Jetzt

Beschenkt und erfüllt oder befreit und ausgeleert. Nennt sich Fülle und Leere.
Ausgesogen und beraubt oder vollgestopft und überhäuft. Nennt sich Leere und Fülle. Dito.
Wir bewerten Gegenteiliges. Mitte auch, und Gleichgewicht. Gerechtigkeit.
Wir beurteilen Extreme, Kontraste, Berührungen, Abstoßendes.
Ist nicht eins nur ohne das andere und die Summe aller Zahlen null?
Alles. Nichts.
Illusion nur.
Was war. Was sein wird.
Gegenwart als Punkt auf meiner schiefen
Gerade. Ist der Kreuzpunkt. Wie
jeder Punkt ein Kreuzpunkt jeden Lebens
sei. Und null. Immer nur null. Und Jetzt. Ist. Wirklich. Ist. Ganz.

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Quelle: Privates Archiv. Orignial aus dem Jahre 1998, nachbearbeitet und gekürzt.

Oh, da fehlt ja der Titel

Homestorys von Stars – Hand aufs Herz – wer liest sie nicht (gerne vielleicht sogar), zumindest ab und zu? Natürlich würden wir sie NIE selbst kaufen, diese hochglänzenden Magazine, in denen höchstens ein Viertel des Inhalts aus Text besteht. Und davon nicht wirklich viel Wahres. Der Rest besteht aus Bildern, mit viel Haut meistens. Oft heimlich fotografiert. Nein, wir kaufen sie nicht, diese Blätter mit Namen, die Glück suggerieren, Reichtum und Zugehörigkeit. Aber wir gucken sie uns an. Gut, ob ihr auch, weiß ich nicht wirklich, aber ich, ja, ich gucke sie mir an. Selten zwar, aber wenn ich irgendwo warten muss, und es gibt nur Hochglanz um die Zeit totzuschlagen, dann nehme ich schon mal so ein Ding zur Hand. Es sind wohl die Freuden und Dramen im Leben der Promis, die fesseln. Wenn berühmte Persönlichkeiten auch nur ganz normale menschliche Probleme haben, insbesondere Beziehungsprobleme, ist die Welt doch gleich ein bisschen erträglicher. Ja, Beziehungsprobleme, insbesondere Seitensprünge, werden in Publikationen dieser Art am liebsten breitgetreten. Gewürzt mit ein paar Konjunktiven wird die Wirklichkeit, die die beste Freundin der Prominenz ausgeplaudert hat, eingeköchelt und mit bunten Bildern teuer verkauft.

Schnitt.

Meine regelmäßig-unregelmäßiger Spaziergänge durch die Blogosphäre unternehme ich immer mit einer gewissen Portion wohlwollender Neugier. Nicht nur will ich nämlich anderswo gute Texte lesen, Texte, die etwas in mir auslösen oder die mich inspirieren, sondern ich will auch zwischen den Zeilen lesen. Lesen, Lücken übersetzen, hin spüren, herausfinden, wie es Bloggerin X heute geht und was Blogger Y dieser Tage beschäftigt. Ich will wissen, ich will ahnen, ich will spüren, ich will berührt werden von den Geschichten anderer, Voyeurin ich.

Ob ich selbst vor oder nach dem Blogspaziergang blogge (und ob überhaupt), hängt von vielerlei ab. Von der Tagesverfassung vor allem. Manchmal schreibe ich gleich nach dem Starten des Rechners einen Entwurf und gehe erst anschließend blogspazieren. Später kehre ich zu meinem Artikel zurück, um ihn nochmals zu lesen, bevor ich ihn publiziere. Manchmal schläft ein Artikel also viele Stunden als Entwurf. Schönheitsschlaf nenn ich das.

Oft genug verpasse ich die Gelegenheit, die Gunst der Stunde, meine Ideen gleich zu Beginn meiner Session am Rechner aufzuschreiben und gehe gleich im weiten Netz spazieren. Hinterher ist die vage Idee, die ich zuvor hatte, verwässert oder bereits verschwunden.

