Neues von der Männleinfront

Was bin ich müde! Mein junger Nachbar – StammleserInnen erinnern sich? (hier klicken) – hat mal wieder bis spätnachts seine Potenz erprobt. Nachdem ich um halb zwei den Besen zu Hilfe genommen und an die Wohnzimmerdecke geklopft habe, wurde noch zweimal – und nicht eben kurz – geduscht. Von ihr und von ihm. Obwohl morgens um neun, als ich noch geschlafen hatte, bereits jemand von beiden mindestens eine halbe Stunde geduscht hatte. Okay, folgere ich, da oben ist es also ziemlich dreckig. Doch das geht mich ja nichts an. Nicht, dass ich Männlein nicht sein buntes Leben gönne …

Aber ich gönne auch mir ein buntes Leben. Und das geht nur, wenn ich nachts genug schlafen kann. Doch hier habe ich scheinbar nicht nur das Recht auf Nachtruhe, sondern auch gleich auf regelmässige Nachtruhestörung mit im Vertrag. Rücksicht scheint fürs Männlein ein Fremdwort zu sein. Zwar hat er inzwischen die Fernbedienung und seinen Verstärker ein ein bisschen besser im Griff, dennoch ist da oben – sobald dieser Mensch im Haus und in der Wohnung ist – immer etwas zu hören. Außer vielleicht zwischen halb drei Uhr nachts und sieben Uhr morgens. Ansonsten hört man immer seine relativ hohe, überdurchschnittlich laute Stimme, bei der ich zwar nicht den Gesprächsinhalt mitbekomme (zum Glück!), doch höre ich klar, ob er französisch oder schweizerdeutsch spricht. Seine Musik (wenn auch meistens in moderater Lautstärke) läuft von morgens bis abends. Seine Schritte, das Schranköffnen und -zuklappen: alles immer laut. Wenn schon, denn schon.

Kleine Frage: Wenn einer nachts nach mahnenden Klopfsignalen, laut zurück klopft und die Lautstärke kein bisschen drosselt, könnte das nicht den Schluss zulassen, dass das Ganze pure Schikane ist? Was anderes kann das bedeuten, wenn einer laut lacht und weiter lärmt ? Oder werde ich bloß paranoid?

Ich gestehe, dieser Mensch weckt in mir nicht eben meine Schokoladenseiten. Mitten in der Nacht stelle ich auf einmal fest, wie ich ein gewisses Verständnis für Menschen aufbringe, die durchdrehen. Meine natürliche Kontrollbarriere, die zwischen Denken und Handeln hängt, funktioniert zum Glück sehr gut und hält mich davon ab, diesem A… die Reifen aufzuschlitzen. Ich würde mich eh ganz schön Scheiße fühlen, wenn ich so was tun würde und unterlasse es in erster Linie mir zuliebe. Auch weil es ja diesen Satz gibt, dass alles, was wir andern tun, auf uns zurückfällt – im Guten wie im Schlechten. Ob der Satz stimmt, weiß ich nicht, aber falls er stimmt, dann will ich mir doch lieber mein Instantkarma nicht mit solchen kindischen Schlammschlachten verdrecken. Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas je passieren könnte, doch sag niemals nie. Auch wenn du nicht James Bond heißt. Doch sogar der würde wohl irgendwann mürbe, wenn er immer wieder halbe Nächte wachläge, weil das Männlein im Stock obendrüber rumlärmt und keine Rücksicht auf ihn nimmt. Was er wohl tun würde?

Ich gestehe es, ich wünsche ihm ein paar nicht wirklich tolle Dinge an den Hals. Aber auch nicht allzu schlimme. Nur Dinge, die seiner Erkenntnis dienen. Zum Beispiel ein bisschen Tinnitus. Ein bisschen die eigene laute Stimme verlieren (oh jaaa!). Ein bisschen chronisches Kopfweh. Ein bisschen Schlaflosigkeit. Nur so zum Ausprobieren. Und auch nur eine Zeitlang. Und nur damit er weiß, wie das ist, wenn man nicht normal belastbar ist. Ob es nützen würde?

Manchmal macht mir die Zukunft Angst. Ich sehe eine Gesellschaft junger Menschen – siehe das Männlein in der Wohnung über mir – heranwachsen, denen die Eltern alle Steine (zumindest die materiellen) aus dem Weg räumen und geräumt haben. Denn ihre Kinder sollen es ja mal besser haben. Zuweilen verhindern Eltern ein Training für das Leben. Die Eltern sind mehr ab- als anwesend, auch wenn sie neben dem Kind sitzen, das auf dem Computer spielt. Sie delegieren die Probleme der Erziehung auf die Schule und wenn die Lehrpersonen auf den Tisch klopfen und dem Kind vielleicht ein bisschen auf die Finger, schützen sie ihre Kinder vor böser Kritik. Ja, natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall, wo die Lehrkräfte spinnen und die Eltern begreifen. Doch wo, bitteschön, lernen junge Menschen heute natürliche Frustrationstoleranz? Wird sich langfristig in den Generationen nach uns die Empathiefähigkeit zurückbilden? Ja, ich weiß, ich male zuweilen dunkelschwarz.

