Das Ungleichnis vom Autobahntroll

Gestern Nachmittag. Ich fahre auf der A35 von Basel nordwärts Richtung Haguenau. Mein Ziel ist, wie immer einmal monatlich, das einsame Gehöft des Liebsten unweit der französischen Grenze, im Süden von Rheinland-Pfalz. Wie immer fahre ich durch Frankreich. Eine Strecke, die sich inzwischen fast wie von selbst fährt, jedenfalls, wenn das Wetter okay ist.

Kurz vor Colmar, es ist halb zwei, wechsle ich wegen der vielen Brummis  und des dichten Verkehrs auf den Überholstreifen, wie es vor mir die meisten Personenwagen tun. Da in Frankreich und der Schweiz ja keine Rechtsfahrpflicht gilt, bleibe ich dort, denn das Reinraus, das manche veranstalten, stört meines Erachtens den Verkehrsfluss eher als dass es ihn fördert. Außerdem sind die Lücken zwischen den Brummis zu kurz als dass es sich wirklich lohnt. Obwohl als Höchstgeschwindigkeit hundertdreißig Stundenkilomenter kommuniziert sind, fahren alle vor mir weniger schnell. Immer wieder scheren nämlich Brummis aus, um ihre Vorbrummis zu überholen. Brummirennen nenn ich das. Oder Elefantenrennen.

Ich fahre konzentriert, höre dabei Musik und halte mindestens eine Wagenlänge Abstand zum Auto vor mir, um potentielle Bremsreaktionen abfedern zu können und nicht plötzlich im Heck meines Vorfahrers zu landen. Bremsweg und so. Durchschnittsgeschwindigkeit des Autotrosses sind also ungefähr hundert bis hundertzwanzig Stundenkilometer. Mittleres Verkehrsaufkommen. So fließt es sich aber eigentlich ganz gut.

Jedenfalls bis hinter mir im Rückspiegel ein fetter Mercedes-SUV auftaucht und so nahe an mich aufschließt, dass ich denke: Hoffentlich muss ich nicht unvorhergesehen bremsen (siehe Galerie unten: erstes Bild). Zugegeben, solche Typen nerven mich, aber ich habe mir inzwischen abgewöhnt, mich über sie allzu sehr zu ärgern. In der Regel lasse ich sie bei passender Gelegenheit überholen. Oder eigentlich nur noch bei sehr-sehr passender Gelegenheit, denn ich habe echt keine Lust mehr, für nervende VerkehrteilnehmerInnen meine Ruhe zu opfern und unnötig zu beschleunigen und Bußen zu riskieren. Wenn es passt, lass ich sie natürlich schon vorfahren, aber ich quetsche mich nicht mehr extra für ungeduldige und rasende FahrerInnen in winzige Lücken, für die ich abbremsen müsste. Also bleibe ich auch heute, wie all die Autos vor mir, auf der Überholspur. So weit so gut.

Auf einmal bremst das Auto vor mir brüsk ab. Für mich kein Problem, da ich genug Abstand halte, dennoch muss ich bremsen. Das Problem hat nun der Graue SUV mit Kennzeichen F 405 AK J67 (siehe letztes Bild in der Galerie). Er muss sehr brüsk bremsen und straflichthupt mir zu. Doofmann!, denke ich, und fahre weiter wie gehabt. Als es ein bisschen lockerer wird, kann ich sogar wieder hundertdreißig Stundenkilometer fahren, halt so schnell, wie es die Situation zulässt und die Autos vor mir möglich machen. Noch immer hat es Brummis. Darum bleiben die meisten vor mir auf dem linken Streifen.

Endlich tut sich hinter den Brummis, die ich gerade überhole, eine Lücke auf, die der Graue SUV für ein Rechtsüberholmanöver nutzt um sich dann in die kleine autolange Lücke vor mir einzufädeln. Fast berührte er die Chassis meines Autos. Logisch, dass ich darum heftig auf die Bremse muss, was wiederum den hinter mir in Stress versetzt. Zum Glück hält der aber genug Abstand. Ich lichthupe nun auch den vor mir an. Kindisch zwar und sinnlos, aber menschlich.