Doch das beantwortet meine mich immer wieder umtreibende Frage nicht, warum ich überhaupt blogge. Warum ich dieses doch relativ exhibitionistisch anmutende Medium Blog überhaupt für die Veröffentlichung eines Teils meiner Texte gewählt habe. Zu antworten, um mich schreibenderweise warm zu halten, greift zu kurz. Stimmt aber.

Frau Horchert, Journalistin der Reisezeitschrift Geo, fragte Irgendlink unlängst in ihrem Telefoninterview, ob er es denn möge, beim Reisen beobachtet zu werden. (Zum Hören des Intervies bitte hier klicken). Ich übersetze: Mag ich es, beim Leben beobachtet zu werden? Meg Ryan würde in When Harry met Sally sagen: Diese Frage muss ich dir nicht beantworten. Ich sage nur: Vielleicht.

Vor allem mag ich es jedoch, schriftlich nachzudenken. Wenn dabei ein Text herausschaut, der andere womöglich ansprechen könnte – wie es mir jedenfalls meine Statistik vorgaukelt – wieso soll ich meine Texte denn nicht teilen? Zumal a.) mitlesen freiwillig ist und b.) ich ja auch gerne bei anderen mitlese.

Ach, die Statistik! Die Sucht nach noch mehr Klicks wächst mit der Anzahl Klicks. Beobachte ich bei mir. Höre ich von anderen. Vor acht Jahren, zu Beginn meiner Webtagebuch-Zeit und unter anderen Pseudonymen, interessierten mich diese Zahlen kaum, heute guck ich jeden Tag bestimmt einmal nach ihnen. Ist die Zahl dreistellig, ist alles gut, ist sie – an warmen Tagen kommt das manchmal vor – zweistellig, zweifle ich bereits leise an meinen Texten. Diese Zahl ist der Sold der Bloggerin, ihr Zahltag sozusagen.

Doch weit wichtiger als diese Zahl, ist mir der Austausch mit den Lesenden und anderen Bloggenden auf deren Blogs. Diese virtuellen Gespräche haben schon oft meinen Tag gerettet. Daher bewundere ich andere AutorInnen, die keine Kommentarfunktion aktiviert haben. Souverän finde ich das. Oder vielleicht ist es einfach nur überlebenswichtig? Autorinnen wie Luisa Francia und Cambra Skadé wären wohl den ganzen Tag mit dem Beantworten der Kommentare beschäftigt. Dass so bekannte Autorinnen überhaupt Blogs betreiben und ihr Leben damit so sichtbar und transparent machen, finde ich toll. Und dass alle andern – Nonames und Names – diese Möglichkeit haben, ebenfalls.

Das Blog ist das Glücksblatt der kleinen Frau und des kleinen Mannes, war der erste Satz auf dem Block, auf den ich heute Morgen diese Zeilen hier gekritzelt habe. Im Blog haben wir selbst in der Hand, was wir schreiben. Über uns. Über die Welt, wie wir sie sehen. Wir entscheiden, was wir sichtbar machen wollen. Und dass diese Sicht ein bisschen näher an der Wirklichkeit ist, als wenn es in der Glückspost stehen würde, ist definitiv ein weiterer Pluspunkt für die Bloggerei.

Die eigene Homestory schreiben. Denn wenn schon Darstellung, dann selfmade.

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(((Anmerkung: Ich kokettiere bewusst mit dem missverständlichen Begriffen Exhibitionismus/Voyeurismus. Dieser Text ist satirisch gemeint, nicht nur, aber auch.)))

Fliederduft in der Luft

Kleines Intermezzo oder Wieso kann ein Bild nicht duften?

Eine Variation des Bildes findet sich auf pixartix_dAS bilderblog

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Von Erde und dem Geheimnis des Bloggens

Heute blogg ich mal über den Exhibitionismus von uns Bloggenden, sage ich am Morgen zu Irgendlink. Und über den Voyeurismus in uns auch gleich. Und wenn ich schon dabei bin, das alles auf den Tisch zu legen, könnte ich auch gleich die Sucht nach den Statistiken miteinweben. Und die Sache mit den Kommentaren. Du weißt schon.

