Kreuz und quer im Kopf

Mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden. Sogar mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Kommt noch eine Fremdsprache ins Spiel, erst recht. Schon seit einer Woche bewegen wir uns auf dem einsamen Gehöft in der Südpfalz mitten im schottisch-englischen Sprachraum, denn Ray, unser Gast, versteht – außer Dankeschön und Bitteschön – kein Deutsch.

Mein Kopf ist zurzeit ein einziger Eintopf aus Schweizer- und hochdeutschen Gedanken und meinen englischen Übersetzungsversuchen. Komplexe und banale Gedanken ganz nah beieinander. Das Hirn arbeitet ständig auf irgendwelchen Hochtouren, funktioniert wie ein Katalysator, hält mich hellwach. Ich schlafe mit englischen Wortgeweben ein, spreche im Halbschlaf mit dem Liebsten englisch und suche zuweilen das deutsche Wort für einen Begriff, der auf Englisch ohne groß nachzudenken da ist. Nicht, dass ich besonders gut englisch könnte, nein, eher ist es so, dass die Sprache – erst einmal aus irgendwelchen kümmerlichen Kammern meines Gedächtnisses ausgepackt und nun wild geworden, da endlich befreit – übermütig ihr Comeback feiert (wie heißt das gleich auf Deutsch?) und sich nicht so schnell wieder bändigen lassen will. So ungefähr.

Zugegeben ganz schön anstrengend, zumal ich ja – wie ich dieser Tage oft denke – ein ziemlich fauler Mensch bin. Oder wohl besser eine ambitionslose Minimalistin, die nur tut, was sich ihr zu tun aufdrängt und was notwendig ist (allerdings fällt ihr auch das Nichtstun sehr schwer und andere sagen, dass meine Sicht hier gar nicht stimmt). Nun wird es kompliziert. Dass ich nur tue, was notwendig sei, schrieb ich eben, doch wer sagt (wem), was notwendig ist?

Wie Ray, Irgendlink und ich gestern Nachmittag nach einem Ausflug auf der Terrasse sitzen und Tee und Kuchen genießen, fangen wir an über meine These zu diskutieren, die da lautet:
Würde jeder und jede hinter sich aufräumen und putzen, bevor sie oder er den Platz oder Raum verlässt und weitergeht, wäre die Welt eine bessere.

Dass ich aufräumen und putzen als Metapher meine, muss ich den beiden Männern erst mal erklären, stelle dabei aber fest, dass das Ganze für mich ebenso als Nicht-Gleichnis, also wortwörtlich, einigermaßen passt. Damit wir uns richtig verstehen: Ich glaube nicht, dass die Welt durch mehr Putzen besser wird, eher so: wenn wir achtsam mit ihr, unsern Mitmenschen und uns selbst umgehen, hin und wieder auf das zurückschauen, was wir angerichtet haben, bewusster und rücksichtsvoller unsere Umgebung in unser Lebenskonzept einbeziehen, wäre die Welt anders, ich behaupte besser, lebenswerter. Dabei geht es für mich in erster Linie um Respekt und Wertschätzung. Es braucht nicht viel – eigentlich nur achtsame Aufmerksamkeit – um meiner Umgebung zu zeigen, dass ich sie ernst nehme, dass sie mir wertvoll ist. (Frage an mich: Zeugt der Status Quo unserer Gesellschaft davon, dass vielen Menschen ihrer Umwelt gegenüber diese Wertschätzung fehlt? Wenn ja, warum?)

Zum Beispiel: Ich räume mein oder auch unser aller Geschirr weg, nachdem ich etwas gegessen habe und trage es zur Spüle. Jemand von uns wird das Geschirr später spülen und noch später trocken zurück in den Schrank stellen. Was wäre, wenn wir das nicht tun würden, im Kleinen so wenig wie im Großen …?

