I am just a poor boy …

Wie gerne wäre ich ein einfacher Gipser. Gedacht, als ich in meiner Mittagspause an einem der vielen Headhunterbüros in Baden vorbei spazierte. Oder Maler. Die werden auch immer gebraucht. Dann würde ich jetzt mit meinen Kumpels in einem Neubau rumhängen, Brote essen, über dies und jenes quatschen und am Abend würde ich heimgehen, Fußball gucken, Bier trinken. Und – das ist der springende Punkt – und ich würde mir nicht ständig über alles mögliche (über alles Unmögliche wohl eher?) den Kopf zerbrechen. Vor allem darüber, wie ich den Rest meines Lebens das tun könnte, was mir am meisten Spaß macht – und damit Geld verdienen. Wenn ich bloß wüsste, was das ist. Dasjenige welches mir am meisten Spaß macht. Hm, ich hätte da schon so ein paar Ideen … Doch nun muss ich langsam zurück in mein Seminar. Die einstündige Mittagspause ist vorüber. An der Ecke gegenüber vom ehemaligen Café Himmel, ganz nahe beim Bahnhof, singt ein Weder-Gipser-noch-Maler mit Gitarre dafür ohne Publikum Poor boy. Und niemand klatscht.

Mit dreizehn anderen, je die Hälfte Frauen und Männer, und auch altersmäßig durchmischt, werde ich an neun Tagen einen Monat lang mehr über meinen Standort, meine Ressourcen und das, was ich im Leben will, herausfinden. Außer eine sind wir alle vom Arbeitsamt für diesen Kurs angemeldet worden. Als Stellensuchende sind wir hier. Zwangsbeglückte seien wir, meint Herr H., der Kursleiter, und schafft es tatsächlich uns mit seiner Begeisterung aus der Reserve zu locken. Sogar die Vorstellungsrunde macht Spaß. Spannend, was da für Menschen mit mir an den Tischen sitzen. In Halbklassen versuchen wir in einer ersten Übung ein technisches Ding zu vermarkten. Analog dazu gehen wir später unserer eigenen Vermarktbarkeit auf den Grund. Wer sind wir? Was wollen wir? Wen suchen wir? Was macht uns einzigartig? Wie finden wir, was wir suchen? Ein paar der Fragen, die wir uns in diesem Seminar erarbeiten werden. Und natürlich schauen wir uns auch die Bewerbungsunterlagen genau an und üben Vorstellungsgespräche. Was kann ich optimieren, um genau die Arbeitsgeberin zu finden, die zu mir passt?

Wie ich so in die Runde schaue und mir dank der Pausengespräche das eine oder andere Gesicht bereits ein wenig vertrauter geworden ist, begreife ich, dass wir alle netto hier sind. Keine Arbeitsstelle als Schutzmantel vor den Unbilden der Gesellschaft, die uns wärmt und unsere Miete zahlt. Wir hier, in dieser Runde, wir sind noch nicht und nicht mehr … und doch ganz. Ganz mit unseren Geschichten, Ideen, Erfahrungen, Weisheiten und Visionen … jeder und jede trägt den ganz persönlichen Rucksack. Der eine wurde wegrationalisiert, der andere ist vor einem Burnout zugunsten seiner Familie abgesprungen, sie neben mir hat während des Babyurlaubs erfahren, dass die Firma fusioniert hat und ihre Stelle nicht mehr existiert. Schicksale … ein Stück Weg, ein paar Tage gehen wir parallel – und bereits wünsche ich uns allen, dass wir das finden, was wir uns wünschen.

Nein, ich glaube, Gipser wäre nichts für mich. Ab und zu, warum nicht, aber als Langzeitberuf? Was am meisten Spaß macht, sollten wir tun, sollte zur Berufung werden, zum Beruf, zur (Lebens)Aufgabe mit Hingabe … ja, ich träume weiter. Auf dass dieser Traum Wirklichkeit werde.

