So viele Seiten

So viele andere Seiten gibt es. Und außerdem ist jede Seite von der andern Seite aus eine andere Seite. Sozusagen.

Das Thema, das wir aktuell in unserer virtuellen Bildergalerie Pixartix ausstellen, ist sehr, ähm, nun ja, vielseitig, sozusagen.

Und diesmal hatte ich es wirklich sehr schwer gehabt, mich bei der Beitragsauswahl einzuschränken. Darum zeige ich hier einen Teil jener Bilder, die im Laufe des Auswahlsverfahrens, in den Auswahlordner gesprungen sind.

Viel Spaß mit meinen vielen anderen Seiten …
(groß durch Draufklicken)

Patchwork mal wieder

Eigentlich will ich schon seit Tagen ein paar der Bilder von Peter Padubrin-Thomys zeigen. Am Sonntag,  in Dahn, waren wir sie gucken. Und Dahnspiegeln auch gleich. Das sieht dann so aus:

Dahnspiegeln_gerahmt

12fingerdahn_by_juergenrinckÜber den Zwölffingerdahn gibt es bereits Gerüchte. Dass es ihn wirklich gibt. Dazu Bilder. Zumindest eins. Von mir. Mit Irgendlink drauf und von ihm schön gerahmt. Ich war dabei. Ich habe es gesehen.

Man schaue, staune und zähle. Aber richtig!

Aber das ist es ja eigentlich nicht, was ich bloggen wollte. Sondern die Ausstellungsbilder. Ich durfte nämlich fotografieren. Und ich mache euch liebend gerne auf diese Ausstellung aufmerksam. In Dahn, wie gesagt, in der Rheinland-Pfalz, in den roten Bergen sozusagen, in der Kreisgalerie an der Schulstraße 14.

Und dann Dahn. Wie gesagt. Gespiegelt. Und auf dem Kuckucksfelsen unterwegs. Kletternd, wandernd, still.

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Nun ja. Mit Dahnspiegeln ist es heute nicht getan. Am Abend dieses wunderbaren Sonntags dann die Rückkehr in meine Wohnung in der Schweiz. Bürotage. Viel Arbeit. Die Zeit vergeht im Flug. Die Arbeit macht Spaß. Und ist sinnvoll. Auch wenn ich noch immer vieles überhaupt nicht kapiere, wächst doch das Bild allmählich …

Gestern dann die große Überraschung: Vier Frauen haben ein gemeinsames Datum und einen gemeinsamen Ort gefunden, sich zu treffen. Zwei davon, Ulli und ich, kennen sich bereits. Die andern beiden kennen wir nur per Blog und per Mail. Kerstin Eckisoap (die Quasi-Gastgeberin), die Mützenfalterin (die Initiatorin), Ulli und ich werden ein gemeinsames Wochenende in einem Kloster verbringen. Im Norden. In der Nähe von Berlin. Und nein, nicht um zu beten. Zu arbeiten vermutlich auch nicht. Aber zu erzählen wird es sicher so einiges geben. Und zu hören auch.

Voll krass: Ich habe einen Flug gebucht. Berlin-retour. Mir zuliebe. Die Alternative „Nachtzug“ wäre nicht wirklich günstiger gewesen – preislich vielleicht ein paar Euronen – aber ich wäre unausgeschlafen und quengelig angekommen. Und womöglich mit Kopfweh wegen der Müdigkeit. Nein, das will ich nicht. Wenn schon, denn schon. Manchmal muss frau über ihren Schatten springen fliegen. Und warum auch nicht mal gegen alle Prinzipien verstoßen, die man nicht hat?

Und jetzt? Jetzt bleibt die Vorfreude. Wie ich mich freue! Nur noch neun Mal schlafen.

Alles für die Katz’

Sonntagmorgen. Wir liegen im Hochbett. Gemütlich ist es unter den warmen Decken. Zeitlos. Unten die über Nacht abgekühlte Restwohnung. Kalt. Ungeheizt. Beide haben wir keine Lust, aufzustehen.

Mietze
Sie kann auch anders.