Ist es also – um zu meiner Frage nach der Definition von Notwendigkeit und zu meiner tollen These zurückzukommen – notwendig für eine bessere Welt, dass wir hinter uns aufräumen? Besonders dann, wenn unsere Talente ganz woanders liegen? Es gibt doch so viel wichtigeres als diese verdammte Sache mit der Ordnung und Sauberkeit (und ja, ich tue auch viele andere Dinge lieber als Geschirrspülen …)

Ich schweife ab. Wir sitzen also am Tisch, wie oft in diesen Tagen, und diskutieren über Gott, die Welt, die Männer und die Frauen. Stimmt es wirklich, dass sich Frauen schneller an Unordnung und Dreck stören, wie Ray behauptet. Ich weiß es nicht, bringe den persönlichen Ekelpegel ins Spiel, wie Irgendlink und ich jenen Punkt nennen, ab welchem einem Dreck und Chaos geradezu körperlich weh tun. Gar nicht so leicht, dieses Wort zu übersetzen, zumal Leo für Ekel eine ganze Palette an Vorschlägen hat, die Ray alle als zu stark ablehnt. Auf das Thema sind wir gekommen, weil Irgendlink montags und dienstags bei einem unglaublich chaotischen Umzug mitgeholfen hat und dabei Schmutz und Durcheinander in kaum zu übertreffendem Ausmaß ertragen musste. (Müßig zu sagen, dass der Umziehende männlich war? Klischees wollen doch einfach ab und zu gestreichelt werden.)

Rücksicht. Noch so ein Wort, das Menschen, die zusammensitzen, -wohnen, -leben betrifft, egal ob sie das lang- oder kurzfristig tun.
Wie würde ich, wenn ich du wäre?, frage ich mich oft. Nein. Ich frage nicht wirklich, ich denke die Frage noch nicht einmal, ich fühle sie, habe sie ganz und gar verinnerlicht. Und von da aus, irgendwo aus meiner Mitte, interpretiere ich meine Mitmenschen. Ständig.
Wie kann ich mich verhalten, dass du dich wohlfühlt? Auch das denke ich nicht wirklich und doch verhalte ich mich so. Dass das nicht alle so handhaben, weiß ich schon lange. Erschrecken tut es mich dennoch immer wieder, wie geradezu unsensibel manche Menschen mit ihren Freunden und Mitmenschen umgehen. Gestern Abend, in Kollege T.s köstlicher Tapas-Bar, wohin uns Ray zu seinem Urlaubsabschluss eingeladen hat, kam das Gespräch wieder auf diesen unsäglichsten aller Umzüge, denn auch Kollege T. hat bei diesem mitgeholfen und – ebenso wie Irgendlink – viel Zeit, Mühe und Energie hineingesteckt. Als Lohn ein Dankeschön hätte den beiden schon gereicht. Fürs Erste. Ob das zu viel verlangt ist?

Gewohnheiten. Vieles tun wir, weil wir es so gelernt haben – oft so unbewusst und unreflektiert, dass wir noch nicht mal sagen könnten, warum wir es tun. Vieles jedoch tun wir aus Überzeugung.

Hinter sich aufzuräumen zum Beispiel, wenn ich hier von mir ausgehen darf. Zwar habe ich es als Kind beigebracht bekommen, dennoch tue ich es aus Überzeugung und weil es mir ein Bedürfnis ist. Weil ich Ordnung mag. Ich tue es aber ebenso aus Rücksichtnahme und Respekt meinen Mitmenschen gegenüber. Kann ich es dennoch von andern erwarten?
Wahrnehmen, was andere benötigen – auch das habe ich unterwegs gelernt, aber darf ich das bei andern voraussetzen?
Die Grenzen anderer zu respektieren, lernte ich dadurch, dass andere die meinen immer wieder eintraten. Grenzen anderer zu respektieren – zumindest das will ich von anderen erwarten. Obwohl ich weiß, dass es gefährlich ist, Erwartungen an meine Umwelt zu haben, denn machen Erwartungen mich letztlich nicht unfrei?

Nicht nur mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden und nicht nur mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Auch geschriebene Worte sind gefährlich, ungeschrieben ebenso. Auch Bloggen, meiner Meinung nach eine der demokratischten Formen der freien Meinungsäusserung, ist gefährlich. Was soll’s: Leben ist gefährlich.

Thank you very much. You’re welcome.

Advertisements

Ein farbiges Wochenende

Alle Stimmen sind farbige Gummischnüre geworden, die sich ineinander und miteinander verweben. Muster entstehen und fließen durch meine müden Knochen und meine Synapsen schließen sich kurz. Ich werde vom Klangteppich um mich herum mitgetragen und döse allmählich ein. Es ist Sonntagnachmittag, kurz vor drei, und ich habe mich zu Erholungszwecken in die Loungeecke der Zweibrücker Galerie Prisma in die Polstergruppe gesetzt. Gelegt käme der Sache schon näher. Wie müde ich bin! Seit Freitagabend sind wir mehrheitlich (außer nachts) hier und zelebrieren Col Art. Zelebrieren ist vielleicht ein klein wenig übertrieben, aber nur ein wenig, denn sobald ich einen Pinsel in der Hand habe – ich beobachte, dass es andern ebenso geht – feiere ich ein Fest der Farben.

