Sehnen, suchen und der Hunger nach Heimat

Sehnen wir uns denn nicht immer nach dem Unerreichbaren? Gibt es ein Leben ohne dieses allgegenwärtige Gefühl von Unzulänglichkeit und Nicht-Genug? [Können andere das? Und wenn ja, wer und wieso? Und wie geht es?]

Was müssten wir schon groß verändern und weiterentwickeln, wenn alles bereits gut genug wäre, alles erreichbar, alles da? Könnten wir leben, ertrügen wir das Leben, wenn alles gut wäre? Ist es nicht letztlich unsere Sehnsucht nach Mehr und nach Besser, welche die Basis für jegliche Evolution ist? Und brauchte es deshalb so etwas ähnliches wie einen Sündenfall? Die Vertreibung aus der Heimat als Katalysator, Heimatlosigkeit als Motor für Entwicklung … [Und der Sinn des Lebens das Finden meiner Heimat in mir?]

Wenn ich meinem gierigen, immer hungrigen Monster Heimatlosigkeit all meine inzwischen gefundenen und benannten Heimaten vorstelle, was dann? Es schüttelt leise den Kopf, grinst ziemlich fies und verdreht ein klein bisschen seine schielenden Augen.
Und das reicht dir?, fragt es. Als wäre nicht all das tausendmal besser als dieses zermürbende innere Gefühl, das dieses Monster in mir nährt, dass ich nämlich nirgends wirklich Zuhause bin. Tauziehen einmal anders. Ich setze mich hin. Ich betrachte mein Monster, das mit mir am Tisch sitzt, seit ich denken kann.
Das sind nicht deine Eltern, die haben dich bloß adoptiert!, war seine erste (verlogene) Einflüsterung, an die ich mich erinnern kann. Da war ich noch in der Unterstufe. Keine Frage, Monster Heimatlosigkeit weiß, wie man Menschen klein kriegt und weich kocht. Doch was ich nicht verstehe: Wozu? Die älteste Frage der Menschheit: Woher und wozu kommt das Leid und hängt es immer an der Sehnsucht mit dran?

Nein, keine Antworten, weder hier noch jetzt noch irgendwann. Jedenfalls keine endgültigen. Und nein, ich kann die Welt nicht retten. Höchstens mich. Mit Heimat-in-mir der Heimatlosigkeit-in-mir (und überall) ein wenig Gegengewicht geben. Ein wenig die Welt verbessern mit der Freude darüber, in mir mehr und mehr sesshaft geworden zu sein und all jene materiellen Dinge, die mir Heimat sind (oder zumindest so tun als ob), immer weniger zu brauchen.

Ist das womöglich Freiheit?
Heimat und Freiheit – sind die zwei überhaupt kompatibel?
Oder ist Freiheit gar nur möglich, wenn ich in mir ganz und gar beheimatet bin?

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weiterhin stellen wir Bilder aus zum Thema „heimatlos“ auf pixartix_dAS bilderblog

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20 Kommentare zu „Sehnen, suchen und der Hunger nach Heimat“

  1. Dir fehlt die Heimat, anderen die weite Welt, wieder anderen ein liebender Mensch, und ganz anderen Unabhängigkeit. Wir sind immerzu auf der Suche, und das ist der Grund, warum es Entwicklung und Fortschritt gibt, wie du gesagt hast. Aber ich glaube auch, dass das eine Genmutation ist, denn die Welt braucht unseren Fortschritt nicht, kein Tier und keine Pflanze bringt Fortschritt hervor und doch leben alle. Aber in uns steckt ein „Ist-das-alles?“- und „Mir-fehlt-etwas“-Gen. Das macht uns zum Menschen. Sonst wären wir zufrieden wie eine glückliche Kuh oder ein emporschießender Blumenkohl.

    Heimat ist irgendwo in uns drin, ich hab sie auch noch nicht gefunden, weil ich nicht mehr danach suche, sondern nach Freiraum, das ist eher mein Thema. Und wenn ich den gefunden habe, wird es etwas anderes sein. Das Leben ist eines der härtesten. 😉

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    1. mensch sein ist verda… anstrengend, jawohl. manchmal wäre ich gern ein blumenkohl. oder der apfelbaum vor meinem haus. und doch ist das leben auch spannend und ich lebe durchaus gerne … jede und jeder hat so ihr/sein thema … heimat und freiraum sind bei mir sehr nahe beeinander, das eine ohne das andere undenkbar. ob du das ähnlich siehst bei dir?
      aufhören nach heimat zu suchen stelle ich mir sehr entspannend vor. eine gute idee … danke!

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    2. Ich finde Freiraum im Moment gar nicht, obwohl ich in meiner Heimat lebe. Vielleicht ist Heimat für manche ein schützender Bereich, in dem sie sich nicht verstellen müssen, also frei sind zu sein, wie man sein will. Für andere ist Heimat aber auch ein eingefahrenes Straßennetz, das Abweichungen nicht duldet. Was wir uns sicher alle wünschen ist Geborgenheit, Dazugehörigkeit, Geliebtwerden. Vielleicht finden das manche in der Heimat. Sicher nicht alle.

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    3. liebe anhora
      heimat als geografisch definierbarer ort mit straßennetz so-und-so und ja nicht anders wird vielleicht wirklich überbewertet. ich denke, die komponete beziehungen, die mit dem jeweiligen ort verknüpft sind, darf nicht unterschätzt werden.
      dir wünsche ich, dass du in dir heimat findest und die freiräume auch wieder entstehen können.
      danke für deine gedanken zum thema!

      ps: und ja, ich denke, synonyme für heimat sind auf jeden fall geborgenheit und geliebt-werden und dazugehören. unbedingt!

