alles verhält sich irgendwie …

Bloggen? Hm. Ja, schon, nur wo anfangen? Nun, es ist ja nicht so, dass ich Gedanken und Gefühle nicht irgendwie in Worte fassen könnte, eher ist es ein aktuelles Unvermögen, das Gewirr in mir sichten zu können. Denn obwohl doch jetzt endlich so etwas ähnliches wie Alltag in mein Leben einkehrt, jetzt, wo ich nicht mehr in ein mich täglich herausforderndes Projekt eingebunden bin (Ums Meer 2012, Irgendlink), ist nicht automatisch alles klar, einfach und übersichtlich.

Ich fühle mich wie pensioniert, sagte ich deshalb heute Morgen zum Liebsten. Nicht, dass ich nichts zu tun hätte, ganz und gar nicht, doch jetzt „muss ich wieder das tun, was ich will“, sozusagen. Veränderte Prioritäten. Zumindest, bis wieder ein Brotjob am Horizont auftaucht, der einen Gutteil meiner Lebenszeit auftunken wird. So habe ich beschlossen, mich endlich um meine Buchmanuskripte zu kümmern. Sie zu lesen, als seien sie von jemand anderem geschrieben worden, als wäre ich die Lektorin. Ob das geht?

Mit den Recherchen für das nächste Schreibprojekt werde ich am Montag anfangen. Über eine Tagung gilt es zu schreiben, die nächsten Samstag stattfindet. Intergrale Politik heißt der Bogen über dem Ganzen. Politik – ein Wort, das mich immer wieder heiß und kalt erwischt. So oft ich auch behaupten mag, dass ich nicht wirklich politisch sei, so oft muss ich mir eingestehen, dass das nicht geht. Wie ich auch nicht keine Meinung zu etwas haben kann. Denn alles ist eine Art Standpunkt, auch die Neutralität. Sage ich als Schweizerin, mit Neutralität im Blut sozusagen. Wie wir auch nicht nicht fühlen und nicht keine Befindlichkeit haben können. Alles verhält sich zum Rest irgendwie.

Über gelebte, lebbare Anarchie grüble ich neuerdings wieder vermehrt nach. Ist Anarchie jene neue Weltordnung ohne Herrschaft, wie ich sie mir früher so oft gewünscht habe? Diesen oft genug irgendwie inszeniert wirkenden, nicht ganz überzeugend wirkenden Widerstand gegen alles Etablierte, alles Strukturierte stelle ich heute oft in Frage. Nicht aber den guten Willen, der dahinter steckt, fühlte ich mich doch vor zehn, zwanzig Jahren ziemlich anarchistisch. Also nichts gegen authentischen Widerstand, gegen Zivilcourage, aufrichtiges Umdenken, Sehnsucht nach einer lebbaren, anderen, neuen Welt für alle. Die will ich auch, nur habe ich wohl aufgehört, daran zu glauben, dass es einen einzigen gangbaren Weg für alle gibt, eine einzige polititsche Form. So wie ich längst aufgehört habe, an eine einzige Wahrheit zu glauben.

Letztlich paddle ich mit allen Querköpfen, mit allen Bös- und Gutmenschen im gleichen Schiff. In einem Schiff mit unzähligen Lecks. Und da sind Myriaden von Riffs im offenen Meer. Wie gemeinsames Paddeln gehen könnte, hat sich Cambra in ihrem Blog vorgestellt. Vielfalt und Selbstbestimmung statt Einfalt und Vergleich. Ich halte es auch gerne mit Luisa Francia, die in ihrem Internettagebuch und in ihren Büchern immer wieder die Ressourcen Eigenmacht und Mitverantwortung betont. Jene Eigenmacht und jene Mitverantwortung, die sowohl mein eigenes Wohl als auch das Wohl aller im Sinn haben. Ohne kleingedruckte Fallen. Und ohne falsche Sentimentalität.

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