Diese Sehnucht nach Erlösung

Was genau ich geträumt habe, ist nicht relevant, zumal ich mich nicht mehr erinnere. Woran ich mich aber genau erinnere, ist, dass ich um Lösung, Erlösung, Auflösung herum geträumt habe.

Eine der Erinnerungsspuren zurück in die Traumhandlungsebene befasste sich mit Druckaufbau, mit Leistungsdruck, mit Pflichten, mit Erwachsensein vielleicht auch − doch möglicherweise kam diese Ebene erst dazu, als ich bereits in jener Phase kurz vor dem Aufwachen war, wo Träume es sich zuweilen anders überlegen und sich zurückziehen, um nicht die Schwelle zur materiellen Realität überschreiten zu müssen. (Ob sie den Schmerz ahnen, die Träume, der auf sie wartet, vielleicht, falls sie wahr, falls sie real würden? Und wäre es denn Schmerz?)

Was brauche ich? Was tut mir gut? Zwischen Notwendigkeiten und Luxus ist ein großer Graben. Was brauchen das Kind-in-mir wirklich? Und was brauche ich erwachsener Mensch? Was brauche ich wirklich um der Wirkung, der Wirksamkeit, der Wirklichkeit willen und um sie zu ertragen? Was erfüllt mich, was erlöst mich, was heilt und was nährt mich? Was wendet Situationen, die wie Sackgassen aussehen und mir Angst machen?

Sind es letztendlich weniger die Dinge an sich, Materie und Umfeld, als vielmehr die Bewegungen, die Handlungen, unsere Hingabe und Zuwendung, ein Blick, eine Berührung, die uns erlösen?

Wenn ich so um mich schaue (oder/und weil ich von mir auf sie schließe), dünkt mich das ganze Paket, das manche Freundinnen und Freude so mit sich herumtragen, verdammt groß und schwer. Unlösbar schwer?

Brauche ich, brauchen wir alle vielleicht deshalb im Alltag immer wieder unsere Erlösungen?
Ist das Leben nicht ein einziges Spannungsbogen aufbauen und Spannungsbogen abbauen?
Spannung
und Erlösung.
Hin zu mir,
weg von mir.
Ewiges Auf und Ab,
endliches Kreisen.

Ja, ich brauche Erlösungen. [Und ich vermute, dass sogar ein Mord eine Art Selbsterlösung sein kann, zuweilen, auch wenn das für mich keine Option ist. Außer vielleicht im Lesen von Krimis.]

Wie ich mich am liebsten erlösen lasse? Zum Beispiel durch eine wunderbare, mit dem Liebsten zusammen gekochte Mahlzeit. Durch den gemeinsamen Gaumengenuss. Oder − wie gesagt − von Geschichten anderer in Büchern und Filmen. Auf Wanderungen und Radtouren erlöst mich die Natur. Immer ist es wohl diese Hingabe an den Augenblick, ans Jetzt, die mich erlöst, zuweilen beinahe auflöst. Mich in mir. Wie im Orgasmus. Oder im Wasser, beim Duschen oder Schwimmen. Und im Fluss von Musik, von Stille und von Schlaf.

Ich ahne, dass die definitive Erlösung der Tod ist.

Gut gelandet

»… im Roman wäre der Flieger abgestürzt:-) Ne. Lief alles prima.« So twitterte Irgendlink heute Morgen auf Nachfragen, wie denn der Flug verlaufen sei.

Nun ja … vielleicht war es ja eine Schnapsidee, ihn mit dem Auto abzuholen. Zumal ich ja nicht so gerne an Orte fahre, die ich nicht kenne. Auch Orte mit verschiedenen Ein- und Ausfahrten, mit Parkhäusern und Ebenen, sind mir suspekt. Doch natürlich wollte ich den Liebsten gestern unbedingt abholen. Mit dem Zug wäre wohl einfacher gewesen. Denke ich im Nachhinein.

