Menschen und andere Menschen

Ich sauge im Schlafzimmer Staub und denke an diesen Nordkoreaner. Shin Dong-Hyuk. Ich bringe ihn einfach nicht mehr aus meinem Kopf, seit ich heute Morgen seine Geschichte gelesen habe. In den frühen Achtzigern geborener Sohn eines wegen politischer Aktivitäten inhaftierten Elternpaares wuchs er hinter Gittern auf. Immer zu wenig zu essen, keine Schulbildung, Zwangsarbeit und Gewalt waren für ihn das Normale. Die Welt jenseits der Stacheldrahtes kannte er nicht, konnte sie sich auch kaum vorstellen. Erst als junger Erwachsener erfuhr er von einem Kameraden mehr über die Welt da draußen und schließlich gelang ihm die Flucht, dem Kameraden nicht. Heute lebt Shin in den USA und in Südkorea. Seine Geschichte*, die Blaine Harden aufgezeichnet hat, ist nun auf Deutsch übersetzt worden und so haarsträubend, dass wir uns das nicht wirklich vorstellen können. Im neuen Magazin von Amnesty International stehen noch viele andere Geschichten, die mich nach Luft ringen lassen. In meiner gemütlichen Wohnküche sitzend spüre ich Tränen auf den Wangen. Und Wut im Bauch. Doch vor allem Hilflosigkeit. Das wenige Geld, das ich AI ab und zu spende, ist ein winziger Tropfen Wasser ins Feuer. Menschen sind es, immer Menschen, die anderen Menschen das Leben zur Hölle machen. Menschen zerstören andere Leben. Manchmal sind es Naturkatastrophen und manchmal sind es Selbstunfälle, die ein Leben von einer Minute auf die andere auf den Kopf stellen. Doch meistens sind es andere Menschen.

Ein Kreislauf, der von Eltern an Kinder weitergeben wird. Wie im Buch Die Perspektive des Gärtners von Håkan Nesser, das ich gestern Abend fertig gelesen habe. Ein Täter, der selbst Opfer war. Wird sein zweites Opfer, ein sechsjähriges Mädchen, das er nicht umgebracht, aber anderthalb Jahre isoliert und gewiss gequält hat, je wieder normal leben können? Oder hat er es für immer zerstört?

Das große Warum? stellen sich alle Menschen irgendwann in ihrem Leben und die Antworten fallen so vielfältig aus, wie die Menschen, die sie stellen.

Ich sauge nun im Wohnzimmer Staub und denke darüber nach, wie es denn richtig sein müsste, das Leben. Ein müßiges Thema, auf das ich, seit ich bewusst denken kann, erfolglos eine Antwort suche. Tage wie heute, die ich mehrheitlich in der „richtigen“ Welt verbringe, sind zurzeit in der Minderheit. Einen großen Teil meiner Arbeitstage verbringe ich in der virtuellen Welt, schreibend oder mit Blogarbeiten und Mailantworten beschäftigt. Haushalt mach ich nebenher. Doch heute war Putzen angesagt – inklusive frische Betten. Ist das richtig? Ist es richtig, meine (scheinbar) heile Welt, zu pflegen? Wäre es nicht richtiger, irgendwo auf der Welt, Feuer zu löschen? Auch solche Fragen habe ich schon rauf und runter gewälzt. Und auch hier habe ich für mich nie eine wirklich befriedigende Antwort gefunden. Antworten auf große Fragen überleben bei mir nie lange. Seifenblasen, die der Wind mitnimmt.

Staubsaugen ist ein Ritual! Auf einmal steht dieser Satz vor mir und will gehört werden.
Ein Ritual?,
frage ich ihn.
Du bringst deine Welt in Ordnung. Diese Welt braucht Ordnung. Alle tun, was sie können. Oder sagen wir mal, die meisten. Viele jedenfalls!,
antwortet mir der Satz.

Ich glaube ihm nicht so ganz, zugegeben. So ein dahergelaufener Satz, kann ja behaupten, was er will. Ob es wohl mehr Menschen gibt, die das Gute anstreben – das ich mit lebensfördernd, rücksichtsvoll, nachhaltig, global, gerecht und dem Kollektiv dienend umschreiben will – oder mehr Menschen, die kurzsichtig, gewissen- und rücksichtslos, egoistisch, korrupt und gewinnorientiert denken und handeln? Schwarzweiß gibt es nicht, wir alle haben alles in uns. Oft können wir wählen. Tun wir es auch, und wie?

Und wie kann ein Mensch wie Shin Dong-Hyuk heute leben? Er sagt, dass er erst in der Freiheit jene Schmerzen erkannte und begriff, die er sein bisheriges Leben lang, immerhin dreiundzwanzig Jahre, einfach, ohne darüber nachzudenken, ertragen hat. Wie kann er heute in dieser Welt leben? (((Adelt Leid wirklich?)))

Wie ich später den Abfallsack zusammenschnüre und nach draußen stelle, denke ich über die ganz persönliche Psychohygiene nach und wie wichtig es für mich ist, dass ich hinschaue: Reflexion meines Lebens in liebevoller Haltung. Wie der tägliche Blick in den Spiegel. Kann ich mir in die Augen schauen?

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* Blaine Harden: Flucht aus Lager 14, DVA Sachbuch Verlag, München 2012

Zitat aus dem erwähnten Interview:

Was treibt Sie an?
Materiell geht es mir heute viel besser. In dieser Hinsicht führe ich ein gutes Leben. Aber ich habe noch immer psychische Probleme. Ich lebe in Washington D.C, und Seoul, doch es gibt keinen Flecken auf der Welt, den ich meine Heimat nennen könnte.

Quelle: Amnesty – Magazin der Menschenrechte. Nr. 72/Dezember 2012. Zitiert aus: The Wire (Magazin des Internationalen Sekretariats von Amnesty International)

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