Vor mir die Sintflut

Der Scheibenwischer schrabt in höchster Geschwindigkeit über die Scheibe. Gischt spritzt auf, verdeckt mir Weitsicht, egal, ob ich überholt werde oder überhole. Die ganze Welt dampft und nebelt mich ein. Zuweilen ist mir, als hätten meine Räder keinen Bodenkontakt mehr. Aquaplaning. Gefangen in meiner kleinen Blechkiste übe ich mich in Geduld und Entspannung. Meine halbe Konzentration richte ich auf die weißen Streifen, die Rand und Mitte der unsichtbaren Straße definieren, die zweite Hälfte auf die Rücklichter des Autos vor mir. Eine Art Trance stellt sich ein, die Gedanken werden still. Aufs Überleben auf der Straße konzentriert, denke ich wenig. Entscheide nur, obwohl diese Fahrt extrem an meinen Kräften zehrt, dass ich keinen Stopp einlegen werde. Wer weiß, ob ich mich sonst je wieder weiterzufahren traue?

Nun biegt das Auto vor mir ab. Schade. Das wäre ja zu schön gewesen, bis nach Hause diesen Lichtern vor mir folgen zu dürfen. Wo bin ich überhaupt? Noch dreiunddreißig Kilometer bis Basel, sagt die Tafel. Eine Viertelstunde, denke ich, doch heute dauert die Fahrt fünfundzwanzig Minuten. In grauer Dämmerung zurückgelassen, bin ich nun auf mich selbst gestellt und muss neue Anhaltspunkte finden, um schön auf meiner Spur zu bleiben und weder mich noch andere in Gefahr zu bringen. Die Scheinwerferlichter der Autos auf der Gegenfahrbahn brechen sich im Wasserfilm auf meiner Scheibe. Und schon sind sie, für den Bruchteil einer Sekunde, wieder verschwunden. Irrlichter. Weggeschrabt vom Scheibenwischerblatt. Wie schon so oft bin ich dankbar um Autobahnen, schäme mich zugleich ein wenig über diese Erkenntnis, doch Überlandstraßen mit Gegenverkehr, die ich normalerweise gerne fahre, sind bei solch heftigen Regenfällen lebensgefährlich. Was sage ich da? Autofahren IST lebensgefährlich. Die vielen Lichter, die sich im Regen vertausendfachen, sind einfach nur anstrengend und ermüdend. Wir sind einfach zu viele hier. Zu viele.

Ja, ich bin froh um die Autobahn. Und dass ich sie doch noch gefunden habe, spät, aber besser als nie. Aus Freiburg raus muss ich schon wieder irgendetwas falsch gemacht haben. Dabei hat mir M. alles so gut erklärt. Und dabei bin ich doch immer den Autobahnzeichen – blau auf gelben Tafeln – gefolgt. Bin durch zig Dörfer gefahren, zum Glück noch bei mäßigem Regen. Mein iPhone sagt, als ich kurz anhalte, dass meine Richtung die Richtige ist. Ich folge weiter den Wegweisern nach Lörrach und endlich, in der Nähe von Neuenburg (ja, auch das, ebenso wie Freiburg, gibt es nicht nur in der Schweiz), finde ich endlich die Autobahn, die ich erst bei meiner Heimausfahrt wieder verlassen werde. Zwei Drittel der Strecke fahre ich mit höchster Scheibenwischergeschwindigkeit und mit durchschnittlich um die achtzig Stundenkilometern. Was bin ich erschöpft, als ich vor meinem Zuhause einparke.

Schon die Hinreise begann abenteuerlich. Jemand hatte sich in den letzten Tagen offensichtlich an meinem linken Scheibenwischer vergangen und den Bügel verbogen, sodass er jedes Mal hängengeblieben ist und seinen Dienst nicht verrichten konnte. Da ich keine Lust auf Werkzeugsuche hatte, fuhr ich zur Tankstelle, da ich eh tanken musste, und bat bei der dortigen Werkstatt um erste Hilfe. Die mir unkompliziert gewährt wurde. Der nette ältere Mann dort wollte noch nicht einmal Geld für seine Hilfe. (Das nenn ich Kundinnendienst und werde da sicher wieder hin gehen, wenn ich Hilfe brauche.)

Breisgaus Freiburg fand ich gut, doch das DichterInnenquartier, in dem Bloggerin M. lebt, die mich zu sich eingeladen hat, finde ich leider nicht, verfahre mich mehrfach, weil ich die falsche Ausfahrt genommen und bitte sie schließlich, schon sehr desolat, mich abzuholen. Toll, dass sie das macht und toll, wie sich das anfühlt, einer folgen zu dürfen, die weiß, wo es lang geht.

Die Stunden bei M. vergehen wie im Flug. Kostbare Stunden. Lebensgeschichten sind so einzigartig. Ich fühle mich beschenkt, wie ich mich ans Steuer setze. Und ich fühle mich noch immer beschenkt, aber todmüde, als ich zwei Stunden später meine Wohnungstüre öffne.

(Oh je, und jetzt fällt mir mal wieder kein guter Schlusssatz ein … )

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9 Kommentare zu „Vor mir die Sintflut“

  1. Och je, ich dachte zurück habe es besser geklappt!!
    Nun überlege ich wo du wohl lang gefahren bist, über zig Dörfer???
    So ein Dilemma – das tut mir echt Leid!
    Es sollte doch ein entspannter Tag sein – rundum.
    Das müssen wir dann nochmal üben, nicht wahr?!
    Der Schlusssatz steht ja schon und ich möchte ihn gern erwidern: Beschenkt!! Danke!

    ..grüßt dich Monika herzlich
    (die sich soeben vom Lesen der Spuren und Bücher losgerissen hat)

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    1. ich bin sozusagen durch ein paralleluniversum gefahren – zur autobahn. war nicht wirklich ein umweg.

      schön wars ja trotzdem!

      herzlichgrüß und nochmals dankeschön
      soso … und gute lektüre!

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  2. Du glaubst nicht, wie viel Nerven ich zwischen Pirmasens und Zweibrücken verloren habe gestern in der Dunkelheit, als die Autobahn gesperrt war und die Wegbeschreibungen uns narrten.

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  3. besser kann man wohl kaum solche eine Regenfahrt in Worte fassen…
    schön, dass du dann doch noch alles gefunden hast und nicht noch bis heute Freiburg umrundest ;), noch viel schöner, dass du mit M. eine gute Zeit hattest und dich beschenkt gefühlt hast!
    dein Schlusssatz war ein Schlusssatz und gut war er
    grüße dich herzlichst

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