Spuren finden

In der neuen Ausgabe der Schweizer Zeitschrift Spuren zum Thema ver-rückt fand ich ein paar geniale Artikel. Zu erwähnen ist ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten Theodor Itten, der, zum Thema Normalität befragt, erzählt:

Wir können von einer Normalitätsglockenkurve sprechen, das ist jene statistische Figur, die beispielsweise entsteht durch die Verteilung von gleichmäßig nach unten fallenden Sandkörnern. In der Mitte haben wir die höchste Erhebung. Der Berg ist die Normalität, die Ränder links und rechts sind die Abweichungen. Doch was passiert, wenn wir die Ränder, die sich außerhalb der Norm befinden, wegnehmen, um sie der Mehrheit in der Mitte zuzufügen? Sogleich rutschen Sandkörber aus der Mitte nach und füllen die Lücken. Das heißt, die fünf bis zehn Prozent an den Rändern stützen die Norm.

Das Bild ist klasse. Macht wunderbar Mut zum anders sein! Was wäre eine Gesellschaft ohne uns SpinnerInnen?

Auch andere, die in dieser Spuren-Nummer zu Wort kommen, beeindrucken mit Bildern, die sich in mir festsaugen. Der Holzbildhauer Erwin Schatzmann sagt:

Gemäß dem Grundsatz, dass falsch nicht sein kann, was alle tun, gilt der tägliche Wahnsinn als nicht verrückt. Die großen Fehler unserer Zeit werden nicht von einigen wenigen, sondern von der großen Mehrheit begangen. Das bewirkt, dass dagegen nichts auszurichten ist, da die Mehrheit sich selbst nicht anklagt und politisch sich keine Mehrheit gegen etwas findet, was die Mehrheit tut. (…) Nicht durch Verbrecher, sondern durch das Gesetz wird das Unheil vollzogen. (…) Es gibt gute und schlechte Spinner. Der schlechte verheddert sich in seinem Gespinst, verstrickt sich in einem Gewirr von Fäden und kommt schließlich zu Fall. Der gute Spinner aber folgt einem Faden, den er nicht verliert und den er sauber auf eine Spule aufwickelt. Damit kann er oder ein anderer Kleider weben für sich und die ganze Welt. (…) Mit dem Regenbogen ging es mir so. Ich wollte auf ihn raufklettern, sah mich bereits schon auf ihm. (…) Aber immer war er weg oder löste sich gar ganz auf. Inzwischen habe ich begriffen: Nirgends ist der Ort des Regenbogens. Er ist immer dort, wo man nicht ist. Aber jeder Ort ist ein Ort für das Unfassbare. Sonne und Regenbogen sind nicht zu fassen und vielleicht gerade darum unfassbar schön.

Und so weiter. Das Heft ist ein richtiger Prachtsbaum im Blätterwald.