Das Ende der Schwarzfüße

Jeden Tag wird mein neues Zuhause ein bisschen wohnlicher. Eben habe ich die bereits leeren Umzugkartons plattgemacht, zusammengeschnürt und auf den Estrich (für meine deutschen LeserInnen: Dachboden) geschleppt. Wie viel ich doch schon ausgepackt habe! Bad und Küche sind fertig. Zum Abschluss habe ich den Boden geputzt, Schweizerin ich. Fühlt sich gut an, ohne schwarze Füße zu bekommen, durch die Wohnung zu gehen.

Am Nachmittag haben Freundin L. (1), die spontan vorbeischaute, und ich meinen Sitzplatz vor dem Haus genossen und meinem armen Arm Ruhe und Sonnenwärme gegönnt. Haben dazu über Göttin, die Welt und die Männer geredet. Über das Leben, die Kunst und die Arbeit auch. Und über das, was uns freut und das, was uns beschäftigt.

Heute vor einer Woche, noch auf dem einsamen Gehöft, in der Runde von Freundinnen und Freunden am Feuer sitzend, spekulierten wir, wo Irgendlink in einer Woche – also heute – wohl sein werde. War da von Sedan, das für mich damals einfach ein Wort war, die Rede – oder meine ich das nur? Genau dort ist er nun und hat nach vier Tagen bereits 289 erradelte Kilometer auf dem Tacho.

Schon bald ist er am Meer. Und schon bald in England. Bald in Schottland … Und ich werde bald wieder Zeit haben, andere Blogs zu lesen. Auch werde ich bald dies und jenes tun. Bald!

Ooops. Das Bald, das Morgen zählt nicht. Jetzt zählt nur das Jetzt. Und jetzt leg ich mich mit Buch ins Bett.

Der dritte Tag

Drei hat was. Immer schon. Eine magische Zahl. Im Märchen müssen Probandinnen drei Prüfungen bestehen. Drei Dinge sind es, die den Menschen ausmachen – Geist, Seele und Körper. Und drei Wünsche sind es, die uns zustehen, wenn wir denn das Glück haben, uns etwas wünschen zu dürfen.

Drei Tage sind es erfahrungsgemäß, bist wir uns auf einen neuen Rhythmus einlassen können. In den Lagern, die ich früher mit leitete, war der dritte Tag der große Heimwehtag der Kinder. Drei Tage steigen wir abwärts ins Neuland. Denn Neuland liegt immer tiefer als altes. Unten angekommen, stoßen wir uns ab und kommen wieder hoch. Bauen neue Treppen ins Jetzt.

Heute ist so ein dritter Tag für mich. Drei Tage seit meinem Abschied von Deutschland, vom einsamen Gehöft, vom lieben Nachbarspaar. Und drei Tage ist es auch seit meinem Abschied von Irgendlink. Fast auf die Stunde genau. Obwohl wir uns täglich mehrmals per Skype austauschen, vermisse ich ihn sehr. Seine physische Abwesenheit ist sehr ungewohnt. Ich weiß zum Glück, dass es gut ist, wie es ist. Trotzdem.

Ja. Trotzdem. Trotzdem fühle ich mich nach diesen überaus intensiven, körperlich wie seelisch anstrengenden Wochen wie durch den Fleischwolf gedreht. Noch immer plagt mich eine rechtsseitige Sehnenscheidenentzündung am Arm und in der Schulter. Kein Wunder, dass sie nicht heilen kann, wenn ich die ganze Zeit Umzugskisten auspacke und am Laptop sitze, um Irgendlinks „Ums Meer“-Blog zu redigieren. Ich fühle mich außerdem halbkrank. Schlapp. Ein bisschen fiebrig. Doch das Chaos in meiner neuen Wohnung lässt mir keine Ruhe. Abschalten geht da nicht. Außer nachts. Schlafen kann ich gut. Zum Glück.

Gleich kommt mein Lieblingsbruder zu Besuch und übernachtet hier. Auf dem Bettsofa. Umgeben von noch nicht ausgepackten Kisten.

Neues ist immer zauberhaft. Neues ist jedoch auch immer kräftezehrend. Ich webe an einem neuen Stück Leben. Verwebe neue geografische Fäden in das bekannte Netz, da ich die Gegend hier ja ziemlich gut kenne. Neues trifft also vertrautes, das sich aber in den Jahren meiner Abwesenheit sehr verändert hat. Und neu sind immer auch die Geräusche eines neuen Ortes. Im Haus. Im Quartier. Im Städtchen. Dazu die Nachbarskatze, die mich umwirbt und Streicheleinheiten einfordert.

