WC. Und beim ersten Infoschalter funktionierte meine Karte mal wieder nicht. Wie seltsam!

Am Bankomaten zog ich mein vermutliches letztes Feriengeld und konnte damit schließlich doch noch ein Ticket nach Solna kaufen. Die Frage, was ich tun würde, wenn meine beiden Bankkarten nicht funktionieren würden, blieb zum Glück nur ein Gedanke. Kein sehr schöner, ich gestehe es.

Das erhaltene Ticket wollte mich zuerst nicht auf den Bahnsteig lassen, doch bei der zweiten oder dritten Schleuse ging es endlich doch. Mein Zug war eben abgefahren, so wartete ich eben eine Viertelstunde auf den nächsten. Vorortzüge haben, so begriff ich bald, keine Toiletten. Nun denn …
Solna C. Was für ein seltsamer Bahnhof. Die erste der vielen Baustellen, die ich in Solna sehen würde. Eine Art Stadion wurde hier aufgebaut, mit Tribünen, und über eine Gittertreppe gelangte ich, leider auf der falschen Seite des Bahnhofes, aus dem Areal desselben. Mein GPS-Kit, in das ich zum Glück am Abend vorher die Lage des Hotels markiert hatte, lotste mich nordwestlich. Da ich blaue Wege hatte, Wander- und Radwege, schaute ich nicht wirklich genauer hin. Zumal ich einen See und einen Wald ausmachte. Ein Ort, wo ich pinkeln können würde.

Bald war ich mitten in der Natur. Und zugleich mitten in der Neubausiedlung Nummer eins. Hochhäuser, die für mich so gar nicht nach Schweden passen, werden hochgezogen. Eins neben dem andern. Keine hässlichen wenigsten, ziemlich schöne sogar. Sehr hohe und halbhohe – da soll eine neue Menschheit wohnen. Eine neue Stadt in der Stadt. Da. Dort. Überall. Außer am See. Da konnte ich aufatmen. Eine schöne Wanderung das! Und ich hatte wieder einmal begriffen, das zwei Kilometer Luftlinie am Schluss fast sieben Kilometer Gehweg sein können. Wenn nämlich, wenn ich auf einmal eine Autostraße überqueren muss, um endlich in dieses Quartier da drüben, wo das Hotel steht, erreichen will. Mein Wanderweg war nämlich durch eine zweispurige Autoschnellstraße vom Wohnquartier dort drüben abgeschnitten. Spiralförmig näherte ich mich meiner Unterkunft. Hotel und Wanderheim. Ausgeschildert war es erst unmittelbar vor der letzten Abzweigung. 

Was soll ich sagen? Ein bisschen erinnert mich das Gelände hier an die Flüchtlingsunterkunft, in der ich vor vielen Jahren gearbeitet hatte. Ein paar Baracken, falunrot gestrichen, mit je ca. 15 Zimmern verschiedener Größen, eine Küche in der Mitte und Dusche/WC mal im Zimmer, mal nicht. 
Meins mit. Zum Glück. Auch günstig hat eben seinen Preis. Das Zimmer ist okay, das Bett bequem, die Aussicht auch, ich sehe grün und Bäume, wenn ich rausgucke. Ganz und gar funktional. Praktisch. Ohne Schnickschnack. Außer dem einen Bild, einem nicht mal hässlichen Etwas, sehr untypisch für Schweden, wo jeder Raum dekoriert ist und mit Lampen an den Fenstern geschmückt.

Das Zimmer hat eine Türschließautomatik, was Menschen – auch mich – dazu verführt, die Türklinke gar nicht erst zu halten, sondern die Türe ins Schloss fallen zu lassen. Wie sich das morgens um 5:15 anfühlt? Nun ja, das weiß ich jetzt. Die Gebäude sind sehr hellhörig, Duschen, Schritte, Stimmen, Lüftungen und alles, was in so einem Haus eben an Geräuschen möglich ist, wird sozusagen live übertragen. Ohropax steht oben auf meiner Tagesliste.