Nachdem ich auf Flightradar24 Irgendlinks Flugzeug bis über die französische Grenze beobachtet hatte, machte ich mich um 21 Uhr langsam auf den Weg zum Flughafen. Die Karten-App prognostizierte mir etwa vierzig Minuten Weg, die Landezeit wurde mit 22:03 angezeigt. Aussteigen, Gepäck abholen und so weiter dauert so zwischen zehn bis zwanzig Minuten. Spätestens um 22:15 wollte ich, so mein Plan, am Arrival stehen, wie in den Filmen, und dem Liebsten in die Arme fallen.

Schon bei der Abfahrt ging es los mit erschwerten Bedingungen. Statt, wie immer, zum Autobahnzubringer Richtung Zürich zu fahren, der doch einen ziemlichen Schlenker in die Gegenrichtung beinhaltete, entschied ich spontan über die Nachbarsdörfer zur übernächsten Autobahneinfahrt zu gelangen. Ich hatte, wie oft, wenn ich eine Strecke nicht so gut kenne, mein Handy als Navi eingeschaltet. Die beruhigende und wissende Stimme, die mich lotst, tut mir oft sehr gut. Diesmal jedoch machte sie mich nervös, denn da war eine Baustelle, die das Navi nicht kannte, eine Umleitung, und so wollte die Dame, dass ich Dinge tue, die ich gar nicht tun konnte. Wegen gesperrter Straßen.

Natürlich fand ich die Autobahn dann doch noch, das Navi ersetzt den gesunden Menschenverstand ja nicht. Und klar, dass es zwei verschiedene Routen zum Flughafen gibt, das weiß ich. Theoretisch. Kennen tat und tue ich bisher aber nur jene durch den Gubrist. Mein kluges Navi wusste, dass es dort einen Stau habe. So wollte es mich wohl, vor Zürich, umleiten, aber die Wegweiser ‚Zürich City‘ wollte ich partout nicht nehmen, weil, so mitten durch die Stadt, auch wenn es nur Transit gewesen wäre, ne, dazu hatte ich wirklich keine Lust. So folgte ich brav den ‚Flughafen‘-Schildern und hoffte, dass der Stau, wenn ich erstmal dort sein würde, wo er gewesen wäre, sich längst aufgelöst haben würde.

Konjunktiv, du alter Mann, zieh mal lange Hosen an.

Hatte er aber nicht, der Stau, weder lange Hose noch sich aufgelöst, und darum tat er, was er am besten konnte: Uns ausbremsen. Mitten im Tunnel. Nicht lustig das.

Etwa eine Viertelstunde später löste er sich allmählich auf und ich schaffte es auf kurz nach 22 Uhr vor den Flughafen. Vor lauter Nervosität und Vorfreude hatte ich nämlich die Sache mit den Parkhäusern nicht so richtig begriffen, den Abzweig verpasst und parkte nun, vorerst, mal auf den ‚Fünf Minuten gratis‘-Parkplätzen vor den Ankunftshallen. Das Ticket, das ich an der Schranke gezogen hatte, legte ich auf das Armaturenbrett. Ich lief in die Halle und sah auf der Ankunftsanzeige, dass Irgendlinks Flugzeug soeben gelandet war. Ob ich wohl eine Viertelstunde auf dem Fünf Minuten-Parkplatz stehen konnte? Wie wollten die das überhaupt kontrollieren? Ich ging wieder zum Auto, rollte ein bisschen näher zur richtigen Türe und wartete, mal drinnen, mal draußen, mal in der Halle. Schließlich fragte ich einen freundlich aussehenden Ordnungshüter, wie lange ich hier maximal warten dürfe. Er sagte, dass ich solange warten könne, wie ich wolle, aber dass es dann ziemlich teuer werden könne. Eine Minute koste einen Franken. Das hier seien wohl die teuersten Parkplätze der Schweiz. Ich schluckte schwer. Wo kann ich denn sonst hin?

