Die Sache mit dem Lebenszeitkonto

Es war einmal, oder wäre es nur gewesen, wenn …? Konjunktiv mit Fragezeichen. Oder es ist vielleicht noch immer, ohne Anfang, ohne Ende? Egal eigentlich, denn im Grunde ist es weder relevant noch hilfreich, wenn ich weiß, ob es wirklich wahr war oder nur in unseren Köpfen. Als ob das in den Köpfen weniger wahr wäre als das Wirkliche, das Fassbare (und als das Unfassbare erst recht). Diese Sache mit der Zeit meine ich, die ja nicht nur ist, weil der Uhrzeiger sich dreht und nicht weniger wahr ist – falls sie das wäre -, wenn keine Uhr sich nach ihr richtet.

Wo etwas ist, kann auch etwas verschwinden. Verloren gehen. Wo Zeit ist, kann auch Zeit verloren gehen. Nein, verlieren ist kein aktiver Prozess. Vergessen auch nicht. Lebenszeitdiebe nennt Irgendlink jene Menschen, die ihm etwas von seiner kostbaren Lebenszeit wegnehmen (doch aktiv? oder eher passiv? warum lässt er es zu, und warum ich?), indem sie ihn volltexten, mit Bagatellen belästigen, etwas von ihm wollen …

Lebenszeitdiebstahl … seit Tagen grüble ich darüber nach, ob das Neueinrichten meines Laptops nicht Lebenszeitdiebstahl war, begangen an einem lieben Menschen, der gewiss besseres zu tun gehabt hätte.

Auf der Kehrseite des Lebenszeitdiebstahls stehen nämlich solche „besseren Dinge“. Sachen wie Radfahren, Fotografieren, Schreiben, Bilder bearbeiten, Malen, in der Aare baden und schwimmen, Tagträumen (nachts natürlich auch), die ganze soziale Palette selbstverständlich wie die Pflege von Beziehungen, guter 6, Ausflüge machen und Massagen, kurz alles was gut tut. Doch ist es denn umgekehrt so, dass das, was mich und meine Zeit bedroht, schädlich für mich ist?

Schauen wir doch mal hin, was mir meine Lebenszeit vergällt:
Mich mit Banalitäten volltexten lassen, auf andere, die sich ohne Grund und Information verspäten, warten, Tippfehler schreiben und korrigieren, sich am Telefon vertippen oder nicht für mich bestimmte Anrufen annehmen, etwas verlieren und nicht mehr finden, etwas fallen lassen und hinterher die Scherben wegwischen müssen (nein, nicht jedes Putzen ist Lebenszeitdiebstahl, nur das nach Missgeschicken), Misstritte mit Folgen, sich mit anderen vergleichen, sich ärgern über die eigene Unzulänglichkeit, Ameisen in der Wohnung, Mücken überall, Missverständnisse, Streit um Banalitäten, Powergames, Taschentücher in der Waschmaschine, Technik, die nicht funktioniert, Programme, die sich nicht selbsterklärend bedienen lassen, unverständliche Anleitungen – egal ob für Möbel oder für IT-Zöix, Ungeduld, Rushhour, vergessene Passwörter …

Beide Listen sind Momentaufnahmen. Beide Listen sind je nach Befindlichkeit mal länger, mal kürzer. Und beide Listen sind relativ. Außerdem unfassbar. Zeit ist unfassbar. Wer oder was kann mir überhaupt Lebenszeit stehlen? Ob die vermeintlich geklaute Lebenszeit nicht einfach aufs das Konto „Erfahrungen“ umgebucht wurde?

Der Mensch ist ein Risikofaktor. Der Mensch ist ein flexibles System, das sich ständig bewegt, wandelt und deshalb anfällig für Fehler, Pannen und Viren ist. Solche Dinge kosten Lebenszeit, ja, gut, doch unter dem Strich tauschen wir sie ein gegen Lebendigkeit. Wären wir perfekt, wären wir langweilig zum Abwinken. So will ich immer wieder neu JA sagen zu all diesen Unvorhersehbarkeiten des Lebens. Unwägbarkeiten, denn sind nicht alle Geschichten, die wir lesen, die Geschichten unvollkommener Menschen? Ob ich wohl deshalb so gerne lese? Inmitten all der fiktiven und realen Menschen in Geschichten, Biografien und Zeitungen finde ich mich wieder.

Ich lebe in verschiedenen Universen (du auch, vermute ich). Paralleluniversen. Jedes meiner noch unvollendeten Manuskripte ist eine Welt für sich, eins meiner Biotope. Jeder Film, den ich schaue. (Wenn ich im Schreibflow bin, an einer Geschichte schreibend, bin ich dann hier in meinem realen Leben oder dort im externen Universum? Sind meine Geschichten quasi die externen Datenspeicher meines Lebens, sozusagen meine vielen ungelebten Leben?)