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16 Kommentare zu „I am just a poor boy …“

  1. Ich wünsch DIr viel Inspiration …. wenn Du in dem Kurs lernst, NICHT demotiviert zu werden von den Anforderungen der Stellenanzeigen, von der Frage, ob Du die Anforderungen der Arbeitgeber wirklich erfüllen kannst, lass einen Tipp hier. Auch ich weiss heute immer noch nicht was ich den Rest meines Arbeitslebens tun möchte, frage mich das seit ich 20 bin, weiss immer nur was ich nicht will und dachte das wäre ein Anfang, aber es ist nur eine Spirale, die nicht enden will. Nicht aufgeben!

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    1. du auch? ooohhh, dann bin ich ja nicht die einzige mit solchen fragezeichen … nein, nicht aufgeben, aber du auch nicht, gell!

      allfällige erkenntnisse folgen hier …

      herzlich, soso

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    2. Liebe Stef,

      manchmal kann man nur wissen, dass ein Job ganz gut oder sogar toll ist, wenn man sich getraut hat, dort anzufangen. Das Gute an der Arbeit ist ja, dass man meistens nicht alleine arbeitet, sondern mit KollegInnen interagiert. Das kann sogar eine eher öde Arbeit spannend und schön gestalten. Ich glaube nicht an den perfekten Beruf, der absolut immer Spaß macht, der immer das Richtige ist und in dem man absolut aufgeht. Sogar Künstler und Schriftsteller, die wirklich das Gefühl haben, sie folgen einer risikoreichen, weil vielleicht brotlosen Berufung, haben immer wieder große Zweifel oder Phasen, in denen sie einfach nur darüber verzweifeln, dass sie nichts „Anständiges“ [wie’s der Vater immer sagte] gelernt haben. Wenn du also schon irgendwie die Richtung kennst, dann sei froh, kreise sie ein und los!

      Was die Anforderungsprofile angeht, kann ich dich ein wenig „beruhigen“: Da steht immer viel mehr, als man wirklich von vorneherein mitbringen muss. Wenn du hingehst und sagst: „Punkt A und C und F – da hab ich noch keine Erfahrung, aber ich bin ein Mensch, der schnell von Begriff ist und und zudem durch viel Eigenmotivation viel lernt!“, dann hat man immer noch sehr gute Chancen.

      Ich wünsche dir alles Gute!

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    3. liebe sherry
      auch wenn du hier steffunny amgesprochen hast, nehm ich mir deine ermutigenden zeilen auch zu herzen! danke.
      so nun muss ich aber los. der zug wartet wohl nicht auf mich.
      einen schönen tag in die runde
      soso

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    4. Danke für den Inspirationskick, Sherry … ich für mich bin sicher in der falschen Branche – eine Mischung zwischen Banken, Werbung und Versicherungen – tätig … vielleicht würde ein Branchenwechsel sehr zu meine Grundzufriedenheit beitragen …

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  2. Liebe Soso,

    ich finde es total schön, dass es bei euch solche Maßnahmen gibt. Ich glaube nicht, dass man hier in Deutschland als Arbeitsloser so gut behandelt wird. Oft – so habe ich gehört – wird in den Ämtern so mit einem umgegangen, als wolle man gar nicht arbeiten. Aber das ist ein anderes Thema.

    Ich kann hier auch nur sagen, dass es den perfekten Job nicht gibt. Jobs haben immer etwas mit Verpflichtungen zu tun, man muss „abliefern“, manchmal egal, wie es einem selbst geht. Es gibt Konflikte, mit sich selbst und den anderen. Und Druck und Existenzängste. Weil hat man erst einmal einen Job, denkt man natürlich auch immer wieder einmal darüber nach, was geschieht, wenn man ihn nicht mehr hat.

    Das Gute ist aber, wenn man einen hat, kann man immer noch nach anderen Jobs suchen, ohne, dass im Lebenslauf eine große Lücke entstanden ist. Ich weiß nicht, wie das bei euch in der Schweiz ist, aber hier machen einige ein riesen Trara um die „Lücke im Lebenslauf“.

    Bei dir kann ich mir sogar vorstellen, dass du eine gute Schriftstellerin sein könntest oder deine iPhone Kunst einfach mal arrogant aus dem Netz rausstellst und dich um Ausstellungen kümmerst. Dazu muss man von vorneherein vielleicht ein wenig sehr selbstbewusst und arrogant rüberkommen, sich gut verkaufen, aber vielleicht kann man das irgendwie so wenig ernst nehmen, dass man das einfach mal versucht. [Ich weiß, verdammt schwer, ich komme mir ja schon immer bei Vorstellungsgesprächen sehr lächerlich vor, wenn ich mich gut „verkaufen“ muss.]