Da fällt mir ein Gespräch mit Irgendlink ein. Drei oder vier Jahre ist es her. Winter war’s und wir saßen nach dem Essen an seinem Holzofen. Ich stellte uns die Frage, was wäre, wenn die Ressourcen auf einmal so knapp wären, dass wir tatsächlich ums Überleben kämpfen müssten. Ob die Menschen sich weltweit miteinander solidarisieren oder ob alle nur für sich selbst und ihre Angehörigen schauen würden. Vermutlich hat Irgendlink recht, wenn er das zweite als Regel vermutet. Zumindest im ersten Schock würde ich wohl genauso handeln, ich gestehe es. Dass der Mensch edel sei und den Quatsch, dass Leid edelt, glaube ich nur sehr bedingt. Unsere Wahl ist entscheidend. Wir haben alle das Zeug zum Pychopathen, zur Mörderin, zum Ketzer irgendwo in uns drin. Ebenso wie das Zeug zur Heldin und zum Helden.

Vielleicht darum hoffe ich noch immer, dass sogar das Männlein in der Wohnung über mir nicht unheilbar an Rücksichtslosigkeit erkrankt ist.

(((Warnung: Das hier ist eine Realsatire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihre Bloggerin.)))

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25 Kommentare zu „Neues von der Männleinfront“

  1. Oh, das kann wirklich zermürbend sein, ja. Du hast aber schon mal mit ihm gesprochen, oder? Ihn gebeten, es sein zu lassen? Wenn nicht: In Deutschland kann man die Polizei wegen nächtlicher Ruhestörung anrufen. Ist das bei euch in der Schweiz auch möglich? Ich hab‘ das selbst noch nie in Anspruch genommen, weil ich keine Lust auf Folgestreitereien hatte, aber die, die es bis jetzt getan haben, haben ihren Nachbarn gut eingeschüchtert gekriegt, denn beim 3. Mal gibt’s wohl einen Vermerk in irgendwelchen Akten.

    Hoffentlich kannst du heute Nacht schlafen.

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    1. liebe sherry
      ja, ich habe schon ein paar mal mit ihm geredet. er hat versprochen, nicht mehr nach mitternacht (auch schon spät, aber immerhin) zu duschen. und so. aber eben. seine einsicht ist leider schnell vergessen. nun hat er einen brief von mir im kasten, wo ich ihm androhe, das nächste mal die polizei und die verwaltung zu informieren. damit er vorgewarnt ist. man hofft ja immer, dass der mensch lernfähig ist.
      ich würde es das nächste mal tun, denn das kann man in der schweiz auch. das bild stell ich mir vor, wie die ihn nachts unter der dusche ertappen.
      er meinte mal: du bist aber ganz schön lärmempfindlich.
      ja, sagte ich, ja, das bin ich.
      natürlich ist es seine ansicht, dass er gar nicht so laut ist. aber eben.
      besucherInnen fragen mich jeweils: ist der immer so laut? das beweist, dass nicht nur ich es bin, die es so wahrnimmt. gut zu wissen.
      tja. ich hoffe, er ist einsichtig.
      danke fürs mitgefühl. in der regel kommt es nicht zweimal nacheinander vor. drei- bis vier/fünfmal im monat. aber das reicht.
      danke fürs verständnis und den gutnachtwunsch.
      herzlich, soso

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  2. ein solcher Kerl über dem Kopf kann schon Phantasien auslösen, die fern jeglicher Freundlichkeit sind! Das verstehe ich gut. Und ich wünsche dir, dass er einsichtig ist, wahrscheinlich mangelt es ihm auch an Selbstwahrnehmung … wenn es ein paar Mal im Monat auftaucht, dann frage ich mich auch was dann noch mit im Spiel ist, aber ja, du hast Recht, es geht mich nix an, soll er sein buntes Leben leben, aber bitte nicht vergessen, dass er nicht allein auf dieser Welt ist-

    was du zu den Kindern und Eltern schreibst gilt schon seit vielen Jahren und gilt auch wieder nicht, es gibt solche und solche und ich finde schon, dass es auch viele wunderbare junge Menschen mit Sozialkompetenz gibt … oder war es ironisch gemeint?

