Sie schlummern immer. Irgendwo.

Beim Frühstück stehen sie Schlange. Ich komme nicht nach, sie alle zu begrüßen. Wir sind übernächtigt, doch J. muss heute früh los. Mit Kollege T. am Feuer war es einfach zu gemütlich und die Nacht sommerlich lau. Der Müdigkeit zum Trotz sprudeln sie, die Ideen. Sie hüpfen wie Gummibälle durch die Wohnküche. Draußen regnet es. Endlich mal wieder.

Während die Spiegeleier brutzeln, tüfteln und spinnen wir und erzählen uns Geschichten, die sich als Romanvorlagen eignen. So wir denn die Muße hätten, sie zu bannen, in Worte zu fassen und zu Papier zu bringen. Später, während ich am Laptop sitze und an einer Bewerbung bastle, um mir eine weitere Tür aufzutun, sind sie weg. Alle Ideen. Alle weg. Auch Bilder auf dem iPhone kann ich heute keine bauen. Ich bin seltsam leer und unkreativ.

Irgendwann fange ich dennoch einfach zu schreiben an. Und siehe da, sie tauchen wieder auf. Ganz leise. Um sie nicht zu erschrecken und womöglich erneut in die Flucht zu schlagen – sie kommen mir vor wie Asseln, die unter dem Stein hockten, den ich soeben hochgehoben habe – lege ich den Stein vorsichtig zurück und schreibe einfach weiter. Tue, als ob ich sie nicht gesehen hätte. Meine Gedanken fließen direkt in die Finger und die kennen den Weg zu den Tasten blind. Sie tippen einfach vor sich hin, was ihnen das Herz zuflüstert. Diese Sätze hier.

Eine Bildhauerin, deren Skulpturen mich in der neulich besuchten Ausstellung sehr angesprochen haben, hätte ich gegooglet, hatte ich J. erzählt, heute Morgen beim Frühstück. Den Satz, dass sie beim Steinbearbeiten nur bloßlege, was eh schon da ist, kennt jede, die sich schon mal mit der Bildhauerei auseinandergesetzt hat. Ob ihn alle wirklich verstehen, weiß ich nicht, doch auch besagte Bildhauerin hat ebendieses Bild bemüht. So oft ich den Satz höre, spüre ich genau, was gemeint ist, und finde kein neues, besseres Bild für dieses Phänomen. Mir geht es ja beim Specksteinbearbeiten auch so. Und beim Fotobearbeiten sogar zuweilen. Die Idee, sie schlummert zuweilen, schläft vielleicht gar. Doch sie ist immer da. Irgendwo. Immer. Ihr gutes Recht.

Wem gehört sie eigentlich, die Idee?, fragte Irgendlink beim Brote schmieren. Vielleicht ist es ja der Idee völlig egal, wer sie zur Welt bringt. Hauptsache jemand nimmt sich ihrer an.
Hm, ja … Ideen sind frei,
sage ich mit vollem Mund.
Open Source-Software entspricht genau diesem Ideal, sagt J.. Die Macher stellen einfach ihr Wissen zur freien Verfügung. Sie haben keinen finanziellen Nutzen. Dieses ganze Brimborium mit Urheberrechten müsste gar nicht sein.
Wie wäre es mit einem virtuellen Raum, wo alle, die wollen, ihre Ideen einfach einstellen könnten?,
überlege ich. Ich denke an Romanideen, Plots, unfertige Bilder zum Weiterbearbeiten, alles, was sich irgendwie in Pixels umbauen lässt … Fast so wie ein Heim für verlorengegangene Tiere.

Später, während ich die Wäsche aufhänge, denke ich über ein Museum der Ideen nach. Statt das Ganze im Internet zu inszenieren, sollte es ein richtiges, ein lebendiges Museum geben. Menschen kommen und gehen und alle bringen etwas hin oder nehmen etwas mit. Ein Ideenumschlagplatz.

Ooops, das sollte ich jetzt vielleicht nicht alles öffentlich hier schreiben. Womöglich klaut mir sonst noch jemand die Idee! 🙂

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Brot und Spiele

Wie ich da den Birkenhohlweg hochwandere, kann ich kaum mehr verstehen, dass ich mich zuweilen nur schwer vom Laptop loseisen kann. Doch wenn ich über den virtuellen Karten sitze und diese Abbildung der Welt da draußen betrachte, die verschiedene Kartenoptionen – Straßenkarten, Wanderkarten, Satellitenkarten – anklicke und versuche, mir vorzustellen, wie dieser Weg oder jener in Wirklichkeit aussieht und ob ich ihn bereits kenne oder bereits gelaufen bin, vergesse ich zuweilen, dass ich jetzt einfach aufstehen und loslaufen könnte.

