So und nicht anders. Jetzt.

Manche Geschichten, glaube ich, wollen einfach erzählt werden. Sollen. Müssen sogar.
Anders gesagt: Warum habe ich den Nelken- und nicht den Buchenweg genommen?
Warum so und nicht so?
Wäre ich, hätte ich nicht.
Wäre ich nicht, hätte ich.

Sie steht hinter ihrem kleinen quietschgrünen Kleinwagen und versucht mit der rechten Hand den Kofferraum zu öffnen. Mit der linken hält sie sich am Auto fest. Ihr Stand ist wackelig, dennoch zögere ich kurz, doch schon mache ich – fast reflexartig – ein paar Schritte auf sie zu. Ich spreche sie  an, um sie nicht zu erschrecken, bevor ich ihr beim Öffnen des Kofferraums helfe. Ein Klapprollator liegt darin. Wir ziehen ihn gemeinsam heraus. Sie sagt mir, wie es am besten geht. An den Rädern, nämlich, sie lege ihn immer so hin, damit sie ihn gut einhändig herausziehen könne. Leichtes Teil. Was es nicht alles gibt!, denke ich und klappe das Teil vor ihr auf. Sie nimmt meine Handreichung dankbar an, obwohl sie alles selbst kann.

Den habe ich im Internet bestellt. Zuerst habe ich alle miteinander verglichen, sagt sie nun. Lächelt schelmisch. Ich habe alle Daten runtergeladen. Das war der leichteste und er ist mit diesen großen Rädern auch geländegängig.

Damit können Sie sogar über holprige Wege wandern, sage ich. Sie lacht weise und nickt. Ihr Wangen sind von der Anstrengung gerötet. Mit ihren weißen Locken und der roten Jacke wirkt sie wie eine liebe Großmutter aus dem Bilderbuch. Eine moderne Großmutter. Keine Spur von Senilität. Wach. Herzlich. Lebendig ist sie. Und lebensfroh. Ich frage, ob ich den Kofferraum schließen soll.

Ja gerne, und ich muss noch zur Beifahrerseite, die Einkäufe rausholen. Ich trete einen Schritt zurück, um sie an mir vorbei zu lassen, doch schließlich biete ich ihr an, die Einkäufe auf den Rollator zu stellen. Warum eigentlich nicht gleich hineintragen? Sie sucht den Schlüssel in der Jackentasche und sagt: Ja gerne. Es ist kein Bitten und keine Peinlichkeit in ihrer Stimme. Sie nimmt einfach ein Geschenk an, weil sie merkt, dass ich das gerne mache und weil sie weiß, dass sie es auch selbst kann. Mir gefällt das.

Ich trage die beiden Taschen ins Haus und stelle sie in den Flur. Als hätte ich das schon immer gemacht. Oder jedenfalls schon oft.
Sie haben eine Katze?, frage ich. Katzenfutter liegt oben auf dem Einkaufskorb. Zwei sogar. Und wie auf Stichwort kommt ein riesiger, rot-weißer Moudi, ein zehnjähriger Kater, aus dem Haus. Er kommt sofort auf mich zu, lässt sich liebkosen, umkreist mich eins ums andere Mal.

Wir plaudern über Katzen und über das Älterwerden. Ob sie eine Hüftoperation gehabt habe, frage ich. Gestürzt sei sie, im Garten. und die Ärzte hätten sie aufgegeben.
Ein riesiger Gehirntumor, sagt sie und zeigt auf ihre Stirne. Hier. Das kann man nicht operieren. Ich bekam also einfach nur Chemo und Bestrahlungen. Ein Arzt meinte, ich werde nie wieder gehen können und für immer ein Pflegefall bleiben, selbst wenn der Tumor nicht mehr wachsen werde. Aber mein Schwiegersohn der hatte Beziehungen. Er ist Dr. bio-chem und der hat dann einfach nicht aufgehört zu forschen und so habe ich ein Medikament zusätzlich zur Bestrahlung bekommen. Und auf einmal war der Tumor weg. Und nun trainiere ich. Ich kann alles wieder alleine machen. Ich gebe einfach nicht auf.

Kurz habe sie im Pflegeheim in unserm Dorf gelebt, das ich immer mal wieder von außen betrachte und über all die Geschichten nachdenke, die darin wohnen. Ein Heim und seine Menschen mit ihren Geschichten.

