sammeln, sichten, Spuren lesen

Jeder Mensch ist sein eigenes Buch und hinter jedem Namen steckt eine Geschichte.

Wie ich mich dieser Tage durch meine Adressdateien wühle, virtuellen vor allem, erkenne ich, wie viele Menschen meinen Weg irgendwann gekreuzt haben. Und dort kleine oder größere Spuren hinterlassen haben. Gefühle. Schmerzliche die einen, freudige andere. Wieder andere waren einfach da. Mittelpunkte ihrer eigenen Leben, während ich an meinem Lebensfaden spann.

Gesten Abend habe ich die Klassenliste meiner Oberstufenklasse überprüft: Wer wohnt noch dort, wo er bei der letzten Klassenzusammenkunft vor acht Jahren gewohnt hat? Eine Zweidrittelmehrheit – gut oder schlecht ist nicht relevant. Wer ist sesshaft, wer hat sich verändert und was ist mit den immerhin vier Frauen, die weder im Telefonbuch noch mit Guugl und Konsorten zu finden sind? Leben wir alle noch?

Einer meiner Schulkameraden, ein blonder stiller Junge mit Brille, war schon damals ein Tüftler gewesen und ist heute Künstler und Trickfilmzeichner mit einer tollen Webseite. Ich bin ein bisschen stolz auf ihn, obwohl wir kaum Kontakt hatten damals. Heute erst recht nicht.

Damals waren wir junge Menschen, die das Leben noch vor sich hatten – wie die Alten sagten, zu denen ich längst gehöre. Und dass wir es genießen sollen, das Kindsein, das Jungsein. Junge Bäume. Welpen. Schon bei der ersten Klassenzusammenkunft, als Zwanzigjährige, zeichneten sich erste Spuren ab, die sich im Laufe der Jahre vertieften. Die meisten hatten Lehre oder Matur hinter sich und waren – je nach Lebensplan – daran das Leben zu genießen, Reisen zu planen, befanden sich im Studium oder an einer höheren Schule. Die Gespräche mit den einen waren kaum mehr möglich – es fehlten die gemeinsamen Interessen. Mit den andern waren sie dafür möglicher als früher. Aus den jungen Bäumchen waren junge Bäume gewachsen, denen bereits anzusehen war, welcher Art die Früchte eines Tages sein könnten. Menschen und ihre Spuren – Schatten werfen wir auch in die Zukunft. Die Sonne steht nicht immer vor uns.

Wie ich heute weiter in den alten Verzeichnissen und Tabellen wühle, spaziere ich gleichsam durch meine Vergangenheit. Wer war doch gleich …? Ach, mit K. war ich im Kurs in XY und mit S. und N. im Seminar in YZ. L. war doch eine von der Schreiberlingen im ersten Novemberschreiben? Ach, und M. – meine tolle Ex-Scheffin! Wie es ihnen wohl geht, meinen alten Bekannten? Bei ein paar Namen finde ich weder Geschichte noch Gesicht in meiner Erinnerung. Ihre Spuren sind verblasst. Wieder andere habe ich geguuglt … Ob das andere mit meinem Namen von Zeit zu Zeit auch tun? Da und dort bin ich bestimmt aus Verzeichnissen gelöscht und in Adressbüchlein durchgestrichen worden, wie ich das von Zeit zu Zeit mit dem einen oder andern Namen in meinen Dateien ja auch tue.

Menschen hinterlassen Wunden. Und Lichtblicke. Ohne Spuren zu hinterlassen können wir nicht leben.

Was mir andere sind? Was ich andern bin? Nicht Eitelkeit bewegt mich zu solchen Fragen, eher der Wunsch, dass die Antwort lauten möge: wohlgesinnt.