Die Katze hört, dass wir wach sind und macht sich bemerkbar. Sie kennt ihre Bedürfnisse und meldet sie an. Hunger. Wenn sie nur zum Pinkeln raus müsste, könnte sie. Die Katzenklappe ist ja auf.
Ähm, ist sie auf? Ich habe sie jedenfalls gestern Nacht nicht zugemacht, sage ich. Der Liebste ist sich allerdings nicht sicher, ob er sie womöglich vor dem Zubettgehen doch zugemacht hat. Zumal er sie am Tag zuvor versperrt hat, damit nicht wieder andere Tiere reinkommen. Also: zu oder offen? Muss Mietze also nur aufs Klo oder hat sie richtig schönen Hunger und nervt deshalb so herum?

[Nervt sie herum? Tja, Wahrnehmungen sind mal so, mal so. Für den gleichen Sachverhalt.]

Und ja, Katzen sind eigentlich ganz schön toll und haben uns was wichtiges voraus: sie werten ihre Bedürfnisse nicht. Sie haben sie einfach. Und sie melden sie einfach bei jenen an, die sie ihnen erfüllen können. Sie wissen: Futter bekommt man in der Regel vom Persönlichen Personal, das sich manchmal wichtig Herrchen nennt. Wie also mitteilen, dass man Hunger hat, wenn das PP kein Kätzisch verstehen will? Ein bisschen Hin und Her gehen, das mag er nämlich nicht und tut dann was dagegen. Eine sehr einfache Strategie. So einfach, dass es schon wieder genial ist.

Wir denken darüber nach, warum Menschen, insbesondere sogenannt erwachsene, es nicht ähnlich machen. Warum sie sich mit ihren Bedürfnissen zuweilen so schwer tun. Scham empfinden. Sich schwach und unkuhl fühlen, wenn sie auf einmal bedürftig sind.

Mietze lebt eigentlich nur hier, weil sie weiß, dass wir ihr Futter geben, sagt Irgendlink. Sie ist eigentlich wild, undomestiziert. Und das weiß sie auch.

Und sie weiß genau, dass wir es auch wissen.

Sein, einfach.

Gestern. Auf dem einsamen Gehöft liegt Frühling in der Luft . Wir wandern in die Stadt herunter, treffen in der Stadt einen Bekannten, der mir versichert, dass seine Partnerin regelmäßig mein Blog lese (winkewinke, liebe L. und dankeschön!), besuchen danach eine Freundin und wandern wieder hoch.
So einfach. So banal. So schön. So wohltuend.

Alle Bilder werden groß durch Draufklick.

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Küsschen?

Und heute? Heute roch die Erde, die nassgeregnete, nach Gedeih. Von Verderb keine Spur. So zog es uns nach dem Regen raus in Wälder und über Wiesen & Felder…
So einfach. So banal. So schön. So wohltuend.

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Und weil gestern das Jahr der Holz-Ziege begonnen hat (was ich allerdings nichts wusste), gibts ab sofort nichts mehr zu meckern! Und schon gar nicht bei mir und meinem Geisslein (auf meiner neuen Handyhülle).

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Geheime Flaschen #1 – Mein Feierabend

Nun ja, als ich neulich über geheime Flaschen nachdachte, diesem Begriff, zu welchem mich Karl Ove Knausgårds Buch STERBEN inspiriert hatte, hatte ich – ganz ehrlich – nicht wirklich vor, geheime Flaschen öffentlich zu öffnen.

Nachdem ich den vorletzten Artikel geschrieben hatte, telefonierte ich abends mit dem Liebsten und wir redeten über all diese Dinge, die jeder hat und tut und doch niemandem davon erzählt. Nicht weil sie böse wären und noch nicht einmal peinlich müssen sie sein; eher sind sie banal. Zu banal, darüber zu sprechen. Warum es Karl Ove Knausgård tut, tun musste, und dazu noch so erfolgreich damit geworden ist (so erfolgreich, dass sich sein Buch nicht nur in Norwegen, sondern auf der ganze Welt verkauft), gibt mir zu denken. Zumal er dieses Erzählen auf sehr unspektakuläre Weise tut. Ganz und gar nicht masochistisch und auch nicht auf eine sich selbst gut darstellende Weise. Eher geradezu objektiv. Dennoch ist er jederzeit mitten in seinem Erzählen sicht- und spürbar. Ich kann ihn zuweilen beinahe riechen und sehen und seinen Händen beim Putzen der versifften Wohnung seines kürzlich verstorbenen Vaters zuschauen.

