Zu beschäftigt?

Nein, schnell hier raus. Ich muss ja nicht. Ich bin nur zum Anschauen hier!, denke ich, nachdem ich endlich den Eingang gefunden habe. Was für ein versifftes Industriegebiet und was für eine versiffte Bude! Eigentlich wollte ich die Frau am Schalter nur fragen, ob sie mir sagen kann, wo der Eingang von Blablub ist, dem Beschäftigungsprogramm, bei dem ich mich heute vorstellen soll. Von dem ich mir heute eine Vorstellung machen soll. (Ob es was wäre für die nächsten Monate.) Ich sei am richtigen Ort, sagt die junge Frau, und will mir auch gleich einen Kaffee anbieten. Als Nicht-Kaffeekompatible lehne ich dankend ab und setze mich in den Vorraum, wo bereits drei andere Frauen und ein Mann warten. Ich lasse mir von der Panik nichts anmerken und atme tief durch. Guck es dir doch einfach mal an!, ermutige ich mich.

Zwei Minuten später kommt ein smarter Fünfziger, schüttelt allen nett die Hand und heißt uns in den dritten Stock in den Kursraum. Dort stellen er und der Leiter des Radios uns potentiellen Praktikantinnen und Praktikanten das Projekt Blablub vor. Zum einen ein freies Kulturradio, werbefrei und semiprofessionell-professionell geführt, zum anderen Trainingsort und Beschäftigungsprogramm für radiointeressierte Stellensuchende. Themen der Sendungen: Ein Leben mit Autismus, Schwerhörigkeit und anderen Einschränkungen. Oder: wie sieht der Alltag eines Bestatters aus, eines Linienpiloten, einer Wasweißichwasverrücktes. Halt einfach Sendungen, die anders als Mainstreamgebabbel sind. Auch die Musik setzt alternative Akzente. Ziel ist a.) gutes Radio zu machen, b.) interessierten Menschen das Radiomachen beizubringen und c.) das Radio zu einem Sprachrohr zu machen für interkulturelle Belange. Zwischen sieben und neun Uhr abends ist nämlich immer internationale Kost angesagt. Sendungen von vielen Freiwillikgen kreiert. Danach Themensendungen.

Ein Zivi, der dort seinen Dienst leistet, führt uns durch das Gebäude. Spannend, trotz der Vorbehalte. Nur im Redaktionsraum klopft mein Herz. Es ist der größte und der hellste Raum. Drei sympathische Menschen arbeiten an Texten und an Tonaufnahmen. Weitere Praktikumsplätze gibt es in der Technik, in der Administration, in der Werbeabteilung, im Da und im Dort. Mein Herzseismograph hat aber nur in der Redaktion ausgeschlagen.

Im Kursraum stellen wir uns in der Runde kurz vor, werden von den beiden Leitern auf Tauglichkeit abgeklopft. Eine sagt schon von vornherein, dass sie sich hier ein Praktikum nicht vorstellen kann, eine zweite sieht sich am Empfang. Wir drei andern sind nicht abgeneigt, obwohl ich mich sehr unsicher fühle. Meine Schwäche sei, sage ich in der Vorstellrunde, dass ich eine Nachteule und eine Morgenmuffelin sei. Und dass Montagmorgen acht Uhr früh Sitzungsbeginn relativ unmenschlich sei. Jedenfalls für mich. Lachen in der Runde. Obwohl ich es ernst meine. Acht Uhr heißt, halb acht auf den Zug oder noch früher. Heißt auch morgendliche Rushhour. Ausgerechnet das, was ich am wenigsten vertrage. Warum machen die aber auch ihre Sitzungen nicht am Nachmittag? Montagmorgen um acht anfangen und dann gleich mit einer Sitzung? So früh am Morgen denken und reden? Hallo?!

Wir sollen uns morgen telefonisch melden. Sagen, ob wir es uns vorstellen können oder nicht. Falls ja, gibt es einen Schnuppertag. Und danach wird entschieden. Wäre bloß die frühe Arbeitszeit nicht … Mein Zögern ist vielschichtig.