24 Kommentare zu „sammeln, sichten, Spuren lesen“

  1. mir gefällt ganz besonders dein letzter Satz: ein feiner Wunsch ist das, dass andere sich wohlgesinnt an einen erinnern mögen- ich mag auch das Wort Wohlwollen sehr gerne, das eine ist sein Klang, das andere sein Geschmack und Sinn! Ich glaube es wäre schon viel gewonnen, wenn sich die Menschen wohlwollend begegnen würden …

    findest du es nicht auch seltsam, wenn du einen Namen liest und kein Gesicht mehr dazu auftaucht?
    Ich hatte auch viele Begegnungen in meinem Leben, sodass mir dies eben passiert, immer mit einem kleinem schlechtem Gewissen dabei, dass ich Jemanden ganz und gar vergessen habe. Ob das den Sesshaften auch so geht?

    einen feinen Samstagabend wünsche ich dir, mir scheint gerade die Sonne ins Gesicht …
    herzlichst
    Frau Blau

  2. du meinst, das hängt damit zusammen, dass ich so viel herumgekommen bin – dass ich nicht mehr alle auf dem trichter habe (immerhin haben sie es in meine adressdatei geschafft!)? wohl möglich.
    was ich bei mir beobachte: ich rechne eher damit, dass der oder die (wenn man sich nach langem wieder sieht) sich bestimmt nicht mehr an mich erinnert als dass ich denke: der/die muss mich doch noch kennen. hm.
    dabei ist etwa beides gleich häufig. und mir ist es superpeinlich, wenn jemand mich noch kennt, den/die ich nicht mehr “kenne”.

    ja, wohlwollen … das ist so viel aktive haltung drin, die wir andern gegenüber aufbringen können. könnten. aber wir sind oft von der angst gesteuert, dass der andere uns überholen könnte, wenn wir ihm zu wohlgesinnt sind. so, dass wir am schluss zu kurz kommen.
    man stellt sich ja auch immer möglichst gut selbst dar, wenn es um menschen geht, die einem nicht wirklich nahe stehen. eines tages habe ich das vielleicht abgelegt? wäre schön.
    tja …
    die sonne hat sich bedeckt gehalten hier und heute … aber sie ist da. immer. irgendwo.
    herzlichst, soso

  3. du fragst: du meinst, das hängt damit zusammen, dass ich so viel herumgekommen bin – dass ich nicht mehr alle auf dem trichter habe … vielleicht ja, je mehr man herumkommt und hier und da sich niederlässt, umso mehr Menschen begegnet man, dazu kommen all die vielen schon gelebten Jahre … seufz und lach …

    was du noch beschreibst, dass ich manchmal überrascht bin, wenn sich jemand an mich erinnert, ja, das kenne ich auch-

    was mich allerdings gerade etwas verblüfft ist die von dir beschriebene Angst, dass mich eine andere/ ein anderer überholen könnte … die kenne ich nicht- wenn ich Menschen begegne, dann bin ich immer neugierig über das dahinter, hege von meiner Seite aus erst einmal nie Konkurrenzgedanken … Vorsicht habe ich gelernt, mühselig …
    naja bin schon auch immer wieder ein Blauauge …

  4. ich selbst habe diese angst auch nicht. aber ich spüre sie im aktuellen zeitgeist. oder bilde mir ein, sie zu spüren …
    hach … auf das leben!

  5. Vor einigen Tagen wurde mir bewußt, dass ich weder von Klassentreffen, noch von Konfirmandentreffen höre. Ich kenn ja die wenigsten, frage mich aber, ob es Treffen gibt, bei denen es heißt: war da nicht noch jemand blondlockig und dicklich mit schmutzigen Fingernägeln? Wie hieß die denn noch?

  6. von meinen vielen schulen gibts nur von der oberstufe (vier jahre) treffen, alle zehn jahre. bin gespannt, wie lange. da wird mir die vergänglichkeit sehr bewusst!

  7. ich finde es immer wieder erschreckend, wie viel vergangenheit sich da angesammelt hat, wie viele türen jetzt für immer verschlossen sind, auch wenn es immer wieder türen gibt, von denen ich nie geglaubt hätte, dass sie sich öffnen.

  8. und irgendwann fällt die letzte tür ins schloss. ich hoffe, dass ich dann erleichtert bin. eines tages.
    viele machen wir auch selbst zu. ich jedenfalls. und die will ich auch gar nicht mehr öffnen. älter werden ist herausfordernd.
    und doch: ich lebe lieber und bewusster als früher. oder so.

