Warum Marius der Richtige sein könnte

Verflixt! Natürlich will ich! Nichts lieber. Vorwärts. Drauflos ohne zu denken. Eintauchen. Genießen. Schwimmen. Mit dem Strom und gegen ihn. Ich sitze am Küchentisch in der Künstlerbude. Auf dem einsamen Gehöft. Novembernachmittag und der Liebste unterwegs in Sachen Kunst, als Hüter einer laufenden Ausstellung.

Schreiben wolle ich, endlich mal wieder, sagte ich, bevor er sich auf den Weg machte. Doch zuvor hole ich mir einen Becher Joghurt – Reiseproviant muss sein. Ich setze mich wieder hin und lasse meine Gedanken zur Klippe hin spazieren, an den Rand. Dorthin, wo das Meer unter mir rauscht und riecht und wo ich den Rand der Welt sehen kann. Dort, wo meine Ideen sich am liebsten tummeln. Dort, wo sie oft auf mich warten. Dumm nur, dass meine Kehle brennt. Ein Schluck kalter Tee schafft Abhilfe.

Gut. Wo waren wir gleich? Ah, ja, mental gehe ich erneut den Weg zur Klippe. Los, los …

Doch nun friert es mich. Ich stehe auf und lege Holz nach und erneut die Finger auf die Tasten. Stopp, eben ist eine Mail angekommen. Von wem sie wohl ist? Nur schnell gucken … bin gleich wieder da, versprochen!

So, Mädel, jetzt aber … spann das Netz auf! Fang sie endlich ein, die Wörter! Tauch ein ins Buchstabenmehr. Schwimme! Lass dich ein, genieß die Trance. Oh, das Handy bimmelt. Eine SMS von Irgendlink. Ausschalten? Oder doch spazieren gehen? Es klopft. U. und N. sagen kurz Hallo!, bleiben aber nicht lange, richten Grüße aus.

Und wieder stehe ich am Rand der Klippe. Nein, zuerst schaue ich auf die Uhr. Was, schon fast fünf! Nein. Vergiss die Zeit. Schreib! Jetzt.

Schreiben ist melken. Die Ideenkuh um ihre Milch erleichtern, die sie aus grünem Sommergras, längst Heu geworden, geschaffen hat. Weil es ihre Natur ist. Mein Gras sind die Buchstaben und meine Natur die Wörter, Sätze, Geschichten. Alle Wörter aus allen Geschichten, die ich auf meiner Festplatte hüte – die angefangenen, angedachten, beinahe fertigen, erst geplotteten, gesponnenen, gewobenen – alle zusammen in einen Topf schnippeln, Wasser dazu und Salz, Zwiebeln und Knoblauch … umrühren, aufkochen … Wie es wohl schmecken würde?

Ich lese mich ein, da und dort, zappe mich zum nächsten Ordner und treffe Altbekannte. So viele Texte! So viele Ideen! Ein zauberhafter Vormittag in meinen Kellerräumen geht wie im Flug vorbei.

Nach dem Essen machen wir ein Nickerchen. Während Irgendlink schnell abtaucht, steht meine Kellertüre viel zu weit offen, als das ich schlafen könnte. Ist ja logisch, dass alle hinauf kommen, wenn die Türe geöffnet ist:
Stephanie, die soziopathische Lehrerin und Ivan, die Romanfigur setzen sich nebeneinander in den Warteraum in meinem Kopf und betrachten sich verstohlen. Kennen wir uns?, fragt sie. Nun kommt Lia, die als versponnene Bloggerin Clio das WWW aufmischt und dabei Henrik den Kopf verdreht. Nein, halt, Henrik ist doch der Autor jener Liebesgeschichte, die Stephanie im Internet gelesen hat – wo Ivan die Hauptfigur ist? Hm. Nein, Ivan war doch … und wie hieß gleich der schräge Leser von Clios Blog? Benno? Nein, Benno ist der Musiker, der von Marc verfolgt wird, nachdem seine Freundin Birgit diesen indirekt für den Suizid ihrer Mutter verantwortlich gemacht hat. Und Rona, Olivia und Camilla? Ach ja, die drei haben auch einiges erlebt. Zum Glück ist Marius aufgetaucht – und Nonna war zur Stelle, als es Camilla so schlecht ging. Und Elena! Elena, die nicht mehr konnte – Dario könnte eigentlich ihr Bruder sein. Auch er hat aufgegeben. Doch Christa und Irène werden es schaffen, da bin ich fast sicher. Wie genau, weiß ich allerdings noch nicht. Vermutlich werde ich es erst wissen, wenn ich es selbst geschafft habe.