Er erklärte mir, dass ich entweder aus der Schranke raus − inklusive vorheriges Nachzahlen natürlich − ins Parkhaus fahren oder aber die ganze Runde wiederholen könne, sooft ich wolle, denn dieser Fünf Minuten-Bereich sei als Runde angelegt. Ich könne rein und raus, sooft ich wolle. Ich beschloss, es war schon so zwanzig nach zehn und von Irgendlink hatte ich erst eine SMS bekommen, dass es noch dauern werde, erhalten, auf die Zähne zu beißen, die achtzehn Franken zu zahlen und ins Parkhaus 3, wie der nette Ordnungshüter mir empfohlen und wohin er mir den Weg erklärt hatte, zu fahren. Kaum dort, im Untergeschoß, rief Irgendlink an. Er sei vor der Ankunftshalle. Also genau dort, wo ich vor zwei oder drei Minuten meine horrende Nachzahlung geleistet hatte.

Jetzt fing das Verwirrspiel erst an, denn ich wusste vorerst nicht, wo ich war. Irgendwo auf dem Flughafen, klar, aber in einer für mich nicht nachvollziehbaren Distanz oder Nähe zu Irgendlink. Als ich endlich eine ‚Sie befinden sich hier‘-Tafel fand, wurde es ein bisschen einfacher. Oder noch komplizierter. Wir beschlossen, uns vor den Lifts auf meiner UG-Ebene zu treffen. Sein Lift konnte aber nur aufwärts, nicht abwärts. Seltsam. Dann konnten es nicht diese Aufzüge auf meiner Tafel sein, die rauf und runter konnten. Wieder telefonierten wir.

Ich schlug vor, dass er auf mich warten solle. Zumal er das ganze sperrige Gepäck − dazu das Rad kartonverpackt − zu schieben hatte. Und endlich begriff ich die traurige Wahrheit: Ich war in einem anderen Gebäude. Getrennt von ihm durch eine Straße. Eben jene, an der ich vor zehn oder fünfzehn Minuten gestanden hatte. Und als ich das endlich begriffen hatte, ja, da waren es wirklich nur noch ein paar Schritte. Zuerst wieder am netten Ordnungshüter vorbei über die Straße, dann durch die automatische Türe und schließlich in Irgendlinks offene Arme.

Hach.

Zurück, wieder am Ordnungshüter vorbei, diesmal Daumen-hoch- und Victory-Zeichen machend, in das Gebäude mit den Parkhallen galt es, meine Spur, die ich vorhin ziemlich wirr und im Zickzack gelaufen bin, wiederzufinden, denn die Brotkrümel hatten leider schon die Vögel weggepickt. Puh – war es hier? Bin ich so gekommen? Nein, hier war es. Ja. Und so fanden wir mein Auto wieder.

Das kartonverpackte Rad häuteten wir mit meinem Schweizermesser. Schlau, mein Liebster, wie er alles mit Haushaltfolie und Klebband umwickelt hatte, um es gut zu schützen. Schließlich lag alles am richtigen Ort und ich zahlte die auch hier, im Langzeitparking, nicht eben bescheidenen Gebühren. Irgendlink fuhr uns aus dem Flughafen-Areal heraus, immer Richtung Bern. Die Navi-Stimme befahl uns zwar auch diesmal wieder einen anderen Weg zu nehmen als durch den Gubrist, aber weil wir uns so viel zu erzählen hatten, ignorierten wir sie. Und landeten somit wieder im Stau. Diesmal war es aber egal. Und er war auch nicht ganz so lang. Und nicht im Tunnel. Und wir mussten schließlich heute nichts mehr. Wir hatten ja uns.

Gegen Mitternacht waren wir zuhause.

Happy End. It’s been a hard day’s night.

Und ja, es gibt echt bessere Gerüche als ungewaschene Europenner-Klamotten. Jetzt, gewaschen und sonnengetrocknet, riechen sie definitiv besser.

Pssst. Heute träumten wir von einer Blog-Reise-Radeltour zu zweit durch die USA … ich im Auto, er auf dem Radel. Und von tollen SponsorInnen träumen wir auch, die so etwas Verrücktes möglich machen.


