Gold waschen

Wie wir vorhin zusammen mit Akkordeonistin B. nach dem letzten Nachtmahl von Hotel A. (wo wir jeweils gegessen haben) am Strand entlang ins Hotel B. (wo wir schlafen und frühstücken) spazieren – es hat den ganzen Tag nicht geregnet, obwohl der Wetterbericht das Gegenteil erzählt hat – begreife ich, dass das Leben eine einzige Goldwäsche ist.

Nehmen wir nur mal die Goldstücke dieses einen Tages. Wir haben sie glücklich gefunden und die Schlacke, na ja, die fließt irgendwann und irgendwie zurück ins Meer.

Das erste Goldstück war unser vormittäglicher UrbanArtWalk. Ziel war die Altstadt. Das violette Haus. Das Haus, das dem Zerfall trotzt und sich, trotz der Häuser rechts und links, die unbewohnt aussehen und zum Teil kaputte Dächer haben (aus einem wächst sogar ein Baum), in seinem bunten Kleid ausgesprochen hübsch ausnimmt. Lila und fliederfarbene Fassde, dazu lindgrüne Fensterläden. Wir finden es auf Anhieb wieder, denn gestern, im Gegenlicht, war es schwer zu fotografieren gewesen. Ein wahres Goldstück fürs Auge, dieses mutige schmale Häuschen.Boulogne_UrbanArtWalks 16

Viele weitere pittoreske Bilder bannten wir auf unsere Kameras.
Alles zerfällt, was der Mensch je gebaut hat, philosophiere ich, wie wir rostige Türschilder, bröckelige Mauern und andere schöne Kaputtheiten ablichten. Alles zerfällt, es sei denn, der Mensch pflegt es.

Später, wir kommen wegen eines geografischen Missverständnisses eine Dreiviertelstunde zu spät zum offiziellen Festbankett in einer der vielen Turnhallen der Stadt, begreife ich:
Auch zu spät ist man manchmal noch zu früh.

Zum Glück wechselt kurz nach unserer Ankunft die Musik und ein Franzose mit Gitarre, der Oldies covert, betritt die Bühne. Der Lärm im großen Saal erschlägt mich beinahe. Vorher, draußen, dieser entspannte Weg quer durch die Straßen von Boulogne – zugegeben am Ende einigermaßen hektisch – nun hier drin dieses Sprachen- und Stimmenwirrwarr, das ich schier nicht ertrage. Ja, ich bin, wirklich und prinzipiell, gegen Massentierhaltung – auch bei Menschen! Wer mag denn sowas? Um die fünfhundert oder mehr Menschen, an langen Tischen aufgereiht, die alle den Musiker mit ihren Stimmen zu übertönen versuchen. Am liebsten wären wir sofort wieder gegangen, doch einmal drin war das nicht mehr möglich. Während sich Irgendlink auf die Empore schlich, um Bilder von oben zu machen, hackte ich einige Zeilen in mein vituelles Notizbuch – mit einem Stück Taschentuch im Ohr als Lärmfilter. Beinahe-Eremitin ich! Gute Medizin, um in dieser neuen Umgebung anzukommen.

Der Mensch gewöhnt sich an alles. Nachdem das Büffet endlich eröffnet ist, wird es stiller. Gefrässige Stille nannte meine Schwester dieses Phänomen. Zwischen Essen und Dessert die Ansprachen und Ehrungen. Eine sehr stimmige angenehme Athmospäre, die ich dann doch nicht verpasst haben möchte. Zumal Monsieur Q., der vor einem Jahr Irgendlink bei seiner Nordseeumradelung als Vertreter und Gastgeber seiner Stadt aufs Freundlichste betreut hatte, für seine Arbeit geehrt wird. Ein wahres Goldstück dieser Moment der überraschten Rührung in seinen Augen.

Mit einem weiteren Künstlerpaar konnten wir danach im Auto zurück zur Kunstschule fahren, wo die nächste Überraschung auf uns wartete: Die Schule möchte Irgendlinks Bilderreise noch eine Weile aufgehängt lassen – solange, bis der Pavillon wieder für andere Projekte gebraucht wird. So mussten wir nicht, wie geplant, die Ausstellung abbauen, sondern hatten Zeit und Muße, mit E., der Kunstschulsekretärin, die einzelnen Ateliers der Schule zu betrachten. Töpferei, Malatelier, Kinderunterrichtsraum, Photowerkstatt mit einigen Computern … Räume so, wie ich mir das Paradies vorstelle. Das Paradies für Kunstschaffende … Ein Gefühl von Heimat durchrieselte mich wohlig. E. hat mir mit dieser Führung ein großes Geschenk gemacht. Ein weiteres Goldstück des Tages.

