Die Wichtigkeit von Tintenklecksen

Neue Schulhefte bekamen wir zu meiner Zeit noch in der Schule. Mit dem vollgeschriebenen Heft gingen wir zur Lehrerin, die aus dem großen Schrank ein neues Heft zog. War er groß? Ich erinnere mich nur noch, wie es roch, wenn er geöffnet wurde, nach Papier und neuen Farbstiften.

Das neue Heft zu öffnen war wie in ein frisch bezogenes Bett zu schlüpfen. Das Fließblatt, wo lag es – in der Mitte, vorne oder hinten? Ich liebte es, dieses jungfräuliche, schneeweiße, makellose Löschpapier zu betrachten. Seine Struktur, wenn ich genau hinsah, war ein wenig unregelmäßig, wie bei handgeschöpftem Papier, was ich aber damals noch nicht kannte. Wenn ich rauhe Hände hatte (die gab es vom auf-den-Bäumen-klettern und Unkrautjäten), war es nicht schön, das Papier anzufassen. Wie von der quietschenden Kreide auf der Tafel bekam ich davon Gänsehaut.

Sofort setzte ich mit dem Füller meinen Namen in die vorgedruckten Linien vorne auf dem Heft, wohl wissend, dass das Heft am nächsten Tag bereits in Einband-Papier stecken würde. Markieren musste ich das Heft dennoch. Später, in der Oberstufe, kritzelte ich alle möglichen Symbole und Slogans auf die Einbände, die damals bei mir bevorzugt aus Paketeinpackpapier bestanden, denn diese ließen sich am besten bemalen. [Was ist wohl aus all meinen liebevoll und kreativ gestalteten Umschlägen geworden? Nahezu künstlerisch, was ich da in langweiligen Geschichts- und Französischstunden erschaffen habe. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Sie schönt gern und oft.]

Ich schweife ab. Das Fließblatt. Jungfräulich weiß, um gleich nochmals das Klischee überzustrapazieren. Es war furchteinflößend, respektgebietend, rechthaberisch, besserwisserisch, denn es kam zum Einsatz, wenn ich kleckerte. Lange weiß blieb es nie. Und war erst der erste Fleck drauf, wurde natürlich auch das Fließblatt in meine Ausdrucksmalereien einbezogen. Tintenblau auf weiß. Pointillismus im Kleinformat. [Eine Ausstellung mit Fließpapier – Art Brut einmal anders.]

Der erste Klecks … wie sehr er doch befreit. Wie schön es doch ist, wenn wir uns Fehler erlauben dürfen. Wie erholsam, wenn wir endlich die Last ablegen können, die wie ein schwerer Rucksack an uns klebt, die Last, perfekt sein zu müssen/sollen/wollen (zutreffendes ankreuzen).

Über den Mut zum Scheitern habe ich schon früher gebloggt – er ist nicht einfach so zu finden. Er wird uns nicht in der Schule beigebracht, wächst erst allmählich aus Lebenserfahrung. Doch auch Mut zum Erfolg ist nicht selbstverständlich. Mit ist er nicht angeboren. Erfolgreich zu sein riecht bei mir allzu oft nach spitzen Ellbogen und noch spitzeren Bleistiften, nach Konkurrenz- und Klassenkampf, nach Streber- und Spießbürgertum, alte Anarchistin ich. Erfolg klingt in meinen Ohren nach Gefangenschaft in gesellschaftlichen Rollen und Zwängen.

Erst allmählich, besser spät als nie, werde ich mir bewusst, dass mein Bild von Erfolg ein sehr einseitiges ist. Und dass ich jede Einseitigkeit in meinem Leben mit Gegenargumenten aufwiegen kann. Dass ich jede Waagschale neu, mit neuen Erkenntnissen, füllen kann. Dass ich ganz oft mit meinen Vorurteilen und Programmen falsch liege. Oder eben einseitig. Dass meine Sicht der Dinge immer nur ein Ausschnitt ist. Und deine auch. Ich meine oft genug, besser zu wissen, was andere brauchen. Ich meine, Recht zu haben, auch das noch immer oft genug. Doch darum geht es gar nicht.

Erfolgreich zu sein, heißt auf meine Spur zu kommen, authentisch zu leben, mein Ding zu tun. Und es heißt, dass nur ich die sein kann, die ich bin und zwar so, wie nur ich die sein kann, die ich bin.

Wie Luisa Francia so treffend am 17. Mai 2013 in ihr Webtagebuch schrieb:

mich selber sehend sein

ich will die frau sein die ich bin
ich möchte so sein
so wahrgenommen werden
wie ich geworden bin
ich bin
ich will nicht werden wollen
und ich entziehe mich der wertung

ich spiegle mich in meinem schatten
wir kommen nicht
voneinander los
„auf ewig dein“ die wahre liebe
den schatten spürend sein
ja das ist meins

Quelle: www.salamandra.de

Darin will ich erfolgreich sein: In der Liebe zu mir.

Und wenn ich weiterhin dorthin unterwegs bin, zu mir, und eines Tages oder immer mal wieder, dort ankomme, bei mir, verlieren Besserwissertum, Vergleiche und Rechthabenwollen an Bedeutung. Erfolg um des Erfolges willen ebenfalls.

Ja, das ist meins – schöner als ein neues Fließblatt. [Danke, Luisa.]

