Anfang, Ende und der Dazwischenraum

Überall wird gestorben. Ein junger Mensch ist tot, lese ich bei Wildgans. Und hier stirbt der Vater eines meiner Kinder aus der Schule. Ein Jahr älter als ich war er nur. Schon lange krank, jetzt tot. Punkt. Einfach so.

Das Kind verhielt sich gestern beinahe normal, was ich ihm nicht verdenken kann. Mitten in allem Trauern und Weinen brauchen wir Nischen, wo alles wie immer, wie gewohnt sein soll.  Haushalt besorgen. Einkaufen gehen. Verrückt ist es dennoch immer wieder, wenn Menschen vor der Zeit sterben, wie es so bös im Volksmund heißt. Wobei ich daran nicht glauben mag. Kurze Dochte brennen schneller herunter, so meine Theorie. Ich gehe davon aus, dass einfach nicht alle gleich viel Docht im Gepäck haben, wenn sie geboren werden. Ich glaube daran, dass wir leben um etwas zu verstehen. Vielleicht sind die einen damit schneller fertig. Wer weiß das schon?

Dennoch, zurückbleiben, wenn jemand Liebgehabter stirbt, ist einfach nur schrecklich. Schrecklich und unbegreiflich.

Gestern habe ich am zweiten meiner wachgeküssten Manuskripte gearbeitet. Der Suizid von Elena, den ich darin aufrolle, löst bei Pascale, einer ihrer Fallschirmspringkolleginnen, einiges aus. Ich zitiere hier aus „Freier Fall“, das ich auch bald verlagsbereit haben will. Ein Jahr gebe ich mir noch für die Vollendung.

So also sieht Leere aus. Die Kirche war voll davon. Abgesehen von der Handvoll Menschen in ihr. Links saßen Ivan, seine Eltern, wie ich annehme, ein Paar in Ivans Alter und zwei ältere Frauen. Wir saßen rechts. Pierre war da, ebenso Sandro, Damian und Steve von den SkyJumpers. Vom Kurs waren Daniela, Sabrina, Samuel, Andrej, Dominik, Bert, Petra und ich gekommen. In die Reihe hinter uns hatten sich die beiden Polizisten, die mich vor ein paar Tagen vernommen hatten, gesetzt.

Ich hasse Beerdigungen. Ich hasse Kirchen und Orgelmusik. Und ich hasse dieses ganze Brimborium, das um den Tod herum gemacht wird. Nein, den Tod hasse ich nicht. Ich respektiere ihn. Bloß … Wie lässt sich das Wissen um die Vergänglichkeit mit unserm Wunsch nach Sicherheit verbinden?

Die Orgel bemühte sich zu dröhnen und katapultiert mich in die Luft.

Ich fliege. Mein erster Flug, der Tandemflug mit Damian. Kaum in der Luft begreife ich, dass Widerstand zwecklos ist. Ich ahne, während mir der Wind um die Ohren pfeift, dass sich den Stürmen des Lebens einzig mit Mut und Leichtigkeit begegnen lässt.

Der Pfarrer begann zu sprechen. Taschentücher wurden gezückt. Nasen geschnäuzt. Das volle Programm.

Freiheit. Leichtigkeit. Ich sehe Elena vor mir. Bei ihrem ersten Alleinflug. Ihr Gesicht leuchtet. Sie springt kurz nach mir. Wir winken uns zu. Nach der Landung fallen wir uns um den Hals. Lachende Weiber. Im Gras. Die andern setzen sich zu uns, angesteckt von diesem Lachen, das uns die ganzen Kurs-Tage begleitet hat.

Damian stupste mich in die Rippen, als Pierre zur Kanzel schlurfte und uns mit einer Stimme, die so gar nicht zu ihm passte und kaum trug, von Elenas Begeisterung für das Fallschirmspringen erzählte. Seine Hände hingen schlaff an ihm herunter. Im Namen von SkyJumpers sprach er den Eltern und Ivan, den ich vom Tandemflug her kannte, sein Beileid aus. Floskeln. Vielleicht auch nicht.

Kalte Grauheit. Ich rieb mir die klammen Hände, froh, dass die Feier zu Ende war. Orgelmusik.

Später, im Restaurant, setzte ich mich zu Ivan. Er schien mich nicht wiederzuerkennen. Sein Gesicht war eingefallen, blass. Wie Wachs. Eine Marionette, die noch immer funktionierte, obwohl die Fäden von nichts als Leere gehalten wurden. Als ich ihn an unseren gemeinsamen Tandemflug vor zwei Jahren erinnerte, schüttelte er fast unmerklich den Kopf, als ob dieser leer sei. Keine Bilder mehr.

Trauern wir nicht weniger um die Verstorbenen als um uns? Das Loch tut weh. Amputierte sind wir.

Ich vermisse Elena. Zu wissen, dass ich sie nie mehr wiedersehen und nie mehr mit ihr zusammen springen werde, schmerzt. Dass wir nicht mehr zusammen lachen werden.

Ahnte ich, was sie beschäftigt hat?

Ich saß neben ihr, als die beiden Jungs über Base Jumping gesprochen haben. Hätte ich es gefährlich finden sollen, dass Elena ihrem Gespräch folgte? Nein. Elenas Todessprung ist ihre Geschichte. Punkt.

(copyright by Sofasophia)

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