Was darunter liegt

Erst im August, nachdem mich Windows mit ständigen Aufhängern und Abstürzen im Stich gelassen hat, bin ich – dank Irgendlinks technischem Support – endlich auf freie Software umgestiegen. Heute fühle mich mit Ubuntu und Co. mehr als glücklich. Einzig Photoshop habe ich nachgetrauert, ich gestehe es, denn mit Gimp bin ich einfach nicht warm geworden. Besonders verwirrt hat mich die dreiteilige Benutzeroberfläche. Auch die Benutzung der Werkzeugkiste empfand ich nicht selbsterklärend. Letzte Woche fasste ich, dank eines Youtube-Tutorials, den Mut, Gimp eine reale Chance zu geben, denn Nikonbilder auf dem iPhone zu appen macht nun wirklich keinen Spaß. Überraschend schnell begreife ich, wie ich Ebene auf Ebene setzen kann und die einzelnen Elemente abschließend zu einem einzigen neuen Bild vereinen kann.

Der Hintergrund, so begreife ist, gibt die Form vor. Er sagt, wie breit, wie hoch. Er sagt, ob transparent oder bunt und wenn ja, wie bunt oder welches Bild zuerst. Er ist das große JA! Ich lege andere Bilder darüber, übe das Handwerk von Gimp allmählich. Ja, es ist anders und nein, so anders als andere Programme ist es auch wieder nicht. Zuweilen ähnlich sogar wie die eine oder andere iPhone-App. Ich bin immer wieder fasziniert von der Vielschichtigkeit, verzaubert von den unmöglichen Möglichkeiten der Technik.

Die unterste Bildebene, der Hintergrund, ist meine Herkunft. Eltern. Geschwister. Kindheit.
Formgebung. Halt. Eingrenzung. Gefängnis.

Weitere Ebenen, die ich über die erste, zweite, dritte lege, heißen Beziehungsnetz, Beruf und Berufung, persönliche Identität als Frau, Vorlieben. Spannungsfelder. Jede einzelne Bildebene ist zustande gekommen, weil ich irgendwann irgendwo irgendwas gesehen, gespürt, erlebt und abgespeichert habe. Inklusive Wunden.

Ich bin viele. Bin jetzt, war gestern, werde morgen sein. Verschiedene Zeit- und Seinsschichten aufeinander.

Meistens arbeite ich an den einzelnen Schichten, oft an mehreren gleichzeitig, bewege sie, skaliere sie, drehe oder spiegle sie oder verändere ihre Farben, die Oberflächenstruktur oder die Intensität des Lichts.

Nur in ganz besonderen Momenten lassen sich alle Ebenen zu einem einzigen Bild vereinen. Mein kleines Nirwana: Einssein mit mir, das ein klein bisschen nach Erleuchtung riecht. Der letzte Akt. Vollendung.

Ist mein Hintergrund wirklich fix oder lässt er sich möglicherweise doch verändern? Wie viel Freiraum gibt er mir? Wie wäre mein Lebensbild, wenn er … und muss er darum bleiben, wie er ist? Ist er es …, ist er dieser ewig dunkle Ton, der meinem Leben seine Melodie vorgibt?

Bis zum letzten Klang?

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28 Kommentare zu „Was darunter liegt“

  1. liebe Soso,

    ich habe die Erfahrung gemacht, dass manches, dass erst einmal, wie fest erschien, es letztlich nicht war. Soll heißen, auch wir schreiben unser Manuskript, wie etwas gewesen ist und sein soll. Es war teilweise erschütternd, dann wieder erhellend zu sehen, dass manches doch anders war, als ich gedacht hatte. Ich finde es wichtig auch die Geschichte von Familie und … von zeit zu Zeit neu zu beleuchten. Ja, die Farben ändern sich dann und nicht nur das!

    herzlichst Ulli

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    1. du meinst, liebe ulli, so nach dem motto, dass das einzige verlässliche die veränderung ist? 🙂 ich hoffe, dass ich den hintergrund sowohl würdigen kann in dem, wie er ist, als auch, da, wo es möglich ist, veränderungen anbringen kann. mir gefallen die analogien zur technischen welt sehr.
      herzlich, soso

