Über das Schreiben

Es geht doch nichts über meine Berner Schreibgruppe. Dass wir damals, vor bald sieben Jahren, beschlossen haben, uns regelmäßig zur Textarbeit zu treffen, war etwas vom besten, das ich je mitentschieden habe. Von der Ur-Besetzung sind zwar nur noch S. und ich an Bord, aber egal …

Gestern Abend. Zu fünft sitzen wir im Wartsaal, unserer Lieblingskneipe im Berner Lorrainequartier, und essen etwas Kleines (schreibt man nach etwas groß oder klein weiter? Muss ich mal nachschauen …). Wir tauschen aus, diskutieren angeregt, lachen und scherzen. S., A. und ich setzen uns kurz draußen hin, um A. beim Rauchen Gesellschaft zu leisten.

R. liest seinen Text als erster vor, denn er muss heute früher gehen. Ich mache mir derweil Notizen und Kringel auf meinen Ausdruck seiner Kurzgeschichte. Schließlich ist er fertig und wartet gespannt auf unsere Rückmeldungen. Wir andern verständigen uns mit Blicken. Okay, dann fang ich eben an.

Zuerst sage ich, was mir am Text gut gefallen hat, was er in mir auslöst, wie ich ihn verstehe, um dann auch jene Stellen zu erwähnen, über die ich gestolpert bin oder die ich nicht ganz verstanden habe … Er fragt zurück, um alles richtig zu verstehen. Eine Formulierung, die ich seltsam finde, mag K. besonders gern. Das kommt zum Glück oft vor. Selten sind wir uns über alles einig und das ist hier gut und richtig so. Jeder Text wird, vom Handwerk einmal abgesehen, persönlich und individuell wahrgenommen und wirkt nie auf alle gleich. Für mich ist diese Runde deshalb so unentbehrlich. Sie ist ein Spiegel für meine Texte.

Als zweitletzte teile ich Ausdrucke eines bereits neu geschriebenen Ausschnittes aus Loch im Eis aus. Besonders bin ich auf die Feedbacks von S. und K. gespannt, die meine neue Figur noch nicht kennen, weil sie das letzte Mal nicht dabei waren, als ich das erste Kapitel vorstellte. Sie reagieren positiv, sehen auch schon, wie Alessa tickt und geben Tipps, wie meine Antiheldin noch mehr Profil bekommen könnte. S. stellt fest, dass er bei einem bereits gut geschriebenen, leicht überarbeiteten Text viel mehr ankritzle als bei einem rohen Text. Dort melde er eher gröbere Kanten, die ihm auffallen, zurück, hier jedoch seien es eher kleine, feine Dinge, die ihm auffielen.

Ich bin sehr dankbar über alle diese feinen, wohlwollend-kritischen Schleifspuren, die meine Schreibfreunde an meinem Text hinterlassen. Wie war das doch gleich, vorhin beim Essen? Wir hatten über Kritik und Kritikfähigkeit diskutiert und wie ein Mensch auch dadurch der geworden ist, der er ist, wie er im Laufe des Lebens mit seinen alltäglichen Schleifsteinen umgegangen ist. Solche haben wir alle immer und überall. Angefangen hatte diese hochspannende Diskussion mit der simplen Frage, ob wir jemandem sagen würden, dass er eine feuchte Aussprachen hat. Wem eher, wem gar nicht und wem unbedingt.

Als Schlussbouquet las A. das letzte Kapitel ihres ansonsten noch ungeschriebenen, philosophischen Märchens vor. Ich war hell begeistert, hatte ich den Plot doch das letzte Mal bereits gehört. K. und S. waren sich über die Kernstelle uneinig. S. fand sie unverzichtbar, K. zu stark und zu missverständlich. Ich überlegte, während die beiden diskutierten, wie man die Stelle für beide passend neu schreiben könnte, als ich begriff: Es muss nicht immer zum Kompromiss kommen. Bleib dir treu, A., denn wenn dieser Text schon bei uns solche Emotionen auslösen kann, dann ist der Text auf gutem Weg. Auch Kontroversen dürfen sein. Sollen sogar. Es muss nicht immer alles weichgespült und kantenlos geschliffen werden. Ein Text darf reiben.

Wie wir am Ende des Abends als letzte Gäste unsere Texte wegpacken und die Zeche bezahlen, richte ich liebe Grüße von Irgendlink aus. Erwähne dabei, dass er mir den Tipp gegeben habe, für einmal einen aus einem Buch abgeschriebenen Text mitzubringen. S. fand die Idee super, meinte jedoch, dass wir sicher auch bei einem fertig lektorierten Text Unstimmiges und zu Optimierendes fänden.
Was da manchmal zwischen zwei Buchdeckeln daher kommt …!, seufzt er.

Später auf der Autobahn, die Scheibenwischer auf der schnellsten Stufe, grinse ich wie blöd vor mich hin und bin einfach nur froh. Froh, so tolle Menschen zu kennen, die meine Schreibleidenschaft teilen.

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8 Kommentare zu „Über das Schreiben“

  1. Von Liebe nicht nur zu Einzelpersonen, sondern auch zu Gruppen, kann man in Monikas : „ah das love-Ding !“ lesen. Nur ein Satz: „Das ist Textarbeit, die gleichermaßen Arbeit am Gefühl ist.“
    Ich freue mich für Dich, wenn Du Gruppenarbeit genießen kannst.

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    1. textarbeit ist immer arbeit am gefühl. und vergnügen, dem gefühl zu lauschen. und schmerz, das gefühl zu beschreiben. ohne gefühl keine textarbeit, die authentisch wäre. danke fürs zitat. tut mir grad sehr gut.
      🙂

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  2. Liebe Soso,
    jeden Satz dieses wunderbaren Artikels habe ich genossen, besonders auch Deine Freude über diese Art der Auseinandersetzung mit dem Schreiben! Es freut mich sehr für Dich, dass Du diesen Austausch in einer interessierten und kleinen Runde hast! Das ist (für mich) etwas gänzlich anderes, als Texte hier auf den Blogs beurteilt, beantwortet und bewertet zu sehen. Auch das hat immer wieder sicher seinen Reiz, den ich nicht missen möchte. Es geschieht aber natürlich innerhalb anderer Intentionen und vor allem rein schriftlich.
    So gerne würde ich innerhalb einer solchen Gruppe lesen und diskutieren, zuhören und mich öffnen. Dein Text hier wirkt einfach ansteckend; ich sehe förmlich Dein zufriedenes Grinsen oder Lächeln während der Rückfahrt!
    Herzliche Grüße und danke für diese Inspiration,
    mb

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    1. die gruppe ist damals aus dem novemberschreiben, wo du ja auch dabei warst, entstanden. s. hiess damals ray yamon (you remember?). und ja, es ist in der tat sehr inspirierend!

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    2. du sagst da etwas sehr wesentliches, liebe mb. internet ist gut und schön, aber eine runde aus fleisch und blut ist einfach anders. da merke ich auch, dass ich es mit echten menschen zu tun habe. und auch für echte menschen schreibe. 🙂 also, eigentlich schreibe ich in erster linie um meinetwillen, aber wenn dann resonnanz kommt, umso besser!
      die gruppe ist mir lieb, weil ich alle einzeln mag … 🙂 und weil wir uns wohlwollend kritisieren – das ist auch kunst!
      🙂

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