Geschenkte Gäule

Einen durfte ich selbst verschenken und einen haben wir geschenkt bekommen. Einen Gaul, meine ich. Gäule. Am gäulsten ist der, den wir zusammen bekommen haben, doch der, den ich verschenkt habe, war noch besser. Fragt den Liebsten, doch der ist jetzt unterwegs zum Auto und stellt eben kurz die Parkscheibe um. Es ist Samstagmorgen, kurz nach neun, und ich sehe älter aus als ich je sein werde.

Na ja, auf viel schlafen hatten wir uns eh nicht eingestellt, doch das Gewitter, der Sturm, der um halb sieben tobte, nach immerhin fünf Stunden Schlaf, angereichert mit dem Summen des einsetzenden Samstagmorgenstadtverkehrs, hat mich geweckt und das Kopfkino ein Wiedereinschlafen verunmöglicht. Die hohen Fenster unseres Hotelzimmers, obwohl mit dicken Vorhängen verschleiert, schützen kaum vor Lärm. Und gegen den Wind und die Zugluft ebenso schlecht. Ein altes ehrwürdiges, nicht eben billiges Hotel – doch seine besten Tage hat es wohl schon hinter sich, wenn es sich nicht neugebären lässt. Die Vorhänge bewegen sich bei geschlossenen Fenstern im Wind. Ich glaube zuerst im Morgendunkel an eine Sinnestäuschung. Doch auch bei wiederholtem Hinschauen – Augen auf, Augen zu, wieder auf – bauschen sie sich. Der Liebste schläft tief und fest. Wegen der Bar und dem Nachtleben hier unten in der Berner Altstadt, haben wir uns Taschentuchschnipsel in die Ohren gestopft. Meine habe ich längst rausgepult.

Dennoch ein starker Gaul, das hier. Ich habe ihn bekommen, als ich vor anderthalb Jahren meine Berner Arbeitsstelle und die Stadt Bern lachend und weinend verlassen habe. Ein Gutschein für eine Hotelnacht mit dem Liebsten – als gutes Mittel gegen Heimweh.

Immer wieder haben wir den Gutscheinbezug auf später vertagt. Immer wieder konnten wir woanders übernachten. Gestern war es aber endlich soweit. Unweit des berühmten alten Bärengrabens und des fast schon ebenso berühmten neuen Bärenparks residieren wir im ersten Stock, mit Blick auf die Nydeggkirche, direkt über der bis halb vier geöffneten Bar. Eben fährt eine Ambulanz vorbei.

Schau dem geschenkten Gaul nicht ins Maul! Er war teuer. Bern ist teuer. Sirenengeräusch habe ich in meiner Berner Zeit täglich mehrmals gehört, solange bis ich es irgendwann nicht mehr wahrnahm. Während meines Jahres auf dem einsamen Gehöft und auch jetzt, in meinen aktuellen Alltag im Aargau, kommt dieses dringliche Heulen kaum mehr vor. Auch Trams und Stadtbusse hörte und höre ich dort keine.

Es war schon spät nachts, als wir in der Nähe geparkt haben. Mit Parkscheibe, die um neun rum neu eingestellt werden muss. Gratisparkplätze gibt’s in Bern kaum, blaue Zone dafür ab sieben Uhr ziemlich häufig: Allerdings immer nur für eine Stunde oder zwei.

Zugegeben purer Egoismus hat mich dazu getrieben, einen Gaul zu verschenken. Der, den ich verschenkt habe, ist allerdings ein Ochse. Ein patenter sogar: ein Eintrittsticket für die Mühle Hunziken. Der Liebste hat sich über das Geschenk offensichtlich sehr gefreut. Die Mühle war, obwohl wir schon fünf Minuten nach Türöffnung dort waren, bereits fast voll. Jedenfalls die begehrtesten Plätze des ge**** Kulturhauses der Welt. Auf drei Ebenen – Parterre, Galerie erster Stock und Galerie zweiter Stock – können die Genießerinnen und Genießer edler Musik, wie es früher mal in der Werbung hieß, genau dies tun: edle Musik abrock- ähm genießen. Und das taten wir, und wie! Nachdem wir uns alle eingefunden hatten – Freundin M. und Freund M. zwar erst in vorletzter Minute – konnte es losgehen.

Mit Herzblut und Leidenschaft legten sich Büne Huber und seine Männer und Frauen von Patent Ochsner ins Zeug und verzauberten uns mit ihren Songs. Raffiniert-einfachen Texte und genial-oppulenter Sound vom feinsten. Musikalisch brillant. Wir tanzten, sangen, johlten und klatschten, und verwandelten so mit den andern sechs- oder siebenhundert Gästen das Haus in eine einzige große Sauna. So menschenscheu ich zuweilen auch sein mag, so wild und übermütig kann ich werden, wenn mich ein Konzert so richtig mitreißt.

Nach vielen Abschiedküssen und -umarmungen (und ich schon mitten in einer post-konzertalen Depression) fuhren wir nach Bern zurück. So ähnlich, meint Irgendlink, habe er sich wohl gefühlt, als seine viermonatige Radtour ums Meer zu Ende gewesen sei. Der Vergleich mag hinken, doch meine Vorfreude auf Konzert, Freundestreffen und Bernaufenthalt mit Irgendlink war so riesig und so intensiv – und in ihrer Erfüllung so beglückend!!! –, dass es sich hinterher schon sehr seltsam angefühlt hat. Nach der Wärme die Kälte. Schneeregen. Doch jetzt, hier im Hotel, geht’s mir wieder gut. Müde, aber gut. Nun Dusche und Frühstück. All included.