Wir fünf Menschen, die wir uns für ein Praktikum beim Radio Blablub vorgestellt haben, wir fünf, wir sehen alle relativ normal aus, denke ich. In der Runde ist mir aber schnell klargeworden, warum wir aus dem Netz gefallen sind. Alle haben wir etwas, das nicht in die auf Stromlinie konditionierte Gesellschaft passt. Vielleicht zu wenig dies oder zu viel das.

Zurück in die Stadt, am Bahnhof vorbei. Ich gucke mir die Menschen genau an, die meinen Weg kreuzen, und denke: Wer ist normal? Der jedenfalls nicht. Die auch nicht. Und die eckt damit an und der damit. Noch nie habe ich so viele mit sich selbstsprechende Menschen gesehen wie heute in dieser knappen Dreiviertelstunde unterwegs in Aarau. Ich glaube, ich habe sogar mal wieder die alte Fromme gesehen. Jedenfalls hat sie mich an jene Frau erinnert, die früher, vor sehr langer Zeit, als ich hier noch zur Schule gegangen bin, herumlief und allen vom lieben Gott erzählte.

Ich bummle ein wenig durch die Altstadt. Wegen des Rüeblimarktes sind überall Blumentöpfe und mit Karotten behängte Tannen aufgestellt. Am Graben, der Marktgasse mit den Bsetzisteinen, stehen noch die leergeräumten Marktstände. Ich besuche den Bioladen um für das Königinnentreffen* morgen Abend etwas Feines zum Dessert zu kaufen. Unterwegs bleibe ich an einem Kartenständer stehen und lese ein paar Lebensweisheiten. Dass sich diese Kluge-Sprüche-Postkarten in den letzten Jahren inflationär vermehrt haben, kann nur eins bedeuten: Sie sind gefragt. Menschen mögen ermutigende Worte wie Nur du kannst deinen Träume leben. Es sind die gleichen Menschen, die sich frühmorgens um sieben in volle Züge quetschen. Die gleichen Menschen, die sich anpassen und verbiegen, damit sie ja nicht aus dem Netz mit seinen losen Maschen fallen. Die gleichen Menschen. Wir alle. Wir mit unsren Träumen. Wir mit unseren Wünschen.

Um halb fünf setze ich mich in den vollen Zug. Nein, zur Pendlerin tauge ich wirklich nur bedingt, erkenne ich, Bahnhöfe machen mich kribbelig. Ich wünsche mir eine Arbeit in B. oder in W.. Jedenfalls ganz in der Nähe von zuhause. Lange Arbeitswege stressen mich. Oder sind es die vielen Menschen? Der Lärmpegel? Soziophobin ich. Zu neunt sitzen wir in zwei Vierer- und einem Zweierabteil. Sechs Menschen davon fummeln an einem seltsamen Kunststoffteil herum. Wahlweise mit einem oder zwei Fingern traktieren sie drauftippend oder mit hin- und herfließenden Bewegungen dieses seltsame Ding (ich auch). Beim einen ertönt aus dem Kunststoffteil auf einmal Musik, worauf er mit dem Ding zu sprechen anfängt. Viel zu laut. Ich sitze rückwärts, wie meistens, und sehe der Sonne beim Untergehen zu.

Schön wie sie das macht, immer wieder neu.

________________________________

* Vier regionale Blogerinnen Königinnen treffen sich zum Essen.