Wir verabschieden uns herzlich, nennen zuvor aber noch unsere Namen, sagen: Auf ein ander Mal! und mein Herz ist froh und dankbar, als ich heimwärts bummle.

Neue Bilder braucht die Welt

Gleich vorweg: Ja, ich betrachte mich als emanzipierte Frau, was nach Wikipedia eine Frau ist, die aus der väterlichen Gewalt entlassen worden ist. Wäre ich je eine Sklavin gewesen, wäre ich (sagt ebenfalls Wiki) emanzipierterweise eine freigelassene Sklavin. [Nun ja, über die väterliche Gewalt – oder auch über die mütterliche – diskutieren wir vielleicht ein andermal.] Heute liegt mir jedoch ein anderer Schwerpunkt auf dem Herzen.

Emanzipation ist für viele – Männer wie Frauen – längst ein Reizwort, ausgelutscht und unattraktiv, sexy schon gar, und wird oft mit einer männerfeindlichen und radikalen Ablehnung klassischer Rollenbilder à la Frauen zurück an den Herd, Frauen sind Mütter, Frauen als Dienende gleichgesetzt. Nach Wortbedeutung (siehe oben) und auch in meinem Verständnis, meint Emanzipation aber, dass der emanzipierte Mensch – Frau oder Mann – in seinem Denken und Handeln unabhängig von der Macht anderer ist. Dass dieser Mensch eigenständig, aus freiem Willen und ohne Hörigkeiten von Eltern oder Partner für sich entscheidet, was er tut. Und dass dieser Mensch die Konsequenzen seines Tuns auch selbst trägt. So weit einverstanden?

Vor diesem Hintergrund also ein paar Gedanken über den Wert unserer täglichen Arbeit …

  • Viele von uns gehen täglich wohin, wo sie für Geld eine bestimmte Arbeit tun. Idealerweise eine, die sie mögen. Dann sind sie ein bisschen glücklicher, als jene, die für Geld Dinge tun, die sie nicht mögen.
  • Viele von uns sind Freischaffende, die teils zu Hause und teils bei ihren Kundinnen und Kunden für Geld eine bestimmte Arbeit tun – oft sogar eine, die sie besonders gut können und mögen.
  • Viele von uns sind alleinerziehende Frauen oder Männer, die ihre Arbeitszeit zu Hause und außerhalb leisten und so, mit der Betreuung ihrer Kinder, des Haushaltes und eines Jobs für Geld quasi rund um die Uhr arbeiten. (Nachtrag. Über diese Menschengruppe folgt ein zweiter Artikel in den nächsten Tagen.)
  • Viele von uns sind Frauen oder Männer, die ihre ganze oder Teile ihrer Arbeitszeit zu Hause leisten, mit der Betreuung ihrer Kinder und ihres Haushaltes.

Hast du es gemerkt: Im letzten Satz fehlt der Hinweis für Geld.

Und Geld, ihr wisst es alle, ist die Währung in der wir unseren Wert definieren und mit dem wir unseren Status finanzieren. Mein Haus, mein Auto, mein Boot. (Sorry, das war jetzt ironisch gemeint …)

Die Konsequenzen unbezahlter Familienarbeit liegen auf der Hand: Diese Arbeit ist gesellschaftlich betrachtet jene mit dem tiefsten Status.
Ach, du arbeitest nichts?, ist noch eine der harmlosesten Bemerkungen, die nette Zeitgenossen für Nur-Hausfrauen und -männer übrig haben. Hand hoch: Wer von euch (von denen, die keine Kinder haben) hat das noch nie gesagt, gedacht oder gefühlt?

Kein Wunder also, wenn sich viele Familienfrauen und -männer minderwertig fühlen. Und das oft sogar auf zwei Ebenen: Das eine ist, dass sie die Arbeit, die sie täglich tun, nicht wirklich von Berufs wegen gewählt haben oder hätten.
Das zweite nenne ich eine Art Scham. Eine Scham, die es vermutlich erst so in den letzten dreißig Jahren entstanden ist. Heute ist nicht die Frau, die arbeiten geht die Böse Mutter, sondern jene, die daheim bei den Kindern bleibt. Der arme Mann muss alles alleine stemmen, wird da schon mal gemunkelt. Von netten Frauen ebenso wie von andern Männern.

Die Frau daheim arbeitet derweil schließlich nichts. Sie sitzt nur rum, malt sich die Nägel an und geht jeden Tag zur Kosmetikerin. So will es das Klischee.