Free-Wifi gibts nur drüben im Rezeptionshäuschen, wo es auch Frühstück und Kaffee gibt. Der Süßigkeitenautomat hatte gestern Abend noch ein Paket Chips und ein oder zwei Goodies vorrätig. Nein, ich leide hier nicht. Ich finde es spannend. Ich bin zwar fast die einzige Frau und das Gros der Gäste ist international und dunkelhäutig, aber ich fühle mich nicht unwohl und habe gut geschlafen. Ohropax aus Taschentuch (mit Spucke weichgeknetet) gehen zur Not auch. Heute will ich nach Stockholm, aber ich will auch herausfinden, wo morgen mein Bus nach Arlanda fährt, frühmorgens, denn um halb neun sollte ich dort sein. 

Über Düsseldorf werde ich zurück nach Zürich fliegen. Werde. Klingt irgendwie unwirklich. Unmöglich fast. 
Zumal es heute und hier schön ist, schön da draußen, schönes Wetter. 

Das Frühstücksbüffett überrascht mit Oppulenz. Hach …

Habt auch einen schönen Tag, ihr alle!

 

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Nach Stockholm

Was für ein Abschied! Das Haus geputzt, das geliehene Rad zurück und nun gilts ernst. Wir spazieren die anderthalb Kilometer zum Bushäuschen mit gemischten Gefühlen – ein bisschen Vorfreude auf das vor uns liegende, viel Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit in Falun, Trauer wegen des bevorstehenden Abschiedes. 

Wir sind zu früh. Gut so. Abschiede, die ich nicht mag herauszögern mag ich ein bisschen weniger als nicht.

Irgendwann kommt der Bus dann doch. Schwedenpünktlich. Die letzten Münzen reichen für das Ticket in die Stadt.

Winken, bis wir uns nicht mehr sehen. 

Habs gut, Liebster!, denke ich, weiß, dass er ähnliches denkt. 

Eine halbe Stunde später stehe ich an Faluns Busstation, spaziere rüber zum Bahnhof und überlege unterwegs, wie das nun weitergeht. Ob es einen Zug oder einen Bus gibt. Nach Borlänge? Nach Gävle? Geguckt habe ich im Voraus schon, aber stimmen die Verbindungen?

Der ultrahochmoderne Billettautomat sagt, dass mein favorisierter Zug nur noch 1.Klasse-Tickets hat. Soll ich? 680 SEK ist doch sauviel Geld. Der Zug um 15:40 hat noch 2.Klasse-Tickets für 421 Kronen. Hm. Aber solange warten? Oder nochmals in die Stadt? Mit Rucksack? 

Ich gehe in der Halle hin und her. Frage schließlich eine junge schwedische Frau, wie man am besten und günstigsten nach Stockholm komme. Sie sagt, nach einem Blick auf ihr Handy, das gleiche wie der Automat. Die Züge nach Gävle sind wegen eines Brandes durch Busse ersetzt worden. 

Auf einmal steht eine dritte Frau bei uns. Sie will auch nach Stockholm. Wir entscheiden, den 15:40-Zug zu nehmen, lösen je ein Ticket und machen es uns in der Halle gemütlich. 

Joyce ist Französin, wir bleiben aber bei englisch, verlassen bald das seichte Smalltalkgewässer, erzählen uns unsere Leben, lachen viel, sehen da und dort Parallelen; so vergeht die Zeit wie im Flug.

Nun sitze ich im Zug nach Stockholm, Richtung Süden, Halt in Borlänge, habe Free-WiFi, Wagen 4, Platz 46, und nun wirds voll. Vollstille. Vorhin noch stille Halbfülle. 

Joyce sitzt im Wagen zwei, wir werden uns später treffen.

Irgendlink ist bereits in Böle. Verrückt das. Eben noch zusammen Wohnung geputzt und jetzt das.

