außen vor und mitten drin

Einfach weg. Von den Strömungen des Tages weggeschwemmt. Wie Treibholz. Na und! Soll sie doch jemand anders fischen, trocknen und verwenden. Gehören tut sie sowieso nicht mir und weg ist weg. Ist ja nicht das erste Mal.

Wie wir da sitzen, am Ofen, und den Feierabend genießend den Tag resümieren, erwähne ich meinen heutigen Verlust. Ob groß oder klein kann ich nicht einschätzen, da ich mich ja nicht mehr an sie erinnere. Jetzt ist sie weg, die Geschichte, die mögliche, die heute Morgen in mir gelebt hatte und erzählt werden wollte. Ich war ihr wohl nicht schnell genug?

Um Außenseitertum ging es, das weiß ich noch, sage ich zu J.. Hast du dich auch schon gefragt, warum alle Welt AußenseiterInnengeschichten liebt?

Es sind die Geschichten über Menschen, die an etwas leiden, die wir am liebsten hören. Zum Trost? Mit den ausgemusterten, abgehalfterten, schwachen, nicht in der Norm sich verhaltenden Menschen identifizieren wir uns. Alle. Irgendwie. Obwohl wir natürlich nicht so sind. Zum Glück nicht. Ganz anders.

Irgendlink zückt sein digitales Notizbuch und liest vor, was er heute bei der Arbeit notiert hat. Über Außenseitertum. Wie wir werden, leben und sind – oder nicht und warum.
Du auch? Ich gucke schief aus der Wäsche. Schon lange haben wir dieses Thema nicht mehr diskutiert. Heute ist es da, ganz offensichtlich. Meine Notiz liegt zwar eine Woche zurück, hat aber bis heute Nacht im Verborgenen geschlummert, bis sie sich am Morgen in einer Geschichte manifestiert hatte. Was heißt da manifestiert? Jetzt ist sie abgetaucht, hat nur ein paar schwache Abdrücke in meiner Erinnerung hinterlassen.

Zur Außenseiterin wird eine, wenn sie sich anders verhält, wenn sie anders ist, wenn sie quer steht und aneckt, wenn sie anders denkt. Anders als … denn es ist unser Verhältnis zur Gesellschaft, das Maß unserer Bereitschaft zur Anpassung, das unsere Stellung in der Hackordnung definiert. Ein Teil davon können wir beeinflussen, den ganzen Rest nicht. Nicht das Umfeld, nicht die Ströme ringsum.

Es sind die wehen, verminten Stellen in der Landschaft unserer Seele, die uns zu angepassten Menschen machen. Nein falsch, es ist die Angst vor neuen Explosionen. Nochmals nein, es sind die diffuse Erinnerung und der ungefähre Gedanke an die bloße Möglichkeit einer neuen Explosion. Konjunktiv. Die Angst vor der Angst. Zumal die alten Narben nie verschwinden. Nie ganz. Und diese Angst hier, hinter der Möglichkeit der Anpassung, heißt Ablehnung. Ihr beugen und vor ihr verbeugen und verbiegen wir uns. Ihr huldigen und katzbuckeln wir – oder auch nicht.

Anderssein – viele sind es, alle wollen es zumindest oder glauben es zu sein, doch kaum jemand traut sich …

Wo sie wohl gestrandet ist, die Geschichte von heute Morgen? Wenn du sie findest, erzähl einfach du sie … anders als ich, aber das ist ja letztlich nicht so wichtig. Hauptsache, wir vergessen sie nicht.

Werbeanzeigen