Wir alle, ob wir es nun schon am eigenen Leib erfahren haben oder nicht, wir alle wissen, dass es nicht so ist, sondern dass die Familienfrau/der Familienmann verdammt viel schuftet und im Grunde nie Feierabend hat. Dennoch lässt sich der tiefe Status der Familienfrau und des Familienmannes nur schwer mit dem wirklichen Wert dieser Arbeit in Verbindung bringen.

Solange eine Gesellschaft diese unbezahlten und unbezahlbaren Aufgaben nicht mehr wertschätzt, wird sie sich nicht gesund entwickeln können, behaupte ich. Wenn alle nur noch Fast- und Convenience Food aus der Mikrowelle kaufen und essen, weil sie sich schämen, für ihre Kinder, für ihre Partnerin, für ihren Partner etwas Gesundes zu kochen (kochen zu können), wie sollen da Kinder lernen, was Wertschätzung für gesunde Ernährung, für liebevoll zubereitetes nährendes Essen bedeutet? Wo sollen Kinder Werte wie Verlässlichkeit und Geborgenheit kennenlernen und erleben, wenn beide Eltern immer nur am Arbeiten außer Haus sind? Wer, wenn nicht pirmär einmal Mutter und Vater, soll den Kindern denn zeigen, was Leben heißt? Die Aufgabe (und das sage ich jetzt als wirklich-wirklich emanzipierte Frau!), die Aufgabe, die eine Familienfrau oder ein Familienmann tagtäglich für das Wohlergehen seiner kleinen aber gesellschaftlich für die Gegenwart und Zukunft relevanten Zelle tut, ist im Grunde die wichtigste und am meisten unterschätzte Arbeit auf der Welt. Diese Menschen, Mütter und Väter, formen immerhin die Gesellschaft der Zukunft!

Es macht mich immer wieder verdammt wütend, dass diese Aufgaben gesellschaftlich nicht anerkannt und mit einer Art Familienrente oder einem Bedingungslosen Grundeinkommen honoriert werden und diesen Tatsachen, dass sie eben nicht finanziell entschädigt werden, verdanken sie ihren tiefen Status – was für ein kranker Teufelskreis. Aber so läuft das leider in einer Gesellschaft, in der Aufgaben und Werte primär mit Geld aufgewogen werden. Bringen wir doch mit unserer Haltung den Menschen, die diese so wertvolle Arbeiten tun, ab sofort mehr Wertschätzung entgegenbringen. Bedingungslos.

Change dolls
Change dolls

Eine emanzipierte, unabhängig denkende Frau oder ein emanzipierter, unabhängig denkender Mann kann sich bewusst dafür entscheiden, nicht in der Berufswelt draußen Karriere zu machen, sondern zu Hause an der Welt der Zukunft mitzubauen, in dem sie/er ihren/seinen Kindern gibt, was nur Eltern so ihren Kindern geben können: Liebe. Boden unter den Füßen, Geborgenheit, Anerkennung. Und vieles mehr.
Neue Frauenbilder braucht die Welt. Und neue Männerbilder auch.

Dazu fällt mir ein feines Schlusswort ein. Etwa zum optischen Frauenbild, das ebenfalls erneuerungsbedürftig ist: Neue Puppen braucht die Kinderwelt nämlich auch, und zwar solche, die wieder wie richtige Kinder aussehen dürfen.
treechangedolls.tumblr.com

[Ein Teil 2 über alleinerziehende Mütter und Väter folgt demnächst]

Eigentlich

Hier würde jetzt, wenn ich nicht so müde und so abgelenkt wäre, eigentlich mehr stehen. Oder zumindest sinnvolleres. Ein Text über Werte. Und dass jede Arbeit, je nachdem aus welcher Richtung sie betrachtet wird, eine andere Bedeutung und einen anderen Wert hat. Je nachdem, was wir für Werte haben eben auch. Und wie Werte unsere Sichtweisen verstellen und/oder prägen.

Aber ehrlich, dazu bin ich schlicht und einfach zu müde.

Dafür teile ich heute einmal wieder ein Kritzelbild. Es entstand während eines feinen Telefongesprächs heute Nachmittag. Wer Lust hat, darf frei assoziieren. Zum Inhalt des Gesprächs verrate ich aber nichts.

Telefonkritzelei
Telefonkritzelei | © by Sofasophia

So viele Seiten

So viele andere Seiten gibt es. Und außerdem ist jede Seite von der andern Seite aus eine andere Seite. Sozusagen.

