Berlin # 3 – Zu spät ist man immer rechtzeitig oder der geheime Keller

Nach einem zweiten inspirierenden Stadtspaziergang – diesmal zum Holocaust-Denkmal und von da aus zum Brandenburger Tor (wo ein großer Rummelplatz meine Sinne überflutet und nervt) und von da durch den Tiergarten zur Siegessäule – kommen wir erschöpft und verschwitzt in unserer Residenz an. Da wir die Tageskarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel Berlins bewusst auch im Hinblick auf das geplante Konzert in Neukölln gekauft haben, müssen wir uns erstmal ein wenig erholen, um dem Berliner Nachtleben gewachsen zu sein.

Kurz vor neun Uhr, ausgeschlafen und frischgestärkt, fahren wir mit U- und Ring-Bahn an die Herrmannstraße, um uns von dort auf die Suche zu machen. Dass wir uns zeitgleich wie unsere New Yorker Freunde in Berlin aufhalten, ist Zufall, da wir unsern Besuch bei Frau Freihändig ja hatten verschieben müssen. Robert L. Pepper, Teil der New Yorker Band P.A.S., haben wir vor anderthalb Jahren bei einem kulturellen Anlass auf dem einsamen Gehöft kennengelernt (Kunstzwerg 2011). Mit seiner Frau Amber und seinem (und unserm Freund) Brandstifter tourt er zurzeit durch Europa und beglückt hier ein interessiertes Publikum mit seinen doch sehr speziellen Klangwelten, die mit allen möglichen Nicht-Instrumenten erzeugt werden. Kein Ton ist geplant und doch ist alles in sich ein wunderbares Klangerlebnis.

So weit so gut – nur: wo bitte findet das Konzert überhaupt statt? Weder Facebook noch Mails geben genaue Details her und nur dank Internetrecherchen kann Irgendlink die Hausnummer des Clubs ausfindig machen. Nachfragen bei unsern Freunden hätte ja den Überraschungseffekt zerstört.

Wir irren die Emser Straße auf und ab und suchen nach dem richtigen Eingang. Da? Vielleicht dort? Oder hier? Ein junges Pärchen, das eben die unscheinbare Türe eines unscheinbaren Hauses öffnet, fragen wir, ob das hier sucked orange sei. Ja! Wir schlüpfen glücklich hinter ihnen in den Vorraum. Räder stehen herum. Hinten ein Kleiderständer. Ansonsten keine Hinweise auf ein Konzert. Die beiden Eingeweihten öffnen eine dick gepolsterte Türe und deuten mit Fingern auf den Lippen an, dass wir ganz leise sein sollen. Wir schließen die Türe hinter uns und finden uns im Untergrund wieder. Ein düsterer Kellerraum, der wundersame Klänge verströmt. Und ein bisschen weniger wundersame Düfte von Zigarretten und andere Kräutern. Wie früher, als wir jung waren!, blitzt es mir durch den Kopf.

Treppe und Kellerraum sind voll. Etwa vierzig Leute lauschen mucksmäuschen still den sphärischen Klängen, doch die Musiker, die sie erzeugen, kennen wir nicht. Wir finden eine Nische, doch schon bald entdeckt Irgendlink die Bar und schlängelt sich durch, um uns Bier zu besorgen. Als er nach fünf Minuten noch immer nicht zurück kommt, mache ich mich leise auf die Suche.

Der Raum ist größer als gedacht und grenzt an einen weiteren gewölbten Raum, der knapp einen Meter siebzig hoch ist. Ich muss den Kopf nicht einziehen, die andern schon. Denn hier treffen wir sie, die andern. Die Vorband ist inzwischen mit ihrer Vorführung zu Ende.

Was für ein Wiedersehen! Robert stellt uns seine Frau Amber vor und wir tauschen schon bald angeregt aus. Nach der Pause gehts los mit ihrem Auftritt. Klasse! Wir sind keine Minute zu spät gekommen, obwohl wir nirgends eine Start-Zeit gefunden haben. Grund dafür war, dass Konzerte in diesen Räumen nicht wirklich legal sind und nur bei sehr sensiblem Umgang mit der lieben Nachbarschaft auch weiterhin stattfinden können. Bedingte Duldung.

Irgendlink und ich dokumentieren das Konzert. Fünfunddreißig Minuten lang spielen die drei, von einem Kumpel aus Berlin unterstützt, ein Stück, dass es so nie wieder geben wird. (Ich werde es später auf Youtube laden und hier einen entsprechenden Hinweis posten).

Nach dem Konzert setzen wir uns wieder in den Gewölberaum, der mit Sofas bestückt ist, und unterhalten uns mit Roberts Freund Nico aus New York, der uns von seinen Musikprojekten erzählt. Auch Brandstifter und Robert gesellen sich zu uns und so sind wir – mitten in Berlin – ein bisschen zuhause angelangt. Bei vertrauten Menschen. Schon morgen werden sie nach Polen weiterreisen – nach einem weiteren Konzert heute Abend.

Zurück bei Frau Freihändig, die schon die zweite Nacht beim Liebsten logiert und uns ihre Gemächer aufs Großzügigste überlassen hat, ist es mir, als wäre ich schon viele Tage hier, als wäre mir die Stadt vertrauter als sie es eigentlich sein kann – bin ich doch zum ersten Mal hier. Doch hoffentlich nicht zum letzten Mal.

Nur am Bier kann das ja wohl nicht liegen?

EDIT: Ein guter Artikel über PAS musique: bitte hier klicken.

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16 Kommentare zu „Berlin # 3 – Zu spät ist man immer rechtzeitig oder der geheime Keller“

  1. Liebe Soso, ein Erlebnis, das ich als berlintypisch empfinde und das mein Herz höher schlagen lässt: ha, es gibt sie noch, die „geheimen“ Keller und Clubs! Nach Mauerfall gab es ziemlich viele und nicht nur im wilden Osten … ich erinnere mich an herrlich bunte und wilde Nächte!
    Dass du dich in Berlin so heimisch fühlst, freut mich, aber es überrascht mich auch. Hatte fast erwartet, dass dir die Stadt schnell Zuviel wird.
    Hoffentlich klappt es mit meiner Reise Ende Mai/Anfang Juni in die alte Heimat, gerne darfst du mir die Daumen dafür drücken.
    Habt weiterhin eine spannende Zeit und grüßt mal herzlichst
    Ulli

  2. Das erste Mal ist immer wichtig, denn dann werden die nächsten mal noch besser. Und Kreuzberger Nächte sind & waren schon immer lang. Abgesehen davon, daß es verdammt nach meiner Stadt klingt & es mich freut, daß sie Euch gut behandelt.

    Und am Bier liegt vieles. Sehr vieles kann daran liegen.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

  3. danke für die lieben wünsche und grüsse. da wir eine residenz zum rückzug haben, die wie „zuhause“ ist, gehts mir der stadt und „nicht zuviel“. wir entdecken sie in unserm persönlichen tempo. und das ist gut so.
    herzlichst zurück, soso
    (und morgen auf dem rückweg noch den emil besuchen …)

  4. hihi, ja, die kreuzberger nächte … aber dann, aber dann …
    das bier schmeckt gut hier, obwohl ich sonst eher dunkles statt pils trinke. ja, berlin behandelt uns gut.
    danke für die lieben grüsse und herzlich zurück, auch von irgendlink
    soso

  5. Ach, das klingt wunderbar, Soso, alles! Ich habe auch schon länger wieder Sehnsucht nach Berlin, denn nirgendwo sonst war ich so oft bei Konzerten in Kellergewölben und Wohnzimmerkneipen, einfach herrlich!

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