Leise gedacht

Auch ich hake die vergehenden Tage ab bis … nein, nicht bis Weihnachten, sondern bis wir endlich im Tessin angekommen sind. Ferien. Auszeit. Friedliche Stille. Weg vom Feiertagsrummelgliltzerkram. Nur zu zweit sein. Ankommen.

Ist es das Ankommen, das uns Suchende glücklich macht? Ist aber nicht jedes Ankommen bereits wieder ein Abstoßen ins Nächste, so wie ich, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, bereits die nächste Runde starte, wenn ich am Ende der Bahn angekommen bin?

Meereswellen. Es ist nur ein klitzekleiner Bruchteil einer Sekunde, bevor die Welle bricht. Ein kaum sichtbarer Moment, da sie innehält. Da alles still steht.

Ein Musikstück ohne Pausen – undenkbar.
Ein Text ohne Leerschläge – unvorstellbar.
Ein Tag ohne Pausen – nicht auszudenken.
Ein Leben ohne freie Tage – lebensgefährlich.

Ich brauche sie, die Lücken, und ich brauche auch die Vorfreude auf sie und dabei vergesse ich zuweilen, dass ich auch jetzt und jetzt und jetzt bin.

Möglich, dass meine Mitmenschen die Pausezeichen in meinem Leben sind, aber die Melodie kann nur ich selbst komponieren. Meine Lieben sind vielleicht die Leerschläge auf meinen Zeilen, doch die Wörter und ihre Geschichten schreibe ich. Und wenn sie meine Pausen sind, dann ist das Leben drumrum zwar ohne sie undenkbar, doch es ist mein Leben.

Den Dingen den richtigen Platz geben. Über- oder unterbewertet ist etwas schnell und eigentlich werten wir – auch wenn wir es nicht wollen – immer und alles. Sei es emotional, subjektiv, oder eher nüchtern und analytisch. Aber wir tun’s. Wie ich Objektivität misstraue! Wer kann schon objektiv leben und wer will das überhaupt? Büne Huber, der Kopf von Patent Ochsner, der während der aktuellen Tournee wieder Tour-Tagebuch schreibt, hat  den Soundcheck vor einem Konzert beschrieben: Wie sie alle in der minimalistischen Musik, die sie zu neunt – ohne Publikum – gespielt haben, miteinander eins geworden sind. Das muss ein phantastisches Erlebnis sein. So ähnlich wie guten 6 stell ich mir das vor. Ankommen. Miteinander beieinander.

Leben ist lebendig-sein. Nicht nur die Fuktion von Herz und Niere, von Darm und Lunge meine ich. Lebendig-sein ist Emotion. Ist Betroffenheit. Ist Unvollkommenheit. Ist Ja-sagen zu meinen Grenzen und sie bei Gelegenheiten dennoch ausdehnen. Ist Unvernunft und ist vor allem eins: Liebe.

Ich schaue mir beim Schreiben zu und begreife: Alle von mir gedachten Gedanken gibt’s so oder ähnlich oder anders, bei mir und bei andern längst und immer wieder.

Wäre es da nicht besser zu schweigen?

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14 Kommentare zu „Leise gedacht“

  1. wiederholungen sind ja niemals nur wiederholungen, sondern immer auch klitzekleine modifikationen, es ist ein im gespräch bleiben, mit sich, mit den gedanken, die andere so oder ähnlich auch schon gedacht haben, und damit man die stille zwischen den wiederholungen geniessen und würdigen kann. so wie das orchester das stück immer wieder wiederholen muss, damit diese gemeinschaft entsteht.
    einen schönen artikel hast du da geschrieben.