+++ WICHTIGE INFO +++ WICHTIGE INFO +++

Das Flugzeug ist zum Glück nicht abgestürzt, dafür aber der Server, auf dem Irgendlink seine Blogs geführt hatte, das Irgendlink- und das Europenner-Blog sind quasi im digitalen Nirvana gelandet.

Vorläufig geht es hier weiter. Bitte klicken: https://irgendlink.wordpress.com/

Was Kunst kann, kann nur Kunst

Manche Leute können ja nicht wirklich etwas mit Kunst anfangen, sagen gar Dinge wie »Also, ich verstehe ja wirklich nichts von Kunst«. Sie scheinen, will mir scheinen, kein Bedürfnis danach zu haben, aus sich heraus etwas Eigenes, etwa Ursprüngliches, etwas Originelles zu schöpfen. Machen sie Fotos, gehören diese in die Kategorie Schnappschüsse, Erinnerungen und Zeitdokumente. Und ja, das darf so, kein Thema. Wir alle sind sehr verschieden. Und das ist gut.

Wenn man solche Bilder aber im Internet als Kunst bezeichnet, schrecke ich ein bisschen zusammen. Wie jetzt? Ich soll diese Collage, diese eher unscharfen Naturbilder, als Kunstwerk verstehen? Oder ist − was ich eher vermute − das Gesehene, das Abgeknipste, die Natur selbst, dasjenige, was ich als Kunst verstehen soll?

Und schon bin ich mal wieder mitten drin in der ewigen Streitfrage, was denn nun bitteschön Kunst an der Kunst sei. Diese Frage umfasst für mich definitiv auch den Aspekt, was Kunst soll und will und kann. Ich glaube, die meisten hier sind mit mir einverstanden, wenn ich sage, dass Kunst viel mehr ist als etwas ‚einfach nur abzubilden‘. IMG_2848Zumal es die wirkliche Wiedergabe eins zu eins, also die Wiedergabe eines Objekts, eines Erlebnisses, eines Dings, in ein Bild, nicht gibt. Weil nur schon der ausgewählte Ausschnitt durch die Kamera, den Bildrahmen, den gewählten Moment, den man erzählt, eine Einschränkung, oder, neutraler, eine Veränderung des Objektes, im Verhältnis zum Original, darstellt.

Kunst ist meiner Meinung nach − im Unterschied zu Handwerk und zu Kunsthandwerk − einzig oder mindestens primär dem Ausdruck einer Erfahrung, eines Gedankens, einer Idee der oder des Kunstschaffenden verpflichtet, also der Interpretation des ausgewählten Etwasses. Dies dann allerdings unter Anwendung zuvor erworbener Kenntnisse. Und unter Anwendung des Wissens darüber wie dieses eingesetzt wird.

Ein Beispiel gefällig? Wenn ich schreibe, schreibe ich unter Anwendung und erworbener Kenntnis vom Rechtschreibe- und Satzzeichenregeln (Pflicht, Wissen, Können), doch ich fülle die Zeilen auf eine Weise, die meinem Bewusstsein und meinem Bedürfnis entspricht (Kür, Kunst, Ausdruck).

IMG_2857So gesehen ist Kunst, banal gesprochen, ein Transportweg. Ich transportiere die mir auf dem Herzen brennenden Inhalte − von humorvoll über politisch zu philosophisch − auf die mir am meisten entsprechende Ausdrucksweise (Bild, Ton, Film, Text etc.).

Kann pure Natur, kann diese Schönheit, die ein Mensch mit seinen Augen betrachtet und gewürdigt hat, als er den Auslöser drückte, kann sie also Kunst sein?

Ich frage lieber so: Will Natur überhaupt Kunst sein oder ist Natur nicht sogar das Gegenteil von Kunst, gewachsen, entstanden aus der Ursprungskraft allen Lebens, aus dem Leben selbst? Eben nicht als Kunstform, als etwas Künstliches, als etwas Geschaffenes, als etwas mit Botschaft für uns Menschen, für uns Kronen der Schöpfung, sondern als die Reinform allen Seins. Natur eben.