Unser Besuch im Meeresmuseum Nausicaà war dafür weniger toll. Wir waren zeitlich knapp dran, doch wurden wir bereits nach acht Minuten wieder hinauskomplimentiert, weil sie das Muesum doch in zehn Minuten schließen. Dabei war es noch nicht mal Viertel nach sechs. Nein, so hatten wir uns den Besuch der Meeresaquarien nicht vorgestellt, dafür fiel das Nickerchen ein bisschen länger aus. Auch ein Glück. Noch ein Goldstück.

Und sogar im Esshotel war es heute so, dass wir drei Vegis, so etwas ähnliches wie ein richtiges Menü bekommen haben … Ein kleines Goldstücklein, das nicht geringzuschätzen ist.

Morgen früh gehts bereits wieder zurück in die Pfalz. Mir kommt es einmal mehr, wie immer, wenn ich auf Reisen bin, vor, als wäre die Zeit aus den Fugen geraten und als wären diese Tage viel zahlreicher gewesen.

Vorhin mit dem Liebsten ein letztes Mal am Strand. Das letzte Goldstück des Tages. Wir kommen wieder, ahne ich. Au revoir et à bientôt!

Das letzte Goldstück des Tages habe ich soeben auf Irgendlinks Blog entdeckt. Guck hier!

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9 Kommentare zu „Gold waschen“

  1. das habe ich gerade sehr, sehr gerne gelesen! danke dir und habt eine gute Heimfahrt und erholt euch von all dem Viel der letzten Tage auf dem einsamen Gehöft!

    herzlichst Ulli

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  2. So ein Städtebegnungsevent kostet ziemlich viel Geld. Ob dadurch öfter echte Freundschaften entstehen, als bei normalen Reisen, weiß ich nicht. Was könnte man anders machen, damit noch mehr Partnerschaftlichkeit entsteht?

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    1. gute frage.
      die ansätze find ich ziemlich gelungen, wenn ich es von aussen betrachte.
      ich selbst bin einfach nur bedingt gruppentauglicb und bin schnell überreizt von lärm und eindrücken.
      freundschaften lassen sich nicht machen.
      am coolsten fand ich persönlich die kontakte innerhalb der kunstschule.

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  3. Zu der Kunstschule kann ich sagen, weiß nicht, ob es noch stimmt: es gibt nur bis zur Mittelstufe Kunstunterricht, dann heißt es :ihr könnt ja in die Kunstschule gehen. Dafür fließen dann dort auch Gelder hin, aber trotzdem schade, denn auch in der Schule kann man manchmal was erreichen, was gern unentwickelt bleibt. Schön, dass Ihr gut zurück seid!Lgr

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    1. aber ist das in dtld nicht ähnlich? im gym haben die kids noch knapp eine std. kunst und irgendwann gar nicht mehr? schade hüben wie drüben – hoffentlich wird das in der schweiz nicht auch so. bis jetzt zum glück noch bis ende obligatorische schulzeit (bis 16 jährig). was entwickelt werden will, kommt zum glück oft auf ganz unerwarteten wegen zum ausdruck.
      ja, bin auch froh, wieder hier zu sein … und selbst fein kochen zu können … 🙂

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  4. Ach, liebe Soso,
    das ist ein wunderbar geschriebener Text über Reiseeindrücke, Goldstücke, Begegnungen und Bereicherungen. Mir gefällt sehr, wie Du hier schreibst!
    Bin gespannt auf die bebilderten Eindrücke,
    herzliche Grüße, mb

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    1. liebe mb
      die bild-impressionen werde ich, so alles klappt, morgen bloggen. heute waren wir mit gesundbleiben (ich) und gesundwerden/kranksein (irgendlink) beschäftigt (arztbesuch & einkauf). nun bin ich wieder in der schweiz und verdaue die vergangenen tage allmählich.
      danke fürs text-kompliment … 🙂
      herzlich, soso

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