    ich wünsche dir Ruhe in der kommenden Nacht
    liebe Grüße Ulli

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    1. satirisch wars schon ein klein bisschen gemeint. ein bisschen aber auch traurig. und ein bisschen provokativ. und ein bisschen ist es wie mit hundehalterInnen. die, die es nicht können, schaden dem gesamtbild.

      hach ja. ich hoffe auch, dass er einsichtig ist. ich mag ja zoff gar nicht.

      danke für deine erhellenden zeilen.

      herzlich, soso

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  3. Ja, liebe Soso, eine nervige und anstrengende Situation ist das. Ich glaube, es ist ganz gut, dass Du in Deinem Brief Konsequenzen angesprochen hast.
    Ich stelle mir vor, dass man irgendwann so aufgeweicht ist und nur noch verärgert und auch wütend feststellt, nichts dagegen machen zu können. Und sobald man schlafen möchte, kreisen die Gedanken vielleicht darum, ob es diesmal auch funktioniert.
    In meinem Treppenhaus hängt seit einiger Zeit ein Hinweis auf das „Lärmtelefon“, das der Vermieter angebracht hat. Seitdem geht es insgesamt etwas rücksichtsvoller zu.
    Eine gute Nacht wünsche ich Dir,
    mb

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    1. ach, dann weißt du, wovon ich rede, liebe mb.
      wir sind sechs parteien im haus. fünf davon sehr ruhige wie ich. mit vielen ausrufzeichen hinter „ruhig“. nur hören die andern neben und oberhalb den lärm viel weniger als ich (unten).

      tja, auch eine einzige mücke im stillen schlafzimmer nervt!

      ich hoffe, es wird besser.

      herzlich, soso … und gutnacht! 😉

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  4. Oh je, ich kann gut verstehen, wie nervenaufreibend so ein lautes Männlein ist. Ich schrieb auch schon über meine Nachbarn von oben und nannte sie Stampfkartoffeln, mittlerweile sind sie von selbst leiser geworden. Ich hoffe, dein Brief wird endliche eine Wirkung zeigen, damit du ruhiger schlafen kannst, ich drück die Daumen! Liebe Grüße, U.

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  5. Die Männlein-Fraktion :-(, es gibt immer irgendwelche Exemplare, die es schaffen, uns an den Rand unser eigenen Toleranzgrenzen zu befördern.

    Hoffentlich bringen deine Bemühungen, um Rücksichtnahme, ihn zur Einsicht.

    Liebe Grüße, Szintilla

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  6. Ich habe dies Problem nicht, bin aber schon bei ziemlich lauter eigener Musik eingeschlafen. Ein Versuch wäre es wert, eine CD läuft auch nicht ewig.
    Erziehung… eine beängstigende Problematik, die mir auch schon viel Sorgen gemacht hat.

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    1. eine cd? ich glaube, der hört online-radion und das, liebe u., das läuft rund um die uhr.
      ja, erziehung (ein hässliches wort) ist problematisch und immer ein spiegel der gesellschaft.
      bei eigener musik oder auch bei filmen kann ich relativ gut schlafen. schlecht aber, wenn die geräusche unregelmässig sind. da ein poltern, dort ein schrilles lachen. dann ein wasserrauschen, als wäre die leitung über meinem kopf (was sie nicht ist) und schliesslich noch laute schritte … du döst ein und auf einmal schreckst du wieder hoch. es ist die unberechenbarkeit dieser geräusche, die so an die nerven geht. und vielleicht auch die darin vermittelte (oder interpretierte) intension: „mir doch egal, was die nachbarin unten denkt“ (also die fehlende wertschätzung/der nicht vorhandene respekt gegenüber der umwelt).

      herzlich, soso

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  7. was sehr merkwürdig ist, ist die tatsache, dass ich gerade heute nacht von einer wohnungsbesichtigung geträumt habe, und nun lese ich hier eine szene, die mich sehr gut an selbst erlebte szenen erinnert. ja, man lernt dann sehr gut seine schattenseiten (oder einfach nur seine grenzen der toleranz) kennen und bringt verständnis auf für gewalttäter. weil man als „opfer“ so ohnmächtig ist. polizei haben wir damals auch einmal gerufen, aber die krachmacher haben einfach nicht geöffnet. da konnte die polizei dann auch nichts machen, sagten die beamten. zum glück ist das mittlerweile lange her, aber ich erinnere mich noch gut, wie es die nerven zerfetzt hat (ich war zu allem überfluss in dieser zeit auch noch im diplom). ich wünsch dir jedenfalls sehr, dass dein brief irgendeine stelle beim männlein trifft, in der noch ein wenig rücksicht und verstand steckt.