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12 Kommentare zu „Die Wichtigkeit von Tintenklecksen“

  1. Bei uns hieß dieses Tintenklecksminderblatt: Löschblatt- und heißt es noch immer, liegt in jedem Heft nach wie vor.
    Bei Luisa lese ich auch mit. Erstaunlich, ihr Leben, besonders das Schwimmen in eiskalten Gewässern, aber auch sonst…

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    1. fließblatt heißts auch, so stellte ich erstaunt fest, in deutschland (wohl eher umgangssprachlich?). ich mag das wort, weil es die tintenflüsse so schön „festhält“.
      [brrr, nein, die kaltschwimmerin bin ich auch nicht.
      luisa verdanke ich sehr sehr viel.]

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  2. klecks versus schrift oder: chaos versus ordnung. ein gegensatz mit tradition, und du mittendrin, wie jedes kind, das schreiben lernt. und wie jedes kind hast auch du die kleckse genutzt, um deiner formfantasie freien lauf zu lassen.
    wie schön, sich daran erinnern zu können. mir fehlt leider jede erinnerung an meine löschblätter und damit an die ersten schreibversuche mit tinte. gerne wüsste ich, wie meine finger aussahen oder wie gefleckt meine blätter waren. doch diese bilder stehen mir nicht vor augen. sie wurden wohl gelöscht von dem, was sonst noch in dieser lebenszeit passierte.
    gruß, uwe

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    1. manchmal staune ich, wie präzise solche erinnerungen – auch sinnliches, wie gerüche und akustisches/stimmen/musik – noch abrufbar sind. auch meine blauen hände sehe ich noch vor mir und die ewige delle am mittelfinger.
      das menschliche hirn ist erstaunlich!
      vergesslich bin ich eher bei sachdingen. so speichert eben jede und jeder anders ab. 😉

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    2. Ja, liebe Soso, auch in mir sind all diese Erinnerung abrufbar, manchmal finde ich es unheimlich, dass ich noch die Vor- und Nachnamen der Klassenkameraden inklusive der Sitzordnung im „Hufeisen“ (ist immerhin über dreißig Jahre her) hinbekomme.
      Die Hornhautdelle am Mittelfinger ist immer noch ein bisschen da, weil ich (stiftesüchtig) immer noch gerne mit der Hand schreibe.
      Danke für Deine wunderbaren Gedanken,
      liebe Grüße, mb

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    3. hach, du seelen- und fingerdellenverwandte! wir hatten auch hufeisen, nicht in allen klassen, halt je nach platz. nein, ich bekäme wohl nur noch 3/4 der namen hin*. ja, ein bisschen unheimlich ist das vielleicht schon? wir sind wohl nicht ganz normal … *kicher* :mrgreen:

      *[unter-, mittelstufe, dann oberstufe … später noch zwei schulen … was wohl aus allen geworden ist?]

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  3. Da werden Erinnerungen wach … 🙂 Die Mittelfingerdelle kenne ich auch, weil auch ich immer viel von Hand schreibe.

    Was die Klassenkameraden betrifft und was aus ihnen geworden ist, könntest du eventuell über stayfriends rausfinden. Das ist eine ganz spannende Sache, ich habe darüber den einen oder anderen alten Kontakt wieder belebt.

    Liebe Grüße, Szintilla

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    1. meine delle ist längst verschwunden, da ich selten von hand schreibe. ich müsste eher hornhaut auf den fingerspitzen haben von der touchscreen- und laptoptastatur … 🙂

      alte kontakte wiederbeleben? hm, soo toll waren die kontakte nicht zu den aus den augen verlorenen. ich komm außerdem kaum nach, das bestehende beziehungsnetz zu pflegen.

      die zeit, die zeit, dieses monster!

      gutnachtgrüsse, soso

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  4. für mich waren immer die ersten neuen Seiten eines Heftes „heilig“, dann schrieb ich immer gaaanz ordentlich, die sogenannte Schönschrift fand hier statt- zu Löschpapier hatte ich keine innige Beziehung, es war einfach nur praktisch – waren die ersten drei Seiten schön beschrieben, dann kam erneut der Alltag … das versuche ich gerade mal in mir zu übersetzen – eingebunden haben wir Schreib- und rechenhefte nicht, nur die Bücher, damals waren es noch eigene, heute ghören sie ja den Schulen, sodass ich in den langweiligen Stunden die Ränder bemalte, ein oft gehörter Satz meiner Englischlehrerin lautete: Ulrike, leg den Bleistift weg … grins

    ja fein, da weckst du Erinnerungen, wie wahr sie auch sein mögen, wie geschönt oder nicht, aber sie gehören eben in meinen inneren Tempel-

    liebe Grüße
    Ulli

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    1. du, das mit den ersten seiten und besonders schön schreiben (was bei mir zwar immer nur beim versuch blieb) hatte ich auch. jedenfalls beim aufsatzheft. aber für die heftführung bekam ich immer lausige noten. 😦

      als erwachsene an einer supervisionssitzung (in einem behindertenwohnheim) sagte eine arbeitskollegin mal zu mir: kannst du nicht mit kritzeln aufhören? das macht mit nervös! das kratzen auf dem papier … tja … für mich war es ideal, um mich zu entspannen. 🙂 selbst kritzeln ist eben nicht das gleiche wie beim kritzeln zuschauen. 🙂

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