Auch die Kunstrichtung Col Art feiert: Vor fünfundvierzig Jahren wurde sie von Marc Kuhn ins Leben gerufen und feiert seit ungefähr fünf Jahren eine Art Wiedergeburt. Wie die aus einem langen Schlaf erwachte Spinne im Dornröschenschloss sucht sie sich neue Ecken und Winkel, wo sie ihre Künste zeigen und verbreiten kann. Weben und spinnen, so denke ich, wie ich den Pinsel in die rote Farbe tunke, das tun wir hier in der Tat. Auf neuen und angefangenen Bildern setzen wir mit unserer ganz persönlichen Farbsprache Akzente – vernetzen uns mit dem Bestehenden, und spinnen an neuen Bildern herum. Wir markieren nicht mit Duft- sondern mit Farbnoten, wir hinterlassen Spuren. Zusammen Bilder zu malen ist an sich nichts Neues und auch nichts, was den Namen Kunstrichtung verdient. Das Besondere an Col Art ist, dass die Kompositionen nicht nur im Kollektiv (=Col) entstehen, sondern auch koordiniert werden. Entweder wird die zu bemalende Leinwand in eine bestimmte Anzahl Felder unterteilt oder ein Thema – beispielsweise Menschen und ihre Gesichter – gibt den Rahmen vor. Und dann geht’s los. Male ich auf einer bereits sehr vollen Fläche, integriere ich meine Pinselstriche stärker in die vorhandene Malerei und beziehe mich, wo es passt, auf die Umgebung. Male ich in einer Ecke, die noch leer ist, kann ich stärker eigene Akzente setzen. Spannend ist, wie bei uns allen selbst in kleinen Bildausschnitten die jeweilige, individuelle Bildsprache sichtbar wird.

Ja, aber, geht denn das? Ist das Kunst? Ist das nicht einfach eine Art kollektive Selbsterfahrung? (Hat der Kaiser wirklich Kleider an?) Dass namhafte Künstler wie Beuys, Lohse und viele andere an Bildern von Col Art mitgearbeitet haben, mag den Skeptischen unter uns imponieren, doch was ist es nun wirklich, dieses Col Art-Malen?

#

Die ewige Gretchenfrage aller Kunstschaffenden nach dem Wesen von Kunst – und was sie nicht ist – diskutiere ich an diesem langen Weekend immer wieder mit anderen Menschen. Mit Männern, mit Frauen, mit offiziell als Kunstschaffende Anerkannten ebenso wie mit sich als Laien Bezeichnenden. Die Antwort fällt immer wieder anders aus. Wo Laien mitarbeiten, kann keine Kunst herauskommen, höre ich jemanden sagen. Auch das Wort Beliebigkeit (die in den Bildern hier sichtbar werde) höre ich fallen und ich selbst muss gestehen, dass mir längst nicht alle dieser kollektiven Kunstwerke, die in der Galerie Prisma hängen, gefallen. Ich gestehe ebenfalls, dass mir nicht alle Kunstwerke in jedem Kunstmuseum gefallen, auch wenn große Namen darunter stehen. Das müssen sie auch nicht.

Intuition und Phantasie, Zufall und zielgerichtete Absicht, Beherrschung des Handwerks und Sorgfalt sind für mich einige der Ingredienzien, die es braucht um Werke zu kreieren, die ich Kunst nenne, nennen kann. Auch über Freund Zufall bei der Entstehung von Kunst diskutiere ich da und dort, denn dieser ist für mich kein unwesentlicher Kumpel in der Malerei. Vielleicht sollte ich es besser die Improvisationsfähigkeit der Künstlerin oder des Künstlers nennen, wenn ein Tropfen Farbe oder ein Strich zu viel eine Wende ins Bild bringt und damit eine neue Dynamik oder eine neue Richtung vorgibt?

