Die Parabel von der Murmelbahn

Ich habe heute Morgen, gleich vor dem Aufwachen, von einer riesigen Murmelbahn geträumt. Einer großen, kompakten, quadratisch aus Cuboro-Elementen* gebauten 3D-Bahn, und sofort war mir klar, dass dieser Traum sowohl mit Irgendlinks Ums Meer-Kunstreise zu tun hat als auch mit dem neulich von ihm verfassten, sehr philosophischen Artikel, zu dem ihn ein Perpetuum mobile inspiriert hatte, das er im Museum in Sunderland betrachtet und fotografiert hat.

Meine geträumte Murmelbahn war jedenfalls ebenfalls ein Perpetuum mobile. Escheresk rollten die Kugeln irgendwie in einem mir nicht ersichtlichen Kreislauf immer weiter und weiter. Unzählige Kugeln. Alle gleichzeitig. Dass das Bild auch für die Reise Irgendlinks steht, war mir sofort klar.

Wow, das ist pure Kunst!, sagte ich im Traum zu dem Menschen, der die Bahn gebaut hatte und neben dem ich jetzt stand. Sofort ging die Diskussion los, ob das nun wirklich „richtige“ Kunst sei oder nicht. Kunst kommt von Können, wie wir alle wissen, sagte mein Gegenüber. Aber das hier konnte ich vorher nicht. Ich habe einfach ausprobiert. Ich habe es einfach gemacht.
Darf es denn nicht trotzdem Kunst sein, obwohl es ganz ohne zielgerichtete Absicht und vorherige Kenntnisse geschaffen wurde? Einzig aus dem inneren Bedürfnis heraus nach Kreieren, Schönheit und Harmonie. Aus purer Lust.

So ähnlich wie es der Künstler Fernando Botero gesagt hat, den die Mützenfalterin wie folgt in ihrem Blog zitierte:

Bei Kunst geht es ja eigentlich um Schönheit und Vergnügen. Das ist die grundsätzliche Aufgabe des Künstlers. Schauen Sie sich die Expressionisten an: Da sieht man keine traurigen oder schäbige Bilder. Wenn man sich die ganzen großen Künstler der Geschichte ansieht, wird das bestätigt. Die Intention von Kunst ist, Vergnügen zu bereiten, nicht nur durch die Schönheit der Dinge sondern auch im Falle erbärmlicher Inhalte. Es ist ja nichts verkehrt daran, etwas Schäbiges auf schöne Weise darzustellen.

Womit wir wieder bei der Kunstreise-Blogkunst von Irgendlink sind. Wie oft fotografiert er Schäbiges? Ich erinnere an jene Collage aus Bildern, die eine Mauer mit abblätternder Farbe zeigen, an rostige Schlösser, an Unterführungen. Die Intention von Kunst sei es, Vergnügen zu bereiten, sagt Botero. Ich für mich ersetze den bestimmten durch einen unbestimmten Artikel. Kunst hat noch mehr Intentionen, doch die hier erwähnte ist nicht zu unterschätzen.

Vergnügen den Kunstschaffenden, doch auch Vergnügen den Betrachtenden. Und umgekehrt. Wieder ein Perpetuum mobile. Genannt Vergnügen. Liebe ist auch eins, wie ich früher mal bloggte.

Jede Kugel, die die Murmelbahn durchläuft, schliesst laufend Kreise. Wo sie einst ihre Reise angefangen hat, hat sie längst vergessen. Sie rollt weiter, immer weiter. Wer sie in die Bahn geworfen hat, weiß sie nicht mehr. Wie es war, als es sie noch nicht gab, die Bahn auch nicht und den Erbauer dieser Bahn erst recht nicht, kann sie nicht wissen. Wie das alles einmal enden wird – und ob?

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*Nein, kein Werbespot für Murmelbahnen, nur damit ihr wisst, was ich meine: http://www.murmelwelt.de/cuboro1.html

14 Kommentare zu „Die Parabel von der Murmelbahn“

  1. Kunst zum Vergnügen? Ja, aber nicht allein! Kunst darf auch aufrütteln, provozieren, darf zeigen was stinkt… etc.
    Ich finde es oft noch schwieirg etwas wirklich hässliches zu zeigen oder gar aufzunehmen. Zumal es in der digitalen Welt dann doch schnell wieder einfach nur hübsch aussieht…

    die Murmelbahn aber, die finde ich uneingeschränkt spannend und erinnert mich an Dialoge, die wir schon führten und ja auch ans P.M. von Irgendlink…
    danke dir
    herzlichst U.

    1. vergnügen ist für mich auch nur EIN aspekt von kunst, kein unwesentlicher. aber natürlich hast du recht: kunst schafft noch viel mehr!!!
      danke für den input!
      herzlich, soso

  2. Kunst kommt von Können – und wenn er es vorher nicht „konnte“ und es trotzdem geschafft hat, so hatte / hat er das Können. Wußte nur nichts davon …

  3. Instinktive Handlungen als genetisch codiertes Können, das gefällt mir sehr. Für mich, und ich sage nicht nur für mich, weil ich nicht beanspruchen möchte, überhaupt eine Vorstellung von dem zu haben, was Kunst allgemein definiert, sondern auch, weil ich es einfach nur für mich herausfinden möchte, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit, für mich ist Kunst tatsächlich das Zurücktreten hinter eine Idee, die Kraft, sich so sehr mit einer Idee auseinander zu setzen, bis etwas dabei herauskommt, das deutlich über den Einzelnen hinausgeht. Das Ergebnis kann dann schön sein oder häßlich, aufrüttelnd, besänfigtend oder provokant, aber es ist ein Zugewinn nicht für den Einzelnen, sondern für möglichst viele.

    1. das finde ich eine sehr gute definition, die ich auch teile. eine weitere, die ich teile. 🙂 kunst ist für mich etwas sowohl kollektives, transpersonelles als eben auch etwas zutiefst persönliches. das zurücktreten und gleichzeitig die identifikation mit dem eigenen werk ist eine grosse herausforderung. finde ich. danke für deine zeilen.

    2. Danke.

      Deine Kunstdefinition ist für mich auch (m)eine Definition von Wissenschaft. Deshalb habe ich beides immer so sehr miteinander verglichen, Kunst und Wissenschaft als Geschwister betrachtet und bin damit oft auf Widerstand gestoßen. Aber durch die Ausformulierung hast du mir klar gemacht, warum die beiden für mich zusammengehören und ihren Teil des Weltverständnisses vollenden. Jetzt weiß ich auch, warum ich „Herz im Kopf“ bin. Die beiden beißen sich gar nicht, sie gehören zusammen, so sehr. Das muss ich schon immer so gesehen haben …

      Darf ich dich in meinem Blog zitieren, wenn ich bald einen Beitrag dazu schreibe?

      1. wenn du jetzt mich meinst, sherry, gerne. ich finde auch die mützenfalterin und ihr votum zitierenswert.
        schön, das geschwisterbild. das kommt
        gut bei mir an, danke. ergänzt auch meine wahrnehmung.
        liebgrüß, soso

      2. Oh, ich meinte Mützenfalterins Definition. Es wird ja im Moment sehr viel darüber geschrieben, was Kunst sei. Und ihre Definition war für mich bis jetzt die, die meinem Empfinden am nächsten kam.

        Schlaf(t) gut! =)

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