Das Thema, das wir aktuell in unserer virtuellen Bildergalerie Pixartix ausstellen, ist sehr, ähm, nun ja, vielseitig, sozusagen.

Und diesmal hatte ich es wirklich sehr schwer gehabt, mich bei der Beitragsauswahl einzuschränken. Darum zeige ich hier einen Teil jener Bilder, die im Laufe des Auswahlsverfahrens, in den Auswahlordner gesprungen sind.

Viel Spaß mit meinen vielen anderen Seiten …
(groß durch Draufklicken)

Patchwork mal wieder

Eigentlich will ich schon seit Tagen ein paar der Bilder von Peter Padubrin-Thomys zeigen. Am Sonntag,  in Dahn, waren wir sie gucken. Und Dahnspiegeln auch gleich. Das sieht dann so aus:

Dahnspiegeln_gerahmt

12fingerdahn_by_juergenrinckÜber den Zwölffingerdahn gibt es bereits Gerüchte. Dass es ihn wirklich gibt. Dazu Bilder. Zumindest eins. Von mir. Mit Irgendlink drauf und von ihm schön gerahmt. Ich war dabei. Ich habe es gesehen.

Man schaue, staune und zähle. Aber richtig!

Aber das ist es ja eigentlich nicht, was ich bloggen wollte. Sondern die Ausstellungsbilder. Ich durfte nämlich fotografieren. Und ich mache euch liebend gerne auf diese Ausstellung aufmerksam. In Dahn, wie gesagt, in der Rheinland-Pfalz, in den roten Bergen sozusagen, in der Kreisgalerie an der Schulstraße 14.

Und dann Dahn. Wie gesagt. Gespiegelt. Und auf dem Kuckucksfelsen unterwegs. Kletternd, wandernd, still.

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Nun ja. Mit Dahnspiegeln ist es heute nicht getan. Am Abend dieses wunderbaren Sonntags dann die Rückkehr in meine Wohnung in der Schweiz. Bürotage. Viel Arbeit. Die Zeit vergeht im Flug. Die Arbeit macht Spaß. Und ist sinnvoll. Auch wenn ich noch immer vieles überhaupt nicht kapiere, wächst doch das Bild allmählich …

Gestern dann die große Überraschung: Vier Frauen haben ein gemeinsames Datum und einen gemeinsamen Ort gefunden, sich zu treffen. Zwei davon, Ulli und ich, kennen sich bereits. Die andern beiden kennen wir nur per Blog und per Mail. Kerstin Eckisoap (die Quasi-Gastgeberin), die Mützenfalterin (die Initiatorin), Ulli und ich werden ein gemeinsames Wochenende in einem Kloster verbringen. Im Norden. In der Nähe von Berlin. Und nein, nicht um zu beten. Zu arbeiten vermutlich auch nicht. Aber zu erzählen wird es sicher so einiges geben. Und zu hören auch.

Voll krass: Ich habe einen Flug gebucht. Berlin-retour. Mir zuliebe. Die Alternative „Nachtzug“ wäre nicht wirklich günstiger gewesen – preislich vielleicht ein paar Euronen – aber ich wäre unausgeschlafen und quengelig angekommen. Und womöglich mit Kopfweh wegen der Müdigkeit. Nein, das will ich nicht. Wenn schon, denn schon. Manchmal muss frau über ihren Schatten springen fliegen. Und warum auch nicht mal gegen alle Prinzipien verstoßen, die man nicht hat?

Und jetzt? Jetzt bleibt die Vorfreude. Wie ich mich freue! Nur noch neun Mal schlafen.

Alles für die Katz’

Sonntagmorgen. Wir liegen im Hochbett. Gemütlich ist es unter den warmen Decken. Zeitlos. Unten die über Nacht abgekühlte Restwohnung. Kalt. Ungeheizt. Beide haben wir keine Lust, aufzustehen.

Mietze
Sie kann auch anders.

Die Katze hört, dass wir wach sind und macht sich bemerkbar. Sie kennt ihre Bedürfnisse und meldet sie an. Hunger. Wenn sie nur zum Pinkeln raus müsste, könnte sie. Die Katzenklappe ist ja auf.
Ähm, ist sie auf? Ich habe sie jedenfalls gestern Nacht nicht zugemacht, sage ich. Der Liebste ist sich allerdings nicht sicher, ob er sie womöglich vor dem Zubettgehen doch zugemacht hat. Zumal er sie am Tag zuvor versperrt hat, damit nicht wieder andere Tiere reinkommen. Also: zu oder offen? Muss Mietze also nur aufs Klo oder hat sie richtig schönen Hunger und nervt deshalb so herum?

