Oh, da fehlt ja der Titel

Homestorys von Stars – Hand aufs Herz – wer liest sie nicht (gerne vielleicht sogar), zumindest ab und zu? Natürlich würden wir sie NIE selbst kaufen, diese hochglänzenden Magazine, in denen höchstens ein Viertel des Inhalts aus Text besteht. Und davon nicht wirklich viel Wahres. Der Rest besteht aus Bildern, mit viel Haut meistens. Oft heimlich fotografiert. Nein, wir kaufen sie nicht, diese Blätter mit Namen, die Glück suggerieren, Reichtum und Zugehörigkeit. Aber wir gucken sie uns an. Gut, ob ihr auch, weiß ich nicht wirklich, aber ich, ja, ich gucke sie mir an. Selten zwar, aber wenn ich irgendwo warten muss, und es gibt nur Hochglanz um die Zeit totzuschlagen, dann nehme ich schon mal so ein Ding zur Hand. Es sind wohl die Freuden und Dramen im Leben der Promis, die fesseln. Wenn berühmte Persönlichkeiten auch nur ganz normale menschliche Probleme haben, insbesondere Beziehungsprobleme, ist die Welt doch gleich ein bisschen erträglicher. Ja, Beziehungsprobleme, insbesondere Seitensprünge, werden in Publikationen dieser Art am liebsten breitgetreten. Gewürzt mit ein paar Konjunktiven wird die Wirklichkeit, die die beste Freundin der Prominenz ausgeplaudert hat, eingeköchelt und mit bunten Bildern teuer verkauft.

Schnitt.

Meine regelmäßig-unregelmäßiger Spaziergänge durch die Blogosphäre unternehme ich immer mit einer gewissen Portion wohlwollender Neugier. Nicht nur will ich nämlich anderswo gute Texte lesen, Texte, die etwas in mir auslösen oder die mich inspirieren, sondern ich will auch zwischen den Zeilen lesen. Lesen, Lücken übersetzen, hin spüren, herausfinden, wie es Bloggerin X heute geht und was Blogger Y dieser Tage beschäftigt. Ich will wissen, ich will ahnen, ich will spüren, ich will berührt werden von den Geschichten anderer, Voyeurin ich.

Ob ich selbst vor oder nach dem Blogspaziergang blogge (und ob überhaupt), hängt von vielerlei ab. Von der Tagesverfassung vor allem. Manchmal schreibe ich gleich nach dem Starten des Rechners einen Entwurf und gehe erst anschließend blogspazieren. Später kehre ich zu meinem Artikel zurück, um ihn nochmals zu lesen, bevor ich ihn publiziere. Manchmal schläft ein Artikel also viele Stunden als Entwurf. Schönheitsschlaf nenn ich das.

Oft genug verpasse ich die Gelegenheit, die Gunst der Stunde, meine Ideen gleich zu Beginn meiner Session am Rechner aufzuschreiben und gehe gleich im weiten Netz spazieren. Hinterher ist die vage Idee, die ich zuvor hatte, verwässert oder bereits verschwunden.

Doch das beantwortet meine mich immer wieder umtreibende Frage nicht, warum ich überhaupt blogge. Warum ich dieses doch relativ exhibitionistisch anmutende Medium Blog überhaupt für die Veröffentlichung eines Teils meiner Texte gewählt habe. Zu antworten, um mich schreibenderweise warm zu halten, greift zu kurz. Stimmt aber.

Frau Horchert, Journalistin der Reisezeitschrift Geo, fragte Irgendlink unlängst in ihrem Telefoninterview, ob er es denn möge, beim Reisen beobachtet zu werden. (Zum Hören des Intervies bitte hier klicken). Ich übersetze: Mag ich es, beim Leben beobachtet zu werden? Meg Ryan würde in When Harry met Sally sagen: Diese Frage muss ich dir nicht beantworten. Ich sage nur: Vielleicht.

Vor allem mag ich es jedoch, schriftlich nachzudenken. Wenn dabei ein Text herausschaut, der andere womöglich ansprechen könnte – wie es mir jedenfalls meine Statistik vorgaukelt – wieso soll ich meine Texte denn nicht teilen? Zumal a.) mitlesen freiwillig ist und b.) ich ja auch gerne bei anderen mitlese.

Ach, die Statistik! Die Sucht nach noch mehr Klicks wächst mit der Anzahl Klicks. Beobachte ich bei mir. Höre ich von anderen. Vor acht Jahren, zu Beginn meiner Webtagebuch-Zeit und unter anderen Pseudonymen, interessierten mich diese Zahlen kaum, heute guck ich jeden Tag bestimmt einmal nach ihnen. Ist die Zahl dreistellig, ist alles gut, ist sie – an warmen Tagen kommt das manchmal vor – zweistellig, zweifle ich bereits leise an meinen Texten. Diese Zahl ist der Sold der Bloggerin, ihr Zahltag sozusagen.

