beheimatet

Du hast es schon schön!, sagt B. zu mir, Mutter dreier kleiner Kinder, ständig auf Trab, immer in Bewegung, zum Glück meist gut gelaunt und lebensfroh. Weißt du, deine Freiräume … davon kann ich nur träumen!

Soll ich sagen, dass ich mir manchmal erträume, eine Familie zu haben? Dass Hans im Schneckenloch oft vom Gegenteil träumt? Doch wozu? Wem dient, wenn ich das sage? Sie lebt ihr Leben, ich meins und ab und zu kreuzen sich unsere Wege. Es ist jetzt so, wie es jetzt ist. Und im Grunde hat sie recht. Ich habe es schön. Nicht immer, aber oft. Heute zum Beispiel. Im Bett schreiben. Tee trinken. Danach Yoga und spät frühstücken, den Tag nach meinen Vorstellungen gestalten, die Balance finden zwischen konzentrierter Arbeit und all dem andern, was nicht explizit als Arbeit bezeichnet wird. Life-Work-Balance nannten das die Fachleute auch mal. Als ob Work nicht Teil des Lebens wäre [Arbeit soll entstigmatisiert werden, plädiere ich].

Ich mag mein Zuhause. Meine Räume mit meinen Möbeln, meinen Bildern, meinen Büchern – sie sind mir Heimat. Meine Räume sind die Kleider meines Lebens. Ja, auch meine Kleider sind mir Heimat, Schuhe ebenso. Wenn sie gut eingetragen sind, gut eingelaufen, wenn sie Teil meiner äußeren Hülle geworden sind, die ich auch bin. Heimatgefühl entsteht durch Vertrautheit. Heimat sind Menschen, die mich verstehen. Heimat sind wir meine Zeiten mit dem Liebsten, Gespräche, Lachen, Sein.

Heimat sind mir geografisch definierbare, in Koordinaten fassbare Orte – die rote Bank auf dem Hügel über dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, ein Baum auf dem Schulweg zum Gymnasium (ob er noch steht?), Wege, die ich gegangen bin. Orte, die mit prägenden Erlebnissen verknüpft sind, werden mir Heimat. Schafft die Repetition Heimatgefühle? Sind es die Wiederholung, das Ritual – beispielsweise mein Yoga am Morgen –, die in mir Heimat schaffen, die Vertrautheit und Sicherheit des Absehbaren? Sind es die Dinge, die ich tue, die bewirken, dass ich mich beheimatet weiß, in mir drin, in der Umgebung, in der ich mich gerade aufhalte? Gut möglich.

Auch die Sonne hilft, dass ich mich auf der Erde daheim und willkommen fühle – egal wo. Ja, und die Farben des Lichts, genau, Farben! Farben und Bilder – sie sind eine universelle Sprache, die mir Heimat vermitteln können. Und wo ich sie mich nicht ansprechen, erlebe ich Fremdheit, Heimatlosigkeit, Verstörung. Mit Lärm geht es mir ebenso und mit Menschen, die mich nicht verstehen. Verstehen, verstanden werden, mich verständlich machen zu können – das sind meine Schlüssel um Heimat zu finden. Und hier meine ich jetzt nicht ausschließlich die gesprochene Sprache. Jegliche Bild- und Klangsprachen müssen in meine Herzsprache übersetzbar sein, damit ich in ihnen zu Hause sein kann. Sie müssen mich berühren, ansprechen, bei mir ankommen können, sie müssen in mir drin etwas bewirken, erst dann sind sie mir Heimat.

Es ist unser Herz der Seismograph für Heimat. Das Herz und unser Denken. Wie funktionieren unsere Wert- und unsere Weltbilder? Was glauben und was wissen wir, was interessiert uns, was treibt uns vor- und was rückwärts? Was sind uns Kunst und Kultur? Und wie gehen wir mit all diesen Informationen um? Wie begegnen unsere Innenräume der Außenwelt, entsteht dabei Resonanz? Dissonanz?