[Nervt sie herum? Tja, Wahrnehmungen sind mal so, mal so. Für den gleichen Sachverhalt.]

Und ja, Katzen sind eigentlich ganz schön toll und haben uns was wichtiges voraus: sie werten ihre Bedürfnisse nicht. Sie haben sie einfach. Und sie melden sie einfach bei jenen an, die sie ihnen erfüllen können. Sie wissen: Futter bekommt man in der Regel vom Persönlichen Personal, das sich manchmal wichtig Herrchen nennt. Wie also mitteilen, dass man Hunger hat, wenn das PP kein Kätzisch verstehen will? Ein bisschen Hin und Her gehen, das mag er nämlich nicht und tut dann was dagegen. Eine sehr einfache Strategie. So einfach, dass es schon wieder genial ist.

Wir denken darüber nach, warum Menschen, insbesondere sogenannt erwachsene, es nicht ähnlich machen. Warum sie sich mit ihren Bedürfnissen zuweilen so schwer tun. Scham empfinden. Sich schwach und unkuhl fühlen, wenn sie auf einmal bedürftig sind.

Mietze lebt eigentlich nur hier, weil sie weiß, dass wir ihr Futter geben, sagt Irgendlink. Sie ist eigentlich wild, undomestiziert. Und das weiß sie auch.

Und sie weiß genau, dass wir es auch wissen.

Sein, einfach.

Gestern. Auf dem einsamen Gehöft liegt Frühling in der Luft . Wir wandern in die Stadt herunter, treffen in der Stadt einen Bekannten, der mir versichert, dass seine Partnerin regelmäßig mein Blog lese (winkewinke, liebe L. und dankeschön!), besuchen danach eine Freundin und wandern wieder hoch.
So einfach. So banal. So schön. So wohltuend.

Alle Bilder werden groß durch Draufklick.

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Küsschen?

Und heute? Heute roch die Erde, die nassgeregnete, nach Gedeih. Von Verderb keine Spur. So zog es uns nach dem Regen raus in Wälder und über Wiesen & Felder…
So einfach. So banal. So schön. So wohltuend.

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Und weil gestern das Jahr der Holz-Ziege begonnen hat (was ich allerdings nichts wusste), gibts ab sofort nichts mehr zu meckern! Und schon gar nicht bei mir und meinem Geisslein (auf meiner neuen Handyhülle).

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Geheime Flaschen #1 – Mein Feierabend

Nun ja, als ich neulich über geheime Flaschen nachdachte, diesem Begriff, zu welchem mich Karl Ove Knausgårds Buch STERBEN inspiriert hatte, hatte ich – ganz ehrlich – nicht wirklich vor, geheime Flaschen öffentlich zu öffnen.

Nachdem ich den vorletzten Artikel geschrieben hatte, telefonierte ich abends mit dem Liebsten und wir redeten über all diese Dinge, die jeder hat und tut und doch niemandem davon erzählt. Nicht weil sie böse wären und noch nicht einmal peinlich müssen sie sein; eher sind sie banal. Zu banal, darüber zu sprechen. Warum es Karl Ove Knausgård tut, tun musste, und dazu noch so erfolgreich damit geworden ist (so erfolgreich, dass sich sein Buch nicht nur in Norwegen, sondern auf der ganze Welt verkauft), gibt mir zu denken. Zumal er dieses Erzählen auf sehr unspektakuläre Weise tut. Ganz und gar nicht masochistisch und auch nicht auf eine sich selbst gut darstellende Weise. Eher geradezu objektiv. Dennoch ist er jederzeit mitten in seinem Erzählen sicht- und spürbar. Ich kann ihn zuweilen beinahe riechen und sehen und seinen Händen beim Putzen der versifften Wohnung seines kürzlich verstorbenen Vaters zuschauen.

Warum kann mich – und offenbar auch viele andere Menschen – ein solches Buch, das kaum Spannungsbögen hat, so packen? Weil es mich berührt? Das ist es nämlich, was mit mir geschieht. Ich bin Beteiligte, nicht Voyeuristin, wenn ich dieses Buch lese. Ich verschlinge es nicht, wie ich es oft mit anderen Büchern tue; ich horche, ich schaue zu, ich sitze mit Karl Ove und Yngve am Tisch, wo auch die Großmutter sitzt und apatisch raucht. So was von banal.