Warum kann mich – und offenbar auch viele andere Menschen – ein solches Buch, das kaum Spannungsbögen hat, so packen? Weil es mich berührt? Das ist es nämlich, was mit mir geschieht. Ich bin Beteiligte, nicht Voyeuristin, wenn ich dieses Buch lese. Ich verschlinge es nicht, wie ich es oft mit anderen Büchern tue; ich horche, ich schaue zu, ich sitze mit Karl Ove und Yngve am Tisch, wo auch die Großmutter sitzt und apatisch raucht. So was von banal.

Warum also, warum kann so viel Alltag so faszinierend sein?
Warum lese ich so gerne Gedanken und Geschichten anderer, die mitten aus dem Leben erzählt werden?

Ist mir das Leben anderer ein Spiegel meines eigenen Lebens?

Ist es diese Resonanz, die ich im andern und die der andere und die andere in mir erzeugen?

Ist es das Unbekannte oder ist es – im Gegenteil – das Vertraute, was mich zuhören, hinschauen, weiterlesen lässt?

Empathie? Neugier?

Ist es gar die Sehnsucht nach mehr Selbsterkenntnis?
Selbsterkenntnis des einzelnen als Anfang von Veränderung einer ganzen Gesellschaft.

Ach, da war doch neulich dieser Satz, irgendwo, der besagte, dass Gegenwartskunst immer den Nährwert der jeweiligen Gesellschaft sichtbar mache. Nein, es hieß nicht Nährwert, es hieß anders. Bloß wie? Ach, ihr wisst schon: Was war zuerst da, die Kunst oder die Gesellschaft?

Eine Gesellschaft von Drauflosschreibenden sind wir. Drauflos schreiben: Blogs und soziale Medien sind unsere Tummelplätze. Zuweilen überlege ich mir, alle diese Räume zu verlassen und nur noch das reale Leben zu leben. Bald würde es mir fehlen, das weiß ich, dieses Drauflosschreiben, dieses Gedankenteilen, denn ich mag es. Und ich mag jenen Austausch, bei welchem nicht jedes Wort in Gold aufgewogen werden muss. Wo ich frei denken kann. Wo ich auch mal drauflos spinnen kann. Wo ich augenzwinkernd oder kritisch meine Mitwelt betrachten kann.

Jetzt. Feierabend.

Ich sitze am Tisch, neben mir ein halbvolles Glas Tee. Gleich werde ich den Laptop auf mein Fernsehtischchen mit den Rädern tragen und ihn mit dem Verstärker verkabeln, damit ich den Film, vermutlich eine Serie von Soko Leipzig, über die Boxen hören kann. Kinofeeling. Ich werde mich aufs Sofa werfen. Aber vorher hole ich vielleicht eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, und ja, vielleicht auch etwas zu naschen.

Später, im Bett, lese ich vielleicht noch einige Seiten Knausgard. Nach dem Film. Oder ich schlafen einfach. Bin müde. Heute war ein strenger Arbeitstag im Büro. Aber gut ist, dass ich immer sauviel Arbeit habe. Ich bin gerne dort, in meiner Schule. Die Zeit vergeht wie im Flug und die Arbeit macht mir noch immer – und hoffentlich auch weiterhin – viel Spaß. Morgen um halb eins beginnt mein Wochenende. Eins, das ich mal wieder beim Liebsten auf dem einsamen Gehöft verbringen werde.

So, das war sie jetzt aber. So viel zu meiner ersten heimlichen. Flasche. Sie heißt Feierabend. Und ich habe erfolgreich abgelenkt von jener, auf die mich der Liebste neulich am Telefon aufmerksam gemacht hat. Sie heißt Angst.
Cheers.