Von allen Figuren sind mir Christa und Rona am ähnlichsten. Rona, die mir vorgemacht hat, wie man zurück ins Leben findet, die mir gezeigt hat, dass der erste Schritt nicht immer so schwer sein muss, wie ich immer dachte. Rona, die über ihren Schatten gesprungen ist. Ihre Liebesgeschichte, die ich vor langem geschrieben habe, wurde Jahre später durch meine eigenen Wirklichkeit sozusagen verwirklicht. Sowas soll vorkommen. Ach, ja, wo wir schon dabei sind … all die Liebesszenen, die ich in meinem Keller gefunden habe, schön sind sie. Ich staune über Texte, die ich längst vergessen habe. Erotische ebenso wie witzig-ironische. Längst nicht alle sind depressiv, längst nicht alle Figuren stehen am Abgrund.

Und jetzt sitzen sie alle da, warten auf ihren Auftritt, warten darauf, dass ich ihnen das Skript in die Hand drücke. Wie es wäre, sie alle im gleichen Stück auftreten zu lassen? Wie es wäre, alle diese angedachten Geschichten – schon geplottet und zum Teil geschrieben – miteinander zu verweben?

Mir fällt ein Schreibprojekt aus meinem Deutschunterricht ein. Wir Siebzehnjährigen hatten die Aufgabe, uns eine Figur auszudenken und über sie drei oder vier kurze Alltagsszenen zu schreiben. Einzige Vorgabe war eine bestimmte, per Los ermittelte Tageszeit. Was genau tut meine Person um 14:15? Und was tut sie um 18:30 und um 22:45? Unsere Szenen fügten wir anschließend zu einem ganzen Tag zusammen. Eine tolle Geschichte haben wir da gewoben. Sie lässt mich an Short Cuts denken, jenen Film aus den Neunzigern von Altman: Ausschnitte aus den Leben von Menschen, die einzig durch wenige Gemeinsamkeiten miteinander verbunden sind: Alle wohnen sie in Los Angeles und alle waren betroffen von einem Erdbeben am Schluss des Filmes. Auch kommt in allen Eröffnungesszenen ein Helikopter vor. In meiner Geschichte ließen sich mindestens so viele Gemeinsamkeiten finden. Nur schon, dass fast alle in Bern spielen. Oder spielen könnten.

Die Lust, zu spinnen ist da. Zugegeben, die Arbeit scheue ich, die Planungsarbeit vor allem, die Kopf- und Denkarbeit, obwohl … die Lust, einen übergreifenden Plot aus all den Geschichten zu weben, wabert bereits durch Herz und Kopf. Hey, warum nicht gleich eine Trilogie? Think big, Sofasophia! 🙂

Ähm, und das soll ich jetzt bloggen? Okay … ist ja schließlich mein Blog.

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27 Kommentare zu „Warum Marius der Richtige sein könnte“

  1. Gib es zu: Du bist in meinem Kopf herumspaziertt und hast – natürlich – nur die Namen verändert, um die Personen zu schützen. Endlich habe ich Dich ertappt. Und eine Unordnung hast Du wieder hinterlassen – tststststs …

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    1. Was? Nicht abgeschlossen? Also sowas … Scheint als würde das Alter nicht nur äußerlich … Wo hab ich denn jetzt …?

      Rona, hast Du Clio und Elena gefragt, ob Marius oder Lind den Amimputch justiert haben?

      Huch, wo sind sie denn alle hin?

      *geht vor sich hin brummelnd mit zittrigem Stock ab*

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    2. ach, du gibts also dem amimdings die schuld? hm. ich frag mal bei der zentrale nach.

      aber für die offne tür kann wohl auch das amimdings nix dafür, oderrr?