Nicht für uns Betrachtende, Bewundernde und Staunende, auch nicht für uns Nutzende, sondern um ihrer selbst willen.

Werden. Sein. Vergehen.

Ein paar Schreibtricks

Ich schreibe gerne über das Schreiben und ich lese gerne, wenn andere über das Schreiben schreiben. Aber noch lieber, schreibe ich einfach.

Dennoch gebe ich euch hier vier Schreibtricks von Ksenia Anske, einer russisch-amerikanischen Autorin, weiter:

1. Imagine you’re describing a movie.
2. Think about all five senses.
3. It’s the little things that matter.
4. Orient us like we’re lost.

1. Stell dir vor, einen Film zu beschreiben.
2. Denke mit allen fünf Sinnen.
3. Es sind die kleinen Dinge, die zählen.
4. Führe deine LeserInnen, als hätten sie sich verirrt/als seien sie verloren.

Quelle: Ksenia Anskes Blog

Ich glaube, dass diese Ansätze für fast alle Genres taugen. Auch für Lyrik.

So zu schreiben ist eine sehr sinnliche, hingebungsvolle Art, die Lesenden in die eigene Welt mitzunehmen, ihnen unseren Blick auf die Welt zu zeigen und ihnen danach zu überlassen, wie sie damit umgehen.

Was ich brauche?

Eigentlich ist es ja ganz gut, dass nicht alle sind wie ich. Viele Berufe würden nämlich gänzlich aussterben, wären alle wie ich. Es gäbe zum Beispiel keine Fernseher und keine Radios, weil ich nie Radio höre und Fernsehen gucke (das Dauer-Gelabber macht mich viel zu hibbelig, Werbung vor allem, Stimmen, Reden). Es gäbe keinen herkömmlichen TV-Betrieb außer den werbefreien Mediatheken. Und es gäbe keine Metzgereien, keine Nur-Fleischgerichte-Restaurants, keine Einkaufmalls, keine Zeitungen, keine … ach, ich könnte bestimmt eine sehr lange Liste schreiben, wenn ich wollte, ich partielle Konsumverweigerin ich.

Wie gesagt: Es ist wirklich gut, dass es so verschiedene Menschen mit so verschiedenen Talenten, Interessen, Fähigkeiten gibt. Aber was wollen und was brauchen wir wirklich, wir KonsumentInnen wir?

Seit vier Jahren und einem Monat lebe ich nun in W. und kaufe seither meistens im kleinen Dorf-Laden ein. Zwar ist es eine Filiale eines der zwei größten Genossenschaftsgroßverteilers der Schweiz, aber der in W. ist eben recht klein, überschaubar und irgendwie persönlich. Dennoch mit einem ziemlich breiten Sortiment; von allem was, aber nicht von jedem Ding tausend verschiedene Produkte und Marken zur Auswahl. Meistens kaufe ich mit Rad, Rucksack und Korb ein, für eine Woche. Und meistens reichen Korb und Rucksack. Einen Einkaufswagen brauche ich nie.

Heute habe ich das erste Mal, seit ich hier lebe, bei der Einkaufsmall zwischen den Dörfern, die ich bisher immer links liegen gelassen habe, zwischengestoppt.

Ehrlich, eigentlich bin ich da ja nur hin, weil ich vermutete, dass sie das Bio-Spülmaschine-Mittel haben, das der kleine Laden nicht hat. Nun ja, das haben sie, aber sie haben eben, wie ich heute merkte, auch sonst noch ein paar Sachen. Was für eine Auswahl an Gemüsen, an Joghurts, an Käsesorten, an Vegi-Produkten! Und Bürokram auch gleich – Kopierpapier brauche ich eh bald wieder. Und diese Biersorten!