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  2. Der Nordwind weht mal wieder , sagt meine Gatte manchmal genervt (in Anspielung auf den Film Chocolat in dem die Protagonistin an einem Ort immer nur bis zum nächsten Nordwind bleibt). Monster Heimatlosigkeit das die Augen verdreht unersättlich ist ist ein göttliches Bild. Fast noch besser als der Nordwind:)

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    1. oh, den film kenne und liebe ich auch. in einem berndeutschen song ist der protagonist „wie ein blatt im wind“ … und wenn er ruft, dann muss er gehen. wie im chocolat. ja …
      vielleicht. aber der wind führt uns leider nicht zu uns selbst, bestenfalls auf umwegen? 🙂
      danke für deinen input!

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  3. Heimat ist für mich der Ort, an dem ich am Morgen erwache, tief Luft hole und denke..ja hier gehörst du hin ! Du bist angekommen….
    Dieses Gefühl hatte ich die letzten 2 Jahre nicht..aber seit dem Umzug, bzw. Rückkehr ist es wieder da…bin angekommen..der Himmel ist weiter..man kann wieder durchatmen und fühlt sich einfach wohl…

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    1. das „hier gehör ich hin!“ zu finden, ist vielleicht das grösste glück? ich freue mich, dass du das erleben kannst. bei mir ist es ähnlich, seit ich wieder in der schweiz bin. mehr aber allgemein aufs land bezogen als speziell auf meinen wohnort und die gegend. dort sind es eher punktuelle orte. heimat verorten zu können, habe ich mir auch lange gewünscht, heute ahne ich, dass es bei mir weniger um orte als um das in-mir-drin geht.
      ahnen ist auch so was ähnliches wie sehnen, denk ich grad. 🙂

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    2. bei mir ist es auch nicht speziell dieses Dorf in dem ich jetzt lebe, im Nachbarort oder ein paar Ortschaften weiter würde ich mich gleichwohl angekommen fühlen..es ist das Land mit seinen Menschen, seiner Lebensart und allem was dazu gehört…

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  4. Auf Umwegen zu sich selbst. Mit dem Wind. Wie ein Baum im Wind. Mit allen Monstern, die immer genau dann da sind, wenn sie nicht gebraucht werden. Und doch gerade deswegen ist es so unglaublich interessant.

    Heimat vielleicht ein Haufen voller Gedanken & Gefühle neben dem man morgens aufwacht, tief Luft holt & irgendwie froh ist, dass er immer noch da ist. Der Haufen.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen, Fritsch.

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    1. tja, die monster … ja, sie sind wohl immer zur falschen zeit am falschen ort, und doch: ich habe von ihnen doch auch schon einiges gelernt. zum beispiel: dass sie gerne übertreiben, manchmal lügen sie auch. und manchmal sind sie die einzigen, die die wahrheit sagen. nur: wann sie was sagen, habe ich noch nicht ganz begriffen.

      dein letzer satz – heimat als haufen von gedanken und gefühlen – … ja, das hat was. der haufen klebt an uns. omni mecum porto – wie die lateinerin so schön sagt, ich trage alles mit mir.

      danke!

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  5. Ich kenne das, liebe Soso, diese Verbindung von Freiraum und Heimat. Immer wieder habe ich erst dann eine innere Freiheit verspürt, wenn ich (wie auch immer) beheimatet war. Früher dachte ich, das wäre ein Gegensatz: sich festzulegen, anzudocken und sich erst dann gleichermaßen befreit zu fühlen.
    Beheimatet empfinde ich mich vor allem in einer Beziehung zu einem wichtigen Menschen. Und wenn die stimmt und gut und richtig ist, kommt die innere Freiheit, die ich dann empfinde, und auch der innere Freiraum, ganz von selbst.
    Manchmal lässt sich das auch auf einen Ort oder meine Arbeit übertragen. Das ist zwar schwieriger und seltener, aber wenn es gelingt, steigt eine ungeheure Zufriedenheit in mir auf, die ich als absoluten, temporären Luxus empfinde.

    Danke Dir,
    herzliche Grüße, mb

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    1. liebe mb
      ich bin inzwischen auch der meinung, dass es vor allem beziehungen sind, die machen, dass ich mich irgendwo zuhause fühlen kann. natürlich gibt es – wie ich im vorherigen artikel schrieb – auch orte, die heimatgefühle in mir auslösen, doch wenn ich dann hinschaue, hat es ja doch auch mit menschen zu tun, die damals für mich mit diesem ort verbunden waren.
      ähnlich ging und geht es mir mit arbeitsstellen. wenn ich auf der beziehungsebene „daheim“ bin, fühlt sich eine arbeitsstelle auch eher heimatlich an. bestimmt ist das sehr unterschiedlich für uns menschen. bei mir aber so. und eben ähnlich wie bei dir.
      danke für deine inputs!

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  6. Stell dir mal eines dieser Momente vor, in denen du kurz wunschlos bist. Ist das nicht Freiheit? Was würde geschehen, wenn wir immer so fühlten? Wirklich Langeweile? Ich glaube nicht. Dieser Zustand lässt keine Langeweile zu. Davon bin ich überzeugt. Und ich weiß, dass das viele anders sehen. Besser und weiter reichen mir nicht. Ich will nur irgendwo diesen Ruhepunkt finden. Da, wo man kurz alle Seile loslassen kann und bemerkt, dass man nicht sie gezogen hat, sondern sie einen selbst.

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    1. vielleicht ist es ja die begrenztheit wunschlos glücklicher momente, die macht, dass wir uns weiterentwickeln in richtung glück? nein, solche momente sind nie langweilig und eigentlich wollte ich sie immer. aber ob ich die kapazität für immer-glücklich überhaupt habe?
      danke für deine nahrhaften denkanstöße!

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