+++

Ach ja, und wem die beiden Songs von Patent Ochsner gestern gefallen haben, dem gefällt vielleicht auch dies hier: Johnny. Der ist auch so ein nichtsnutziger Tagedieb wie ich. Die Zeit sei eine Schnecke ohne ihn, singt Büne Huber. No tengo salud ni suerte, viva, viva la muerte!

hier klicken: http://youtu.be/a1zN4RUGjfE

20 Kommentare zu „Zu beschäftigt?“

  1. Zweifler sind für mich immer die spannendsten Menschen… Nicht aufgeben, du findest schon was. Zum Thema „alte Fromme“: Jeder kennt wohl aus seiner Kindheit einen Menschen, der irgendwie anders ist. Dann kommt es sehr auf die Erwachsenen an, dem Kind zu erklären, was mit dem los ist. „Meiner“ lief zu allen möglichen Tageszeiten laut mit sich selber redend herum, auch heftig gestikulierend, und das in einer Zeit, die Handys noch nicht kannte. Leider war das allgemein akzeptierte (kindliche) Verhalten dem Mann gegenüber Gelächter und dumme Sprüche. Und Furcht, wenn ich ihm allein im Park begegnete… Dann aber sagte meine Oma mir: „Den solltet ihr nicht immer ärgern. Das ist ein Schriftsteller! Der spinnt nicht, der arbeitet!“ Ich war sehr beeindruckt… Danach hatte er zumindest vor mir seine Ruhe.

  2. lieber snoopylife
    willkommen hier und herzlichen dank für die ermutigug, nicht aufzugeben.

    ja, die anderen … die „alte fromme“ hat mich nie genervt (und ich sie auch nicht). eher, ich gebe es zu, beneide ich solche originale manchmal ein wenig um ihre narrenfreiheit („ist der ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert!“) – mein gestriger feldversuch, normale menschen zu finden, der eher ernüchternd verlief, war für mich von daher eine gute sache. aha, eigentlich sind wir alle ja nicht normal. normal ist jemand nur, bis wir ihn oder sie kennenlernen. also: warum tun denn alle immer so, als sei normalität das maß aller dinge? wo wir doch alle „anders“ sind? warum verbiegen sich alle in dieses gesellschaftliche korsett? die burnoutraten und psychischen erkrankungen steigen. da kann doch was nicht stimmen? – als ebenfalls eher ein wenig versponnene zeitgenossin {die selbstgespräche führe ich aber vorerst ausschließlich zuhause :-)} verfolge ich die idee: leben und leben lassen. –
    ich werde heute für dieses praktikum absagen. zum glück geht das.
    liebe grüße und auf wiederlesen
    soso

  3. das Hamsterrad beginnt morgens früh um acht … das war und ist auch nicht meine Zeit und trotzdem habe ich jahrelang genau zu dieser Uhrzeit begonnen zu arbeiten, allerdings ohne Sitzung, sodass sich erst einmal die Worte in meinem Kopf von der Traumwelt in die Alltagswelt sortieren konnten.
    Hamsterrad heißt leider auch mit Situationen umgehen zu müssen, die einem nicht gut tun, seien es nun Bahnhöfe oder volle Züge oder … gut, dass du nein sagen kannst, wobei ich das Praktikum bestimmt spannend gefunden hätte. Aber das ist meins, ich hätte immer schon einmal gerne die Radiowelt von innen kennengelernt.

    liebgrüß ich dich

  4. ach frau blau, hamsterrad und all das … mir wird dabei auch immer die diskrepanz leidvoll bewusst zwischen der welt wie sie sein müsste und der welt wie sie ist. global gesprochen, aber auch im kleinen. *seufz*
    liebgrüß, soso

  5. Liebe Soso,

    weißt du was? Dein Schreiben tröstet mich. Weil ich dadurch weiß: Ich bin nicht allein. Auch wenn jeder seine ganz eigene Situation hat und keine mit der anderen vergleichbar ist, so befinden wir uns dennoch in ähnlicher Lage.

    Ich wünsche dir und mir weiterhin Mut und Kraft um das zu leben, was für uns stimmt, ohne dass es in irgendwelche Schubladen oder Denkschienen passen muss.

