Der Traum vom Fliegen

Der eine verzaubert uns mit dem Diabolo, der andere am Hochseil, zwei Frauen klettern an der Stange aufwärts als wäre sie watteweich. Dazu viel Jonglage, Seil und Trapez, noch mehr Luftakrobatik und zwischen den Zeilen immer Klamauk und Schalk. Und alles ganz ohne Kitsch und Glitzer. Schließlich das Trio, das mich persönlich am meisten begeistert: eine Frau und zwei Männer, die auf einem roten Polsterteppich durch die Chinesischen Ringe fliegen und gegenseitig aufeinander aufpassen, dass keiner einschläft (ganz am Anfang des Trailers zu sehen: bei 0:03).

Und die Clowns, natürlich! Sie rahmen die ganze Geschichte ein. Denn Circus Monti heißt immer Gesamtkunstwerk und Circus Monti heißt, sich eine (Zirkus-)Geschichte erzählen zu lassen. Die überdimensionierten Bücher machen uns bereits neugierig, während wir – vorgestern Abend war es – unsere Plätze suchen. Einzelne Bücher, pop-ups, werden später vor den jeweiligen Nummern geöffnet und verrate, was wir gleich mit eigenen Augen genießen dürfen. Und das ist jede einzelne Darbietung: ein Genuss für die Augen – und fürs Herz!

Emilia und Gutzi, sie zierlich und klein, er ein langer Lulatsch, träumen – schon beim ersten Auftritt – den ewigen Traum des Ikarus. Mit Papierflugzeugen fangen sie an, später sind es Ballons, noch später kleine Heissluftballons und sogar Gutzi muss als potentielles Flugzeug herhalten, damit Emilia endlich aufsteigen darf. Alle Versuche, die die zwei sympathischen Clowns – zwischen den andern Nummern – unternehmen, scheitern jedoch kläglich. Erst am Schluss, als das ganze Ensemble sich ihrer erbarmt und bei der Umsetzung des Traumes mitanpackt, fliegen die beiden – er als Flugzeug, sie als Pilotin auf seinem Rücken – am Hochseil durch die Lüfte.

Wunderbar poetisch dazu die Musik, die sich wunderbar ins Gesamtkonzept ergießt.

Freundin L. und ich sind hell begeistert. Monti ist für uns beide DER Circus überhaupt. Im Gegensatz zu all den andern Zirkussen bekommen wir hier eine Geschichte erzählt, wir finden Witz, wir sehen köstliche kleine Details, und vor allem begegnen wir großer Leidenschaft am Kunsthandwerk der Zirkuswelt. Andere Zirkusse glitzern und glimmen und sie sind gewiss alle viel dramatischer und womöglich auch professioneller, doch hier finden wir Menschen. Menschen, die mit größter Hingabe und Kunstfertigkeit ihr Können darbieten.

Das Leben … ein einziger großer Zirkus?, frage ich uns auf dem Heimweg. Ist es nicht so, dass wir alle – genau wie diese wunderbaren Artistinnen und Artisten – unsere einmaligen Talente haben und diese auf unsere ganz eigene Weise der Welt darbieten sollten? Und wenn wir alle das tun, was wir am liebsten machen und am besten können und dieses Tun als Teil einer übergeordneten Choreographie begreifen, die wir verinnerlicht haben … Was meinst du? Vielleicht vielleicht wäre die Welt dann …

… ein besserer Ort?