Mein Korb war längst voll, ich holte an der Kasse einen zweiten und auch den füllte ich locker. An der Kasse reichte das Förderband nicht für alles und ich fühlte mich ein bisschen wie eine Falschspielerin, wie eine mit riesiger Familie zuhause … Wobei … bald kommt ja der Liebste zurück von Spanien. Und ehrlich: der Kühlschrank ist auch fast leer …

Was ich sagen will: Es tut gut, ab und zu über seine eigenen Vorsätze, Prinzipien und so weiter zu stolpern und mal Dinge zu tun, die man sonst nicht tut, weil. Und echt jetzt: die Bio-Mandelmilch ist wirklich genial. Und ja, wirklich, mir gehts nun wieder ein bisschen besser als heute Morgen.

Auch dass ich mich mal richtig über Regen freuen würde, hätte ich auch nie gedacht. Heuschnupfen ist dann nämlich viel erträglicher.

Von Fröschen und andere Zufällen

Man denkt ja immer: Ich will dann kein schlimmes Alter, bitte-bitte, liebes Leben, verschone mich. Und dann wird man allmählich älter und ist dabei wie der berühmte Frosch* im Wasserbad, das sehr langsam erhitzt wird. Man gewöhnt sich, wie der Frosch, an die steigende Hitze. Man − die älter werdende Frau, die ich bin − gewöhnt sich an die Gebrechen. An den Rücken, der zwickt, an den Tinnitus sogar, der lauter geworden ist. Man denkt, dass das irgendwann ist, später, in der Zukunft, das mit den sich mehrenden Gebrechen, später irgendwann, und man merkt gar nicht, dass es schon jetzt ist und dass man mittendrin ist in diesem Älterwerden mit seinen Gebrechen da und dort.

Ich glaube ja eigentlich an Gesamtzusammenhänge. Von daher muss das wohl auch etwas mit mir zu tun haben. Aber wenn ich an Gesamtzusammenhänge glaube, muss dann nicht alles, was je geschehen ist, etwas mit mir zu tun gehabt haben und war nicht einfach nur Zufall? Und wenn Gesamtzusammenhang, dann wie? Und muss ich es verstehen?

Anders gesagt: Versteht jemand die Zusammenhänge oder ist das eine Frage des Ausschnittes?

Hängt zwar alles naturgemäß zusammen, aber niemand sieht das ganze Bild. Vermutlich.

Weil das ganze Bild gar nicht auf eine Karte passen würde und wegen all der Kurven und Knicken und Ecken und Rundungen – wie bei der Weltkugel – die Proportionen eh nicht originalgetreu wiedergegeben werden können. Geschweige verstanden. Ein großer, in sich zusammenhängender Zufall also. Ja, vielleicht.

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* Mag ja sein, dass sich Menschen so verhalten, wie sie es Fröschen unterstellen, nämlich, dass sie sich an die Umgebungshitze gewöhnen, doch ganz offensichtlich ist es in Wirklichkeit bei den Fröschen ein bisschen anders.

Zeit.de

 

In einem Zug zu lesen #5 − Der Mondtrinker von Göran Tunström

Ein Wohlfühlbuch mal wieder, nach und neben Ulla Hahns Biografie und anderen Büchern, die ich gleichzeitig lese und die mich eher aufwühlen.

Ich bin mal wieder literarisch nach Island gereist, doch diesmal ohne Leichen und sonst wie Horror. Außer dem des ganz alltäglichen Wahnsinns.

MondtrinkerDas Buch erzählt die Lebensgeschichte eines jungen Isländers, dessen Mutter früh gestorben ist und dessen Vater einen ganz besonderen Blick auf ihr Leben und die Vaterliebe hat. Und auf die Welt da draußen. Und auf das Wissen in Büchern und im Herzen.

Das Zusammenleben der beiden ist nicht wirklich voller Ereignisse, doch was wirkt, wirkt unter die Haut.

Der Ich-Erzähler gewährt uns zudem einen Blick hinter die Kulissen eines selbständig gewordenen Landes, spricht mit Humor und Schalk, mit Wehmut auch und kritisch, aber dennoch durch und durch liebevoll über sein Land, einem Land der Wörter, Klänge, Poeten und Metaphern.

