künstlich?

Über meine Bildbearbeitungsleidenschaft, die mit jedem Bild, das ich bearbeite, größer und größer wird, gäbe es viel zu erzählen. Die Appsucht ist, wie jede Sucht, etwas, das – trotz ihres in diesem Falle kreativen Potenzials – mich zwar vordergründig nährt, dennoch ab einem Zeitpunkt eine gewisse Leere und einen Schrei nach mehr in mir zurücklässt.

Nein, halt! Das stimmt so nicht. Eher ist es so, dass ich zwar erfüllt bin von der kreativen Arbeit auf dem Kleinstcomputer, doch irgendwann die Lust oder das Bedürfnis auf eine Erweiterung des Werkzeugkastens aufkommt. Zuerst nur ein leiser Gedanke: Es sollte doch eigentlich eine App geben, die dies kann, die jenes kann. Und schon geht die Suche los. Meistens finde ich bald, was ich suche.

Apps, wie die Bearbeitungsprogramme neudeutsch heißen, sind ja gut und schön. Aber letztlich hat Irgendlink recht, wenn er sagt, dass uns die beste App nichts nützt, wenn wir keine guten Bilder machen. Stimmt. Unbedingt. Allerdings kann ein gutes Bild alles sein. Auch das hässlichste Ding kann, im Bild ins richtige Licht gerückt, berühren, was ja eine der Ideen von Kunst ist.

Ist aber wirklich nur das gute Rohbild für die Qualität des Endbildes entscheidend und der auf ihm gewählte Ausschnitt vom Bild, das ja wiederum auch nur ein Ausschnitt von allem ist? Und ist nicht jedes einzelne Leben, jede individuelle Wahrnehmung letztlich nur ein Ausschnitt von allem? Doch darüber wurde allerorten schon viel philosophiert, drum lasse ich das besser.

Ich behaupet also, dass das Sujet nur eins der Teile ist, die über die Endqualität entscheidem. Letztlich kommt es darauf an, was wir aus dem Rohmaterial machen. Unsere rohen Bilder sind die Farben der Malerin und die Wörter des Schriftstellers. Manchmal schon fertig, manchmal ein Anfang.

Und so bearbeiten, verfremden und verändern wir also die Abbildungen dieser Welt, um genau diese Welt erträglicher, schöner, farbiger, verständlicher zu machen. Und wir schaffen – künstlich, mittels unseres Könnens – Kunst.

Ach, noch dies: Beim Fotografieren ist es, wie bem Malen, die Unperfektheit und die Asymmetrie, die einem Bild – die dem Leben und allem irgendwie abbildbaren – Lebendigkeit verleiht. Der Versuch, mein Gesicht mittels Spiegelung symmetrisch zu zeigen, bringt an Licht, dass ich nur ich bin und so aussehe, wie ich aussehe, weil mein Gesicht nicht aus zwei identischen Hälften besteht. So viel schon mal über jene App namens Diptic, die Montagen, Collagen und Spiegelungen ermöglicht.

Sie ist, wie jede App, eine geballte kleine große Lebensschule der besonderen Art.

Ich möchte grad am liebsten über jede App einen kleinen Text schreiben, sage ich halblaut vor mich hin.

Nur zu!, sagt J.

Wart’s ab, sage ich.