Mir sind sinnliche Erfahrungen wie Gerüche Heimat, Klänge und Töne, das Berühren ganz besonderer Dinge – das Brot im Ofen, Grillenzirpen, Vogelgezwitscher, ein von meiner Mutter geerbtes Geschirrtuch. Heimat sind mir meine Gedanken, jene im Kopf ebenso wie jene auf dem Papier oder in meinem Rechner. Auch mein Laptop und mein iPhone sind mir heimatliche Inseln, Orte, wo ich gerne meinen Anker auswerfe, um mich zu sammeln. Und um zu arbeiten. Die Brotarbeit ebenso wie die Kür an meinen Manuskripten, an Bildern, an Blogs. Ja, auch meine Blogs sind mir Heimat. Wie viele Heimaten ich habe! Das stimmt mich dankbar.

Eine darf ich nicht zu erwähnen vergessen: die Musik. Eine ganz wichtige Heimat für mich. Unverzichtbar. Ganz bestimmte Songs. Und auch ganz bestimmte Lieder, die ich zum Beispiel als Kind oder in einer Schwitzhütte gesungen habe. Kraftlieder, die mich von innen heraus nähren. In Musik verdichtet sich für mich Heimat am fassbarsten. Heimatlosigkeit ebenso. Nichts kann so ein- und ausschließen wie Musik. Sie markiert durch ihren Stil, wo ich hingehöre und wo nicht.

Dass Heimat durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie definiert sein kann, wissen wir. Und dass definierte Heimat auf einmal nicht mehr gelten kann, wissen wir auch. Immer und überall auf der ganzen Welt werden Menschen vertrieben. Heimat wird zu Nicht-Heimat. Zu Heimatlosigkeit.

Als wir vor einem Monat in Berlin waren, bekamen wir von unsern dortigen Freunden die Geschichte Cioma Schönhaus‘ mit auf den Weg. Ich habe inzwischen seine beiden Bücher gelesen, die er über seine Jugend als junger jüdischer Bursche in Berlin geschrieben hat und über sein Leben als Passfälscher im Untergrund. Auch von seiner erfolgreichen Flucht in die Schweiz und das Leben, das er seither dort „wie im Paradies“ führt, las ich. Mit großer Betroffenheit. Und dankbar, dass er in meiner Heimat auch seine Heimat gefunden hat. Heimat zu finden, nachdem man vertrieben und zur Flucht gezwungen worden ist – kann es ein größeres Geschenk geben?

Über Heimat nachzudenken verändert meine innere Haltung positiv und ich stelle fest, dass ich es wirklich schön habe. Nicht nur, nicht immer, aber auch. Und immer bewusster.

Links:
Cioma Schönhaus im Schweizer Fernsehen
Buch „Der Passfälscher“ bei Perlentaucher
Buch „Der Passfälscher im Paradies“ bei books.ch

Zur Erinnerung:
Aktuell stellen wir auf pixartix_dAS bilderblog Bilder verschiedener Künsterinnen und Künstlern zum Thema „heimatlos“ aus.

11 Kommentare zu „beheimatet“

  1. bei so vielen heimaten fragte ich mich beim lesen:
    wann und wo bist du unbeheimatet und was löst das bei dir aus?
    ist nicht auch die fremde, die ortlosigkeit, ja auch die heimatlosigkeit notwendig?

    noch etwas ist mir beim lesen aufgefallen:
    hast du selbst ein bewusstsein davon, dass deine texte (meist) eine schöne balance aufweisen, und zwar eine zwischen frage- und aussagesätzen? ist das absicht und formale strategie? oder ergibt sich das von selbst? die texte erhalten dadurch etwas offenes und dialogisches, denn die fragen sind leerstellen, die der leser füllen kann.

    gruß, uwe

    1. als jürgen und ich das neue pixartix-thema austüftelten, dachte ich: ja, heimatlos, das bin ich. als ich aber letzte woche intensiv damit anfing, das thema zu betrachten, erkannte ich: nein, ich bin nicht nur heimatlos. ich habe auch heimaten. mehr als ich dachte. so ist dieser artikel hier eine kleine hommage an diese meine heimaten.
      heimatlosigkeiten gibt es aber auch, viele, und vielleicht widme ich auch ihnen einen artikel. vielleicht.

      was du über die balance in meinen texten schreibst, berührt mich sehr. nein, ich war mir dessen nicht bewusst und legte es auch nicht darauf an. ich bin keine strategin.
      die dialoge passieren mir einfach … vielleicht, weil ich selbst offene texte gerne lese?
      danke!!!

      liebe grüsse, soso

  2. eine balance zwischen heimat und heimatlosigkeit, um an uwes schönen kommentar anzuschliessen.
    eine kleinigkeit noch zur arbeit: max weber hat da einst eine sehr schöne unterscheidung getroffen zwischen beruf und berufung, wer also das glück hat, seiner berufung nachgehen zu können, braucht sicher keine work – life balance, andere, die aber tun was sie können, um sich irgendwie ihren lebensunterhalt zu sichern, empfinden arbeit nach wie vor (und so zurecht wie zuvor) als entfremdung und nicht als teil ihres lebens.