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    2. ja, das schwingt natürlich mit, diese ständige Veränderung, aber deswegen bleibt meine Familie, meine Familie, meine Prägung, meine Prägung. Das eine ist dabei irgendwann die Eltern mit erwachsenen Augen zu sehen und nicht darin hängen zu bleiben, was sie uns „angetan“ haben, aber das ist jetzt nix Neues. Das andere aber ist das sogenannte Manuskript, das wir im Alter zwischen 5 und 8 Jahren von uns der Welt, dem was wir ablehnen, dem was wir anstreben schreiben. Ich wollte es damals auch nicht glauben, dass es schon in so jungen Jahren passiert. Umso erstaunter war ich, als wir uns (in der therapeutischen Jahresgrupe) zwei Monate hiermit beschäftigten, in unsere Manuskripte eintauchten … sich hier zu öffnen, hatte großartige Folgen!
      Ich schreibe dies in Bezug auf deinen letzten Absatz:
      „Ist mein Hintergrund wirklich fix oder lässt er sich möglicherweise doch verändern? Wie viel Freiraum gibt er mir? Wie wäre mein Lebensbild, wenn er … und muss er darum bleiben, wie er ist? Ist er es …, ist er dieser ewig dunkle Ton, der meinem Leben seine Melodie vorgibt?“ den ich nun, wo ich etwas konkreter geworden bin, schlichtweg mit nein beantworte 🙂

      würdigen was war, ja, auch das ist eine gute Haltung, spannend finde ich hierbei die Frage, die sich nun ins Vorangegangene webt: was war WIRKLICH? ein großes philosophies Thema, fürwahr.

      Die Analogien zur Technik sind bei dir sehr stimmig!
      liebgrüß

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    3. deine theorie zu fix und veränderlich teile ich grundsätzlich. die grenzen sind allerdings fliessend. ändern können wir nur, wenn wir mutig sind. und mut hat eben auch mit dem zu tun, was im rucksack steckt …
      danke für deine zeilen und das weiterdenken!
      herzlich, soso

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    4. rucksäcke schon. rucksack ist ein wertfreier behälter und letztlich können wir seinen inhalt zu einem grossen teil selbst bestimmen. und der rest eben nicht, denn da gibt es letzte dinge, die einfach unser leben ausmachen: gene, blutgruppe und auch das eine oder andere auf der geist-seelischen ebene. gewisse dinge sind nicht zu ändern und die gilt es zu integrieren.
      ich hoffe, dass das jetzt nicht mehr missverständlich ist?

      gute nacht und liebe grüsse
      soso

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    5. ja Integration, die dann aber oft zur Folge hat, dass sich etwas ändert-
      ich habe gestern noch länger darüber nachgedacht und habe bemerkt, dass das Meiste, was der Mensch als fest betrachtet, nicht wirklich fest ist. Vielleicht brauchen wir die Illusion von etwas Festem in der Welt, die keine wirkliche Sicherheit zu bieten hat …?!

      enjoy this sunny day – big hug
      Ulli

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  2. Danke für den interessanten Artikel. Macht mir Mut, wenn es dann einmal nötig sein sollte [wenn ich nämlich einen neuen Compi brauche und dann mein altes XP, mit dem ich wirklich zufrieden bin, wohl nicht mehr nutzen kann] auf Linux umzusteigen. GIMP habe ich bisher immer mal wieder probiert, mir aber nie die Zeit genommen, es richtig kennenzulernen. Für mein (bisherigen) Zwecke komme ich auch mit ACDSee vollkommen aus. Aber man weiß ja nie.
    Liebe grüße aus dem südlichen Texas,
    Pit

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    1. hi pit

      willkommen hier und danke für deine zeilen.
      das schöne an dieser erfahrung ist für mich ja auch, dass ich gemerkt habe, dass ich mich oft selbst beschränke, wenn ich denke: das kann ich nicht. das ist mir zu schwer. diese schwelle zu überwinden, hat mich selbst auch ermutigt, nicht so schnell aufzugeben.
      ich schicke dir eine handvoll schnee zur abkühlung!

      herzliche grüsse aus der schweiz
      soso

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    2. Hallo SoSo,
      danke für den Schnee zur Abkühlung. 😉 Im Augenblick brauchen wir ihn allerdings nicht, denn mittlerweile ist Kaltluft hier angekommen [in dieser Jahreszeit kommt das Gott sei Dank häufiger vor, dass arktische Kaltluft von Kanada aus bis hier unten hin schwappt] und es war knapp am Gefrierpunkt. Und nächste Nacht könnte es sogar ganz leicht frieren. Also: der Kälte wegen brauchen wir keinen Schnee, wenn er auch des Aussehens wegen willkommen wäre [ich vermisse eine richtige Winterlandschaft schon sehr], aber die Feuchtigkeit bräuchten wir schon ganz dringend – richtig Dauerregen – und das für Tage und sogar Wochen – wäre nötig, um unsere jahrelange Dürre zu überwinden.
      Liebe Grüße aus dem südlichen Texas, und einen schönen Tag,
      Pit
      P.S.: Wie schlimm es mit unserer Dürre ist, kannst Du hier [http://tinyurl.com/d5olqaq] sehen/lesen.