Ja, er weiß. Denn Irgendlink hat technische Probleme mit seiner BlogApp. Er kann vorläufig die Kommentare nur über den Browser, also über das normale Blogformat, wie wir alle es auf dem Bildschirm sehen, lesen. Dass das auf dem kleinen Bildschirmchen mühsam ist, könnt ihr mir glauben. Auf der WordPress-App, die er normalerweise sehr gerne benutzt, zickt diese praktische Funktion zurzeit. Während er mir das Problem schildert, wird mir bewusst, wie abhängig wir a.) von funktionierenden Programmen sind und b.) wie eminent wichtig ihm (mir auch) der Austausch mit den Lesenden seines Blogs ist. Die Grenze zwischen es-wichtig-finden und abhängig-davon-sein ist dabei fließend.

Ich schweife ab. Ich wollte doch heute über die Sache mit dem Bloggen bloggen. Doch jetzt, wo ich am Rechner sitze, habe ich eigentlich eher Lust auf einen guten Film und eine Flasche Bier als blogzuschreiben. Ich ignoriere, dass ich noch eine Buchbesprechung fertigstellen sollte. Und die Recherchen für einen Artikel aufgleisen.

Ich bin währschaft müde, wie wir hierzulande sagen. Nicht nur habe ich die ganze Wohnung geputzt und das Bett frisch bezogen, auch habe ich mich – mit einer Trillion anderer Frühlingsgeiler – bei hochsommerlichen Temperaturen in der Landi mit Gartenzöix eingedeckt. Da ich vor einem Jahr, beim Umzug nach Deutschland, alle Tontöpfe meines Balkongartens verschenkt und die Erde in den Wald gebracht hatte, musste ich heute sozusagen bei null anfangen. Oder sagen wir mal bei fünf, denn die drei Balkonkisten samt Erde hatte ich von dort nach da und von da nach hier mit umgezogen. So lud ich also Töpfe, Setzlinge, Erde und Bambusstecken auf den großen Einkaufswagen und zirkelte an all den anderen Kauflustigen vorbei zur Kasse. Treibhauseffekt im wahrsten Wortsinn. Der Schweiß lief mir aus allen Poren, als ich später die Sachen ins Auto lud.
Von dieser Wärme tät ich dir gerne was abgeben!,
hatte ich zu Irgendlink gesagt, der mich, als ich vor der Wahl stand, welche Erde ich kaufen soll, kurz angeskypet hatte. Er sei in Middlesbrough und das sei ganz schön stressig. Er sei froh, wenn er die Stadt bald hinter sich habe. Was ich gut verstehen kann. Von vielen Leuten umgeben zu sein, ist weder sein noch mein Ding. Lieber Natur. Womit wir wieder bei der Erde wären. Nein, Erde kauf ich sonst nie im Laden, doch um Erde im Wald zu holen, hätte ich den kleinen Radanhänger gebraucht und der steht noch irgendwo auf dem einsamen Gehöft herum. Mit dem Auto in den Wald gehen und Erde holen, geht gar nicht. Dann doch lieber kaufen. Vierzig Liter Bio-Erde lade ich auf. Bio-Erde? Hm. Gibt es denn Nicht-Bio-Erde?

Den Parkplatz hat mir ein netter älterer Herrn vererbt. Bevor er sein Auto ausparkte, gab er mir mit Handzeichen zu verstehen, dass er gleich herausfahren werde. Natürlich musste ich an mein unglückseliges Erlebnis vor ein paar Monaten – noch in Deutschland – denken. Wo ein ähnlich alter Herr mir meine sauer erkämpfte Parklücke vor der Nase weggeschnappt hatte. Nein, ich will nicht Deutschland gegen die Schweiz ausspielen und umgekehrt. Vergleichen ist doof. Es gibt hüben wie drüben doofe A…löcher. Und der hier war halt einfach ein netter Mensch.

Wie ich später meinen Gartensitzplatz mit den frisch bepflanzten Töpfen gestalte, begreife ich, dass es hier nicht um die Tomaten geht, die da bald mal wachsen werden, und nicht um Blumen und Kräuter, sondern dass es darum geht, wieder hier, in meiner alten Heimat anzukommen. Wieder Wurzeln zu schlagen und anzuwachsen. Und darum, mit den Händen in der feuchten Erde zu wühlen.

Ach, und die Sache mit uns ExhibitionistInnen erzähl ich vielleicht ein andermal.