Reichlin zum dritten

Man liebte und wurde verletzlich, schon eine Stecknadel riss tiefe Wunden, man stülpte das Innerste nach außen unter der Bedingung, dass der andere ebenso verletzlich war wie man selbst. Schmerz wurden mit Schmerz vergolten. (…) Andernfalls war diese ungeheuerliche Entblößung des Herzens nicht zu verantworten. Einseitigkeit war lebensgefährlich, hier ging es um ein exaktes Gleichmaß der Schwäche. Und Liebe war nichts anders als wunderbare, köstliche, schreckliche Schwäche. (…) In etwas derart Verrücktes durfte man sich nicht einseitig hineinbegeben. Nur wenn beide verrückt waren, verlor man nicht den Verstand.

Schreibt Linus Reichlin, will heißen, lässt er Hannes Jensen denken, Antiheld und frühpensionierter Polizist. Diesmal erlebt dieser allerdings keine metaphysischen Horrorstories oder Kriminalgeschichten wie in den beiden früheren Werken Reichlins. Diesmal erleben wir Jensen bei der Begegnung mit Gespenstern der etwas anderen Art. Eifersucht und Vergangenheit heißen zwei davon.

In einem Rutsch habe ich an diesem Regentag das Buch „Er“ verschlungen. Allerdings erst, nachdem ich den hässlichen Schutzumschlag entfernt habe. Über den immer wieder neu überraschenden Erzählstil Reichlins habe ich mich ebenso gefreut wie über die Handlung. Sie berührt, obwohl eigentlich gar nicht so viel passiert. Der Plot des dritten Romans dieses deutschsprachigen Autoren ist weniger spektakulär als jener der beiden Vorgängerromane, dennoch erschafft Reichlin mit seiner Erzählkunst, in der er zwei scheinbar nicht miteinander zusammenhängende Geschichten laufen lässt, eine unglaubliche Dichte, die mir zuweilen den Atem raubte.

Besonders faszinierten mich jene Passagen, in denen Jensen und eine weitere Figur beinahe assoziativ einen Ausschnitt ihrer Wahrnehmung mit uns teilen. Kurze knappe Beschreibungen ohne erklärender Schnickschnack. Dazu gänzlich wertfreie Zeichnungen der verschiedenen Personen. Ja, Bilder mit Worten malt Reichlin. Und Schnappschüsse zeigt er. Von Außen- ebenso wie von Innenräumen. Kein klassischer Adrenalin treibender oder gar maßentauglicher Krimi ist das, aber eine Geschichte, die es lohnt, gelesen zu werden. Ein echt starkes Stück!

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Krimicouch
-Buchbesprechung.

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2 Kommentare zu „Reichlin zum dritten“

  1. klasse be-ge-schrieben, meine Liebe- da bekomme ich gleich Lust das Buch zu lesen – danke dir… du bist wirklich SEHR begabt, JAWOLL lach und drücke dich herzlichst U.

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