      *ratlosdurchdiewohnungtigernd*

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  2. Ohja, wie gut ich das kenne …

    All die lieben Bekannten die darauf warten mal wieder beachtet zu werden, die Zeit die wie im Fluge verstreicht und die vielen kleinen Ablenkungen. So bleiben die Protagonisten oft im Dateikeller und harren der Dinge, die vielleicht einmal kommen …
    Bin dann auch mal eben kurz im Keller (übers Wochenende – sollte ich Joghurt mitnehmen oder besser ein größeres Lunchpaket?). 🙂

    Liebe sonnige Grüße ins We, Szintilla

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    1. joghurt ist immer gut, aber brote würde ich auch mitnehmen. und vielleicht ein paar flaschen wasser? bier könnte nicht schaden …

      grüss deine leute von mir, vielleicht könnte man das meeting (siehe kommentare oben *lach*) ja ausdehnen?

      liebe grüsse
      soso

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  3. Nicht melken. Auf die Klippe gehen, Augen zu und fallen lassen. Sie werden dich auffangen und umfangen, all die Cleos und Mariusse, Christas, Ronas, Ivans … und dich zu einem Spiel auffordern.
    Lass dich drauf ein!
    Oder komm in meinem Kopf! Da lungern auch einige viele Typen herum und warten. Nein, sie warten nicht aufs Melken. Sie warten aufs … Fallenlassen.
    Viel Glück und ein Augenzwinkern
    Elke

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    1. melken ist im sinne von ernten gemeint, liebe märchenflüsterin. ernten, was da ist, mich in die fülle fallenlassen, die da ist, ja, und die hände ausstrecken nach der milch, die fließen will … in diesem sinne verstanden bekommt es für dich nun vielleicht eine weitere bedeutung?!

      danke für deine inputs!
      herzlich, soso

      ps: steig ein in den reisebus! 🙂

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  4. fast wie bei mir Zuhaus … es ist die Zeit, in der nicht nur die Schichten zu den Ahnen dünner werden, will mir scheinen, auch die Geister klopfen an, die Annas und Lucies, Leonardos und Maxe, die Emils und … (öhm ja … Emil, aber ein anderer 😉 )
    Tausenundeinblume schrieb letztens, dass der Merkur gerade für unseren Ideen(über)fluss zuständig sei. Da rollt er die Buchstaben mal wieder auf die Erde und wir sammeln sie fleißig ein, wenn … ja wenn nicht immer noch das Handy, und die Mails und die Türe und der Liebste und so …

    feiner Text, liebste Soso 🙂

    herzlichst
    Ulli

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    1. ideen einsammeln wie kastanien und daraus ein feines vermicelles spinnen. ob merkur oder sonst jemand: ich bin froh drum, dass es sprudelt. vielleicht würde es das ja immer, wenn wir nicht immer neue ausreden fänden? oder?

      schön, dass auch deine figuren ebenfalls aus dem sommerschlaf erwacht sind!

      herzlich, soso

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  5. Manchmal klebt der Stuhl an mir, wenn ich gerade was andres machen will. Und die Zeit, die zu einem kleinen Bröckchen zusammenschmilzt, mit dem nicht mehr so viel los ist…..das kenne ich zu gut.
    Wie malerisch Du den Vorspann des Schreibens zu beschreiben weißt!

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  6. Das muss ein spannender Tag gewesen sein … ein Blick in alte, zumindest länger zurückliegende Gedanken und Figuren, die sich tummeln und vielleicht nur darauf gewartet haben, noch einmal angeschaut zu werden, und immer wieder.
    Hmm … ob wir sie alle mal etwas näher kennenlernen werden?
    Herzliche Grüße von uns …

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  7. liebe soso,
    ein schöner, witziger, (selbst-) ironischer text über den „vorspann“ zum film.
    auch einer über das wohl und weh der prokrastination.
    hier meine anregung:
    warum das alles zusammenführen, warum durch einen übergreifenden plot kitten?
    warum sie nicht neben-, hinter-, übereinander stehen, sich wechselseitig bestätigen und infragestellen lassen. mehr mut zur parekbase, zur abschweifung, zum fragment, zum short cut!
    warum nicht aus der not eine tugend machen und die splitter fürs ganze nehmen?
    gruß, uwe

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  8. Gut, dass du das gebloggt hast, soso! So ein übergreifender Plot, in dem all deine Kellerkinder vorkommen, ist eine schöne Idee. Überhaupt hat mich dein Text angeregt, auch mal wieder in meinen Keller zu schauen, so viel Angefangenes…

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    1. oh, kellerkinder – das ist ja mal ein wort. das gefällt mir, das adoptiere ich gleich 🙂 oder leih es mir aus … was immer es bei mir will, aber es steht nun da und ist willkommen.
      schön, wenn mein text anregung bieten kann.
      leider bin ich seither noch nicht weitergekommen … aber das wird schon, hoffe ich.
      danke für deine zeilen.
      herzlich, soso

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