Ich weiß nicht mehr, woher ich es habe, dieses kleine Taschenbuch, noch wie lange es schon in meinem Stapel der zu lesenden Büchern gelegen hat. Nun aber ist seine Zeit gekommen.

Diese Vater-Sohn-Liebesgeschichte ist so berührend und wohltuend, so nährend, dass ich ihm auch achtzehn Jahren nach seinem deutschen Erscheinen viele LeserInnen wünsche.

Ausschnitt Buch
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Eine sehr liebevolle Rezension hat es auch hier bekommen (→ klick)

Der normierte Mensch – reblogged

Ein Text, den ich meinen Leserinnen und Leser sehr ans Herz lege.
Statt ADHS kannst du gerne auch andere Begriffe wie HSP (Hochsensible Personen) etc. einsetzen. Das hier ist ein wichtiger und wertvoller Appell, wie ich ähnlich schon gedacht habe.
Wir sind nämlich alle irgendwie normal im unserer Verschiedenheit und mit all unseren Abweichungen vom 0815-Schema, das es eh nicht wirklich auf Menschen anzuwenden lohnt.
Wozu auch?

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Gerade eben höre ich durch Zufall einen Beitrag über ADHS im Radio und dass ja jetzt auch immer mehr Erwachsene eine Diagnose bekommen.
Soweit kein Problem. Ich finde es sogar gut, wenn dieses Thema mehr Aufmerksamkeit in den Medien erhält.

Was mich aber gewaltig stört, ist zum einen ADHS als Krankheit darzustellen und zum anderen auch noch den Erfolg von Medikamenten und Verhaltenstherapien zu loben. Alles in mir streubt sich gegen solche Aussagen, weil über das Asperger-Syndrom ähnliches berichtet wird.

Nochmal an die Welt da draußen: ADHS, Asperger und Autismus sind keine Krankheiten. Wir sind kerngesund, wir ticken nur anders. Keiner von uns muss mit Hilfe von Medikamenten oder Therapien auf Funktion getrimmt werden, sodass wir – wie NTs das gerne hätten – als braves Zahnrädchen in der Gesellschaft funktionieren.
Der Fortschritt in einer Gesellschaft lebt von der Vielfalt und der Akzeptanz der unterschiedlichen Denkweisen. Wenn alle gleich sind, kann…

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Lesen befehlen – reblogged

Herzliche Leseempfehlung, die ich gerne weiterempfehle.

normalverteilt

Das würde ich manchmal gern. Empfehlen muß ich mindestens, und dringlich:

Alle reden über Flüchtlinge und nur wenige mit ihnen. Frau Eichhorn schreibt auf Laubgeschwätz und Waldgeflüster über ihre Arbeit mit Flüchtlingen, über das Schwere, das Schöne, das Entsetzliche und über das, worum zu streiten nicht lohnt. Eine Stimme des Mitgefühls – und der Besonnenheit. Es geht ums Trotzdem. Es geht darum, Mensch zu bleiben.

Bitte.

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Weiterschreiben

Mag sein, dass es im Internet viel Mist hat, aber was ich in letzter Zeit an feinen Texten, genialen Gedankenimpulsen und neuen Ideen dort gefunden habe, wiegt für mich den Mist bei weitem auf.

Für alle, die schreiben, zitiere ich heute ein paar ermutigende Zeilen aus dem Blog von Ksenia, einer russisch-amerikanischen Autorin. (Übersetzung unten).

Dear writer, please stop beating yourself up. The thing is, there is always luck involved in any art making, books or whatever else. If your art is read (seen, heard, etc.) by the right person at the right time, it might just get the push it needs to be exposed to lots of people. It doesn’t mean YOU have done something wrong. It doesn’t mean YOU have to keep getting out of your skin to do EVERYTHING. Stop. Breathe in. Breathe out. And just keep writing more books. […] The more of them you write, the better your books will get. And while you’re writing them, luck will either find you, or it won’t. Be content with it. Be ready to be NEVER found. That’s not why you write, is it? You write for yourself. Because if you write for fame and riches, you better quit NOW.

