langsam, langsam …

Anachronismus war eins unserer Lagerfeuerthemen dieser Tage. Mit Gästen diskutierten wir über Filme und das Filmemachen. Wie gut es wäre, wenn die neuen Filme wieder langsamer würden, sagte ich. Wir werden täglich so vielen Bildern (in Worten ebenso wie in Pixeln) ausgesetzt – und dies alles in höchster Geschwindigkeit –, so dass es eigentlich toll wäre, es würden wieder andere Filme gemacht. Langsamere. Und ganz allmählich würden wir uns wieder an eine langsamere Art zu leben gewöhnen. Natürlich stimmt es, dass wir wählen können, was wir uns zuführen. Doch dass wir alleinverantwortlich im Sinne von „selbst schuld“ dafür sind, wenn wir an dieser Dauerhektik und ihren Nebenwirkungen krank werden, bezweifle ich. Die Verantwortung liegt bei uns allen, die wir diese Gesellschaftsform bewusst oder unbewusst füttern indem wir im Alles-haben-wollen-Strom mitschwimmen. Subtile Manipulation zu erkennen, ist eins, gegen diesen Strom zu schwimmen, etwas ganz anderes, denn so wie es ist, ist es ja gut und wer gibt schon freiwillig auf, was er hat? Alles. Immer. Sofort. Woher sollten wir auch wissen, wie der Rückweg geht? Unserer Gesellschaft fehlen diesbezügliche Vorbilder.

Wir  MittvierzigerInnen, die wir mit Unsre kleine Farm und den Waltons groß geworden sind und mit deren ganzer Langsamkeit, haben den Tempoanstieg gar nicht wirklich bemerkt. Wie der Frosch im Wasser nicht merkt, dass sein Badewasser im heißer wird. Bis es eines Tages zu spät ist. Und dann ist es zu spät.

Viele von uns haben sich vom Strom formen lassen. Schnell, laut und schrill sind sie geworden. Und ja, das sind genau jene, die mir sehr schnell auf den Geist gehen. Insbesondere, wenn sie sich dazu noch unreflektiert verhalten, bei allem was sie selbst betrifft. Zwar reden sie über alles Mögliche, als wüssten sie Bescheid (tun sie vielleicht sogar) über Dinge, über Politik, haben dies und das gesehen, da und dort mitgemacht, ab und an und überall ein Wort aufgeschnappt und mitgeredet und sie stehen im schönsten Licht da. Dass die andern nicht bewundernd sondern genervt schweigen, merken sie nicht. Und noch etwas können sie nicht: Still sein, hinschauen, innehalten, zuhören – wirklich meine ich –  mit dem Herzen, mit allen Sinnen.

Schnitt.

Weißt du eigentlich, dass „ein so richtig deutscher Typ“  in der Schweiz eine Art Schimpfwort ist? Wohingegen ein „untypischer Deutscher“ als Kompliment zu verstehen ist!, sagte ich zu meinem Liebsten auf einer unserer Geocache-Wanderungen dieses Wochenendes. Nein, das habe er nicht gewusst, sagt er, überrascht. Wirklich?
Ja, echt wahr. Ich glaube, wir sollten uns mal Kompendien schreiben, lache ich, Gebrauchsanweisungen für die Schweiz und für Deutschland, damit wir unsere Codes besser verstehen. Obwohl du ja eh kein typischer Deutscher bist … (((Ob ich eine typische Schweizerin bin?)))

Oh, und dann müssten wir noch je ein Wörterbuch für all die unaussprechlichen Dinge verfassen. Für all die feinen Schwingungen, die wir Menschen aussenden, denke ich beim Weiterwandern. Ich bezweifle, dass das geht. Die Sprache der Gefühle lässt sich schwer in Worte übersetzen. Und wer wollte das schon lesen? Denn genau jene Menschen, die eigentlich eins bräuchten, würden es sich bestimmt als Letzte eingestehen.

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17 Kommentare zu „langsam, langsam …“

  1. Still sein und zuhören, das sind schon immer sehr große Tugenden gewesen, aber heute scheint es weniger denn je zeitgemäß zu sein. Ich lese in diesem Zusammenhang gerade ein interessantes Buch, Still heißt es von Susan Cane, werde darüber schreiben, wenn ich durch bin, allerdings kommen mir gerade die atemberaubenden Parallelgeschichten von Peter Nádas dazwischen. Aber die Stille und die Langsamkeit fehlen mir auch häufig.
    Schlaf gut, John Boy 😉

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  2. Wie sehr sprichst du mir aus der Seele! Gedanken, Gefühle, leises Bedauern, Sehnsüchte … auf den Punkt gebracht. Schnell und langsam, auch unser Thema immer mehr. Der Versuch, aus dem Hamsterrad herauszuspringen. Er klappt manchmal und manchmal nicht. Die anderen nämlich, das Umfeld, es springt nicht mit.
    Ja, dein Vergleich mit dem Frosch! Ein Volltreffer.