    Von Herzen
    Marion

  6. liebe marion
    nur ist leider dieses nicht-stimmen für die meisten menschen drumrum nicht nachvollziehbar. der radiomann wollte meine „absage“ nicht gelten lassen. er hat mich sozusagen schon verplant ;-( wir haben das gespräch (telefon) aus zeitgründen auf nächste woche vertagt.
    mut und kraft – ja, kann ich beides grad gut brauchen im kampf gegen meine windmühlen (in mir drin ebenso wie draußen).
    herzliche grüsse
    soso

  7. Liebe Soso,

    für mich hab ich heraus gefunden, dass das „nicht stimmen“ manchmal auch einfach Angst ist und so bin ich dabei, über Ängste hinaus zu gehen, manches trotzdem zu tun, damit die Dinge in Bewegung kommen können. Mittlerweile wäre ich zu fast allem bereit, von Schichtarbeit (solange es nicht Nachtschicht ist) über Dinge, die ich noch nie gemacht habe, wie Betriebsmitarbeiter. Bisher auch erfolglos, weil fast überall Erfahrung oder Ausbildung erwünscht ist.

    Na jetzt bin ich mal dabei, einen Termin zur Beratung und Vermittlung beim RAV zu bekommen und mich beraten zu lassen. Mal sehen…

    Gegen Widerstände innen und außen zu kämpfen ist mühsam. Bleibt nur: Immer eins nach dem anderen zu tun.

    Alles Liebe
    Marion

  8. eins nach dem andern, genau, liebe marion, wie momos straßenfeger, und dazwischen stehenbleiben und atmen. und dann weiter. jja, das mit dem “nicht stimmen” kann ja auch ein selbstgestrickter widerstand sein. nein, zu allem bin ich nicht bereit. überhaupt nicht. ich habe schon sehr konkrete vorstellungen (zu viel habe ich schon erlebt).
    ich drück dir die daumen, dass du beim RAV an gute leute gerätst (ich habe das zum glück so erlebt).

    herzlich, soso

  9. Nun hatte ich den ganzen Tag, seit fünf in der Früh, schon an einer Antwort gefeilt. Und jetzt, da ich endlich dazukomm, jetzt les ich, Du wirst absagen …

    Wenn es Radionmachen etwas wär, das Du wirklich gerne machen willst, dann hättest Du dieses acht Uhr früh (Ist das vielleicht nur montags?) bestimmt schaffen können und wollen. Aber wer weiß – vielleicht findet ihr ein Übereinkommen, und ohne dieses Acht-Uhr-Ding …

  10. nun ja, meine absage haben wir vorerst vertagt. ob ich nun doch nächste woche mal schnuppern werde, gucken wir mal. acht uhr wäre schon der normale anfang, ja, jeden tag. und acht uhr ist ja nicht sieben uhr, da hast du natürlich recht 🙂
    danke für deine zeilen, emil, und liebe grüße
    soso
    ps: nein, das radio als medium reizt mich nicht. ich höre ja auch nie. auch guck ich nie tv. das macht mit nur kirre, sonst nix. ich höre gerne gezielt musik oder schaue mir gezielt einen film (dvd, kino) an. von daher …
    🙂

  11. Liebe Soso,

    dein Artikel regt meinen Kopf an, es kommen Fragen auf, danke.

    Bis zu welchem Punkt ist man nicht verbogen, ab wann ist man schon verbogen? Ab wann gehört das, was man tut, nicht mehr zu den eigenen Persönlichkeitsanteilen? Kann man überhaupt etwas außerhalb seines eigenen persönlichen Rahmens tun? Fragen über Fragen, die mir immer dann aufkommen, wenn wir über „Masken“ oder „Wahres Selbst“ reden. Fragen, die ich mir immer stelle, wenn jemand sagt, dass Menschen nicht echt seien, wenn sie unter Arbeitsbedingungen agieren. Ich hingegen denke, doch, sie sind so, wie sie sein müssen unter Bedingung xy. Oft wollen wir vergessen, dass wir situational beeinflusst werden. „Wann bin ich ich selbst“ deutet auf ein einfaches Bild über feste Dispositionen hin, das eigentlich aussagt, dass die Persönlichkeit stärker ist als die Situation. Ist das wirklich so?