Ganz schön gefährlich, was du da machst!, denke ich und fahre weiter. Will heißen, ich will weiterfahren. Kann ich aber nicht, denn jetzt fängt die Trollerei erst richtig an. Der Graue SUV fährt nun nur noch etwa hundert Stundenkilometer, obwohl vor ihm freie Bahn ist. Kurz gesagt: Er bremst mich absichtlich aus.

Blödmann!, denke ich, und wechsle nun doch die Fahrspur, weil ich solche Spielchen nicht leiden kann und weil es jetzt nicht mehr so viel Verkehr hat. Colmar liegt hinter uns. Ich habe nicht mit dem Grauen SUV gerechnet. Der wechselt auch. Direkt vor mich. Ich muss wieder brüsk bremsen.

Mann-mann-mann! Noch immer bin ich so naiv, dass ich mir sage, dass der einfach nur ein bisschen spielen will und nun sicher gleich aufhört. So versuche ich ihn via Überholspur loszuwerden, zumal nun, wie gesagt, der Verkehr lockerer geworden ist und man gut aneinander vorbeikommen könnte. Denkste! Wieder wechselt er vor mir die Spur und lässt mich nicht vorbei. Wieder muss ich brüsk bremsen.

Ich fahre also wieder auf die Normalspur. Diesmal oder vielleicht auch erst beim nächsten Mal – es wiederholt sich ein paar Mal, ich will ihm schließlich ausweichen – lasse ich ein Auto zwischen uns kommen. Doch der Depp lässt sich nun demonstrativ von diesem Auto überholen, damit wieder nur noch er und ich in diesem idiotischen Spiel sind.

Mir ist es längst zu blöd. Keine Ahnung, wie ich anders reagieren könnte. Schließlich lasse ich mich regelrecht zurückfallen, lasse viele Autos zwischen uns kommen, und bin ihn so endlich los. Auf der Raststätte Koenigsbourg muss ich dringend stresspinkeln und mich beruhigen. Ich zittere, Adrenalin strömt durch meine Blutbahnen (oder wo auch immer), und ich bin zu gleichen Teilen wütend und traurig.

Schnell wird mir klar, dass das hier, das eben Erlebte, ein Abbild der Gesellschaft ist.

Nein, ich habe den SUV-Fahrer nicht absichtlich provoziert, aber ich habe mein Ding gemacht, bin in meinem Tempo gefahren, rücksichtsvoll und zielstrebig, aber offenbar hat das Unabsichtliche gereicht, ihn gegen mich aufzubringen. Selbst wenn ich weniger Abstand zu meinem Vordermann gehabt hätte, wäre mein Hintermann nicht wirklich schneller ans Ziel gekommen. Hätte ich ihn vorgelassen (und das habe ich ja schlussendlich), hätte er das gleiche Spiel mit jedem vor ihm gemacht und wäre mit Engaufschließen und Lichthupen weiter und weiter voran gerast. Vermutlich hat er das auch getan, nachdem er von mir abgelassen hat. Und vermutlich lebt er genauso und kommt damit gut zurecht, weil ihn die Leute, dem Frieden zuliebe, vorlassen und oder oder es nicht wagen, sich mit ihm anzulegen. Wieso lassen wir solche Menschen gewähren? Was könnten wir tun?

Ich mag mich doch für mein korrektes Verhalten nicht rechtfertigen müssen. Auch will ich mir nicht von andern diktieren lassen, wie schnell ich fahren soll. Jedenfalls nicht, solange ich mich korrekt verhalte und niemanden gefährde,

Stell dir vor, ich wäre der männliche Flüchtling, der eine hiesige Frau eine Sekunde zu lange anschaut. Oder ich wäre die Linke, die dem Nazi im Einkaufsladen eine Sekunde im Weg steht. Ich wäre … ach, es gäbe viele Beispiele. Hier geht es um willkürliche Gewalt, um absichtliche Schikane, darum, Gefahren für andere auf sich zu nehmen, um einen Menschen auszubremsen.