  9. Jetzt habe ich meinen Kommentar zu Deinen feinen Gedanken bereits drei Mal gelöscht, das zeigt mir, dass ich noch mal genauer darüber nachdenken muss. Mir gefällt sehr, was Du schreibst. Auch der Kommentar von der mützenfalterin trifft sehr, was ich dazu denke,

    liebe Grüße, mb

  10. ich bedaure die löschung … snieff, bin aber froh, dass du trotzdem noch geschrieben hast. danke!
    ja, das älterwerden und alles, was nicht mehr geht. dafür geht neues? unerwartetes?
    herzlich, soso

  11. wir hatten eine ganz besondere klasse, die in ihrer schrägheit überhaupt nicht mehr zu überbieten war! mein kleiner bruder noch kam aus der schule nach hause, als ich schon längst raus war und meinte: „mein lehrer erinnert sich an euch! eure klasse war berühmt-berüchtigt!“ dabei waren die klassenlehrer meines bruders nicht unsere.

    wir haben uns das erste mal erst sehr spät wieder zusammengefunden. ich meine, fast 12-13 jahre nach dem abschluss der 10. klasse, obwohl wir sonst sehr intensiv miteinander abhingen. wir haben später darüber geredet, warum niemand von uns sich regte, die anderen wiedersehen zu wollen. es war tatsächlich so, dass die abschlussfeier für einige einfach unerträglich war, man wollte sich nicht noch einmal verabschieden.

    bei unserem treffen dann war das interessante, dass wir bereits nach 3 minuten in alte rollenmuster verfallen sind. das war einfach nur zum totlachen. selbst, wenn wir uns in der zwischenzeit verändert hatten, sind wir in dieses alte rollengefüge hineingestolpert und haben uns so wohl gefühlt. man könnte sich fragen, warum das so ist, wo wir doch längst alle herausgewachsen waren, aber die harmonie war wie immer.

    später erst, spät am abend, erfuhren wir mehr über das leben der anderen. für mich eine wunderbare erfahrung.

    deinen letzten satz, liebe soso, mag ich besonders gern. ich bin noch nicht an dem punkt angekommen, an dem ich das gefühl habe, dass ich altere, aber wenn er kommt, hoffe ich, dass ich mich innerlich nicht schlecht fühle mit dem, was ich in meinem leben getan habe und nicht getan habe.

  12. und ihr hattet gar keinen einzigen aussenseiter? worin wart ihr so speziell?
    das mit den rollenmustern merke ich auch, wenn ich mit menschen zusammentreffe, die ich vor zehn-zwanzig jahren zum letzten mal gesehen habe. dann wird mir auch bewusst, dass ich zwar immer noch die gleiche bin wie damals aber eben doch in vielen mich verändert habe. sogar zum teil sehr grundsätzlich. oft gerate ich dann in die zwickmühle: die leute mit meinen eher schrägen perspektiven zu schockieren (provokation) oder eher an der alten rolle zu haften (dem frieden zu liebe).
    ich war ja als kind (bis 13) eher still und schüchtern … bloß nicht auffallen. tja …
    ich bin gespannt, wie es ist, wenn ich mal als alte (hoffentlich weise) frau auf mein leben zurückschaue. ob ich wie antonia (im wunderbaren film „antonia’s line“) sagen kann: well done. das hoffe ich sehr.

  13. eines der speziellen dinge an uns war tatsächlich, dass wir keine außenseiter hatten. ab der 7. klasse hatten wir nicht einmal mehr grüppchen. wir waren die klasse, die ihre pause komplett zusammen verbrachte, den größten raum auf dem „schulhof“ (die größten bänke) in anspruch nahmen, aufeinander hingen, spaßkämpfe machten, alle aufeinander, und dadurch gefährlich waren, dass sie immer zusammen hielten. so sehr, dass wir einmal alle zusammen zu einer klassenkonferenz eingeladen worden sind und trotzdem niemanden verpfiffen haben, egal wie sehr man uns unter druck gesetzt hat. wir waren wirklich ein seltsamer haufen. viele individualisten, die es aber irgendwie in der konstellation schafften, doch bestmmten gruppenprinzipien die „treue“ zu schwören. (das haben wir nie bewusst gemacht, das hat sich einfach ergeben).

