Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?

Dienstagvormittag. Kurz nach elf fahren J. und ich mit den Rädern in die Stadt. Er, weil er einige kleine Besorgungen machen und mich mental unterstützen will. Und ich, weil ich mich anmelden soll. Und ein Bankkonto öffnen.

Zuerst gehe ich, gut informiert wie ich dank Irgendlink bin, gleich aufs Ausländeramt. Obwohl ich ja AusländerIN nicht Ausländer bin. Aber lassen wir das. Gendersensibilität ist hierzulande ein Fremdwort. Diesbezüglich ist Deutschland ein Entwicklungsland. Mit viel Potenzial allerdings, hoffe ich.

Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?, fragt der nette Herr. Tonfall: ungläubig. So in etwa wie: Gibt’s doch nicht! Zur Kollegin: Hatten wir noch nie, nicht wahr? Nur immer umgekehrt! Und schon wendet er sich mir zu, nimmt meine Papiere in Empfang, macht Kopien, erzählt mir von Freizügigkeitsabkommen und dass ich in den nächsten neunzig Tagen mit Arbeitsvertrag und Krankenversicherungsausweis wiederkommen muss. Ein Gang auf die Botschaft bleibt mir zum Glück erspart.

Mit einem gelben Post-it am Pass gehe ich ins nächste Büro. Aufs Einwohnermeldeamt. Strenge Dame.
Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?, fragt sie, schielt über den Brillenrand. Mustert mich erstaunt. Wie kann die nur?, höre ich sie denken, und: was will die hier? Ich spiele mit dem Gedanken, zu sagen, dass ich nicht direkt aus der Schweiz, aber direkt aus dem warmen Bett komme, lasse es aber bleiben.
Unglaublich, nicht wahr?, sage ich, grinse schief, nicke und nun lächelt sie doch ein bisschen. Im Büro wird es ein paar Grad wärmer.

Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?, fragt zwei Stunden später auch die Dame auf der Bank. Zum dritten Mal krähte der Hahn. Neugierig fragt sie, bewundernd geradezu, so als sei es ein riesiges Opfer, dieses wunderbare Land zu verlassen. Ich nicke. Zum wunderbaren Land ebenso wie zu ihrer Frage. Sie hat eine Schwester in Zürich, sagt sie, und dass das Leben in der Schweiz teuer sei.
Na ja. Ist relativ. Die Löhne sind ja auch höher, sage ich, während sie meine Personalien aufnimmt und den Pass von hinten nach vorne blättert. Sie ist nett und erklärt mir alles gut. Wünscht mir zum Abschied gutes Einleben und lächelt. Ich stolpere das erste Mal nicht, als ich die Bank verlasse. Ein gutes Omen, wie ich hoffe, denn wann immer ich mit J. hier Geld ziehen gegangen bin, habe ich beim Herausgehen die Schwelle übersehen.
Später kaufe ich Gemüse auf dem Markt, fühle mich ein wenig wie zuhause und stelle fest, dass die Menschen überall gleich sind. Nett die einen, neugierig alle und immer gibt es auch die andern.

Willst du die Menschen eines Landes verstehen, sag ich später zu J., dann geh hin und eröffne ein Bankkonto. Und melde dich bei einer Krankenversicherung an!

Oke, das mit der Krankenversicherung ist noch nicht ganz ausgestanden, obwohl ich es bereits in der Schweiz aufgegleist habe. Weil ich noch kein Einkommen habe, werde ich nur freiwillig versichert. Minimaler Schutz. Wer kein Einkommen hat, zählt nicht wirklich. Da gibt es nichts zu verdienen.

Werbeanzeigen

7 Kommentare zu „Kommen Sie jetzt direkt aus der Schweiz?“

  1. Liebe Sofasophia,

    herzlich willkommen in der EU!
    Da war ma~nana aber wohl die richtige Einstellung — hab herzlich gelacht, das schrieb sich ausgeschlafen bestimmt besser!
    Schweiz ist den Zweibrückern also noch fremder in Berlin — als ich mal vor Jahren bei einem Zweibrücker Hautarzt war, dachte der erst an Krankenversicherungsbetrug, als er meine Berliner Adresse las…

    Du liebe uMgezogene Sofasophia, in Gedanken habe ich Dir schon x-mal Salz und Brot geschickt. Ist das nicht verrückt — Ende Mai werde ich mal kurz in der Schweiz weilen. Jetzt wo Du da weg bist. Aber jetzt bist Du ja DA da! Hurra! Werde mich demnächst melden bei Euch beiden. Dir gutes Einleben — ich bin gespannt, was Du so zu berichten hast. Das alles sollte eigentlich in einem E-Mail oder Mail-Mail stehen, aber nun ist es zugleich eine Begrüßung im neuen Blog. Hallo und die besten Wünsche an Dich und J. und den Garten und auch vom Hauptstadtmediator liebe Grüße.

    die frau f., bald im Süden unterwegs.

  2. riesendankeschön in die hauptstadt!!!
    wir sehen uns sicher bald mal!
    und mailen, hach, wollt ich auch schon lange mal!
    grüß mir die schweiz!!!!
    🙂

  3. Auch ich wünsche dir weiterhin gutes Einleben und grüsse ganz herzlich aus España.

  4. …und du hast noch Glück, dass du bei netten PfälzerInnen gelandet bischt… ;o) ja, die weibliche Form in diesem Lande ist ein Kreuz, ja, sogar von manchen verpönt, mein Bruder meinte letztens dies wäre doch total überflüssig… aha… wir Frauen sind also total überflüssig…? nein, nein, aber dieses Rumgemache mit dem IN… es entspann sich eine kleine, feine Diskussion, in der ich gewann… haha… von wegen überflüssig… SO nicht!

    ja, komm gut an, ohne allzu viele Stolperschwellen…
    sende dir eine herzliche Umärmelung

  5. @fatima
    hey, wie schön, dich mal wieder hier zu lesen … danke für die lieben wünsche! herzliche grüsse zurück in den süden.

    @li ssi
    danke, du liebi. wie gut, dass es so frauen wie uns gibt!
    herzumarmung zurück. 🙂

Was meinst du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.