machen oder sein

Sie betrachtet sein Abschlusszeugnis. Ihre Augen weiten sich zusehends.
Wow, du hattest ja super Noten! Mit diesem Zeugnis hättest du die Uni geschafft (= damit hättest du es zu etwas bringen können)! Unüberhörbarer Stolz liegt in ihrer Stimme.
Er steht auf und verlässt, nach einem Blick in ihre Richtung, den sie nicht versteht, die Küche. Sie findet ihn im Stall, wo er wütend zwischen den Kühen auf und ab geht und den Rechen schwingt.
Du meinst also, ich hätte einfach den Hof verlassen sollen?! Alles hier aufgeben, alles was mir lieb und wichtig ist, im Stich lassen? Das alles bin ich. Ohne das hier – seine Hand zeichnet einen Bogen durch die Luft – bin ich nichts!, sagt er, die Stimme gepresst. Verletzt.

Eine Szene aus dem Film Der Typ vom Grab nebenan – Mein Bauer, seine Kuh und ich!, den wir uns heute Nacht angeschaut haben. Eine schwedische Komödie. Die männliche Hauptrolle spielt der Hauptdarsteller aus „As it is in Heaven“ und der „Milleniumstrilogie“. Bauer Benny und Akademikerin Desirée – eine Liebe, die nicht gut gehen kann? Ob sie gut gehen wird, sehen wir leider (oder zum Glück) nicht, da der Film klassischerweise beim Happyend aufhört. Trotzdem: Sehenswert, witzig, tiefsinnig, aufschlussreich und sehr gut gespielt.

Du hättest es zu etwas bringen können!, sage ich nach dem Film augenzwinkernd zu J.
Und du erst!, gibt er zurück.

Nachts liege ich wach. Mir fällt eine Geschichte ein, die ich neulich gelesen habe. Vom Fischer, der gemütlich seiner Arbeit nachgeht, bis ihn eines Tages ein Manager, der zufällig in der Gegend auftaucht, auf die Sinnlosigkeit seines Tuns anspricht.
Du hättest etwas machen können aus deinem Leben, sagt er. Du hättest ein Geschäft aufbauen, viel Geld verdienen und zur Seite legen können. Du wärst heute ein freier, reicher Mann und hättest jetzt viel freie Zeit. Du könntest tun und lassen, was du willst!
Was sollte ich denn mit meiner Freizeit schon anfangen?, fragt der Fischer. Der Manager überlegt lange hin und her und auf einmal hellt sich sein Gesicht auf.
Wie wäre es mit fischen?, schlägt er vor.
Aber … das tue ich doch schon die ganze Zeit?, sagt der Fischer. Ob stirnrunzelnd oder grinsend weiß ich leider nicht mehr.

In den Tag hinein schlafen? So von außen betrachtet tun wir das bestimmt. Tja, so bringen wir es wohl zu nichts. Meistens stehen wir ungefähr um halb zehn auf, denn J. arbeitet, wenn er Aufträge hat, meist nachmittags und meine Berufstätigkeit beschränkt sich aktuell auf die Vorbereitung meines Rückumzugs in die Schweiz. Noch ist die richtige Wohnung nicht gefunden. Ob Desirées Freundin recht hat, die behauptete, dass den idealen Mann zu finden so unmöglich sei, wie die Entdeckung der perfekten Wohnung? Bei der einen fehle die Badewanne, die andere habe keinen Kamin im Wohnzimmer und bei der dritten seien die Nachbarn zu laut. Abstriche musst du immer irgendwo machen!, sagt sie zu Desirée, die sich für ihren Bauern geniert, weil der nicht mit Stäbchen essen kann.

Nein, nichts und niemand ist perfekt. Doch passen die einen unperfekten Dinge oder Menschen besser zu andern ebenso unvollkommen als andere. Und so genieße ich es, dass der Mann an meiner Seite ebenfalls zum Volk der Nachteulen gehört. Wir können beide bis spät nachts konzentriert am Rechner arbeiten, was mir morgens vor neun nur in Ausnahme- und Notfällen möglich wäre. Auch brauchen wir beide kein frühes Stück, lieber ein spätes, das allerdings erst Stunden nach ein paar Tassen Tee oder Kaffee eingenommen wird.

Schon in Bern war das so. Ich bin eine Zweimahlzeiten-Person. Außer wenn wir auf Reisen sind, denn auf dem Zeltplatz kann ich nicht allzu lange schlafen. Der Zeltboden unter der Isomatte, den ich beim Schlafen nicht spürte, ist, einmal erwacht, unüberfühlbar hart. Außerdem locken der Tag und all das Neue, das erlebt werden will. Doch selbst auf dem Zeltplatz starten wir beide selten kalt, wir brauchen immer erst ein paar Tassen Heißgetränk.

Gestern bin ich beim virtuellen Zeitunglesen auf einen Link gestoßen, der eine ehemalige Schulkollegin bei einem Fernsehauftritt zeigt. Fünf Jahre, bis zum pädagogischen Fachhochschulabschluss, haben wir zusammen die Schulbank gedrückt. In einer politischen Talkshow erzählt sie von ihrem Alltag in der kantonalen Regierung und über ihre Aufgaben als Direktorin von x und y. Sie sieht keinen Tag älter aus als damals. Sympathisch, schlagfertig, engagiert und sich selbst treu geblieben. Ein Sonnenkind sei sie, wie sie mir vor ein paar Jahren mal geschrieben hat, noch bevor sie vom Stimmvolk in dieses anspruchsvolle Amt gewählt worden ist. Sie scheint es noch immer zu sein. Ja, sie hat es zu „etwas“ gebracht und ich freue mich für sie und darüber, dass so tolle Menschen an solchen Schnittstellen sitzen. Sie wird etwas bewegen.

Und ich? Erfolg haben? Es zu etwas bringen? Woran messe ich mich? Wer oder was ist mein Referenzpunkt? Ehrgeizig war ich nie wirklich. Karrierepläne habe ich nie gemacht. Meine Lebensperspektive reichte selten weiter als ein oder zwei Jahre. An keiner Arbeitsstelle blieb ich länger als drei Jahre. Doch den Menschen, die ich liebhabe, bin ich eine treue Freundin, die nicht nur bei Schönwetter mit lacht, sondern die auch im Regen einen Schirm reicht.

Wenn ich es mir so überlege, habe ich es ja doch zu etwas gebracht: In mir schlägt ein liebendes Herz und ich kenne nicht eben wenige Menschen, die für mich da sind und für die ich da sein darf. Ich habe einen Blick für die Probleme in der Welt und ich erkenne, wer wann was braucht, das ich womöglich tun könnte. Ich spüre ziemlich viel und relativ differenziert. Ich kann in Worte oder in Bilder fassen, was ich wahrnehme und was andere womöglich nicht sehen. So, wie ich die Welt sehe, sieht sie sowieso niemand anders. Nicht so. Und schon deswegen habe ich es zu etwas gebracht – zu mir nämlich.

Doch wer zum Teufel ist eigentlich dieses ES?

noch eins …

nachts geappt …

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).