Von Möchtegern-Wahrheiten

Er will bestimmt zum Wehr spazieren, zur Brücke bei der alten Spinnerei. So notiere ich es mir ins Handy. Keine fünf Minuten nachdem wir das Haus verlassen haben. Ziel: unbekannt. Einzig haben wir abgemacht war, dass er heute sagen würde, wohin wir wandern. Tags zuvor hatte ich nämlich die Route unseres Spaziergangs gewählt. So machen wir es zuweilen, wenn beiden egal ist, wo wir hin gehen, Hauptsache, ein bisschen raus. Hauptsache, ein bisschen die Füße vertreten.

Hätte ich nicht gesagt, dass ich wisse, wo es ihn hinziehe, als er die erste Richtungswahl vor dem Haus getroffen hat – ganz rechts, den Rain abwärts – wären wir ziemlich sicher genau dort gelandet. Beim Wehr. Bei der alten Spinnerei. Wie von mir vorausgesagt. Vielleicht ziemlich sicher.

Hätte ich nichts gesagt, hätte er nicht geantwortet. Hätte er nicht gesagt: Bin ich so leicht vorhersehbar? Und ich hätte wohl auch nicht lachend mit: Nicht immer, nur heute! geantwortet.

Wären wir woanders hin als da, wo wir hin sind, wenn ich nichts gesagt hätte? Und wenn ich nichts gedacht hätte? Oder wären wir doch genau dort, wo er – auf einer Metaebene, die ich nicht erahnen kann – im Grunde der Dinge die ganze Zeit schon hingewollt hatte?

So wandern wir also quer durchs Dorf, über eine Aarebrücke in die kleine Nachbarstadt, queren auch diese nur am Rand und sind schon bald am Fuß des Stadtberges. (Dass das ein Berg ist, wenn auch nur ein kleiner, merkt man erst, wenn man ihn ersteigt. Ansonsten würde ich Schweizerin ihn ja eher Hügel nennen. Schweizerische Bescheidenheit? Vergiss es. Oder gab es sie damals, als man den Hügel Berg nannte, vielleicht noch gar nicht?)

Am Fuße des Berges erneut die Diskussion, ob wir hier gelandet wären, wenn ich nicht gesagt hätte, dass ich weiß, wo es hingeht.
Ja, wir wären trotzdem hier gelandet. Weil selbst deine Aussage, du wüsstest, wohin es geht, meine Wahl im Voraus beeinflusst hat, Oder auch nicht, und ich einfach die ganze Zeit schon hier her wollte, sagt er.
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir hätten unterwegs zig Möglichkeiten für neue Entscheidungen gehabt. Aber sicher bin ich mir nicht. Vielleicht ist es so. Vielleicht war es einfach unser Schicksal, hierher zu kommen?, sage ich.

Schließlich steigen wir auf einem kleinen, sehr steilen, sehr rutschigen Weglein den Berg hoch. Was für ein Abenteuer! Den Weg haben wir nur zufällig gefunden. War auch er unser Schicksal oder war es nur der Baumstamm, unser vorläufiges Ziel, auf den wir uns – oben angekommen – setzen um durchzuatmen? Wir keuchen und fühlen uns so gut, wie Erstbesteiger es immer tun.

Und nun: Rechts oder links? Rechts wäre wohl eine recht weite Wanderung zurück nach Hause, zumal es bereits eindunkelt. Also links? War auch das der Weg, den wir zu gehen hatten? Und wer oder was ist es, der oder das diese Wege weiß. Gibt es, wäre es so, denn überhaupt Wege, die wir wirklich-wirklich frei wählen können?

Ach, dieser mein Was wäre wenn-Determinismus, an den ich mal glaube, mal nicht? Oder gibt es sie doch, die Selbstbestimmung? Ich kann darüber nachdenken, so oft ich will und weiß hinterher weder mehr noch weniger. Und schon gar nicht, was wirklich wahr ist. Weil es womögliich, so dünkt es mich heute, kein wirkliches Wahr gibt, kein letztes zumindest. Oder doch?

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Der Determinismus (lat. determinare „abgrenzen“, „bestimmen“) ist die Auffassung, dass alle – insbesondere auch zukünftige – Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind.[1] Die Gegenthese (Indeterminismus) vertritt, dass es überhaupt oder in einem bestimmten Bereich der Realität Ereignisse gibt, die auch hätten anders eintreten können.