Meinen „neuen Laptop“ habe ich wie ein neues Paar Schuhe so gut eingelaufen, das kaum mehr was drückt. Alles ist anders und doch ist alles gleich. Die gleiche Hülle, die gleiche Kunststoffkiste. Doch diese Kiste hat ein anderes, ein erneuertes Innenleben. Beinahe wünschte ich, mir selbst ein neues Betriebssystem verpassen zu können, das die gleichen und auch alle neue Inhalte transportiert. Eins, das gut und schnell läuft, nicht virenanfällig ist, nicht ständig wegen allem möglichen zickt, hängen bleibt oder gar abstürzt. Kurz: eins das perfekt ist und mir keine kostbare Lebenszeit klaut. Für die habe ich nämlich viel bessere Verwendungsideen.

Advertisements

8 Kommentare zu „Die Sache mit dem Lebenszeitkonto“

  1. Vielen Dank, liebe Soso für Deine Gedanken, die mich jetzt beschäftigen. Gerne beschäftigen, weil ich Deinen Schreibstil (sowieso) schätze, die Inhalte Deiner Fragen an Dich selbst auch. Und dieses Thema hier. Meine Lebenszeitdiebe stehlen mir vielleicht ganz andere als Deine, aber einige sind auf die gleiche Beute aus. Und ich weiß nicht mehr, wann das angefangen hat, wann der Zeitpunkt für mich gekommen war, mich mit ihnen anzufreunden. Sie nicht auszusperren aus meiner Sicherheitszone, sondern ihnen einen Platz anzubieten, an dem sie sein durften. Sie schienen eine Weile verunsichert, dass ich sie nicht mied, sondern einlud, integrierte und ernst nahm. Nicht, dass wir länger miteinander gesprochen hätten, das nicht, aber sie hockten da an meinem Schreibtisch, neben meinem Laptop, dem Telefon oder der Waschmaschine und kamen schlecht damit zurecht, dass ich gut mit ihnen klar kam. Jedenfalls immer ein wenig besser. Weil auch Umwege, unnötig erscheinende, mir nicht nur die Zeit stehlen, sondern mich auch auf unbekannte Pfade lenken, die mitunter ganz spannend sein können.
    Herzliche Grüße von uns,
    mb

    Gefällt mir

    1. liebe mb, du bringst es auf den punkt. dieses versöhnen deute ich an. mein artikel ist ja auch augenzwinkernd gemeint, was den „zeitverlust“ betrifft. ich sammle eben erfahrungen. doch auf einem andern konto, das ich leider oftmals aus den augen verliere …
      danke für schreibstilkompliment 🙂
      liebgrüß, soso

      Gefällt mir

  2. Mir fällt dazu ein, wie oft wir – während unsere Lebenszeit verschwendet worden ist – genau und nur dadurch bestimmten Menschen begegnet sind, die uns Lebenszeit zurückgegeben haben. Schöner Artikel, liebe Soso.

    Gefällt mir

  3. ja, liebe Soso, da hast du einen feinen Artikel geschrieben! Danke dafür.

    Und wirklich, das eine ist es JA zu sagen, wir hatten es schon öfters davon, und das andere ist immer wieder genau hinzuschauen: ist es Diebstahl oder nur eine andere Form der Zeitverbringung, eine, die so nicht geplant und nicht erwartet wurde.
    Aber natürlich gibt es auch die „Nager“, wie bei allem gilt es eben hinzuschauen und unter die Frage: was nährt mich? zu stellen.

    herzliebe Grüße
    Frau Blau

    Gefällt mir

    1. genau, du sagst es. ich gehe noch weiter: der „hauptdieb“ ist die erwartung in meinem kopf. erwartung ist zukunftsgerichtet statt gegenwärtig und frisst unsere energie auf.
      was nährt mich? – das frage ich mich immer öfter.

      danke für deine inputs und das kompliment 😉

      Gefällt mir

  4. …und dann denke ich an MOMO – Zeitdiebe!
    Ja, das was uns da alles dazwischen kommt IST und nimmt Raum ein. Manches muss vielleicht nicht sein. Die Tatüs in der Waschmaschine – aber die sind ja schließlich aus Unachtsamkeit da rein gekommen. Und wenn ich bewusster bin in meinem Tun, passiert das vielleicht weniger. Aber wenn ich schnell die Maschine belade, damit ich schnell noch etwas anderes tun kann… Huch, das geht mir zu schnell.
    Hab ich schon einmal von einem Tanz erzählt? Die Musik ist immer gleich und wir tanzen entweder 7×3 Schritte in Folge und dann Pause oder 3×7 Schritte und dann Pause. Die Zeit ist gleich lang, aber mal schneller und mal langsamer genutzt…

    Jetzt käme ich von Höckchen auf Stöckchen…
    ..grüßt dich Monika herzlich

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.