Warum also, warum kann so viel Alltag so faszinierend sein?
Warum lese ich so gerne Gedanken und Geschichten anderer, die mitten aus dem Leben erzählt werden?

Ist mir das Leben anderer ein Spiegel meines eigenen Lebens?

Ist es diese Resonanz, die ich im andern und die der andere und die andere in mir erzeugen?

Ist es das Unbekannte oder ist es – im Gegenteil – das Vertraute, was mich zuhören, hinschauen, weiterlesen lässt?

Empathie? Neugier?

Ist es gar die Sehnsucht nach mehr Selbsterkenntnis?
Selbsterkenntnis des einzelnen als Anfang von Veränderung einer ganzen Gesellschaft.

Ach, da war doch neulich dieser Satz, irgendwo, der besagte, dass Gegenwartskunst immer den Nährwert der jeweiligen Gesellschaft sichtbar mache. Nein, es hieß nicht Nährwert, es hieß anders. Bloß wie? Ach, ihr wisst schon: Was war zuerst da, die Kunst oder die Gesellschaft?

Eine Gesellschaft von Drauflosschreibenden sind wir. Drauflos schreiben: Blogs und soziale Medien sind unsere Tummelplätze. Zuweilen überlege ich mir, alle diese Räume zu verlassen und nur noch das reale Leben zu leben. Bald würde es mir fehlen, das weiß ich, dieses Drauflosschreiben, dieses Gedankenteilen, denn ich mag es. Und ich mag jenen Austausch, bei welchem nicht jedes Wort in Gold aufgewogen werden muss. Wo ich frei denken kann. Wo ich auch mal drauflos spinnen kann. Wo ich augenzwinkernd oder kritisch meine Mitwelt betrachten kann.

Jetzt. Feierabend.

Ich sitze am Tisch, neben mir ein halbvolles Glas Tee. Gleich werde ich den Laptop auf mein Fernsehtischchen mit den Rädern tragen und ihn mit dem Verstärker verkabeln, damit ich den Film, vermutlich eine Serie von Soko Leipzig, über die Boxen hören kann. Kinofeeling. Ich werde mich aufs Sofa werfen. Aber vorher hole ich vielleicht eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, und ja, vielleicht auch etwas zu naschen.

Später, im Bett, lese ich vielleicht noch einige Seiten Knausgard. Nach dem Film. Oder ich schlafen einfach. Bin müde. Heute war ein strenger Arbeitstag im Büro. Aber gut ist, dass ich immer sauviel Arbeit habe. Ich bin gerne dort, in meiner Schule. Die Zeit vergeht wie im Flug und die Arbeit macht mir noch immer – und hoffentlich auch weiterhin – viel Spaß. Morgen um halb eins beginnt mein Wochenende. Eins, das ich mal wieder beim Liebsten auf dem einsamen Gehöft verbringen werde.

So, das war sie jetzt aber. So viel zu meiner ersten heimlichen. Flasche. Sie heißt Feierabend. Und ich habe erfolgreich abgelenkt von jener, auf die mich der Liebste neulich am Telefon aufmerksam gemacht hat. Sie heißt Angst.
Cheers.

Von Möchtegern-Wahrheiten

Er will bestimmt zum Wehr spazieren, zur Brücke bei der alten Spinnerei. So notiere ich es mir ins Handy. Keine fünf Minuten nachdem wir das Haus verlassen haben. Ziel: unbekannt. Einzig haben wir abgemacht war, dass er heute sagen würde, wohin wir wandern. Tags zuvor hatte ich nämlich die Route unseres Spaziergangs gewählt. So machen wir es zuweilen, wenn beiden egal ist, wo wir hin gehen, Hauptsache, ein bisschen raus. Hauptsache, ein bisschen die Füße vertreten.

Hätte ich nicht gesagt, dass ich wisse, wo es ihn hinziehe, als er die erste Richtungswahl vor dem Haus getroffen hat – ganz rechts, den Rain abwärts – wären wir ziemlich sicher genau dort gelandet. Beim Wehr. Bei der alten Spinnerei. Wie von mir vorausgesagt. Vielleicht ziemlich sicher.

Hätte ich nichts gesagt, hätte er nicht geantwortet. Hätte er nicht gesagt: Bin ich so leicht vorhersehbar? Und ich hätte wohl auch nicht lachend mit: Nicht immer, nur heute! geantwortet.