    Ich kenne keinen einzigen Menschen, der sich nicht an die Umwelt oder zumindest an seine inneren Ängste und Forderungen anpasst. Meines Erachtens eine der Eigenschaften, die uns Menschen besonders auszeichnen: Dass wir sehr anpassungsfähig sind, und noch mehr, dass wir die Umwelt für unsere Ziele sogar verändern können. (Natürlich hat das auch negative Aspekte, wie die Zerstörung der Natur, etc.)

    Um zu wissen, inwieweit man sich verbogen hat, muss man erst einmal definieren, wie eine Persönlichkeit ohne äußere (Umweltanforderungen für das Überleben) und innere Determinanten (Ängstlichkeit, Ehrgeiz, Demotiviertheit, Ziele) wäre, sozusagen sein totaler Ursprungszustand. Dass man den nicht findet – auch nicht im Kasper-Hauser-Experiment – wissen wir ja jetzt. Und da das außerdem nicht geht, weil wir ohne jeglichen Einflüsse schlichtweg keine Persönlichkeit hätten, können wir uns vielleicht denken. Diese Fragespirale wird hier wohl nie geschlossen werden können.

    Der einzige Unterschied, der am Ende bleibt ist der. Passen wir uns eher innerem Druck an oder Äußerem? Wie bewerten Menschen, die arbeiten und sich auch einmal „verbiegen“ (oder sich einfach dessen bewusst sind, dass sie sich jetzt besonders anstrengen müssen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, das kann man nämlich auch sehr positiv sehen)? Wichtig ist, ob sie darin einen höheren Sinn sehen oder nicht. Wenn sie einen sehen, gehört ihre Disziplin zu einer Methode oder zu einem von vielen Wegen, ihren Traum zu verwirklichen. Wenn Menschen keine Ziele haben, die durch Arbeit und Arbeitsalltag realisierbar wären, dann können sie sich sehr begrenzt da rausziehen (solange sie nur für sich selbst verantwortlich sind), aber dafür kann man bei ihnen andere Art innerer Druckwellen finden, die eine genauso große Kraft haben wie das Verbiegen durch Arbeit. (Marion hat so eine Kraft sehr gut erkannt: Nämlich Angst.)

    Zur Morgenmuffelei habe ich einen Tipp, weil ich auch eine Muffelin bin, kann dich da gut verstehen. Außerdem bin ich ein sehr geräuschempfindlicher Mensch, da ist es manchmal echt eine Qual in der Bahn, aber da kann man sich auch Ohrstecker reinstecken und das iPhone anmachen. Huch, jetzt zum Tipp: Einfach früher aufstehen und den Morgen so genussreich wie möglich gestalten. In Ruhe duschen, in Ruhe schön machen, in Ruhe frühstücken. Dann kommt dir 8 Uhr nicht so brutal vor. 8 Uhr ist eigentlich die beste Zeit, um klar zu denken! Deshalb fängt die Schule auch so früh an, das macht wirklich Sinn! 😀

    Die Stelle finde ich persönlich übrigens interessant, kreativ, alternativ. Ich würd’s auf jeden Fall ausprobieren. Schade, dass sie nichts für dich ist. Vielleicht das nächste Angebot, ich wünsch’s dir auf jeden Fall. =)

  12. liebe sherry

    du schneidest so viele verschiedene faktoren an! herzlichen dank! ja, die innere einstellung zu einer situation, zu einer krankheit, zu was-auch-immer ist sicher das alles entscheidende, will heißen, wie wir damit umgehen. und was „es“ mit uns macht.

    ob ich das praktikum mache oder nicht, wird nun erst nächste woche entschieden. ich weiß schon, dass vieles dafür spricht, aber eben auch vieles dagegen. meine fehlende affinität zum medium radio ist für mich nicht unrelevant.

    thema frühaustehen: ich brauche anderthalb stunden von erwachen bis aus-dem-haus. das muss sein. hiesse im radio-fall: sechs uhr oder früher raus! denn ich muss ja noch zum bahnhof und zugfahren! puh.