    Ansonsten sehe ich dich auch in sozialen Berufen. Ich glaube, da kannst du anderen schon eine Menge Hoffnung und Menschlichkeit rübergeben. Da musst du aber gut auf dich achtgeben, aber das weißt du ja, da hast du selbst genug Erfahrung. Ach, ich hoffe, du weißt bald, wo’s langgehen soll.

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    1. schön, was du schreibst, liebe sherry, als generalistin könnte ich so vieles. das problem ist: ich will nicht alles, was ich so könnte 🙂

      ja, wir stellenfinderInnen werden hierzulande wirklich gut und respektvoll behandelt!

      und ja, meine aktuell heißeste erkenntnis ist, dass ich weder zielstrebig noch ehrgeizig bin. tja, es gibt viel zu tun. lassen wir es bleiben 🙂

      im ernst, das leben ist verdammt herausfordernd …

      herzlich, soso

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  3. Aber es ist ja schon auch ein Luxus, dass wir uns fragen können, was wir eigentlich wollen, wo unsere „Berufung“ liegt, oder? Das vergißt man ja häufig über all die Zweifel und Fragen und Anforderungen. Die ein Nebenprodukt dieser Entscheidungsvielfalt sind, wir dürfen entscheiden, müssen aber auch entscheiden. Selten kann man in einem einzigen Beruf bleiben ein Leben lang, so wie es noch vor ein, zwei Generationen normal war. Das macht Angst, das erhöht alle möglichen Unsicherheiten, aber es bietet eben auch Chancen. Ich habe z.B. einen Beruf gelernt, von dem ich relativ schnell gemerkt habe, dass er mich nicht ausfüllt und hatte die Möglichkeit weiter zu lernen, weiter zu suchen. Und Du hast jetzt dieses Seminar, das, wie Sherry ganz richtig bemerkt, sehr gut klingt, ungewohnt qualitativ für deutsche Maßstäbe. Vor der Geburt meines ersten Sohnes habe ich in einer Bildungseinrichtung gearbeitet, die Seminare und Training für Arbeitslose und Langzeitarbeitlose angeboten hat. Was ich da erlebt habe, war sehr viel negativer als das, was du beschreibst. Von so einem Seminar hätten weder die Seminarleiter noch die Teilnehmer träumen können. Das ist zwar mittlerweile lange her, aber ich glaube nicht, dass sich vieles zum besseren gewandelt hat.
    Ich wünsche Dir jedenfalls eine gute Zeit, Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesem Seminar. Im Grunde glaube ich ja, dass Du längst weißt, was Du willst und vielleicht erfolgt in diesem Seminar der fehlende Anstoss, der eine Punkt, der noch fehlte, um den Mut zu fassen, es zu erkennen. Das wünsche ich Dir.
    Herzlich
    die Mützenfalterin

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    1. liebe mützenfalterin
      ja, dass es ein privileg ist, dass ich so leben kann (weltweit betrachtet) weiß ich und schätze ich. sehr sogar.
      wenn ich euch so lese, hab ich manchmal so das gefühl, dass alle etwas über mich wissen und sehen, das ich einfach nicht sehen kann.
      betriebsblindheit in bezug auf mich?
      wie auch immer, ich bin zum glück in einer zuversichtlichen phase.

      herzlichen dank für deine gedanken hier und liebe grüsse
      soso

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  4. Liebe Soso,
    neben Deinem Text, an dem mir auch die geschilderte positive Erfahrung, die Du wohl gemacht hast, gefällt, freue ich mich über die Kommentare von Sherry und der Mützenfalterin, denen ich kaum etwas hinzufügen mag, weil sie die wesentlichen Punkte, die ich Dir hätte schreiben wollen, bereits benannt haben … … !
    Du wirst mit Deiner Aufgeschlossenheit sicher einen Bereich, in dem Du Dich wohlfühlen kannst, finden können.
    Und wir wünschen Dir dafür viel Geduld, Mut und weiterhin offene Augen und Ohren.
    Beste Grüße,
    mb

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