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    3. ooh, das wusste ich nicht! dann wünsch ich dir und deinem land viiiel regen und dass die ausgedörrte erde wieder belebt wird.
      es macht mich dankbar, dass unser land solche probleme nicht hat. seltsame dankbarkeit, ich weiss …
      liebe grüsse und einen schönen rest-tag (hier ist es schon kurz vor acht uhr abends)
      soso

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  3. Ist es nicht immer wieder spannend sich selbst zu überraschen?

    Ich tu mich auch schwer mit neuen Dingen, aber wenn ich mich dann mal wirklich dran gebe, geht es auch – seltsam. *g*

    Liebe Grüße, Szintilla

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  4. spontan fiel mir ein: the creative adult is the child who survived.
    womit ich meine: vielleicht ist es gerade der „ewig dunkle ton“, dem du mit deinen schreib-arbeiten auf der spur bist und dem du eine sprache zu geben versuchst. und so bekommt das scheinbar fixe lebensbild immer mehr lasuren, die je anderes hervor- oder zurücktreten lassen. die grundstruktur bleibt, die erscheiungsweisen ändern sich oder um es linguistisch auszudrücken: der text ist derselbe, nur die editionen sind verschiedene.
    habe ich dir damit irgendwie weitergeholfen oder liege ich völlig daneben?
    gruß, uwe

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    1. oh, das ist ein erweiterter aspekt des bildes. eine ergänzung. lasur passt gut, nein, du liegst ganz und gar nicht daneben.

      mir kommt es zurzeit oft so vor, dass es ist, wie wenn ich einen traum erzählen will, der sich – je mehr ich mich ihm nähere – mir jedoch immer mehr entzieht. nur um später mit einem neuen aspekt wieder um die ecke zu winken.

      ich glaube, deine zeilen haben mir echt grad einen weiteren zipfel gezeigt. eine neue edition … 🙂

      herzlichen danke für den input und liebe grüsse, soso

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    1. Ich kam mit Gimp anfangs auch nicht so gut klar — (war Photoshop gewohnt). Es lohnt sich aber, trotz Widerwillen (den hatte ich) dran zu bleiben. Was mich allerdings bis heute stört, ist die dreiteilige Benutzeroberfläche. Hier ein Link zum Benutzerhandbuch:
      http://docs.gimp.org/de/

      Ach ja … ja … die Ebenen … (um auf einen Text zurückzukommen) *seufz* 😉

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  5. Ich wurschtel mich mit Gimp durch. Von wegen verschiedene Ansichten von Gelebtem- ich versuche meine Fotoalben zeitlich zu ordnen. Was schon so wichtig schien und doch vergessen wurde?

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  6. Mir ging es nach meinem Umstieg auf Ubuntu genau wie dir. Erst konnte ich mich so gar nicht für Gimp erwärmen und jetzt kann ich es nicht mehr lassen und mache alles mögliche damit. Alles Liebe Karin

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  7. das redest du dir nur selbst. Weiss ich sollte eigentlich ruhig sein, da ich selbst nicht besser bin.Ich bin selbst auch schüchtern, traue mir viel zu wenig zu, mache mir über alles meine Gedanken und denke immer die anderen könnten mich hässlich und langweilig finden usw. (bei mir ist es durch Job schon beser geworden). Hast du ausser deinem Freund wirklich niemanden? Wie wäre es wenn du mal in irgendeinen Verein gehst, da lernt man schnell Leute kennen und meistens entwickeln sich auch Freundschaften.Vielleicht liegt es auch daran, dass du so Angst hast enttäuscht zu werden und es deshalb nicht klappt.Ich mach oft den Fehler, das wenn sich Leute zu sehr für mich interessieren, dann versuch ich erstmal auf Abstand zu gehen aus Angst ich könnte wieder enttäuscht werden.Klingt jetzt blöd ,aber ist so……. Falls du jemanden zum reden brauchst, dann kannst du dich jeder Zeit melden.

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