In den falschen Schuhen

Wieso nur habe ich nicht die Sandalen angezogen? Kaum saß ich im Zug, wäre ich am liebsten wieder ausgestiegen und nochmals nach Hause geradelt um die Turnschuhe umzutauschen. Schon auf dem Rad zum Bahnhof hatte ich begriffen, dass der Tag heißer als angesagt werden würde. Und ich, der Wetterprognose blind vertrauend, würde dahin schmelzen. Die Jeans konnte ich zum Glück hochkrempeln, doch barfuß gehen war hier keine wirkliche Alternative. Ich war mit den falschen Schuhen unterwegs.

Mit Freundin R. durch die Aarauer Altstadt bummelnd und uns in den Aareauen tummelnd, nutzte ich jede noch so kleine Wanderpause, um meine neuen Turnschuhe, die eigentlich bequem sind, kurz auszuziehen und die heißen Füße zu lüften. Im Gegensatz zu den alten, sind die neuen aus synthetischem Material. Atmungsaktiv angeblich. Tja. In den alten, ledernen Tretern, die ich schon ein paar Mal beinahe entsorgt habe, hatte ich nie gelitten. Na ja, fast nie. Einmal, bei Regen in Nordnorwegen schon, denn wasserdicht sind sie nicht hundertprozentig. Das Feuer ist schuld, dass mein rechter Lieblingsschuh an meinem letzten Abend mit Irgendlink auf dem einsamen Gehöft, vor dreizehn Wochen war es, kaputt gegangen ist. Und die kalten Füße. Mit der halb abgelösten Sohle ist laufen und gehen nicht mehr möglich.

Schnitt.

Nachmittag. Gewitterwolken am Himmel. Erste schwere Regentropfen platzen auf dem heißen Teer. Riechen nach Kindheit. Ich betrete diesen klitzekleinen Laden, an dem ich immer, wenn ich in die Stadt fahre, vorbeikomme. So klein ist er, dass vor dem Ladentisch höchstens zwei Personen bequem Platz finden. Hinter dem Ladentisch knapp eine. Rechts ein kleines Kabäuschen. Ein laufender PC. Grüner Hintergrund auf dem Bildschirm. Darauf ein paar digitale Kartenstapel. Patience? Ein Mann sitzt auf einem Stuhl davor. Er bemerkt mich erst, als ich laut Hallo sage, denn die Ladentüre stand offen. Mühsam schält er sich aus der Nische, wischt den Klimbim-Antifliegenvorhang beiseite und betritt den Ladenraum. Ob es für meinen Turnschuh noch Hoffnung gebe, frage ich. Der kleine Mann betrachtet den Schuh fachmännisch. Ja, kann man leimen!, sagt er. Sein italienischer Akzent zaubert mich weit weg und ich bin versucht, italienisch zu antworten, tue es doch nicht, frage nach dem Zeitrahmen und dem Preis. Morgen, sagt er, fünf Franken. Ich glaube, meinen Ohren nicht zu trauen. So wenig? Nein, das sage ich natürlich nicht. Morgen. Super. Während er den Schuh in eine Art Ofen stellt, verabschiede ich mich glücklich. Ob es auch für mein altes Auto Hoffnung gibt? Vielleicht lässt sich der kaputte Auspuff ja auch irgendwie leimen?, fabuliere ich auf dem Weg zur Post. Ganz billig und ganz gut. Und ich bin überzeugt, dass der kleine Mann meinem Schuh neues Leben einhauchen wird. Ein Schuh, der einfach passt.

Schnitt.

Im Zeitlupentempo vergehen die Tage. Und doch viel zu schnell, gemessen an der Liste, die ich bis zum Urlaubsbeginn noch abtragen will. Die Vorfreude auf mein Wiedersehen mit dem Liebsten ist riesig. Und auch auf den Flug nach Hamburg. Weil ich doch so gerne fliege. Allerdings nicht oft. Das Wiedersehen! Endlich, endlich. Er werde mich auf dem Flughafen abholen, schrieb er mir heute. Mit einem Mietauto, das er heute gebucht habe. Ein sehr günstiges Angebot. Wir werden beide blank sein nach diesem Urlaub – er nach seiner Reise sowieso. Aber das ist es wert. Und irgendwie geht es immer weiter. Katzen landen immer auf den Füßen. Wir auch. Wofür gibst du am liebsten Geld aus? Wer hat das gleich gefragt? War das in einem Buch, in einem Zeitungsartikel, in einem Gespräch? Für Bücher, hatte ich ohne zu zögern geantwortet, und fürs Reisen. Ab in andere Welten, sozusagen.

Ich sitze draußen, lese Zeitung, genieße den Regen, die Abkühlung und den Feierabend. Meine kleine Welt. Ein Schuh, der passt. Genau jetzt will ich genau hier sein.

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