Ein kleines Leben (nur)

Gestern Vormittag. Auf dem Land. Irgendwo in der Nähe von Bern im Garten meiner Freundin T. Auf einmal schreit T. auf und deutet auf den Boden. Fast zeitgleich scheucht sie ihre Hündin Julia weg und bittet Little-J. vorsichtig zu sein.

Ein klitzekleiner Vogel, noch ganz ohne Federn, liegt vor uns auf dem Plattenweg. Unter dem Hausdach hängt ein Vogelhäuschen. Wir beugen uns zu dritt über das kleine Wesen, dessen Herz gut sichtbar schlägt. Was tun? Während wir uns beraten, will die Hündin ganz nahe ran, schnüffelt, zappelt rum, während J., mit seinen noch nicht einmal zwei Jahren und einer ganz und gar wertfreien Neugier das kleine Tierchen betrachtet. Er will es anfassen, was wir aber nicht wollen. Zu unkoordiniert sind kleine Bubenhändchen. T. holt Latexhandschuhe und Haushaltpapier, während ich auf Vogel-, Hunde- und Menschenbaby acht gebe. Sie nimmt das Tierchen ganz vorsichtig in die Hand, traut sich kaum, es zu bewegen, aus Angst, es zu verletzen. Wir sind so sehr mit dem ersten Vögelchen beschäftigt, dass wir nicht sofort bemerken, wie und dass das zweite auf den Boden fällt. Auf einmal liegt es da. Ich hebe es mit einem Haushaltpapier auf, betrachte es eingehend auf und muss schließlich begreifen, dass es tot ist.

Keine fünf Minuten vorher hatte T von einem neulich verstorbenen Kaninchen erzählt und wie traurig I., ihre vierjährige Tochter, gewesen sei. Ich hatte von meinen eigenen Erlebnissen erzählt. Von mir als Kind. Von den vielen gestorbenen Tieren. Von den Haustieren – Kaninchen, Katzen und Goldhamster – und jenen, die ich im Wald oder am Straßenrand gefunden hatte. Alle habe ich sie beerdigt und immer war ich traurig. Ihnen verdanke ich, dass ich den Tod als Teil des Lebens zu verstehen gelernt habe. Dass ich heute den Tod als Bruder oder Schwester betrachten kann und das Leben und alle Beziehungen als endlich und abschiedlich.

Mit einer der Sandkastenschaufeln buddle ich nun unter den Augen Little-J.s ein Loch und beerdige das tote Küken. Mit einem großen Stein decken wir das Grab zu. Ich erzähle J., dass es gestorben sei. Was immer das bedeuten mag. Wie lernt ein Kind, wie lernt ein Mensch Sterben, Abschied, Vergänglichkeit?
Es war zu schwach zum Leben, sage ich. Ohne zu wissen, ob er schwach versteht und weiß, was leben ist. Erzähl einem Fisch bloß nichts von Wasser!

Später wird das andere, das noch lebende Vögelchen auf der Kaffeemaschine, wo es schön warm ist, weich gebettet und mit einem kleinen Klecks Hundefutter vor der Nase, noch einige wenige Stunden leben. Auf die Wassertropfen, die T. ihm eintröpfeln will, reagiert es nicht. Ein paar Mal bewegt es den Schnabel. Irgendwann stirbt es. Später, als ich schon wieder zuhause bin, erfahre ich, dass T. und ihre Kids noch ein drittes, lebendes Vögelchen gefunden haben. Ob es lebensfähig ist?