Wären wir woanders hin als da, wo wir hin sind, wenn ich nichts gesagt hätte? Und wenn ich nichts gedacht hätte? Oder wären wir doch genau dort, wo er – auf einer Metaebene, die ich nicht erahnen kann – im Grunde der Dinge die ganze Zeit schon hingewollt hatte?

So wandern wir also quer durchs Dorf, über eine Aarebrücke in die kleine Nachbarstadt, queren auch diese nur am Rand und sind schon bald am Fuß des Stadtberges. (Dass das ein Berg ist, wenn auch nur ein kleiner, merkt man erst, wenn man ihn ersteigt. Ansonsten würde ich Schweizerin ihn ja eher Hügel nennen. Schweizerische Bescheidenheit? Vergiss es. Oder gab es sie damals, als man den Hügel Berg nannte, vielleicht noch gar nicht?)

Am Fuße des Berges erneut die Diskussion, ob wir hier gelandet wären, wenn ich nicht gesagt hätte, dass ich weiß, wo es hingeht.
Ja, wir wären trotzdem hier gelandet. Weil selbst deine Aussage, du wüsstest, wohin es geht, meine Wahl im Voraus beeinflusst hat, Oder auch nicht, und ich einfach die ganze Zeit schon hier her wollte, sagt er.
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir hätten unterwegs zig Möglichkeiten für neue Entscheidungen gehabt. Aber sicher bin ich mir nicht. Vielleicht ist es so. Vielleicht war es einfach unser Schicksal, hierher zu kommen?, sage ich.

Schließlich steigen wir auf einem kleinen, sehr steilen, sehr rutschigen Weglein den Berg hoch. Was für ein Abenteuer! Den Weg haben wir nur zufällig gefunden. War auch er unser Schicksal oder war es nur der Baumstamm, unser vorläufiges Ziel, auf den wir uns – oben angekommen – setzen um durchzuatmen? Wir keuchen und fühlen uns so gut, wie Erstbesteiger es immer tun.

Und nun: Rechts oder links? Rechts wäre wohl eine recht weite Wanderung zurück nach Hause, zumal es bereits eindunkelt. Also links? War auch das der Weg, den wir zu gehen hatten? Und wer oder was ist es, der oder das diese Wege weiß. Gibt es, wäre es so, denn überhaupt Wege, die wir wirklich-wirklich frei wählen können?

Ach, dieser mein Was wäre wenn-Determinismus, an den ich mal glaube, mal nicht? Oder gibt es sie doch, die Selbstbestimmung? Ich kann darüber nachdenken, so oft ich will und weiß hinterher weder mehr noch weniger. Und schon gar nicht, was wirklich wahr ist. Weil es womögliich, so dünkt es mich heute, kein wirkliches Wahr gibt, kein letztes zumindest. Oder doch?

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Der Determinismus (lat. determinare „abgrenzen“, „bestimmen“) ist die Auffassung, dass alle – insbesondere auch zukünftige – Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind.[1] Die Gegenthese (Indeterminismus) vertritt, dass es überhaupt oder in einem bestimmten Bereich der Realität Ereignisse gibt, die auch hätten anders eintreten können.

In der heutigen Naturphilosophie wird üblicherweise „Determinismus“ spezifischer auf Ereignisse der Natur – oder einen bestimmten Bereich derselben – bezogen. Gestützt wird ein allgemeiner Determinismus zumeist durch die Annahme, dass strikte, nicht-probabilistische Naturgesetze über sämtliche natürlichen Prozesse regieren. Ob wiederum die besten physikalischen Theorien diese Annahme stützen, ist umstritten. Wenn geistige Zustände ebenfalls natürliche Zustände sind, scheint ein Determinismus Probleme für die Realität eines freien Willens zu erzeugen. Ob dieser Gegensatz besteht ist ebenso umstritten wie die jeweiligen Konsequenzen.

Quelle: Wikipedia

Ungeöffnet und geheim

Da ist noch so vieles nicht geschrieben, was geschrieben werden kann. Könnte. Vielleicht. Darüber beispielsweise, wie ich meine heimlichen Flaschen langsam öffne. Bisher noch ohne über sie zu schreiben. Weder für mich, noch öffentlich. Sichten will ich sie. Will ich? Einen Schluck davon trinken und mich an den Geschmack erinnern. Will ich? Dabei begreifen, wissen, dass das ich bin. Auch ich. Und dass meine heimlichen Flaschen weder besser noch schlechter als jene anderer sind. Hier versagt Wertung. Sie ist wertlos, wo es darum geht, zu sein. Denn Sein an sich schließt Wertung aus. Ist neutrales Land ohne Grenzen.