You know how I know? I’ll tell you my story. I’m smack in the middle of this.

[…] I’m writing my 6th book and only now, note, ONLY NOW, after having written 5 other books over the period of about 4 years do I begin to feel like I know what I’m doing. Which is to say, I don’t know what I’m doing and I’m finally okay with it because I know I will know as I write it. There is tremendous freedom that comes with this knowledge of not knowing. It can’t be achieved any other way except by writing enough books for you to get there. Some of us are lucky and get there faster, and some get there slower. It’s no fault of ours. We’re all different. It will take as long as it will take. But it will take longer if you spend time on other shit instead of spending time on writing more books. You see what I’m saying? You can’t do more than you can physically do. And you can’t beat yourself up for not doing more and somehow not succeeding in your own eyes. You’re already succeeding by writing. And your luck will either come, or it won’t. So forget about doing EVERYTHING for the books you have already written and write more. […]

Fortsetzung und Quelle: Ksenia Anske

Liebe/r AutorIn, bitte höre damit auf, dich selbst zu verprügeln. Es ist ja so, dass immer auch Glück im Spiel ist, bei aller Kunst, die wir erschaffen, ob nun Bücher oder was auch immer. Wenn deine Artikel von der richtigen Person zur richtigen Zeit gelesen (gesehen, gehört, etc.) werden, braucht es womöglich nur einen kleinen Schubser, damit dein Werk viele Menschen erreichen kann. Es bedeutet nicht, dass DU etwas falsch gemacht hast. Es bedeutet, dass es nicht nur an DIR liegt, ALLES selbst zu tun. Stopp. Atme ein. Atme aus. Und nun schreibe weitere Bücher. […] Je mehr (von ihnen) du schreibst, desto besser werden deine Bücher werden. Und während du schreibst, wird dich das Glück zu finden oder auch nicht. Nimm es, wie es kommt. Sei bereit, NIE gefunden zu werden. Es ist ja nicht der Grund, warum du schreibst, nicht wahr? Du schreibst um deinetwillen. Wenn du nur für Ruhm und Reichtum schreibst, hör JETZT besser damit auf.

Weißt du, warum ich das weiß? Ich werde dir meine Geschichte erzählen. Ich bin genau in ihrer Mitte.
[…] Während ich also mein sechstes Buch schreibe, nach fünf anderen Büchern, die ich über den Zeitraum von ca. 4 Jahren geschrieben habe, fällt mir ERST JETZT auf, dass ich beginne zu fühlen, dass ich (endlich), was ich tue. Was soviel heißen soll, dass ich (zwar) nicht weiß, was ich tue, aber damit endlich einverstanden bin, weil ich weiß, dass ich es erfahren werde, wenn ich es schreibe. Mit dieser Erkenntnis nicht zu wissen (was wird), entsteht enorme Freiheit. Sie kann nicht anders erreicht werden als damit, dass ich genügend Bücher für dich schreibe, um dorthin zu gelangen. Einige von uns haben Glück und kommen schneller dorthin, bei anderen geht es langsamer. Es ist nicht unsere Schuld. Wir sind alle verschieden. Es dauert so lange, wie es dauern wird. Aber es wird länger dauern, wenn du Zeit für andere Scheiße verschwendest, anstatt deine Zeit damit verbringst mehr Bücher zu schreiben. Verstehst du, was ich sage? Du kannst nicht mehr tun, als du physisch tun kannst. Und du kannst dich verprügeln, weil du nicht mehr tust, um in deinen eigenen Augen erfolgreicher zu sein. Du bist bereits durch das Schreiben an sich erfolgreich. Und dein Glück wird entweder kommen oder nicht. Vergiss also ALLES zu tun für die Bücher, die du schon geschrieben hast und schreibe mehr.