Zeitfresserchens Lust

Da las ich heute, bei Sherry wars, über unsere nachlassende Konzentrationsfähigkeit und dass wir nach einer Viertelstunde Arbeit an einem Thema bereits mit den Füßen scharren. Wir müssen doch endlich mal wieder nachschauen, ob uns jemand gemailt hat. Ob eine SMS eingegangen ist. Ob dies. Ob das. Ob jemand nach uns fragt.

Wie ich da sitze und schreibe, fallen mir ab hier sogleich ein paar mögliche Fortsetzungen für diesen Blogartikel ein. Die erste, die ich mir vorgenommen habe, nenne ich hier mal Spur eins. Auf ihr will ich über Zeit und unseren Umgang mit ihr sofasophieren. Problemlos könnte ich jetzt an Spur zwei weiterspinnen. Will heißen, über soziale Kontrolle schreiben. Über Nachbarn, die wissen, wann ich das Haus verlasse. Wo ich einkaufen gehe. Wie ich meine Wäsche aufhänge. (((Oops, schlampig wie ich bin, habe ich seit Stunden die Wäsche in der Maschine vergessen! Mach ich gleich nach dem Bloggen, versprochen!)))

Spur zwei eröffnet mir problemlos mindestens zwei weitere Spuren, wie ich weitererzählen könnte. Und von jenen zwei Spuren je wieder zwei, mindestens. Meine blühende Phantasie ist ein Zeitfresserchen der grenzlosen Art. Beim Bilderbearbeiten ist es noch schlimmer. Nehmen wir ein schlichtes rohes Bild, fotografiert mit dem iPhone. Kaum fotografiert, oder noch vor dem Klick, habe ich mindestens zwei Ideen, wie ich das Bild weiter entwickeln will. Alles, was danach kommt, nenne ich nicht mehr Fotografie, sondern digitales Gestalten, kurz iDogma. Auch iKunst, wie Mietze neulich vorschlug, gefällt mir. Manchmal verfolge ich von Anfang an gleich mehrere Spuren der möglichen Bearbeitung, wobei während der Arbeit nach jedem Schritt laufend neue Spuren dazukommen. Hilfe, da könnte ich mich glatt in meinem eigenen Bilderdschungel, auf Nimmerwiedersehen, verirren! Und von jedem Bild gäbe es danach mindestens zehn finale Versionen. Wenn ich denn die Zeit hätte! Und wenn ich mich nicht immer mit mir selbst auf eine Variante oder zwei einigen könnte.

Im Grunde läuft es bei AppIt!, einer der Arbeitsgruppen auf IPA, unserer iPhoneArt-Community, ziemlich genau so. Ein rohes Bild wird von allen, die mitmachen wollen, weiterbearbeitet. Wirklich spannend, was aus dem langweiligen Baum, den ich neulich hier erwähnt habe, geworden ist. Der Beweis: Auch aus einem banalen Bild lässt sich etwas Witziges gestalten. Das macht Hoffnung.

Hätte ich bloß mehr Zeit, dann würde ich …, jeden Tag denke oder sage ich diesen Satz mindestens fünfmal. Zeit habe ich zwar schon, doch wie setze ich meine Prioritäten? (((Oh, ich bin wieder auf Spur eins gelandet. Wow!))) Was ist uns wirklich wichtig? Ist es das, womit wir am meisten Zeit verbringen? Die meiste Zeit verbringen wir – ihr da draußen jedenfalls, ich im Moment nämlich nicht – bei der Arbeit. Wir leisten viel, um viel Geld – und gleich noch mehr Geld! – zu verdienen, womit wir uns Dinge kaufen können, die unserer Unzufriedenheit entgegenzuwirken sollen, die dadurch entstanden ist, dass wir so viel arbeiten. Immerhin kurbeln wir so die Wirtschaft an und das ist doch gut, oder etwa nicht!?

Vor ein paar Jahren habe ich in Bern an einem tollen Kunstprojekt zum Thema Zeitverschwendung teilgenommen. Es gab Bilder, Musik und Literatur rund um dieses faszinierende Thema. Weil wir im Vorfeld keine Zeit gehabt hatten – logisch irgendwie! – trafen wir Autorinnen und Autoren uns kurz vor der Lesung, um den Ablauf unserer Lesung zu nageln. Wir waren uns schnell einig, uns beim Lesen abzuwechseln, legten spontan eine Reihenfolge fest und trugen schon bald einen witzigen Mix aus ernsten und heiteren Texten vor. Dem Publikum und uns hat es jedenfalls Spaß gemacht.

Unter anderem kamen einige meiner Kürzestgeschichten, genannt „Voller Einsatz“, die nur einen einzigen Satz lang sind, voll zum Einsatz. Zeitersparnis pur!

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Zeitgeist

Um deinen dunkelgrauen Zeitgeist bei Laune zu halten, brauchst du ihn bloß – wie eine Parkuhr – mit deinem Zeitmangel zu füttern, doch egal, ob du nun mit Zeit handelst, nie Zeit hast, Zeit abarbeitest, andern Zeit stiehlst, Zeit absitzest, Zeit vorarbeitest, um freie Zeit zu schaffen oder ob du gar Zeit vertrödelst oder totschlägst, eins darfst du auf gar keinen Fall tun, denn sonst wird er sauer: Zeit haben.

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Zeit sammeln

Das ist die Geschichte jenes jungen Mannes, der erfahren hatte, dass er eines Tages sterben würde, der sich auf den Weg machte, um überall, wohin er kam, Zeit zu suchen, zu erbetteln, zu sammeln, und tatsächlich viel Zeit geschenkt bekam, doch diese durch die ständige Rennerei wieder aufbrauchte und daher beschloss, nicht mehr weiter zu rennen, sondern seine Vergänglichkeit zu akzeptieren, und dabei erkannte, dass er endlich Zeit hatte, denn nun war die Zeit auf seiner Seite und schien sich gar zu vermehren, während er schaute und lebte und atmete und grüßte, und er wurde reicher an Zeit als je zuvor, und dabei alt und älter, und eines Tages starb er weise und glücklich.

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