Später. Das Frühstück? Reden wir nicht davon. Doch von Klee können wir reden. Über das Zentrum Paul Klee, das uns immer wieder begeistert.

Paul Klee. Der Berner, der in die Welt gezogen ist, um Menschen und Kunst zusammenzubringen. Eine Doppelausstellung wie immer. Die eine über Engel bei Klee und anderen: sehenswert! Die andere über Klee als Lehrer im Bauhaus in den späten Zwanzigern des letzten Jahrhunderts: sehenswert! Und lesenswert finde ich diese Textpassage hier, die ich auf der Paul-Klee-Zentrum-Website gefunden habe:

Klees Haltung, dass nicht die endgültige Form das Wesentliche sei, sondern der dahin führende Weg, zieht sich wie ein roter Faden durch seine Lehre. Er betonte immer wieder, dass eine Form nicht ist, sondern wird. Deshalb erforschte er ihr Inneres und ihre Entstehung.
(über Paul Klee)

Ein Plädoyer nicht nur für Kunst, sondern fürs Leben überhaupt.

13 Kommentare zu „Geschenkte Gäule“

  1. Du schreibst es so, daß ich geneigt bin, mir die Ochsen Patent Ochsner tatsächlich einmal live anzusehen (aber die Hoffnung darauf ist nicht allzu groß). Wie auch immer: Guter Text zu guter Musik und guten Ausstellungen und zu weniger gutem Nachtquartier.

  2. Das klingt wirklich beglückt. Wie schön.

    Ich habe die sich bauschenden Vorhänge direkt vor Augen. Wie sie Aufwallen, wie die Mähnen wilder Gäule und so aus den Vorhängen hervorgaloppieren in das Zimmer hinein. Davon kann ich ja nur träumen und Du erlebst das alles. 😉

  3. lieber emil
    da du ja des allemanischen mächtig bist oder zumindest gut im dialekte-verstehen, könnte dir die ochsen vielleicht sogar mit ihren texten etwas sagen. die musik kommt ansonsten auch ohne worte aus. irgendlink versteht die texte zumeist nicht, genießt den sound aber trotzdem (schon das dritte mal live). danke für deine zeilen!
    liebgrüß, soso

  4. beglückt passt sehr gut, liebe samtmut! hihi die ochsen im vorhang, ähm, gäule meine ich … tolles bild! meine phantaise jubiliert 🙂
    liebe grüße von wieder zuhause
    soso

  5. Die Texte kann ich lesen (ich hör Hubert Achleitner reden) und verstehen (und übersetzen). Aber des Allemannischen bin ich nicht mächtig.

  6. Sirenengeheul von Polizei, Krankenwagen und Feuerwehren… das war eine Untermalung der AlleTage in Berlin und oft, wenn ich einen Film sehe, der in Berlin spielt, taucht es schnell wieder auf… nein, ich vermisse es nicht!
    ich freue mich, dass du wieder einmal auf einem Konzert deiner Lieblingsband warst und dass dein Liebster die Begeisterung teilt!
    Hotels fand ich oft schon enttäuschend, ich mag kleine Pensionen, am liebsten aber mein Zelt 😉 und das Klee-Museum steht schon lange auf meiner Liste, aber jetzt geht es am 10.11. erst einmal mit dem Herr Sohn ins Giga-Museum, das wünscht er sich schon so lange und ich habe es ihm nun zum Geburi geschenkt. Meine Nichte und ihr Mann aus Bern kommen auch mit…

    herzlich grüßt dich und den Liebsten
    Frau Blau

  7. emil, du kannst ja mal auf der website patentochsner.ch die songtexte angucken. schriftlich ist es bestimmt einfacher 🙂
    viel spaß beim entziffern
    lg, soso

  8. liebe frau blau
    von bern nach berlin sind es ja auch nur zwei buchstaben. 🙂
    das gigamuseum? ob du giger meinst? war ich so oder so noch nie, ist nicht so meins. aber zum glück gibts sooo viele verschiedene künstlerInnen und kunststile, dass es für alle was hat.
    liebe grüsse zurück, vom liebsten und von mir (hier hat’s schnee und tuts immer noch schneien, grmpf)

  9. Oh liebe SoSo, diesen Artikel habe ich atemlos gelesen, so fein – auch wenn das Hotel ein reinfall war und auch über die Bilder habe ich mich gefreut. 🙂

    Klausbernd und ich verweilen gerade in einem familiäres Landhotel der Extraklasse und geniessen die tolle Atmosphäre und gutes Essen. Eigentlich umso mehr nach einem Aufenthalt in Nesselwang auf den ich nicht näher eingehen möchte ausser das ich booking.com mitgeteilt habe, auf ihre Punkteskala ist kein Verlass.

    Herzliche Grüße von uns aus Bärnbichl im Karwendelgebirge
    Hanne und Klausbernd
    Siri und Selma toben gerade im Schnee, hier liegt reichlich….

  10. liebe dina
    ich bin sicher, meine arbeitskolleginnen und -kollegen allen voran mein chef meinten, genau wie wir (gemäss webauftritt des hotels), dass es erste sahne sei. 🙂 doch undichte fenster stehen halt nie auf den websites 🙂 irgendwie war es aber doch auch eine tolle erfahrung und hat spass gemacht. war ja nur für eine nacht.
    schön, dass ihr es gut getroffen habt. geniesst das gebirge und die tollenden elfen. und die tage miteinander. so we do 🙂
    herzlich, soso und irgendlink

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