In der heutigen Naturphilosophie wird üblicherweise „Determinismus“ spezifischer auf Ereignisse der Natur – oder einen bestimmten Bereich derselben – bezogen. Gestützt wird ein allgemeiner Determinismus zumeist durch die Annahme, dass strikte, nicht-probabilistische Naturgesetze über sämtliche natürlichen Prozesse regieren. Ob wiederum die besten physikalischen Theorien diese Annahme stützen, ist umstritten. Wenn geistige Zustände ebenfalls natürliche Zustände sind, scheint ein Determinismus Probleme für die Realität eines freien Willens zu erzeugen. Ob dieser Gegensatz besteht ist ebenso umstritten wie die jeweiligen Konsequenzen.

Quelle: Wikipedia

Ungeöffnet und geheim

Da ist noch so vieles nicht geschrieben, was geschrieben werden kann. Könnte. Vielleicht. Darüber beispielsweise, wie ich meine heimlichen Flaschen langsam öffne. Bisher noch ohne über sie zu schreiben. Weder für mich, noch öffentlich. Sichten will ich sie. Will ich? Einen Schluck davon trinken und mich an den Geschmack erinnern. Will ich? Dabei begreifen, wissen, dass das ich bin. Auch ich. Und dass meine heimlichen Flaschen weder besser noch schlechter als jene anderer sind. Hier versagt Wertung. Sie ist wertlos, wo es darum geht, zu sein. Denn Sein an sich schließt Wertung aus. Ist neutrales Land ohne Grenzen.

Heimliche Flaschen also. Meine riechen nach Gefühlen, ja, und nach Gedanken. Nach Geheimnissen riechen sie ganz besonders. nach ungeteilten. Alten. Neuen.

Wie ich damals über mich dachte, steht auf der Etikette dieser Flasche hier. Und wie ich über mich denke, heute, auf der Etikette jener daneben. Und wie ich mich fühle, steht auf dieser. So banal. So banal!

Auf weiteren Flaschen, kleinen, großen, schmalhalsigen, ausladenden Flaschen kleben Etiketten mit nur einem einzigen Wort darauf. Körpergefühl. Selbstwertgefühl. Selbstbewusstsein. Selbstliebe. Ablehnung. Selbsthass. Wo bin ich den hier gelandet? Ich trete zur Seite und gehe zum nächsten Regal. Hier stehen weitere gläserne Gefäße. Manche sind verstaubt. Manche ganz neu. Auf einer steht Was ich auf dem WC denke. Die daneben trägt den Titel Was ich vor dem Einschlafen denke. Wieder andere sind angeschrieben mit Was ich über andere Menschen denke und Was ich beim Sex fühle.

Nun ja, die Etiketten sind ja erst der Anfang. Der Inhalt ist es, der mich interessiert. Der Inhalt meiner Flaschen. Knausgård hat mich angefixt. In STERBEN, dem ersten Band seiner Autobiografie, schreibt er so akribisch, brutal ehrlich, banal, bis zur Langweiligkeit exakt, was er damals gedacht und gefühlt hat, als er zum Beispiel die versiffte Alkoholikerwohnung seines toten Vaters entrümpelt hatte, dass es beim Lesen schmerzt. Und doch: In dieser Banalität liegt ein Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann. Ein Zauber, eine Genialität, und ja auch eine Art Sehnsucht liegt in Knausgårds Worten. Eine Sehnsucht danach, genauso mutig wie er sich, mir mit ganz viel Liebe und Geduld in die Augen schauen zu können. Hinzuschauen. Ja zu sagen, ja zu allem, was ich sehe, zu allem, was ich bin.

Was ich heute fühle, denke, wahrnehme, mag und ablehne und das, was ich damals fühlte, dachte, wahrnahm, mochte und ablehnte, ist so banal gar nicht. Oder jedenfalls nicht banaler als das, was alle anderen fühlen, denken, wahrnehmen, mögen und ablehnen. All das zusammen bestimmt nämlich heute meine Handlungen. Es bestimmt, wie ich auf Menschen zugehe, wie ich mit mir und andern umgehe. Ob ich mir und andern gut und Gutes tue.