  

Naher Abschied

Ich hasse Abschiede. Mal wünschte ich mir im Voraus, es wäre schon hinterher, und mal möchte ich die Zeit anhalten. In einer solchen Blase drin, einer  chronologisch gesprochen bevorstehenden, befinde ich mich jetzt. Morgen um die Zeit gehen wir beide, Irgendlink und ich, wieder unserer eigenen Wege. Er nordwärts, weiter #ansKap, ich südwärts nach Stockholm, von wo aus ich am Samstagmorgen wieder zurück in die Schweiz fliegen werde.

Verdammt komisch ist mir zu Mute. Abschied ist eins. Das andere, dass ich irgendwie aus der Zeit gefallen bin. Schaue zurück, in meinem Blog, im Fotoordner auf dem Handy und vor allem in mir selbst drin, und betrachte den Schatz neuer Erlebnisse und Erfahrungen, hadere mit dem Gedanken, zu wenig aus der Zeit mit Irgendlink gemacht zu haben (sprich: zu wenig erlebt zu haben) und stelle im gleichen Atemzug fest, dass das gar nicht möglich ist. Wäre. Ist. Wir hätten vielleicht mehr Dinge erleben können, mehr Dinge besuchen, anschauen, fotografieren, was-immer-noch, doch mehr-mehr-mehr ist ja genau nicht das, was wir wollen. Er nicht, ich auch nicht. Es geht um das Weniger-im-Viel und darum, dieses Viele, das im Wenig drin ist, auszukosten. Es mit allen Sinnen wahrzunehmen. 

Wie das kalte Bad im See. Wie den Blick in die Weite gestern von der Schanze aus. Wie den Blick ins Mittelalter der Amputationen im Kupfergrube-Museum. Dazu die Zeit am Uskavisee, die mir schon fast unwirklich fern erscheint. Und Örebro, mit Ray und Jürgen – schon ewig und einen Tag entfernt vom Jetzt.

Die Zeit, die Zeit. Sie ist grad total unwirklich. Ich könnte überall sein, jetzt, hier, auf dem Sofa, wo ich sitze, pure Ewigkeit. Alles. Nichts. 

Und morgen, morgen schon werde ich in die schwedische Hauptstadt fahren. In Solna, einem Vorort im Norden der Stadt, habe ich ein sehr günstiges Hotelzimmer gefunden, von wo aus ich am Freitag die Stadt ein bisschen erleben will. Auf meine Weise.

Unwirklich das alles. Als wäre ich Teil einer Geschichte, die jemand schreibt. Eine Spielfigur. Teil eines Bildes, das ich nicht kenne.

image
Teil eines Ganzen

Heute. 

Jetzt werden wir wohl, es ist kühl hier und bedeckt – ähnlich wie heute wohl auch in der Schweiz und in Deutschland – ein wenig spazieren gehen. Am Haussee, Runn mit Namen. Keine großen Geschichten. Einfach nur sein.
Verortet bin ich zurzeit nicht. Nirgends. Ich bin eine Seiende, das schon, aber eher ohne Bodenhaftung. Vielleicht ist es das, was reisen eigentlich ist? In sich selbst Heimat gefunden habend?! 

Und doch – ein bisschen Bodenhaftung tut mir schon auch immer wieder gut. Und ein klein bisschen, ich gestehe es, freue ich mich ja auch immer auf das Bett daheim. Auf die Badewanne. Das Sofa. Das Gärtchen.

Aber eben. Ich bin auch eine Reisende. Eine Ruhelose, meinetwegen. Eine Sucherin und eine Gefundenhabende. Eine Loslasserin ebenfalls. Und eine, die anzunehmen lernt. Das, was ist.

Auf der Sprungschanze

Gestern, als wir die Kupfergrube Faluns umradelten, entdeckten wir am andern Ende der Stadt, im Norden, eine Sprungschanze.