    1. ja, liebe mützenfalterin, da ist natürlich schon eine kluft zwischen realität und ideal. ich bin mir sehr bewusst, dass ich eine alte idealistin bin und möchte mir dies eigentlich auch nicht ganz und gar nehmen lassen. dennoch: ich weiss darum, dass die wirklichkeit von arbeit oft eine andere ist als die von mir erhoffte: sprich beruf aus berufung und umgekehrt.

      dennoch kenne ich auch beispiele, wo beruf zwar nicht berufung ist, dennoch aber auch nicht unbedingt entfremdung …
      kein einfaches thema. ich danke dir für deine ergänzenden impulse!
      herzlich, soso

  3. Liebe Soso,
    ich glaube, wenn man mit dieser Intention (Deine Antwort zu Uwes Kommentar) an das Thema geht, kann genau das glücklicherweise geschehen: dass man zunehmend sieht und findet, wo eben doch Gefühle des Beheimatetseins durchaus vorhanden sind. So, wie ich Dich bisher gelesen und auch schon einmal erlebt habe, hätte ich, wie Du es auch selbst schreibst, Dich eher mit Gefühlen von Heimatverlust oder Heimatlosigkeit in Verbindung gebracht. Daher freut mich, dass Du so Vieles in Dir und um Dich herum gefunden hast, dass Dir ein Gefühl von Heimat, Angekommensein oder Identität vermitteln kann.
    Dass immer auch die jeweils andere Seite dessen, was wir im positiven oder negativen Sinn von unseren Erlebnisweisen äußern und offenbaren, existiert, glaube ich zu wissen.

    Danke Dir,
    mb

    1. konkav und konvex – das denk ich, wie ich deine zeilen lese, liebe mb. als ganz junge frau habe ich mal ein gedicht geschrieben, in dem ein loch gebuddelt wurde. in einem sandhaufen. das loch wurde tiefer und tiefer. schrecklich tief. daneben (unbeachtet) der berg aus ausgebuddeltem sand, der wuchs und wuchs.
      quod erat demonstrandum?
      tja … ich bin froh, dass ich das nun so sehen kann – dass ich nicht NUR heimatlos bin.
      danke dir für deine gedanken dazu.
      herzlich, soso

  4. feine Gedanken, die du zu Heimat formuliert hast! und auch ich bin überrascht was dir alles Heimat geworden ist- ich freue mich für dich!

    in einigem kann ich mich anschließen, aber aus aktuellem Anlass weiß ich auch, wie fragil Heimat sein kann, gerade wenn man sie in einem Menschen fand, der dann plötzlich keine Heimat mehr ist-

    liebe Grüße
    Ulli

    1. ja, fragil ist all das,, was ich an materiellen dingen aufgezählt habe. aber auch die an andern menschen hängenden heimatgefühle. hm. das vergessen wir. und übrig bleibt die heimatlosigkeit? auch nicht richtig. übrig bleibt eine mischung aus beidem? so irgendwie …

      danke!

  5. Das sind schöne Gedanken liebe Soso und ich freue mich, dass du trotz geglaubter Heimatlosigkeit so viele Heimaten für dich entdecken konntest. Damit hast du den Begriff auch einer eingesessenen Heimatlosen wie mir geöffnet.
    Ich gebe Uwe übrigens recht, deine Texte haben oft etwas erörterndes, gerade das macht sie für mich so spannend, weil du immer verschiedene Möglichkeiten, Aspekte des Themas auslotest. Liebe Grüße,

    1. zum ersten: das freut mich.
      zum zweiten: hach, ich bin halt zwilling. und ob ich jetzt daran glaube oder nicht: die zwei herzen in meiner brust spüre ich fast immer.
      danke und herzlich, soso

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