Der Inhalt jeder meiner Flaschen wurde im Laufe der Zeit unzählige Male ergänzt. So manche Korrektur habe ich vorgenommen. Befreiung da und dort erlebt. Mehr Struktur ist geworden. Mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz vor allem.

Immer ein Stück näher bin ich zu meiner Wahrheit hin unterwegs, zum dem, was für mich wirklich zählt. Was wirklich wirkt in meinem Leben. Stille zum Beispiel. Und damit rücke ich immer ein bisschen weiter weg von Effekt und Schein, von Lärm und So-tun-als-ob.

Oh, wie schön still wäre es auf der Welt, würden wir nur noch über jene Dinge sprechen und schreiben, die wirklich zählen und die jetzt für mich wahr sind.

Aber was wäre denn mit meinen heimlichen Flaschen von früher? Würden sie mir denn für immer verschlossen bleiben? Und wäre das schlimm?

Ja, ich habe, wie alle andern, meine ganz persönliche Art zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen, zu mögen und abzulehnen, doch im Grunde fühle, denke und mag ich nicht sehr anders wie alle andern. Und deshalb ist es wohl tatsächlich egal, was ich mit meinen Flaschen anstelle. Egal, ob ich meine Flaschen öffne, teile oder für mich behalte. Wenn nur ich selbst mir gegenüber nichts vormache. Wenn nur ich selbst mir gegenüber bereit bin, hinzuschauen.

aus: Karl Ove Knausgård: Sterben

Die Zeit, das Leben und ich

Unter der Dusche ein Gedankenblitz: mich als Kind, wie ich immer dachte: Wartet nur, wenn ich endlich groß bin, kann ich machen, was ich will. Ein großer Gedanke war das. Einer, der bald mein Kehrreim war, je älter ich wurde und je öfter mein Dürfen-was-ich-will eingeschränkt wurde von Verboten, von Geboten, von elterlicher Neugierde. Doch statt zu erzählen, was ich vorhatte, erfand ich immer öfter Halbwahrheiten. Von meinem ersten Freund zum Beispiel wussten meine Eltern nichts. Ich gehe mit meiner Freundin in die Stadt!, sagte ich vielleicht, wenn ich ihn am Mittwochnachmittag besuchen wollte. Oder Wir haben eine Klassenfête, wenn ich ihn am Samstagabend treffen wollte. So richtig kontrollieren konnten sie mich ja nicht. So ohne Handy wie ich damals war. Ich und wir alle. Von Handys träumten damals höchstens ein paar Visionäre und verrückte Spinner. Wir nicht. Auch nicht von Internet und von Facebook und Konsorten. Noch nicht mal von Karriere träumten wir. Damals war noch vielmehr möglich, es würde dann schon irgendwie werden. Und irgendwas kommen. Obwohl – so richtig an alle Möglichkeiten glaubte ich schon damals nicht. Und schüchtern war ich auch. Bin es noch immer. Oft jedenfalls. Aber ich würde ja bald einmal groß sein und dann konnte ich endlich tun, was ich wollte. Und ich würde es ihnen zeigen, den Erwachsenen. Ja, dieses Erwachsensein schien mir das Maß aller Dinge. Wenn ich dann endlich die Schule und die Ausbildung abgeschlossen haben würde. Ja, wenn ich dann endlich …

Meine Erwachsenen sagten immer: Genieße das Kindsein, solange du noch kannst. Bitterkeit schwang leise mit und manchmal auch eine leise Drohung. Was ich nie verstand, denn Erwachsensein war doch das Ziel …?

Unter der Dusche also, heute Morgen nun, auf einmal dieses Paradoxon mit allen Fasern spürend:
Das Kind will groß und frei sein zu tun und zu lassen, was immer es will. Die/der Erwachsene sehnt sich nach der Narrenfreiheit ihrer/seiner Kindheit.

Ich jedenfalls tue es. Oft. Ich will das Kind-in-mir nicht verlieren. Nie.