    Lieber Gruß Euch beiden
    Elke,
    nicht typisch deutsch und ein kleines bisschen die Nordseetour vermissend 😉

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    1. liebe elke
      wie schön, dich hier zu lesen. ja, dieses nordseetourvermissen verstehe ich, es war so eine ganz besondere phase. das nächste abenteuer kommt bestimmt.
      der versuch, das hamsterrad zu verlassen, fordert mich sehr heraus, mich und viele andere … das hamsterrad dreht nämlich weiter. bis es genug sind, die es verlassen haben. und daran glaube ich. dass dieser tag kommen wird. ob noch zu meinen lebzeiten oder erst später, wird sich zeigen. der froschvergleich ist übrigens geklaut.
      herzliche grüsse zurück
      soso

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  3. Das Entschleunigen wird immer mehr Thema werden. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht selbst überholen. Elke hat es schon geschrieben, aber ich wiederhole es – auch mir sprichst du aus der Seele. 🙂

    Es liegt an und gegenzusteuern und uns, wo immer es geht, der Beschleunigung zu entziehen und Stilleoasen zu schaffen.

    Liebe Grüße, Szintilla

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    1. schön, dass ich auch mit deiner seele korrespondiere. es ist immer gut zu wissen, dass es ähnlich schwingende menschen gibt. letztlich können wir einfach nur in unserem umfeld entschleunigen. stilleoasen – ach, ich liebe dieses wort.
      danke für deine zeilen und herzliche grüsse, soso

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  4. Wie wahr! Die Nebenwirkungen der Schnelllebigkeit, sie werden fein unter den Teppich gekehrt.

    Was ist typisch Deutsch? Da war ich sehr entsetzt als ich hörte, die Engländer nennen uns die „Krauts“, wegen des Sauerkrautes, dass regional gern gegessen wird. Ist der Bayer ein typisch Deutscher mit seinen Gewohnheiten? – für mich eher nicht, denn ich verstehe ihn nicht einmal! 😉
    Hm, was bin ich in diesem Land..?

    ..grüßt dich Monika

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    1. liebe monika

      stell dir vor, gestern war in einer der beiden grössten wochenzeitungen ein artikel über hochsensibilität bei kindern! (hier klicken) das finde ich doch eine sehr schöne entwicklung!

      hm, typisch deutsch? laut, selbstbewusst, ein wenig bis ziemlich derb, “alles klar!” und so weiter. wahrscheinlich kann man das nur von aussen sehen, zumal es ja die von uns schweizerInnen zusammengeschusterten klischees sind. kleinster gemeinsamer nenner: ballermann. und davon gibts überall, in bayern, in baden-baden und in hamburg ebenso wie in schleswig-holstein und in berlin.

      so wie du dich fragst, was typisch deutsch ist, weiss ich ich nicht wirklich, was typisch schweizerisch ist. vielleicht die unentschlossenheit, die rücksichtsnahme bis zum geht-nicht-mehr, die anpassungsfähigkeit? ich weiss es nicht. keine einfache frage.

      etwas anderes, typisch deutsches für mich ist, der andere umgang mit materie, mit geld. ihr wisst alle viel besser bescheid wie das mit versteuerung, geldsparen und schnäppchenjagd läuft. bei uns macht man einfach “irgendwie”. so mein höchst subjektiver eindruck in meinem umfeld.

      klischees sind gespielinnen und närrinnen der realtität, glaube ich.

      herzlich, soso

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    2. Der Artikel ist gut! Ich könnte gar nicht sagen, ob es in Deutschland eine Bewegung in die Richtung gibt oder schon gegeben hat. Immer mehr kommt mir in den Sinn, was ich auch in der Ausbildung in Pädiatrie und Pädagogik etc. hatte. Ich hoffe, nun bei meiner Arbeit darauf zu achten.