    ja, der drang, auch klar zu machen, dass man sich verändert hat, ist da. der zeigt sich dann auch gerne in ein paar schocksätze oder news, aber das können die meisten gut ab. 🙂

    ich mag den übergeordneten gedanken (distanzierten gedanken), nicht unsterblich zu sein mit dieser hülle und dieser existenzart. aber wenn ich direkt tiefer darüber nachdenke, habe ich auch angst vor der art, wie ich altern und sterben werde. aber das ist vielleicht auch ein anderes thema. *seufz*

  14. das älterwerden ist mir erst in den letzten paar jahren eine art realität geworden. nicht mal die sterblichkeit an sich beschäftigt mich, es ist mehr die tatsache, dass gewisse dinge einfach für immer vorbei sind. der weibliche zyklus, der sich verändert. irreversibel altern – so als „schlagwort“.

    ich kann mir vorstellen, dass solche klassen wie deine ein leben lang nachhallen und prägen. im positiven sinn den glauben an freundschaft nähren. danke fürs erzählen. total beeindruckend, so etwas!

  15. irreversibles altern, ja. ein wort, das wirklich das ganze ausmaß des alterns und der bedeutung, die ihr innewohnt, deutlich macht. ich finde es sehr schwierig, solch eine aufgabe zu meistern. noch verdränge ich es.

  16. ist nicht die irreversibilität überhaupt das am schwierigsten zu akzeptierende ding im leben?
    für mich jedenfalls. und darum besonders wichtig zu lernen, damit umzugehen.

  17. Das ist wirklich sehr schön geschrieben und ich hab mir selbst auch schon so oft genau diese Gedanken gemacht …!
    Ich wundere mich immer total darüber, was die Leute von damals heute für ein Leben führen, das keine Spuren im Netz hinterlässt. Für mich nur schwer vorstellbar, nicht bei Gugl und co. aufzutauchen. Und die Frage, ob man manchmal selbst geguglt wird und von wem. Ist das Eitelkeit?

  18. danke, patty, für deine zeilen.
    ob es eitelkeit ist? das weisst nur du allein. 🙂
    ich gugle mich ab und zu, um zu sehen was in welcher reihenfolge über mich wie angezeigt wird und ob echt- und nickname schön getrennt bleiben.

  19. Klar, dass mir Gedanken über das Ende näher sind als Dir und den anderen Bloggern. Es wird vieles weniger, was nicht so einfach wegzustecken ist. Sonne und Lachen sollten nicht vergessen werden. „Helfet überall zu lindern und zu erfreuen“ , habe ich gestern in einem Abschiedsbrief gelesen.

  20. das ist vielleicht die essenz von allem. dieses wenigerwerden lässt uns zum wesentlichen kommen.

    ich hörte mal den schönen gedanken, dass das leben wie ein gehen durch ein labyrinth ist. in der mitte fangen wir an, gehen nach aussen. lebensmitte ist: ganz im aussen, ganz im leben zu sein. danach geht die reise kontinuierlich weiter: zurück in die mitte. zurück zum punkt. zum eins sein mit sich selbst. so irgendwie. ich mag diesen aspekt des älterwerdens, den ich bereits wahrnehme. andere prioritäten …

    danke!

  21. Alle paar Jahre bekomme ich auch mal so einen Anfall, gehe die Namen der Menschen durch, die meinen Weg gekreuzt haben und suche sie im Netz, wenn ich lange nichts von ihnen gehört habe. Manche finde ich nicht und werde etwas unruhig. Zu Klassentreffen gehe ich schon lange nicht mehr, doch erfuhr ich, dass bereits drei Mitschüler gestorben sind, einer davon ist der hübsche Junge, für den ich heimlich geschwärmt hatte, doch er ging mit einer Anderen aus der Parallelklasse.
    Dadurch dass ich so oft umgezogen bin, sind meine Freunde überall verstreut. Eine interessante Frage, ob die Sesshaften sich eher erinnern, ich glaube, da könnte etwas dran sein.
    Danke für deine Gedanken, Soso, und das „wohlgesinnt“ gefällt mir auch sehr.

  22. oh, schon drei gestorben? puh … bei uns wüsste ich nichts von toden. irgendwie sind wir doch noch gar nicht soo alt … hm … aber eben, der tod kennt kein alter …
    schön, dass du wohlgesinnt magst. wir können es aussäen, wo immer wir hinkommen, auf das es gedeihen möge.

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