Und doch … manchmal nerve ich mich, ganz ehrlich, über diese Neue Infantilität, die ich ganz oft in unserer Gesellschaft spüre. In meiner Generation und in der nächsten, nachwachsenden. Ob es dafür wohl psychologische Bezeichnungen gibt? Und eine pathologische Diagnose? Oder ist es einfach bloß eine Zeitgeist-Erscheinung?

Viele Erwachsene sind nie wirklich erwachsen geworden. Versteht mich richtig: ich meine nicht jenes Erwachsensein, das sich an Krawatte oder Deuxpièces messen lässt; nicht Anzug und nicht Highheels meine ich. Ich meine innere Reife, inneres Wachstum, wachsende Weisheit. Es geht mir um das Abstreifen jener kindischen Weltsicht, die glaubt, dass ich der Mittelpunkt der Welt bin und sich alles um mich dreht; in der negativen Form, dass ich an allem Schuld bin, sowohl am Streit meiner Eltern als auch am Erdbeben in Südafrika und sogar an Frau Meiers Sturz auf dem Glatteis.

Ich wünsche mir für uns ein Erwachsensein und ein Erwachsenwerden im Sinne eines erweiterten Blicks auf die Welt. Auf das Geschehen in ihr. Auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Erwachsensein im Sinne von Mitverantwortung tragen und von Mitgefühl empfinden.

Die Zeit und ich
Die Zeit und ich

Sogar das Kind-in-mir kann das, denn von Kindern – den inneren, den eigenen und fremden – können wir viel lernen. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, auch in Zukunft quer über matschige Felder oder durchs Unterholz zu streifen und wann immer möglich lieber Umwege statt direkte Wege zu nehmen (es sei denn, eines Tages versagen meine Beine mir diesen Dienst).

Und ich will mir auch bis ans Ende meiner Tage meine Meinung selbst bilden und sie sagen, wenn ich es für angebracht halte. Ich will dem Kind-in-mir Raum geben für Übermut, für Luftsprünge, für Tränen, für Wut, für Empörung. Kinder können all diese Emotionen oft viel besser und viel unmittelbarer ausdrücken und loswerden. Ich will, dass das Kind-in-mir und die Große, die ich auch bin und immer mehr werde, Freundinnen sind. Sich gegenseitig unterstützen. Miteinander statt gegeneinander unterwegs sind.

Und ich will bis ans Ende meiner Tage mit Gedanken, mit Worten, mit Metaphern und Bildern jonglieren, spinnen, weben, leben. Erwachsen und kindlich, verspielt und weise will ich sein.

Bin ich. Werde ich.

Die Kunst des Nichtreagierens

Nichtreagieren, wie geht das überhaupt? Ich lese etwas und sofort reagiere ich. Immer eigentlich. Ich fühle immer, was ich lese, außer vielleicht die Beipackzettel von Kopfwehtabletten oder die Straßennamen im Telefonbuch. Aber gegen alles andere sind meine Gefühle leider nicht gefeit. Und weil es dem so ist, brauche ich vermutlich den Ausdruck. Ich brauche dazu Medien wie die Sprache oder den Körper, die meine Reaktion transformieren. Die dem Gelesenen – dem Erlebten, dem Beobachteten, dem Erlauschten, dem Angerührten – eine Gestalt, eine Form, eine Daseinsberechtigung geben. Um mich zu vergewissern, dass ich da bin vielleicht. Um mir selbst auf die Spur zu kommen. Um zu verstehen. Mich und das Gelesene.

Mag sein, dass du das langweilig findest. Es müsste mir egal sein. Eigentlich. Es müsste mir gleichgültig sein, was du über meine Ausdrücke denkst. Ich schreibe ja nicht für dich, ich schreibe für mich. Um dem vielen Zöix in mir zu entkommen.

Ich werfe es hin. Ich spucke es aus. Ich werfe es auf den Boden. Scherben manchmal. Kies. Manchmal haben die einzelnen Teilchen eine Form. Manchmal sehe ich, wenn ich auf den Boden gucke, dass ich diese Rohstoffe verwenden will. Kompostieren. Transformieren.