      Der gemeinsame Nenner – schon ein Hammer. Das ist ziemlich abschreckend für mich – muss ich nicht dazugehören. Hab mich aber echt schon fremdgeschämt für manchen Urlauber mit kurzer Hose in Beige, mit weißen Tennissocken in Sandalen, den Bierbauch schiebend…
      Naja, ich kenne beim typischen Schweizer nur das Klischee, dass er so ganz bedächtig ist und spricht. Und irgendwie nur den Alpenjodler und keinen Stadtmenschen, der ist nicht gezeichnet.

      Gespielinnen und Närrinnen der Realität- schön gesagt!
      ..grüßt dich Monika

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    3. klischees sind meistens nicht so nett, aber das müssen narren und närrinnen auch nicht sein … 🙂 den schweizer stadtmenschen? da guckst du vielleicht mal die letzten zwei schweizer tatorte – ich finde, da siehst du recht gut, wie schweizer stadtmenschen ticken. sogar relativ realistisch abgebildet. der alpenjodler dagegen ist den meisten von uns kaum mehr bekannt, allenfalls von skiferien oder nationalfeiern in den bergen. obwohl – eigentlich ist er schöner als sein ruf.

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    4. Guten Morgen, liebe Soso!
      Tja, da muss ich wohl mit meinem Bild weiterleben und es mit den realen Begegnungen (die bisher durchweg sympathisch waren) verknüpfen. Ich besitze keinen Fernseher… 🙂

      ..winkt Monika und wünscht dir einen schönen Tag

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  5. Dein Artikel gefällt mir gut! Habe ihn gelesen, nachdem ich wiedermal fast verzweifelt bin vor dem Computer, weil er ein paar Sekunden! länger gebraucht hat um zu starten. Ja, wir leben viel zu schnell und wollen das ja eigentlich gar nicht. Oder weshalb rennen alle ins Spa und wollen Slow-Food essen, fangen plötzlich an zu gärtnern und wollen auf dem Land leben? Vielleicht entsteht bald so eine Art langsame Revolution von unten gegen die, die uns die Zeit stehlen. Als mit einem Hamburger verheiratete Schweizerin kenne ich die Verständigungsschwierigkeiten. Ich vermute aber, in Deutschland ist typisch schweizerisch auch nicht gerade ein Kompliment. Es steht für langsam, altmodisch, kompliziert, kompromissversessen und einfach so ein bisschen Heidi halt… Schöne Grüsse

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    1. willkommen hier, lara
      ja, das wort typisch impliziert vermutlich bereits, dass das anschließend genannte (oder eben nicht genannte) nicht wirklich schmeichelhaft ist. und ja, aus der sicht der deutschen sind wir (zum glück) eher langsam … ist ja auch kein wunder bei DEM speed 😉

      im ernst … auch ich bin oft ungeduldig und will dieses „na, mach schon vorwärts!“ von meinem rechner. ich schliesse mich ganz mit ein in diese speed-gesellschaft. und doch: wenn viele langsamer werden, landsamer und bewusster, wird das was. oder: kann es was werden …

      lebst du im grossen kanton im norden oder in der guten alten schweiz?

      wir leben an zwei orten, mit all den vor- und nachteilen einer fernbeziehung. lehrreich in sachen toleranz 🙂

      herzlich und auf wiederlesen
      soso

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  6. Ach, ich hatte noch das Glück, dass ich „Unsere kleine Farm“ schauen konnte und „Ein Engel auf Erden“. Wie sehr ich diese Serien geliebt habe, wie sehr man – trotz ihrer Einfachheit – noch verfolgen konnte, wie sich etwas entwickelt und wie gerecht das Leben zu einem sein kann, wenn man Gutes im Sinn hat. Aber wenn ich ehrlich bin, liebe ich auc Actionfilme mit großen Effekten. (Und Bud Spencer und Karatefilme natürlich!) Trotzdem suche ich von Zeit zu Zeit immer wieder die stillen Filme, die, bei denen man genauestens hinsehen, -hören und -fühlen muss. Darf ich dir da zwei empfehlen? „Gran Torino“ und vor allem, ich glaube, das könnte dir gefallen: „Eine andere Erde“ / Another Earth.

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    1. tipps immer gerne. guck ich mal in der biblio das nächste mal. danke!
      ja, wir brauchen die kontraste, keine frage, bei bildern und texten ebenso wie im leben. und doch, das langsame müsste wieder mehr gewicht und vor allem mehr wertschätzung bekommen.
      ich denke, dass eine gesellschaft, in der worte wie „gute taten“ schon was anrüchiges sind, irgendwie krank ist.
      tja …
      danke für deine gedanken, liebe sherry
      und liebe grüße, soso

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