Seine Motive, die Motive von Trollen, sind mir schlicht unklar. Ich gestehe, meine geheime Hoffnung in solchen Momenten ist die Nacherziehung, die Hoffnung, einen anderen – in meinen Augen fehlprogrammierten – Menschen, zum Nachdenken zu bringen. Aber eigentlich wüsste ich ja, dass das nichts bringt. Dass solche Idioten zu sehr von ihrer Art zu handeln überzeugt sind, als dass sie ihr Handeln reflektieren würden.

Um nicht ebenso kindisch, biblisch, dogmatisch, fanatisch zu reagieren – Aug’ um Auge, Zahn um Zahn –, müsste ich eine bessere Strategie kennen. Im Leben ebenso wie auf der Straße.

Im konkreten Fall denke ich über eine allfällige Anzeige nach. [Doch reichen meine Fotos und die beiden Filmchen denn als Beweise? Und wo müsste ich das machen? Schweiz? Frankreich? Deutschland da EU?] Außerdem will ich doch nicht für einen Idioten wie diesen SUV-Fahrer soviel Energie aufwenden, die ich ja gar nicht habe. Doch genauso denken die meisten von uns. Dann regen wir uns wieder ab und alles geht genauso weiter wie zuvor.

Kurz taucht die Frage auf, ob ich um mein Leben bangen müsste, wenn ich dem Idioten eine Buße verursachen würde?

Auf dem weiteren Weg denke ich über die Kräftespirale nach, über die der Liebste schon oft in seinen Blogs geschrieben hat. Kräfte und Gegenkräfte, die sich gegenseitig hochschaukeln. Und am Schluss hat doch niemand gewonnen.

Habe ich etwas gelernt? Vielleicht, dass man Trolle nicht ausbremsen kann? Nein, ich mag einfach nicht akzeptieren, dass es solche Arschlöcher gibt, gegen die man nichts tun kann.

Er hat vermutlich erst recht nichts gelernt, außer, dass schlussendlich jeder seiner Dummheit weicht, außer er oder sie lasse sich auf einen Krieg mit ihm ein.

Sag mir, wie du dich im Straßenverkehr verhälst und ich sage dir, wer du bist.

Mehr oder eher weniger frei?

Heute möchte ich euch zwei wichtige Texte ans Herz legen.

Bei beiden geht es im Grunde um die Erkenntnis, dass wir weit weniger frei sind als wir es möchten. Und darum, wie wir subtil manipuliert werden, um auf bestimmte Arten zu denken, zu handeln und zu wählen.

Im ersten geht es um Big Data, um das, was wir tagtäglich an Spuren hinterlassen ob wir es wollen oder nicht, ob wir was machen oder es lassen. Und was damit gemacht werden kann. Könnte.

Hast du zum Beispiel gewusst, dass zehn deiner Likes reichen, um zu zeigen, wie du tickst?
1. ) Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt
(Quelle: Das Magazin)

Im zweiten Text geht es darum, wie wir nach und nach vom Ich befreit werden sollen. Und um das Dunbar-Dorf und unsere beschränkte Kapazität zur Beziehungspflege.
2.) Die Befreiung des Ich
(Quelle: Frau Meike sagt)

Zentrifugalkraft

Es dreht sich das Karussell und nimmt uns mit.
Dreht uns im Kreis. Im Kreis, im Kreis. Immer im Kreis.
Manche kreischen.
Da ist ganz viel Lärm in mir drin.
Und da sind Ängste, die mit Kirmesgewehren herumballern.
Noch lachen alle. Jubeln. Kreischen lauter. Rufen schneller.
Schneller, schneller, und lauter und wilder und mehr, mehr, mehr.
Da. Auf einmal fliegen die ersten heraus. Schließlich immer mehr.
Nur die ganz Starken, jene, die ein paar Tricks kennen, um der Schwerkraft zu trotzen, und die mit den spitzen Ellbögen können sich halten. Sie drängen sich in die Mitte.
Am Rand steht bald niemand mehr.
Da draußen, am Boden, liegen schon ganz viele.