Heimliche Flaschen also. Meine riechen nach Gefühlen, ja, und nach Gedanken. Nach Geheimnissen riechen sie ganz besonders. nach ungeteilten. Alten. Neuen.

Wie ich damals über mich dachte, steht auf der Etikette dieser Flasche hier. Und wie ich über mich denke, heute, auf der Etikette jener daneben. Und wie ich mich fühle, steht auf dieser. So banal. So banal!

Auf weiteren Flaschen, kleinen, großen, schmalhalsigen, ausladenden Flaschen kleben Etiketten mit nur einem einzigen Wort darauf. Körpergefühl. Selbstwertgefühl. Selbstbewusstsein. Selbstliebe. Ablehnung. Selbsthass. Wo bin ich den hier gelandet? Ich trete zur Seite und gehe zum nächsten Regal. Hier stehen weitere gläserne Gefäße. Manche sind verstaubt. Manche ganz neu. Auf einer steht Was ich auf dem WC denke. Die daneben trägt den Titel Was ich vor dem Einschlafen denke. Wieder andere sind angeschrieben mit Was ich über andere Menschen denke und Was ich beim Sex fühle.

Nun ja, die Etiketten sind ja erst der Anfang. Der Inhalt ist es, der mich interessiert. Der Inhalt meiner Flaschen. Knausgård hat mich angefixt. In STERBEN, dem ersten Band seiner Autobiografie, schreibt er so akribisch, brutal ehrlich, banal, bis zur Langweiligkeit exakt, was er damals gedacht und gefühlt hat, als er zum Beispiel die versiffte Alkoholikerwohnung seines toten Vaters entrümpelt hatte, dass es beim Lesen schmerzt. Und doch: In dieser Banalität liegt ein Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann. Ein Zauber, eine Genialität, und ja auch eine Art Sehnsucht liegt in Knausgårds Worten. Eine Sehnsucht danach, genauso mutig wie er sich, mir mit ganz viel Liebe und Geduld in die Augen schauen zu können. Hinzuschauen. Ja zu sagen, ja zu allem, was ich sehe, zu allem, was ich bin.

Was ich heute fühle, denke, wahrnehme, mag und ablehne und das, was ich damals fühlte, dachte, wahrnahm, mochte und ablehnte, ist so banal gar nicht. Oder jedenfalls nicht banaler als das, was alle anderen fühlen, denken, wahrnehmen, mögen und ablehnen. All das zusammen bestimmt nämlich heute meine Handlungen. Es bestimmt, wie ich auf Menschen zugehe, wie ich mit mir und andern umgehe. Ob ich mir und andern gut und Gutes tue.

Der Inhalt jeder meiner Flaschen wurde im Laufe der Zeit unzählige Male ergänzt. So manche Korrektur habe ich vorgenommen. Befreiung da und dort erlebt. Mehr Struktur ist geworden. Mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz vor allem.

Immer ein Stück näher bin ich zu meiner Wahrheit hin unterwegs, zum dem, was für mich wirklich zählt. Was wirklich wirkt in meinem Leben. Stille zum Beispiel. Und damit rücke ich immer ein bisschen weiter weg von Effekt und Schein, von Lärm und So-tun-als-ob.

Oh, wie schön still wäre es auf der Welt, würden wir nur noch über jene Dinge sprechen und schreiben, die wirklich zählen und die jetzt für mich wahr sind.

Aber was wäre denn mit meinen heimlichen Flaschen von früher? Würden sie mir denn für immer verschlossen bleiben? Und wäre das schlimm?

Ja, ich habe, wie alle andern, meine ganz persönliche Art zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen, zu mögen und abzulehnen, doch im Grunde fühle, denke und mag ich nicht sehr anders wie alle andern. Und deshalb ist es wohl tatsächlich egal, was ich mit meinen Flaschen anstelle. Egal, ob ich meine Flaschen öffne, teile oder für mich behalte. Wenn nur ich selbst mir gegenüber nichts vormache. Wenn nur ich selbst mir gegenüber bereit bin, hinzuschauen.

aus: Karl Ove Knausgård: Sterben