Gib laut, Männlein!

Dass Hunde ihr Gebiet markieren müssen, ist hinlänglich bekannt. Dass das Männer ebenfalls tun, nun ja, ist vermutlich ebenfalls durch wissenschaftlichen Studien nachweisbar. Ob oder ob nicht, ist eigentlich egal, Tatsache ist es auf jeden Fall. Spannend für allfällige Nachweise und Studien ist die Beobachtung, von Männern, die aufeinander treffen. Wie es zu und her geht, wenn nur Männer zusammen sind, weiß ich nicht. Jedenfalls nicht aus erster Hand. Doch zu beobachten, wenn Männer, vor allem solche, die sich noch nicht kennen, in befrauten Räumen aufeinander treffen, ist immer wieder faszinierend. Wie Hunde beschnüffeln sie sich. Testfragen gehen hin und her. Reaktionen werden beobachtet. Stimmen werden lauter. Andere leiser, verstummen gar. Analog zu Rüden, die sich vor dem Alphatierchen auf den Rücken legen. Waren früher Muskelkraft und Jagderfolg Hauptkriterien zur Erlangung des Alphastatus unter Männern, entscheiden heute unter anderem Unterhaltungswert, Schlagfertigkeit, berufliche Stellung und Leistung über den Platz in der Hackordnung. Und Lautstärke.

Ein Studienobjekt der Spezies „Lautes Männlein“ wohnt in der Wohnung über mir. Als lärmempfindlicher Mensch habe ich mich gefreut, dass mein Vormieter mir das Haus als leise empohlen hat. Na ja. Da er nur abends hier war und die Wochenenden in der Ostschweiz bei seiner Familie verbrachte, ist er leider keine wirklich zuverlässige Referenz. Und vielleicht schwerhörig.

Mein Nachbar B. ist knapp dreißig, eher jünger, fährt einen weißen, schnittigen Wagen, den er sogar nur bis zum Briefkasten oder was weiß ich braucht. Und er telefoniert gern. Seinen lauten Bass habe ich bereits persönlich angesprochen. Der hämmert nämlich gerne und oft drauf los. Seine Reaktion auf meine freundliche Kritik war ebenfalls freundlich, entschuldigend. Ich werde mich arrangieren müssen. Und ich werde ab und zu etwas sagen. Nur: ob das etwas bringt?

Als Studienobjekt für das Phänomen „Männlein“ (so nennt mein Liebster diese Untergruppe der Spezies Mann) eignet sich mein neuer Nachbar perfekt. Das Markierverhalten lässt sich an ihm hervorragend analysieren. Spricht er am Telefon, redet fast nur er, redet und lacht laut, leicht hysterisch. Dabei geht er meistens durch die Wohnung, so dass ich nirgends vor seiner Stimme sicher bin. Ja, er weiß, wie man sich seinen Raum nimmt. Nicht mal im Schlafzimmer, wenn ich mein Yoga machen will, bin ich vor seiner Stimme sicher. Okay. Tief durchatmen.

Ob ich mit ihm mal über Zimmerlautstärke diskutieren soll? Kann sich ein Mensch von rücksichts- respektive gedankenlos in Richtung aufmerksam verändern? Ja, ich weiß, so Menschen gibt es überall. Darum würde ich oft am liebsten die ganze Welt verändern. Sensibler und aufmerksamer sollten sie sein, meine Mitmenschen, jawohl.

Zurück zum Objekt meiner Studien: „das Männlein“. Markieren war das Wort. Dieses Objekt hier tut es besonders durch Lautstärke, wie gesagt. Durch Laut geben, wie ein Hund. Statt bellen nimm Musik und Stimme. Hört her, ich bin da. Seht her, das ist mein Auto. Was dahinter steckt – bei ihm, bei Männern? Minderwertigkeitskomplexe? Potenzprobleme, wie ein Freund von mir immer behauptet hat?

Ach du, Studienobjekt Mensch, du bist mir je länger je mehr ein großes Rätsel.! Und du, Studienobjekt Mann, erst recht!

(((Warnung: Das hier ist eine Satire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage.)))

16 Kommentare zu „Gib laut, Männlein!“

  1. du hast gut! wir haben uns fast zeitgleich kommentiert 🙂
    zum glück gibts neben der männlein auch männer. die haben das alles hinter sich.
    und die sind okay. auch wenn ich sie nicht wirklich verstehe.
    wer kann das schon? wo ich nicht mal mich selbst immer verstehe!
    liebgrüß, soso

  2. Ohjeh, Du Arme. Hoffentlich zieht der bald um.
    Vielleicht findet er ja einen Managerjob in Zürich?
    Guten Mut wünsch ich Dir. Bis sich so ein Männlein auswächst, kann das gut drei Jahrzehnte dauern.

  3. *hihi* danke du lieber, fürs mutmachen.
    wenn der manager wird, dann dankeschön. 😦
    bin froh, hast du das alles schon hinter dir.

    alles gut bei dir?

  4. ojemine. diese Sorte Mann in Wohn-Nähe zu haben klingt nervenaufreibend. Wie kann man so einen Menschen zum Schweigen bringen? Mit guten Worten? Vielleicht geschickte Kombination aus Ego-Schmeichelei und Tränendrüse…
    Viel Glück!
    Schöner Text übrigens.

  5. hm, das ist beides nicht mein ding. ich werde wohl mit ihm reden müssen. dieses tufftufftufftuff geht an die nerven.
    merci fürs mitgefühl. 🙂

  6. och nee, das braucht doch kein Mensch, liebe Soso…

    danke für diesen wunderbaren Text und möge er einsichtig sein!

  7. Oh nein. Ich bin so geräuscheempfindlich … Ich hoffe, dass sich das jetzt in Grenzen halten wird, wenn du die kleinen Männchen darauf ansprichst.

  8. die kleinen männchen sind heute zum glück ausgeflogen. um halb acht gings schon los mit „erwachen“ … 🙂
    ich habe mir überlegt, ihm ein geschenk zu machen. eine schachtel mit gutscheinen. einzulösen bei sich selbst: „heute schenke ich mir zimmerlautstärke“ oder bei mir“heute schenk ich meiner nachbarin unten zimmerlautstärke“ … mal gucken.

  9. schöne idee, bei mir würde sie wirken, weil ich lächeln müsste. ich drücke dir die daumen. besonders weil ich aus der vergangenheit nur allzu gut weiß, wie nervenaufreibend das sein kann, fremder lärm…

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