Harz an den Händen

Wir haben eine Wandtafel und meine große Schwester ist die Lehrerin, sie ist drei Jahre älter als ich und geht nun bereits in die Schule. Ich lerne schnell und ohne Mühe lesen. Die meisten Buchstaben kenne ich schon, weiß wie sie sich im Mund anfühlen und kann singen, wie sie klingen. Sie sind meine Freunde, mehr noch, sie sind Familienmitglieder, und bevor ich das Wort Buchstaben kenne, heißen sie wie wir. Schon früh bestimme ich so, wer meine wahre Familie ist.

Auch die Legofiguren natürlich. Mangels fertig zu kaufender Figuren, die es damals noch gar nicht gab, bauen wir aus einzelnen Legoteilen Figuren. Die roten Ziegel, die zwei Punkte breit waren, bildeten die Haare und die transparenten einen Punkt schmalen Zweier dienten als Gesichter. Darunter, als Bauch, kam ein quadratischer Vierer. Mit zwei Einmal-Zweiern bauen wir die Hosenbeine, mal quer, mal längs (deswegen gibt es immer wieder Streit). [Ich sehe sie vor mir als wäre das alles eben jetzt.]

Natürlich haben sie Namen und Geschichten, unsere Kinder, und immer wohnen sie ohne Eltern alleine in einem großen Haus, das wir nur etwa zwei oder drei Reihen hoch auf die Legoböden bauen. Eher Skizzen als Häuser. Die Eltern unserer Legokinder sind bei einem Unglück umgekommen, doch die Kinder sind findig und klug und schaffen es auch ohne die Erwachsenen. Ich bin Drehbuchautorin und Akteurin zugleich und mein geistig behinderter Bruder Schauspieler mit Mitspracherecht.

Draußen spielen wir Indiänerle mit den Nachbarskindern und diskutieren hinterher, oder wenn einer oder eine von uns am Marterpfahl hängt, die Frage, ob wir, wenn wir in den Krieg müssten, jemanden erschießen könnten. Die Holzgewehre, die unser Vater uns geschnitzt hat, geben Anlass zu solchen Gesprächen. Und natürlich auch die Pfeilbogen. Oft hocken wir auch einfach nur mit Comics oder Büchern und einem Glas Sirup auf der Terrasse oder hinter dem Haus, unten in unserer Villa Kunterbunt, die unser Vater aus Holz ans Haus angebaut hatte.

Wir helfen, eher widerwillig zwar, im Garten mit. Jäten Unkraut. Lesen Him- und Brombeeren ab und Nüsse und Äpfel auf. Doch die Kirschenernte toppt alles. Mit dem umgeschnallten Kratten auf der Leiter herumturnen und jedes zweite oder dritte Früchtchen testen, bis mir schlecht wird, ist mein frühsommerliches Highlight.

Am allerliebsten aber sitze ich im Nussbaum, alleine, hoch oben, unsichtbar für alle und wenn ich gerufen werde, antworte ich nicht. Heißt es auf oder im Nussbaum? Da er mit seinen Ästen eine Art Raum schafft, muss es definitiv im Nussbaum heißen. Hier bin ich unsichtbar. Das Seil, an dem ich mich die ersten zwei Meter hochziehen muss, um die untersten Ästen erreichen zu können, ziehe ich immer mit hoch in mein Schloss. Endlich ein wenig Ruhe vor meiner Mutter, die immer wissen will, wo wir gerade sind.

Auch den Thuja klettere ich gerne hoch, doch davon bekommt man klebrige Hände. Dafür riechen sie wunderbar nach Harz. Der Thuja ist natürlich nicht geheim. Er ist viel durchschaubarer und steht näher beim Haus, direkt neben dem Erdloch, das wir, statt eines Sandkastens, zum Dreckeln benutzen. Daneben der Haselnussstrauch, dessen Nüsse ich gerne laut zwischen den Zähnen knacke. Da unsere Liegenschaft inklusive Wohnhaus in Stufen in den Hügel gebaut worden war, gibt es unter dem Thujaeck eine weitere abschließende Grasterrasse mit Quittenbaum, bevor der Zaun zur Nachbarswiese unser Land begrenzt. Zu den Kühen gelange ich trotzdem. Den Zaun heben und unten durch rollen – nichts leichter als das. Die Kühe sind meine Freundinnen. Ich rede oft mit ihnen. Gebe ihnen von unserem Gras, das mir grüner scheint als das von drüben, von jenseits des Zauns.

Unsere Wiese! Darin liegen oder das frisch gemähte Gras wenden und zusammen rechen, was für eine Wonne! Was für ein Wohlgeruch! Oder mich hineinlegen und den Grillen lauschen, während Wolken und Flugzeuge über den Himmel kurven. Danach Heuschrecken fangen und in Gläsern beobachten. Gras und Blätter als Spielzeug mit im Glas, damit es ihnen nicht langweilig ist. Darüber eine gelochte Haushaltfolie. Später, meist noch am gleichen Abend, lasse ich sie natürlich wieder frei. Ich wünsche ihnen viel Glück und hoffe, dass sie wieder zu ihrem Rudel zurückfinden.