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    1. stillen dank, liebe mützenfalterin. du hast natürlich recht … heute hat mir der gedanke, dass meine gedanken schon gedacht wurden, gefallen. eine form
      von einheit und verbundenheit mit andern … warum auch nicht.
      👍

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  2. Die wiederkehrenden Gedanken sind meiner Meinung nach nicht auf der gleichen Ebene. Ich sehe eine hochgezogene Spirale und die Gedanken bewegen sich in Etagen. Wir werden diese Gedanken nicht mit genau dem gleichen Empfinden und Wissen denken. Da kommen noch andere Elemente des Erlebens mit hinein. Vielleicht nur kleinste Nuancen. Und wenn du und ich auch Ähnliches denken, wir kennen es aus unserem Erleben, es wird nie exakt gleich sein. Selbst wenn wir die gleichen Wörter wählen, ist jedes Wort doch mit einer anderen Wahrnehmung, einem anderen Empfinden belegt. Aber nicht so, dass sie sich abstoßen – nein sie sind wie Puzzleteile und gehören zu einem großen Bild…
    Oh und nun gehen die Pferde mit meinen Gedanken durch..

    Ich freue mich für euch, dass ihr eine gemeinsame Auszeit haben werdet – fein! 🙂
    Habt es richtig schön!
    ..grüßt dich/euch Monika herzlich

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    1. danke, liebe monika.
      ja, jede und jeder hat wohl „ähnliche“ gedanken, doch letzlich haben wir unterschiedliche „farben“ in der wahrnehmung. deine duchgehenden pferde sind inspirierend!

      danke – auch für die lieben wünsche.

      herzlich
      soso

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  3. einem alten gleichnis zufolge ruhen wir doch alle als zwerge auf den schultern von riesen. jeder zwerg sieht nicht unbedingt mehr, aber anderes als der gigant unter ihm.

    es gibt ein musikstück von john cage, in dem kein ton erklingt: 4.33.
    pure pause. die geräusche der stille.

    ich wünsche dir und dem deinen eine echte pause,
    ohne maß und ziel,
    und deren ende völlig offen ist.

    gruß, uwe

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    1. oh, daaanke für deine zeilen!

      das zwerg-riese-gleichnis gefällt mir sehr gut. das lass ich mal in mich sinken und hör ihm zu.

      dir und deinen lieben auch eine rundum reiche offline-zeit
      herzlich soso

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  4. Ein schöner Artikel und ich kann mich nur Syntaxia anschließen die bereits alles gesagt hat was auch mir zum Thema eingefallen ist.

    Ich wünsch euch eine schöne Zeit im Tessin, das weckt bei mir schöne Erinnerungen an Mehrfachurlaube in Brissago und Umgebung. Bin dann jetzt (gedanklich) auch mal dorthin unterwegs 🙂

    Liebe Grüße, Szintilla

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  5. Oh, ich kenne sie auch, diese demotivierenden Gedanken, dass alles schon einmal gedacht und gesagt und geschrieben worden ist …
    Aber auf wie viele Arten!
    Und vor allem, um mal die andere Seite weiter auszuschmücken: welch ein Alptraum, müssten wir um unserer Einmaligkeit (des Sagens, des Schreibens, des Lebens, uns selbst) willen jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde neue, brandneue Gedanken im Kopf haben und ans Licht bringen! Nicht auszuhalten wäre das!
    Und so gehe ich mit alten Gedanken in diese Tage und wünsche traditionell alte Wünsche für ein entspanntes Fest und einen guten Rutsch!
    Liebe Grüße,
    Bess

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    1. willkommen hier und herzlichen dank für die spannenden gedanken und die lieben wünsche!
      und hoffentlich auf wiederlesen
      herzlich soso

      … und auch dir für die lichtfeiertage und den jahreswechsel das beste!

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  6. (Dieser Text ist mir bisher verborgen geblieben …)

    Und wenn alle Gedanken schon gedacht wurden, so doch noch nicht von Dir. Auch Kartoffelpuffer wurden schon oft gemacht – trotzdem habe ich sie heute wieder gemacht und gegessen und für unglaublich lecker befunden.

    Mir war dieses „ich-bin-nicht-der-einzige-der-das-denkt“ schon oft ein tröstendes Moment …

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    1. das ist die andere seite des „alles-war-schon“. und das ist gut so!

      du hast recht, das rad täglich neu erfinden wäre ja wirklich ein bisschen dumm. wie wärs damit? wir interpretieren altes und bekanntes immer wieder neu.

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