Wie schön es in Wirklichkeit ist, das Leben, erfahre ich aber nur, wenn ich die virtuellen Sinne runter dimme und stattdessen die echten fünf Sinne öffne. Die Vögel locken mich weiter und weiter. Bereits wachsen erste Mohnblumen am Wegrand und ihre roten Köpfe lachen mir zu. Ich gehe unter Bäumen entlang und genieße jeden Schritt, der mich näher zu J. trägt. Fast fliege ich zuweilen. Dann wieder halte ich inne und mache ein Bild. Und da noch eins. Und noch eins.

Wieso nur, frage ich mich mitten in der Schönheit dieses Sonnentages, wieso nur sind wir immer so gierig auf das Hervorragende? Sei es im Facebook, wo ich zwar nicht dabei bin, worüber ich aber doch einiges mitbekommen habe, in der iPhoneArt-Community oder auch in der Blogosphäre: immer geht es darum, das vorherige zu toppen. Noch mehr! Noch besser! Wir füttern uns mit Statistiken und Kommentaren. Wir nähren unsern Selbstwert von diesen Zahlen und Worten, die im Grunde kaum etwas über die Qualität einer Begegnung aussagen.

Gebt ihnen Brot und Spiele!

Irgendwann bin ich da. Bei J.. Wie schön ankommen doch ist! Ebenso schön wie unterwegs sein.

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Bilder: iDogma-Art
Mit ProCamera fotografiert, mit Segmentix und anderen Apps weiterbearbeitet und via Laptop hochgeladen.

 

Wunderkarte Wanderkarte

Nein, nein, ich werde nicht auf einmal zur Jakobswegpilgerin! Auch jetzt nicht, wo ich mit dem Gedanken liebäugle, meinem Liebsten auf dem letzten Stück Jakobsweg seiner fünftägigen Pfälzertour entgegen zu wandern. Noch ca. fünfzehn Kilometer auf und ab trennen uns. Ein Hupf, verglichen mit den hundertfünfzig Kilometern, die er total zurückgelegt haben wird.

Die nächste Wegmarkierung ist gerade mal hundert Meter vom einsamen Gehöft entfernt. Und die ungefähre Route habe ich soeben gegooglemapt. Ausgedruckt sogar. Das iPhone ist ebenfalls instruiert, wo lang es geht und eigentlich müsste ich nur noch loslaufen. Davor noch schnell meinen Rucksack mit Wasser, Brot, Nüssen, Datteln und einem Apfel bestücken.

Liebäugeln mit etwas und etwas wirklich tun sind zweierlei. Die virtuelle Welt, in der ich mir soeben Informationen zusammengeschustert habe, gegen die reale Welt da draußen eintauschen, wo die Sonne scheint und die Vögel pfeifen: wieso ist da dieser Widerstand?

Gewohnheiten durchbrechen. Jawohl!

Auf, auf zum fröhlichen Jakobswandern … 🙂 Immerhin gehe ich auf dem ersten Teil meiner Wanderung in die verkehrte Richtung. Nicht utreia, nicht santiagowärts.

Fortsetzung folgt in diesem Theater. Live.

Des Kaisers neue Kleider

Da wollte sie eigentlich seit Stunden einen coolen Artikel schreiben. Ein bisschen satirlich sollte er sein und von der schönen, heilen, virtuellen Welt sollte er handeln. Und von Webcommunitys und Herdentierchen, die in jenen Gemeinschaften ihre Ersatzheimat fanden. Und endlich glücklich sein und vor sich hin glitzern konnten. Kurz gesagt wollte sie einen Artikel über Internetsucht und Internetgläubigkeit schreiben. Und es sollte auch ein Resümme zu einem weiteren Artikel* aus der bereits gestern erwähnten „DU“-Ausgabe werden („Digitales Leben – Reportagen aus der Parallelwelt“). Sie legte sich bereits die Worte im Kopf zurecht und sie würde auch darlegen, warum sie nicht bei Facebook dabei ist.