#

Wie auch immer: Es wird viel geredet dieser Tage. Und es wird viel gemalt. An Skulpturen, an angefangenen und an neuen Bildern. Auf Papier und auf Leinwand. Ein paar ortsansässige Kunstschaffende bringen eigene Werke mit – Skizzen, Fotografien, Skulpturen und Gemälde –, die anschließend von den Anwesenden mit Farbe neu interpretiert werden.

Ist Kunst nicht letztlich immer nur Interpretation? Immer nur das und so viel, wie die Betrachtenden sehen können; sehen, verstehen und in die eigene Sprache übersetzen.

Doch immer nur kunsten geht beim besten Willen nicht. Am Samstag war ich deshalb erst am Nachmittag in der Galerie und gestern brauchten Irgendlink, unser Gast Ray und ich mittendrin eine Pause. Kopf lüften, Nickerchen machen. Die Perspektive wechseln.

Wie wichtig das ist, hat mir am Morgen Rossana aus Mexico erzählt. Sie ist Marc Kuhns Lebens- und Arbeitspartnerin. Es ist gut, immer wieder zurückzutreten und die Perspektive zu wechseln, sagte sie zu mir. Nur mit ein bisschen Abstand sehe man, ob das Werk fertig sei oder ob noch etwas entscheidendes fehle.

Wann ist ein Col Art-Bild fertig und wer entscheidet das? Ertrage ich leere Flächen oder muss mein ganzes Feld bunt sein, frage ich mich, während ich an einer gemeinsamen Leinwand male.

Samstagabends ist das einsame Gehöft alles andere als einsam. Grillen und Gespräche am Feuer nähren Herzen, Bäuche und Seelen – ein schöner Abend unter einem fast vollen Mond. Der längst Tag des Jahres. Am Sonntagabend grillen wir alle gleich nochmals, diesmal bei Künstlerin B. und ihrer Familie.
Wir sind eine große Familie geworden!, sagt diese nach dem gemütlichen Essen und fasst zusammen, was wir andern denken und fühlen.

Ich bin dennoch froh, dass so intensive Tage nicht Alltag sind. So schön das alles war, so froh bin ich jetzt, dass ich durchatmen und Bilder sichten kann.

____________________________________

Bilder: Nikon/Gimp

Unser Freund und Gast Ray Harris aus Schottland hat in seinem Blog ebenfalls einige Bilder und Texte publiziert. Bitte hier klicken.

Ein Wurmloch in Raum und Zeit

Es ist kurz nach elf Uhr nachts. Flughafen Frankfurt Hahn. Ein Flughafen mitten im Niemandsland, der vor allem mit Billiglinien arbeitet und weder an die Autobahn noch an den öffentlichen Verkehr angeschlossen ist … Es regnet schon seit einer Dreiviertelstunde ziemlich stark, nachdem es schon eine Stunde vorher heftig gestürmt und gewittert hat.

Unterwegs durch die Nacht zuckten wir immer wieder zusammen, wenn mächtige Blitze den schwarzen, mondlosen Himmel zerrissen und erhellten. Mit Hilfe einer Navi-App fuhren wir die uns beiden unbekannte Strecke und sind minutengenau vor dem Flughafengebäude angekommen. Zu früh, wie wir bald feststellen werden, denn Rays Flug aus Edinburgh hat sich verspätet.

Erstaunlich belebt ist es hier zu so später Stunde. In der Welt, die wir betreten haben, ist alles möglich. Nachts essen, was man sich tagsüber versagt, geht hier, und auf den Bänken schlafen, um die zwischen den Kontinenten verlorene Zeit wiederzufinden, ebenfalls. Wartend verrinnt die Zeit immer am langsamsten, überlege ich. Fünfundzwanzig Minuten müssen wir totschlagen. Tote Zeit? Ich taste nach meinem iPhone, während Irgendlink versucht, einen näheren oder günstigeren Parkplatz zu finden. Keine Chance.

Ich gehe derweil im Kreis herum wie der berühmte Panther im Käfig und tippe auf der kleinen Tastatur. Mit dem Daumen, wie früher bei den alten Handys. Brainstorming. Das hier kommt dabei heraus. Ich könnte auch in meinem angefangenen eBook weiterlesen. Oder statt tun einfach nur sein. Sein und schauen. Den Menschen zuschauen, denn das ist es, was ich auf Flughäfen oder Bahnhöfen am liebsten mache.