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30 Kommentare zu „Harz an den Händen“

  1. Liebe Soso,

    so lebendige und schöne Kindheitserinnerungen… Sie erinnern auch mich an das eine oder andere.

    Genauso einfach mit den damaligen Legos aufgewachsen, die bei mir und meinem Bruder hauptsächlich zu Häusern verbaut wurden, wo uns aber immer das Material ausging, kein Geld für mehr da war… Wenn Omas Kirschbaum reif zur Ernte war, ebenso darin gesessen und sich den Mund rot gegessen und nebenbei so getan, als würden wir mit abernten :). Statt dessen wurde mit Kernen gespuckt, auch wenn die Oma schimpfte. Das Spielen zwischen Büschen und im Gras, auch wenn das damalige Domizil ein 8stöckiges kinderfeindliches Hochhaus war, immerhin gab es Grünflächen ringsum…

    Hach ja, da ist doch das eine oder andere lebendig geblieben. Danke für diesen Exkurs :).

    Liebe Grüße
    Marion

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  2. Ach so, natürlich der Duft von Omas Thujenhecke… Zum Reinklettern waren sie zu dicht und nicht hoch genug. Aber im Sommer in Omas Garten in ihrem Schatten zu spielen und Teile abzureißen brachte unauslöschlich ihren Geruch in die Nase.

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    1. schön auch deins, liebe marion, irgendwie bleibt neben allem erlebten sch*** eben auch immer gutes hängen. und für all das schöne bin ich sehrsehr dankbar. für die gerüche. das schreiben war von daher richtig balsam und die gerüche sind auch richtig in die nase gestiegen, auch die vom nussbaum.

      herzlich, soso

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  3. Mir gefällt sehr, liebe Soso, was und wie Du es hier schreibst.
    Früher, wenn die Großmütter oder selbst die Eltern erzählten, womit sie gespielt haben, konnte ich häufig nicht nachvollziehen, dass ihnen ihr Spielzeug „gereicht“ haben mochte, dass sie nicht dieses Defizit, das ich beim Hören der Geschichten empfand, erlebt hatten. Heute mögen das junge Menschen über unsere Spielerfahrungen und -weisen von damals denken. Irgendwie ist es doch tröstlich, dass wir alle unsere eigenen Geschichten und Erlebnisweisen hochhalten, weil es unsere sind. Und die, die wir kennen und daher schätzen. Und die Erinnerungen daran erst ….
    Herzlich,
    mb

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    1. und das sind ja, liebe mo, nur ein paar der schönen erinnerungen. ich bin froh um jedes einzelne. dieser tage ist mir, als schwimmen die teile meines lebens wie gemüsestücke in einer suppe. ich nehme das eine oder andere (schöne) stück und betrachte es dankbar. aber eben, da gab es auch andere. nicht dass ich sie verdränge, aber würde ich DA drüber schreiben, wäre es eine andere geschichte. auch meine. je nachdem, welche geschichte ich erzähle, ist das wie ein anderes leben. und doch das gleiche. so mag es auch bei den großeltern gewesen sein (deren geschichten ich vor allem aus bildern in den fotoalben “kenne”).
      aussen und innen – alles immer nur ausschnitte. versuche, zu bannen.

      herzlich, soso

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    1. und letztlich sind wohl, wenn ich mir das so überlege, auch jene teile, die weniger handlich sind, die reiben und drücken, bausteine geworden. und letztlich gilt es auch diese zu integrieren. irgendwie.
      tja …


      gerngeschehn 🙂

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  4. Wunderbar. Und gleich kommen mir Deine Erinnerungen wie meine vor; das Erleben war es sicher. Ach, und einen Nußbaum hatte ich auch. .)
    Mit diesem Text an die Arbeit … schön!

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    1. oh, echt, du hattest auch einen nussbaum? so schön. gestern habe ich meinen bruder getroffen und gefragt, ob er eigentlich auch ab und zu auf dem nussbaum gewesen sein. nein, der habe ihn nicht interessiert, meinte er.
      so sind eben die bedürfnisse total verschieden. umso schöner, mit dir diese erinnerung(en) zu teilen!

      einen schönen tag dir, herzlich, soso

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    1. hihi, was meinst du – ich hätt keinen ärger gekriegt? lach. und wie. aber zum glück sagte mein vater zu meiner mutter, wenn sie uns vorbetete, dass wir nicht so viele kleider hätten, dass wir jeden tag was neues anziehen könnten, sie solle uns doch einfach kind-sein lassen. ein ewiger zankapfel!
      abgehalten vom dreckeln und baumklettern hat mich das zum glück auch nicht.
      🙂

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  5. Schön! Mit Buchstaben, die im Mund klingen (ein wundervoller Vergleich) Bilder malen von einer Zeit, die zwar vergangen ist, doch nie vorbei sein wird. Einfach schön, dein Bild!
    Lieber Gruß von Elke,
    die oft im knorrigen Mandelbaum saß 😉

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  6. Genau: Geschichten erzählen, das ist es!! Will ich auch versuchen. Muss nur über ein paar noch vorhandene, ausschimpfbare innere Kritiker mich hinwegsetzen…immer noch. Eine Schande ist das. Zähe Dinger, böse, die. Ist aber zu schaffen…
    Gruß von Sonja

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