    früher, als ich so jung war wie du oder jünger, stand ich zwar auch nicht gerne früh auf, aber da kannte ich diese probleme bei sehr früh aufstehen von jetzt noch nicht. schlafstörungen (einschlaprobleme), übelkeit, schwindel und so weiter. einfach wie eine große nebelwolke, die sich erst gegen neun oder zehn lichtet. ich kann auch nicht einfach früher ins bett, denn schlafen vor elf geht nicht. und brauchen tät ich mindestens acht stunden. echt, was ich schon alles probiert habe!

    leider trägt unsere gesellschaft solchen menschlichen unterschieden kaum rechnung und das macht mich wütend. meine wut gilt diesem verqueren konzept von „wer nichts arbeitet (=wer nicht früh austehen will), soll auch nicht essen.“ darum bin ich 100% für das bedingungslose grundeinkommen. der menschliche wert soll und darf nicht an seiner arbeitskraft festgemacht werden.

    ach, ich könnte noch zu vielen der von dir erwähnten gedanken etwas schreiben 😉
    für jetzt aber einfach danke für deine anregungen und herzliche grüße
    soso

  13. Ja, 8 Uhr beginnen heißt eben nicht mal kurz vor 8 aufstehen. Die damit eventuell verbundenen Probleme sieht im Außen leider wirklich niemand. Ich weiß, dass manche Menschen 2 Stunden Anfahrt in Kauf nehmen, um ihren Job zu machen. Als zumutbar standen in dem Bogen der AfA bei mir: 3 Stunden!!
    Du schreibst:
    „Spannend, trotz der Vorbehalte. Nur im Redaktionsraum klopft mein Herz. Es ist der größte und der hellste Raum. Drei sympathische Menschen arbeiten an Texten und an Tonaufnahmen. Weitere Praktikumsplätze gibt es in der Technik, in der Administration, in der Werbeabteilung, im Da und im Dort. Mein Herzseismograph hat aber nur in der Redaktion ausgeschlagen.“

    Und was ist dort mit der Redaktion, kannst du da nicht ran? Aber wenn das mit den gleichen Zeiten verbunden ist, dann ist eh egal.

    Viel Glück weiterhin beim Finden!
    ..wünscht dir Monika

  14. Ach, das ist wieder einmal eine Bloggerei ganz nach meinem Geschmack. Nicht nur, dass mich Dein Artikel und seine einzelnen Gedanken sofort ansprechen, sondern auch die Kommentare, so unterschiedlich sie auch teilweise sind.
    Ich dachte zu Beginn des Lesens, ähnlich wie Emil, dass Du die Stelle annehmen würdest. Auch ich bin ein ausgemachter Morgenmuffel (und Tyrannin für meine mich freundlich an die Uhrzeit erinndernde Umwelt), aber wenn ich für etwas brenne oder auch nur echtes Interesse spüre, ist es leichter. Daher dachte ich, Du könntest vielleicht zusagen. Allerdings ist ja nun klar, dass Dich das Thema gar nicht lockt. Und dann sind vermutlich diese Dinge drum rum, wie die Arbeitszeit, Anfahrt etc. viel vordergründiger. Ich habe das Glück der Gleitzeit. Und das ist für meine Person und Persönlichkeit tatsächlich ein echtes Glück, weil erstens der innere Widerstand gegen das „ich muss“ früh raus, automatisch gebrochen ist, denn jetzt komme ich erstmals leichter morgens raus, allein deshalb, weil ich entscheiden darf. Und außerdem kann ich als bekennende Nachteule einfach auch mal erst gegen neun oder zehn in meinem eigenen (wichtig!) Büro erscheinen, ohne dass das ein Thema wäre. Für mich fühlt sich das wie ein Privileg an.
    Dein kleiner Ausflug mitten hinein unter die Menschen, der dann zu der Frage führte, ob es eigentlich überhaupt so etwas wie Normalität gibt, erinnert mich an ähnliche eigene Erfahrungen, wenn ich als Landei zum Beispiel mehrere Stunden in Frankfurt oder Köln verbringe.
    Mir gefällt außerdem der für mich sehr stimmige und für mich nachvollziehbare Beitrag von Sherry hierzu sehr. Und am meisten, wieder einmal, den Austausch hier zu verfolgen und daran auch teilzuhaben.
    Danke,
    mb