Da sind die zwei oppulenten, aufgemotzten Damen, die vor mir her zur Toilette gehen und sich beinahe beim Notausgang verirren. Spanisch reden sie und neben ihnen fühle ich mich in meiner Fleecejacke ziemlich underdressed. Auf dem Rückweg lächelt mir ein dösender Rucksackreisender aus kleinen Äuglein zu und ich erinnere mich an eine Nacht auf dem Flughafen in Rio, wo wir den Last Call um an Bord zu gehen beinahe auf unsern Rucksäcken liegend verschlafen haben. Ich kreuze erneut einen mit Kilt gekleideten Mann, der an einen Bistrotisch lehnt und seiner Begleiterin seine Lebensgeschichte erzählt. Oder so. Die Inderin mit Sari und Highheels, in denen ich mir schon beim ersten Schritt das Bein brechen würde und ihr Partner mit Vokuhila-Frisur, samt Pferdeschwanz, warten – wie es aussieht – auf den gleichen Flieger wie wir.

Und auf einmal geht die Türe auf. Ein erster Gast aus Schottland betritt das neue Land. Doch da ist niemand, der auf ihn wartet. Mit seinem Rollkoffer (heute haben alle Rollkoffer!) geht er, ohne einen Blick in die Runde zu werfen, an uns vorbei. Er ist ein (oder mimt zumindest den) Routinier. Dann eine Gruppe Spanier, einer davon mit einem zu kurzen Bein oder einer kaputten Hüfte. Er hinkt stark. Mir tut beim Zuschauen meine Hüfte weh und ich wende meinen Blick ab.
Noch drei Leute bis Ray, wette ich mit Irgendlink. Es sind dann allerdings fünf, bevor Ray endlich die Schleuse verlässt und auf uns zu steuert.

Der Regen hat nachgelassen, die App bringt uns wieder sicher nach Hause und anderthalb Stunden später sitzen wir gemütlich im Atelier und trinken Bier.

Anti Brumm®, der Igel (anwesend) und die Katze (abwesend)

Die gestrige Fahrt mit meinem Fiesta in die Südpfalz war bei dieser Sommerhitze alles andere als ein Fest. Trau keinem Autonamen! Schmunzelnd und beinahe vor mich hin schmelzend, dachte ich daran, wie einst jemand über die Distanzen, die Irgendlink und ich zurücklegen, um uns zu sehen, meinte: Das muss aber eine große Liebe sein. Auf dem einsamen Gehöft angekommen, besprechen wir die nächsten Tage. Volles Programm. Morgen, Freitagabend, die Vernissage im Prisma, dazu zwei Kulturevents, über die Irgendlink für die regionale Zeitung schreiben soll – ein neuer alter Nebenjob. Heute Abend wird Ray kommen, mit dem Flugzeug aus Schottland. Vor einem Jahr haben er und Irgendlink sich auf der Ums Meer-Tour kennengelernt. Ray will die Col-Art und das Prisma kennenlernen und eine Woche Ferien auf dem Bauernhof machen.

So viel Platz es auf dem einsamen Gehöft hat, so viele Möglichkeiten gibt es, Gäste unterzubringen. Aber nicht alles ist für alle passend und auch wir haben nichts gegen Privatsphäre einzuwenden. Will heißen, die Künstlerbude, das Herzstück von Irgendlinks Lebensraum, ist zwar geräumig, hat aber keine Türen (außer zum Klo). So diskutieren wir, was wohl für uns drei am angenehmsten ist – zumal ja die Bude bei diesen Temperaturen nicht der einzige warme Platz ist. Wir planen alles auch im Hinblick auf das nächste Wochenende, wenn wieder Gäste kommen, aus Paris diesmal. Dann nämlich wird auf dem einsamen Gehöft eine AfricArt-Ausstellung von fünf Kunstschaffenden aus Burkina Faso stattfinden …

Lange Rede, kurzer Sinn. Wir beschließen, mein altes Futonsofa aufzustellen – zum Beispiel in einer Ecke des Ateliers. Für Ray oder für uns.