Gestern die zweistündige Info-Veranstaltung des regionalen Arbeitsvermittlungsamts. Gute Sache. Viel Respekt wird uns Stellensuchenden entgegengebracht. Sehr wohltuend. Sehr menschlich.
Ihr seid Stellensuchende, nicht Arbeitslose. Arbeit habt ihr ja. Nämlich eine neue Stelle zu finden. Stellenlosigkeit kann alle treffen, also schämt euch nicht. Geht aufrecht durchs Leben und schaut hin, was ihr alles könnt. Packt euren Rucksack aus, betrachtet eure Talente und verliert den Mut nicht!, sagte die resolute, aber sehr herzliche Kursleiterin, die uns nicht nur unsere Pflichten nahelegte, sondern auch unsere Rechte aufzeigte.

Am Abend treffe ich die Nachbarin jenseits des Holzstapels. Der Postbote war froh gewesen, dass er mir ihr Paket hatte überreichen dürfen. Sie war froh, dass wir ihr dadurch der Gang zur Post erspart hatten. Und ich war froh darüber, eine sympathische Nachbarin kennenzulernen.

Der dritte Tag. Ich lasse mich sinken. Müde. Am liebsten würde ich mich ins Bett legen und mir die Decke über den Kopf ziehen.

Aber sonst, ja doch, sonst geht es mir eigentlich ganz gut 🙂

Im Rückspiegel …

Dienstagabend. Kurz vor Mitternacht. Nicht mehr dort, noch nicht wirklich da. Ich sitze im Bett. Meine Insel. Ich schnuppere an Irgendlinks Kissen. Sein Geruch treibt mir ein paar Tränen in die Augen. Es riecht so, wie nur er riecht. Ein Abglanz seines Geruchs.

Ich nuckle am Bier, das er kurz vor dem Abschied ins Auto geschmuggelt hat. Gerüht habe ich ihn dabei ertappt.

Die Fahrt verlief – trotz des bis an den Rand vollgestopften Autos – sehr ruhig, beinahe wie von allein. Zu viele Gedanken tummelten sich in meinem Kopf, um die Reise langweilig zu empfinden. Der Abschied beim Birnbaum. Letzte Worte. Ein paar Tränen. Winken bis um die Ecke.

Unser für viele Wochen letzter gemeinsamer Tag. Der Morgen verging mit Restputzen (ich) respektive Fernsehinterview im entsprechenden Studio (J.) und spätem Frühstück viel zu schnell. Irgendlinks zweites Interview, für SWR4, fand auf dem einsamen Gehöft an der Sonne statt. Eine Idylle, die dem Radiomann ganz offensichtlich gefiel. Am Sonntagvormittag läuft die Sendung.

Schließlich letzte Siesta, weil es einfach schön ist, nebeneinander zu erwachen. Letztes Kochen in der Sommerküche. Letzte Mahlzeit. Henkersmahlzeit.

So lange haben wir beide auf diesen neuen Abschnitt hingearbeitet. Auf Irgendlinks Reise „Ums Meer“ ebenso wie auf meine Rückkehr in die Schweiz – und doch … Genau jetzt würde ich am liebsten alles rückgängig
machen. Mich zurück in J.s Umfeld beamen. Zurück in den gemächlichen KünstlerInnenalltag. Zurück in die Spur. Zurück in die Gewohnheiten dieser Alltage. Kleine heile Welt.

Nein, nicht zurück. Jetzt. Vorwärts. Wissen, dass wir uns richtig entschieden haben. Auch wenn Abschied weh tut, so ist er doch Ausdruck von Liebe und Vertrauen.

Das schönste im Leben ist zu lieben, sagte ich vorhin zu ihm ins Telefon. Ja!

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(geschrieben am 27.3., eben in der neuen Wohnung angekommen, aufs iPhone getippt, doch mangels Internet nicht senden können …)

das eine und das andere

Ohne Technik könntest du das hier nicht lesen. Ohne Technik könnte ich das hier nicht schreiben. Nach einer Stunde surfen, was es in der Schweiz an Alternativen fürs kabellose Surfen gibt, werde ich wohl reumütig in den Laden des allmächtigen Telekomriesen, unter dessen Fittiche ich mich eingekauft habe, gehen müssen und doch dieses Router-Modem-Teil kaufen, dessen Preis mich gestern leer schlucken lassen hatte. Sämtliche Alternativen sind teurer, komplizierter – sprich zeitaufwändiger – und nicht unbedingt besser.

Die Frage ist: Brauche ich kabellos? Fürs iPhonesurfen ist es natürlich super, da in den hiesigen Abos keine Surfflatrates inklusive sind wie in Deutschland. Und skypen würde über iPhone gehen … und überhaupt: Ja, ich brauche kabellos.

Ich sehs schon, jetzt fang ich bereits an Deutschland zu schönen, wo alles viiiiel billiger war 🙂