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    1. danke, liebe mützenfalterin, für dein verständnis. deine erlebnisse klingen schlimm.

      wie oben kommentiert, hoffe ich sehr, dass das männlein einlenkt und einsichtig ist.

      herzliche grüsse aus dem zug nach bern
      soso

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  8. LOL „seine potenz erprobt“ seeehr geile formulierung 😀 und auch die erste folge vom „männlein“ hat mich sehr zum lachen (aber auch zum nachdenken) gebracht:) aaaach ich kann dir so gut nachfühlen! wie man plötzlich die mörderin in einem aufsteigen spürt (ok oder erstmal die reifenaufschlitzerin;)…ich bin auch nicht „normal belastbar“, allerdings sehe ich das als geschenk. denn alle, die „normal belastbar“ sind oder gar damit angeben wirklich belastbar zu sein, sind sie nicht einfach besser im verdrängen/nichthinhören/nichthinschauen? ist nicht einfach ihre rüstung etwas gar dick geworden und damit ihre empathie eben dahin? das jedenfalls glaube ich. und ja, dazu erzieht uns die welt, so scheint es. man kommt nur durch, wenn man so ne rüstung anlegt. dem widersetze ich mich. und auch, wenn es rosa klingen mag, unsere nicht normale belastbarkeit wird sich lohnen. für alle.
    herzlich araaaaaaaaaaaaamatique 😀

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    1. Ps: aber ach, das weisst du ja schon alles;) nur, einen handfesteren rat hab ich dir irgendwie auch nicht. höxtens einen, den du vlt eher nicht hören willst, nämlich ausziehen! 😉 ich hatte diese situ mehrfach, dass ich nicht zu oberst gewohnt und somit nachts eben genau bei diesen unberechenbaren geräuschen immer aufgewacht bin. auch bei nicht rücksichtslosen oberhalb-barn. es nagt sehr an einem. klar, es gibt die möglichkeit, die ruhe in sich zu finden, so dass einen das aussen nicht mehr stört. nur glaub ich dass das bei mir noch paar jahre länger braucht;) also hab ich mir das dann einfach als must für die näxte wohnung vorgenommen, keine ringhörige altbauwohnung mehr und keine wohnung mehr unterhalb einer anderen. jetzt habe ich niemanden mehr oberhalb bzw/und die wohnung ist nicht mehr so ringhörig. ich hab eher abneigung gegen neubauten, aber was die ruhe angeht, sind sie ein segen. tja…

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    2. hab dank für deine lieben zeilen, liebe aramatique. schööön, dass du mich verstehst.
      umziehen ist/wäre erst eine option, falls ich stellenmässig „müsste“. aber wegen dem männlein nicht. ich liebe meine wohnung und das haus, weisch.
      aber ebe.
      liebi grüessli aus dem domino an dee schwanengasse (bern). kennschs?
      soso

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  9. obwohl es ja nicht zum Lachen ist, musste ich doch schmunzeln beim Lesen und ganz spontan an das Mietshaus in Basel denken in dem mein Arbeitsplatz untergebracht ist.
    Da werden gleich Unterschriften gesammelt und gegen die Missetäter vorgegangen. Nun musste sogar ein Lokal gegenüber schliessen, weil die Raucher abends vor der Tür standen und sich unterhielten.
    Da hast du wirklich eine Eselsgeduld gezeigt mit dem Männlein. Hoffe und wünsche dir, dass er es nun kapiert hat und du endlich Ruhe findest !
    liebe Grüsse K.

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    1. ja, das hoff ich auch. mir geht es um respekt voreinander, toleranz auch. aber eben auch vor den grenzen der andern.

      danke für deine zeilen, liebe träumerle. hoffen wir das beste.

      liebgrüß, soso

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  10. Eine vertrackte Sache, die unterschiedliche Lärmempfindlichkeit von Leuten. Ich kenne das; ich gehöre zu den leisen Leuten (kein Fernseher, keine Musik, keine Highheels ,)), und Auf-den-Tisch-Hauen liegt mir gar nicht. Einmal ist aber Besuch von mir erbost auf dem Boden herumgesprungen, als die Nachbarin unten (!) wieder Musik fürs ganze Haus gemacht hat; das hat für lange Zeit geholfen. Erstaunlicherweise.

    (Vielleicht mußt Du anfangen, Tuba zu spielen? Da geht der Schalltrichter nach oben …)

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    1. tuba! das ist die lösung all meiner probleme und mein langgehegter lebens(alb)traum!

      könnte ich bloss den handstand – dann könnte ich auch mit den füßen poltern!

      danke für die tollen tipps!
      herzlich, soso

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