Im Februar 2015 fanden dort wichtige internationale Wettkämpfe statt. Obwohl ich mit Hochleistungssport wenig bis gar nichts am Hut habe, gibt es doch ein paar Sportarten, die mich immer faszinierten. Skispringen gehört dazu. Selbst zu springen würde ich mich ja nie trauen, aber zugucken finde ich echt geil.

Als Irgendlink heute vorschlug, dahin zu radeln, war ich schnell angefixt. Auf der Karte war der Ort schnell gefunden und so sattelten wir flink unsere Stahlrosse.

Tickets für die Standseilbahn und das Museum bekamen wir in der Idrottshallen, dem Sportmekka Faluns.

Was soll ich sagen? Ich mag hohe Orte, wo man übers Land blicken kann. Und hier, hier oben, konnte man sogar sehen, wie und woher die SkispringerInnen fliegen.

Sprungschanze Falun

Wird Irgendlink #ansKap springen?
 
 
Vor der Besteigung des Turms
  

Gleich steigen wir auf den Turm
    
 
von oben herab I
 
 
von oben herab II
 

Wieder unten setzen wir uns zu Kaffee und Zimtgebäck ins Café in der Idrottshallen und appen drauflos.

Auf der Rückfahrt bleiben wir auf dem Bahnhofsareal hängen … tja. Da bröselt Falunrot gar unwiderstehlich.

Container beim Bahnhof Falun

Von Schlössern und Schlüsseln

Mag sein, dass ich in früheren Artikeln schon darüber geschrieben habe, wie ich immer mal wieder über den Sinn von Schlüsseln nachgrüble. Nicht, dass ich nicht ihre relative Notwendigkeit einsehe; was mich nervt, ist unser Menschsein, das solche Notwendigkeiten hervorbringt.

Ein Welt ohne Schlüsselbünde, ohne PIN-Codes, ohne Passwörter & Schlüsselkarten, ohne verschlüsselte Was-auch-immers. Zuerst einmal müsste sie eine Welt ohne Diebe, ohne Hacker werden, sein, und eine ohne Neid. (Das vor allem.) Doch solange wir selbst, wir Menschen, viele, die meisten, mit einem ständigen Mangelgefühl durchs Leben gehen, wird geklaut werden.

Den Gedanken trotzdem einfach mal weiterzudenken: die Haustüre jederzeit und überall auf der Welt offen lassen zu können, das Fahrrad, das Auto unabgeschlossen abzustellen, fühlt sich ziemlich fremd und zugleich ziemlich erstrebenswert an. Für mich jedenfalls.

Wer wohl den Schlüssel erfunden hat? Keine Frage, eine schlaue Sache das. Das Geschäft mit der Sicherheit ist eh ein großes Ding. Aber. 

 

Bahnhof Falun | Schlösser für den Müll
 
Beim Zelten, auf Zeltplätzen, gibt es keine Schlösser. (Das Zelt selbst ist unser Schloss. Unser Kastell.) Wir nehmen zwar die Wertsachen immer mit, wenn wir den Zeltplatz verlassen, das schon, dennoch habe ich wohl einfach Vertrauen. Dass sich in dieser kleinen Welt keine Diebe tummeln? Eher wohl darein, dass mein kleiner Besitz niemanden zum Klauen verführt.

Was ich mit alledem sagen will? Nichts. Oder alles. Oder einfach nur, dass ich Schlüssel und Schlösser doof finde. Klauen auch. Dass ich es schöner fände, wenn wir alles offen lassen könnten, wenn wir alle den Besitz und die Grenzen aller andern von Natur aus respektieren würden. Wohl auch, dass ich immer mal wieder von einer heilen Welt träume. Und dass es in dieser heilen Welt ganz bestimmt keine Schlösser brauchen würde. Und keine Schlüssel. Codes schon gar nicht. Und Passwörter? Die kannst du dort getrost für immer und einen Tag vergessen.