Doch weit wichtiger als diese Zahl, ist mir der Austausch mit den Lesenden und anderen Bloggenden auf deren Blogs. Diese virtuellen Gespräche haben schon oft meinen Tag gerettet. Daher bewundere ich andere AutorInnen, die keine Kommentarfunktion aktiviert haben. Souverän finde ich das. Oder vielleicht ist es einfach nur überlebenswichtig? Autorinnen wie Luisa Francia und Cambra Skadé wären wohl den ganzen Tag mit dem Beantworten der Kommentare beschäftigt. Dass so bekannte Autorinnen überhaupt Blogs betreiben und ihr Leben damit so sichtbar und transparent machen, finde ich toll. Und dass alle andern – Nonames und Names – diese Möglichkeit haben, ebenfalls.

Das Blog ist das Glücksblatt der kleinen Frau und des kleinen Mannes, war der erste Satz auf dem Block, auf den ich heute Morgen diese Zeilen hier gekritzelt habe. Im Blog haben wir selbst in der Hand, was wir schreiben. Über uns. Über die Welt, wie wir sie sehen. Wir entscheiden, was wir sichtbar machen wollen. Und dass diese Sicht ein bisschen näher an der Wirklichkeit ist, als wenn es in der Glückspost stehen würde, ist definitiv ein weiterer Pluspunkt für die Bloggerei.

Die eigene Homestory schreiben. Denn wenn schon Darstellung, dann selfmade.

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(((Anmerkung: Ich kokettiere bewusst mit dem missverständlichen Begriffen Exhibitionismus/Voyeurismus. Dieser Text ist satirisch gemeint, nicht nur, aber auch.)))

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12 Kommentare zu „Oh, da fehlt ja der Titel“

    1. nö, zweifeln tu ich nicht. nur wissen wollen wie alles zusammenhängt, motive hinterfragen und so.
      und ja, spass muss es machen. ist wohl für mich, was dir das malen?

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  1. „Im Blog haben wir selbst in der Hand, was wir schreiben.“

    Jetzt, wo du es schreibst, fällt mir spontan folgendes ein: Im Blog haben wir eher selbst in der Hand, wer wir sind.

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  2. Ein bißchen Exhibitionismus steckt doch auch in jedem Bloghütteneigner – wie auch Voyeurismus, sonst würde es nicht funktionieren in der BlogoSphäre. Wir geben Dinge von uns preis und wollen auch gucken, was andere dazu sagen. Ein Geben und Nehmen, ein Austauschen von Ansichten. Und das ist gut so.
    Zum Beginn Deines Beitrags: Stars: Was sind eigentlich STARS? Die MöchtegernPromis der dritten bis vierten Riege, die bei „Deutschland sucht den SuppenKaspar“ gekürt werden? Oder die mißratenen Sprößlinge irgendwelcher „von und zu und auf und davons“ in aller Welt? Die interessieren mich ungefähr soviel wie die letzte Wasserstandsmeldung vom Nil, aber ich gebe auch unumwunden zu, ziemlich entartet zu sein, zumindest was meinen Musikgeschmack(von Ska/Reggae über Klezmer und FreeJazz bis zu Bach/Händel/Verdi/Chopin/)angeht.
    SattHeinz und ProstSieben ? Ja es muß genug Leute geben, die das gucken – und denen sei es gegönnt. Bei mir geigt grade der Isaac Stern (Klassik-Archiv auf arte) Was ganz was gutes auf die Ohrn zur Guten N8.
    Die Bloggerei ist ja auch so eine Art TageBuch, auch wenn nicht jeden Tag was neues geschrieben oder photographiert wird.
    Einen guten Start in die neue Woche wünscht Dir der graue Wolf aus der schönsten Hansestadt am Ryck.

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  3. teilen ist für mich immer wichtig gewesen und da ich eben nicht mehr in einer stadt lebe, hat sich meine schlenderei zu diesem oder jenem cafe zu schlendergängen durch bloghausen verwandelt… die tasse kaffee trinke ich dabei um einiges preiswerter und rauchen darf ich hier auch…
    also teilen und mich mitteilen, neben fingerübungen auf der tastatur und gymnastik für die hirnzellen, dabei beobachten worauf resoniert wird und wieviele wann zu welchen themen kommentieren. feldforschungen anderer art.
    ich frage mich schon länger, ob kunst nicht auch immer etwas mit exhibitionismus zutun hat… deswegen muss ja das ganze nicht plötzlich etwas schlechteres sein.

    und dann denke ich wohl noch ein bißchen für mich weiter
    danke für deine anregung
    und herzlich gegrüßt Li Ssi

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