  15. liebe monika
    wie ich oben schon in den kommentaren auch geschrieben habe: es ist doch noch nicht entschieden, ob ich das praktikum machen werde. beim anruf dort (heute morgen) meinte der leiter, er habe mich schon in der redaktion sitzen sehen, was ja der einzige job im ganzen ist, wo ich mich sehen kann. das ist natürlich alles mit den gleichen zeiten verbunden. möglich, dass ich was aushandeln könnte mit später anfangen? in der reda gehts dann nicht wirklich um radiomachen, sondern auch texte für printmedien und das wiederum könnte ja ein sprungbrett sein. wohl gehe ich doch mal schnuppern.
    danke fürs wünschen und auch sehr fürs verstehen. ich weiss, dass das nicht wirklich viele so richtig ganz nachvollziehen können, wie sehr ich an frühaufstehen leide. also körperlich, nicht nur so als idee.
    liebi grüessli
    soso

  16. liebe mb
    damit ich mich nun nicht wiederhole(n muss), was deinen kommentar und meine antworten betrifft, kürze ich hier ein wenig ab 🙂 es ist noch nicht entschieden, ich schnuppere vielleicht doch.
    du auch-nachteule verstehst mich. vorher, in bern, hatte ich auch gleitende arbeitszeit (also bis neun uhr zumindest) und das war human, weil ich in fünf rad-minuten im büro war 😉
    mit dem rad zur arbeit (ohne leute auf dem weg und ohne gelabber um mich rum) war das okay. lieber würde ich von zehn bis sieben abens arbeiten, oder elf bis acht. ich plädiere für gleitende arbeitszeiten, schon lange … aber als praktikantin und lernende, die ich ja bei radio blablub wäre, geht das alles natürlich nicht. und nur schon das ruft meinen widerstand auf den plan. 🙂
    deine rückmeldung zur blogdiskussion freut mich sehr, ich finde es auch grad sehr spannend und inspirierend. es macht mich dankbar und zeigt mir, dass es viele interessierte menschen gibt, die bereit sind über „normalität“ und so zöix nachzudenken 🙂
    herzlich und danke
    soso

  17. liebe Sherry,
    es ist eine Freude deine sortierten Gedanken zum Thema zu lesen. Es fängt ja schon mit der Definition Arbeit an. Heute gilt die Haltung: iiiieh ich muss arbeiten gehen. Okay, diese Haltung hat ihren Ursprung in Fremdbestimmtheit und äußeren Zwängen, aber überleben mussten und müssen die Menschen immer und überall. Es gilt zu überlegen was mir wieviel wert ist. Ich will heute nicht nur für die Kartoffeln auf dem Tisch jeden Tag in den Garten müssen (ein Beispiel von vielen), ich will mir nicht die Finger wund schnippeln, um so viele Kräuter zu sammeln, dass ich davon leben könnte und, und, und … also muss ich in mich gehen: die Miete und die Nebenkosten wollen bezahlt sein, das Auto muss laufen, Klamotten habe ich auch gerne auf dem Leib, ein bisschen Kultur hier und da, eine Freude anderen bereiten, ob nun Geld oder Energie, beides kostet Energie (mir gefällt die Idee des Energieaustausches)
    Ich selbst empfinde mich, wie mb, als priveligiert. Ich verdiene mein Geld mit dem, was ich kann und meistens gerne mache. Nur die Anerkennung als Autorin und Bildnerin fehlt mir noch in der großen weiten Welt, hier gilt es dran zu bleiben und weiterzumachen.

    Grundeinkommen wäre natürlich eine feine Basis für die KünstlerInnenseelen …

    soweit erst einmal!

    liebe Grüße an dich und Soso
    Frau Blau

  18. meine rede! das ist die totale marktlücke: arbeitsplätze für kreative nachteulen!
    danke für den tipp, auf wiederlesen und liebe grüsse
    soso

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