Ich schweife ab. Eigentlich wollte ich doch nur erzählen, wie sich Wünsche manchmal ganz schnell erfüllen und warum heute Anti Brumm® im Titel steht. Nein, ich mache hier weder aktiv Werbung für Mückenschutz-Produkte, keine Angst, noch habe ich etwas gegen anwesende Katzen (außer wenn es so heiß ist, dass ich nirgends berühren und berührt werden mag, weil jede Berührung, selbst die des Stuhles und die der Kleider mich schwitzen lässt). Außer, wenn diese Katzen ein heißes Fell haben …

Was ich mir wünschte? Vor Tagen dachte ich schon, dass ich mal wieder unter freiem Himmel schlafen möchte, doch die Bequemlichkeitsschwelle war zu hoch. Bis jetzt. (Und auf einmal wäre der Sommer vorbei und ich hätte mal wieder keine einzige Nacht im Freien verbracht – ich kenne mich!)

Wir könnten heute Nacht auf dem Futon schlafen, hier, auf der Terrasse, sagt Irgendlink, als wir uns mit heißem Tee abkühlen (klingt paradox, hilft aber wirklich). Auf einmal sehe ich die Erfüllung meines Wunsches ganz nahe.

Nach dem Essen, es hat endlich ein wenig abgekühlt, bauen wir das Sofa auf der Terrasse auf. Damit wir bei Regen nicht flüchten müssen, stellen wir es unter das Scheuendach. Ich freue mich aufs Schlafengehen wie ein Kind auf die Schulreise und bin froh, dass wir allein auf dem Hof sind. Die Nachbarn, Irgendlinks Eltern, sind im Urlaub.

Noch um halb zwölf ist es so heiß, dass wir keine Decken brauchen. Am Nachthimmel ein schon fast voller Mond, verhüllt von einer zarten Nebelschicht. Die Pappeln rauschen. Zum Glück gibt es auch mit achtundvierzig noch Dinge, die ich ein erstes Mal erlebe. Eine derart schöne Nacht unter freiem Himmel hatte ich noch nie. So gediegen! Mit richtigem Bett und Bettzeug – und das alles draußen! Zugegeben, fast alle meine Nächte unter dem offenen Himmel waren schön (abgesehen von jenen ein-zwei Malen, wo es irgendwann zu regnen angefangen hatte), doch diesmal liege ich eben nicht, wie bisher immer, in einem Schlafsack auf einer dünnen Matte.

Die Nacht ist still bis auf ihre eigenen Geräusche, dort ein Rascheln im Gras, da ein Rauschen in den Bäumen. Ich erwache oft, schlafe aber immer wieder sehr schnell ein. Träume. Höre der Stille zu. Sehe, wann immer ich die Augen öffne, den wandernden Mond , der sogar durch meine Augenlider zu dringen vermag, aber den Schlaf raubt er mir nicht. Ich verschlafe sogar den Igel, der sich am Anti Brumm® , das am Kopfende unseres Lagers steht, vergreifen will (nachdem er, wie ich vermute, Mietze das Futter weggeschnappt hat). Irgendlink verscheucht ihn. Ist Anti Brumm® , das grüne, das so lecker nach Zitronen-Eukalyptus riecht, womöglich ein Pro Igel-Ding? Dass Igel mögen, was Mücken und Zecken hassen, kann ich mir gut vorstellen. Ob Mietze wohl eher wie Mücken tickt oder eher wie Igel? Jedenfalls hat sie uns in Ruhe gelassen, zum Glück, denn Katzen im Bett mögen wir beide nicht. Ist Anti Brumm® das neue Anti Schnurr?

Am frühen Morgen setzt das Vogelorchester ein. Sie geben alles und heißen den neuen Tag vielstimmig willkommen. Zwar nicht wegen uns, aber ich genieße es dennoch sehr und döse wohlig immer wieder ein. Später weckt mich eine Mücke mit ihrem Gesirr über meinem Ohr. Ich spraye mich erneut mit Anti Brumm® ein. Nachdem wir die Mücken vertrieben haben, kommen die Fliegen. Es gelingt mir zum Glück irgendwann, sie zu ignorieren. Später streicht der Morgenwind durch die Äste der Pappeln und sie beginnen zu singen.

Gibt es einen schöneren Wecker-Klingelton?, überlege ich, und bedaure alle Menschen, die ihn noch nie gehört haben. Und alle, die noch nie draußen übernachtet haben, bedauere ich auch gleich. Irgendlink räkelt sich. Wie spät es wohl ist?, überlegen wir. Neun? Falsch. Erst acht Uhr. So richtig ausgeschlafen habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Schon heute Nacht werden wir nicht mehr allein auf dem Hof sein. Besonderes darf ruhig eine Ausnahme bleiben.