Warum tut es mir weh, wenn jemand schreibt, dass ich langweilig twittere? Wo diese Person ja nur einen winzigen Teil meiner Tweets und Texte kennt und somit sehr undifferenziert, subjekt und doch sehr absolut urteilt. Tut es mir weh, weil sie womöglich recht hat? Weil ich eine Langweilerin und weil ich unkuhl bin, weil ich nicht die Rampensau des Twitteruniversums bin, wie es ein klitzekleines Willensteilchen in mir drin vielleicht gerne wäre?

Obwohl … nein, ehrlich, das möchte ich nicht sein. Das wäre der pure Stress für mich. Ich halte mich lieber bedeckt. Werde lieber von Menschen gefollowt, die sich von meinen (zugegeben subjektiv womöglich durchaus) langweiligen Tweets angesprochen fühlen (ja, fühlen!), als von denen, die es lieber laut und schrill mögen.

Langeweile. Sie ist eins meiner Geheimnisse. Ich bin nämlich ziemlich gerne langweilig. Jedenfalls für mich. Mit mir. Ich mag es lange Weilen zwischen den schnellen Zeiten zu haben, ich mag die stillen Augenblicke. Dumm nur, dass das Wort wohl anders gemeint war. Und für die meisten von uns anders besetzt ist. Dumm nur, dass wir damit Reizlosigkeit und mangelnde Leidenschaft verbinden. Zweites kann man über mich so nicht wirklich sagen. Außer vielleicht, wenn ich die Steuererklärung ausfülle oder den Müll hinaus bringe.

Wie aber, fragst du dich (und zu recht finde ich) lassen sich nun Langeweile und Leidenschaft zusammenbringen? Frag mich nicht.

Vielleicht ist dies der Fluch der Schreibenden? Vorne die langweilige Fassade, hinter den Mauern die Leidenschaft?

Oops. Ich wollte ja was ganz anderes schreiben. Etwas über Geheimnisse nämlich. Weil die Mützenfalterin gestern darüber gebloggt hat. Weil ich darüber seither viel nachgedacht habe. Aber jetzt, wo das hier auf dem Bildschirm entstanden ist, werde ich es wohl einfach mal bloggen. Sorry, ich bin halt langweilig.

Und das hier? Nun ja, es ist ja nicht geheim das. Es ist wohl sogar etwas, das alle irgendwie kennen, dieses Ding mit der Kritik und dem Schmerz. Dass es dabei um mein verletztes Gerechtigkeitsempfinden geht, hat mir eine andere Tweetse verraten. Dass ich mich vermutlich ungerecht behandelt fühle, wenn mich jemand mit einem undifferenzierten Satz zu erfassen glaubt und dass es darum wehtut.

Uuh, das war jetzt wahrlich ein langweiliger Artikel. Wenn du es bis hierher geschafft hast, gratuliere ich dir herzlich.

Es lebe die Langeweile. Und ihre Schwester, die Muse. Mögen sie uns hin und wieder küssen, damit wir Menschen sein können, richtig lebendige Menschen. Richtig schön langweilig und leidenschaftlich.

Oh weia, nicht reagieren kann ich offenbar wirklich nicht.

Und du? ;-)

Lesen. Auch dazwischen.

Mein Sonntag in Bildern …

Keine-r stirbt schöner
Keine und keiner stirbt schöner | | Danke, liebe Filomena, für deine wunderbaren Vorfrühlingsboten.

 

Spuren im Schnee
Krähen legen Spuren im Schnee

 

Sonnengeschichte
Wolkengeschichte & -geschiebe eines Sonntagssonnenuntergangs

 

Was auf Bildern nicht sichtbar ist,
steht zwischen den Zeilen
und zwischen den Pixeln.

Dazwischenlesen – glücklich, wer es gelernt hat.

Doch viel wird Interpretation bleiben.
Dein Versuch, meins in deine Codes zu übersetzen,
deins in meine.

Verstehen?
Wer versteht sich darauf?

Das Herz ist keine Maschine.
Mehr als eine Pumpstation*.
Es hört und liest.

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* Herzlichen Dank an Glumm für diese Metapher.