Was aber tut sie stattdessen? Genau! Sie surft. Sie schaut sich dies und das an. Vergisst Zeit und Materie und verschmilzt beinahe mit ihrer Tastatur. Sie lädt neue Bilder in ihre Kunst-Community hoch. Und kaum ist das letzte Bild hochgeladen, und noch nicht mal fertig beschrieben, als auch schon der erste Kommentar eintrifft. Von einem ihrer Lieblingsmitglieder. Die Mailbox bimmelt. Gleich darauf folgt der zweite und der dritte. Ach, diese Gier nach Anerkennung …

Voyerismus und Exhibitionismus brauche es, um sein (Parallel-)Leben im Internet auszubreiten, sagt Kummer im besagten Artikel. Provokativ inszeniert er, wie er – während er auf seinen Sohn wartet – ständig vom Vibrieren seines iPhones an Facebook-Updates erinnert wird. Er karikiert herrlich, was die guten Freunde laufend an Neuigkeiten hochladen. Freunde, die er zum Teil nur vom Namen her kennt, die er dennoch als Freunde geaddet** hat, weil sie entweder ihn zuerst als Freund geaddet haben oder weil sie gemeinsame Freunde haben, die sich wiederum auch gegenseitig geaddet haben. Wer dich addet, den musst du auch adden – das erste Gesetz des digitalen Networking. Natürlich nur, falls du dir einen Gewinn aus der Vernetzung erhoffst. Und wer dir ein „Gefällt mir!“ schickt, dem musst du später auch ein „Gefällt mir!“ schicken.

Schnitt.

Heute Nachmittag habe ich meinen Liebsten, der kurzfristig auf dem Pfälzer Jakobsweg unterwegs ist, als Ausstellungshüterin vertreten. Zweieinhalb Stunden habe ich in einer zur Galerie umfunktionierten Kirche verbracht, mit dem iPhone ein paar Bilder aufgenommen, diese auch gleich mit ein paar tollen Apps bearbeitet und vor Ort in meine bereits erwähnte Internet-Community hochgeladen. Keine schlechte Sache. So ein Ausstellungshüte-Job täte mir eigentlich ganz gut gefallen. Idealerweise natürlich gegen Bezahlung.

Jetzt, wieder daheim am Rechner, surfte ich durch das Universum. Ich besuchte die gemeinsame Galerie der Community, wo kaum eine Minute vergeht, ohne dass ein Bild hochgeladen wird. Ich schrieb eine Reihe von Kommentaren zu Bildern, die mir gefallen. Ab und an ertappe ich mich, dass ich auch mal einen Kommentar zu einem mittelmässigen Bild schreibe, weil mir besagte Person auch einen netten Kommentar geschrieben hat. Oder weil die eine oder andere Person kaum Kommentare bekommt. Oder ich nehme Personen in meine Favoritenliste auf, weil sie mich ebenfalls in ihre Liste aufgenommen haben. Siehe erstes Gesetz des digitalen Networking. Das ist ja auch okay, aber so werden die Grenzen schwammig.

Ich will um der Qualität willen kommentiere nicht einfach bloß, weil ich nett sein will. Irgendlink, der in der Regel weniger Kommentare zu seinen Bildern erhält als ich, obwohl ich seine Bilder besser als meine finde, sagt, wann immer ich eins seiner Bilder kommentiere, dass ich es bloß aus Mitleid getan hätte. Augenzwinkernd sagt er es, natürlich, weil es ja nicht stimmt. Doch es wirft in mir die Frage auf, warum andere meine Bilder kommentieren. Und warum ich die Bilder der anderen kommentiere. Ist ja beim Bloggen nicht anders, ach …

Mitleid ist im Kunstbereich kein guter Ratgeber. Und auch sonst nirgends.
Sonst stehe ich, sonst stehen wir auf einmal ohne Kleider da …

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* Facebook – Tom Kummer
Facebook Revisited – die Fiktion des Realen

Der Borderline-Journalist Tom Kummer löste im Jahr 2000 mit fiktiven Interviews einen Medienskandal aus. Seine Kollegen verwirklichen ihre schillernden Seiten im Internet. Facts & Fiction beim Facebook-Besuch.

** adden: zu einer Liste hinzufügen

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Des Kaisers neue Kleider:
– Märchen
– Wikipedia