Kleine Unterschiede?

Wie wir gestern das Haus verlassen, um eine kleine Radtour zu machen, steht die Haustür offen. Auch die vom Haus vis-à-vis: weit offen, Geräusche von Staubsaugern. Samstagsstimmung im Quartier. Bei meinem Haus scheinen einige MitbewohnerInnen dazusein, denn einige Autos stehen davor und einige Fenster offen. Wir befinden uns in einem ruhigen Wohnquartier eines großen Schweizer Dorfes.

Ich setze mir den Helm auf, als Irgendlink meint:
Ähm, willst du die Haustür nicht zumachen? (Anzumerken ist, dass es sich um Sechsparteien-Haus handelt und wir vorhin die Wohungstür abgeschlossen haben.) Ich muss wohl ziemlich verdutzt geguckt haben. Zucke die Schultern.
Soll sie schließen, wer sie geöffnet hat, sage ich.
Irgendwie, setzt Irgendlink an, irgendwie ist das ja schon paradiesisch. Du lebst in einem Land, wo auch nicht abgeschlossene Dinge als jemandes Besitz verstanden werden. Wo nicht automatisch alles, das nicht abgeschlossen ist, niemandem und allen gehört. Bei uns in Deutschland gilt: Wer nicht abschließt, ist selbst schuld, wenn etwas geklaut wird.

Darüber muss ich erst einmal nachdenken – und das nicht zum ersten Mal. Wieder geht es hier (wie im vorletzten Artikel meines Blogs) um Vertrauen in die Gesellschaft, in der wir leben. Und natürlich geht es letztlich auch um Respekt vor dem Gut anderer. Vor Besitz. Vielleicht ist es hier so, dass wir in diesem Land, das Irgendlink manchmal Puppenstubenwelt nennt, den eigenen Besitz so überhöht haben, dass wir eben auch den Besitz anderer mit diesem Blick betrachten? Vielleicht ist der Satz „was du nicht willst, das man dir tue, das füg‘ auch keinem andern zu“, den ich quasi mit der Milchflasche eingetrichtert bekommen und verinnerlicht habe, auch bei andern SchweizerInnen Erziehungsprogramm gewesen? Vielleicht hat dies alles auch mit dem politischen Gedanken der Mitverantwortung zu tun, den wir hier – in diesem basisdemokratisch regierten Land – ganz praktisch leben.

Vorgestern Abend erinnerte mich mein virtueller Kalender daran, dass ich abstimmen soll. Ich soll mitentscheiden, ob ich für eine neue Umfahrung bin (eine Abstimmung auf der kantonalen Ebene > Aargau), ob ich dafür bin, dass das Asylgesetz verschärft wird und ob das Volk direkt den Bundesrat wählen soll (zwei nationale Abstimmungen). Ich habe mir in den letzten Wochen so meine Gedanken zu diesen Vorlagen gemacht, konsultiere aber nun noch die Webseiten der von mir sympathisierten Parteien, um deren Wahlparolen zu beachten. Die Parteien und ich sind einer Meinung. Dreimal Nein schreibe ich auf die drei Wahlzettel und stecke sie in einen verklebbaren kleinen Umschlag. Danach unterschreibe ich den dem Umschlag beigelegten Stimmrechtsausweis, auf dem meine Adresse und meine Kennnummer stehen und stecke alles in den Rücksende-Umschlag, den ich theoretisch entweder per Post (dazu ist es aber zu spät) oder per Briefkasten des Gemeindehauses dem Wahlbüro zukommen lassen kann. Irgendlink hat zuerst gekichert, als ich den Umschlag sorgfältig bei der Perforation geöffnet hatte, dann gestaunt. Tricky, dass der gleiche Umschlag auch für die Rücksendung verwendet werden kann.

Ich gestehe, ich bin manchmal ein klein bisschen stolz auf solche Errungenschaften wie Basisdemokratie, Respekt und weltweit höchte Recyclingquote trotz keinerlei Flaschenpfand – zwar sind sie nicht mein Verdienst, doch habe ich sie verinnerlicht und praktiziere sie alltäglich und selbstverständlich. Natürlich habe ich auch all die spießigen Seiten meines Landes verinnerlicht und bin dadurch bei Abweichungen von meinen Werten auf eine Weise intolerant, die Deutsche manchmal kopfschüttelnd betrachten.

Wir radeln los. Zu einem Punkt, den wir aus Zufallszahlen generiert haben. 191 Grad und 7 km Luftlinie vom Ausgangspunkt – so definierten wir noch zu Hause unser gestriges Tagesziel. Alles Radwege, hat Irgendlink gejubelt, wie er sich die Karte auf dem iPhone angeschaut hat.
Bei uns gibt es kaum eine Straße, außer der Autobahn, die keinen Radstreifen hat, murmle ich kleinlaut. Das muss also nicht heißen, dass das alles nun speziell ruhige Radwege sind.

Ich habe einige Caches in der Nähe des Ziels und für unterwegs aufs iPhone geladen und so machen wir noch einen kleinen Bergwald-Schlenker und finden eine wunderbar idyllische Waldecke, wo ich bestimmt nicht das letzte Mal war. Später radeln wir über Felder und durch die kleine Orte meiner Kindheit und Jugend (da und dort hat der und die gewohnt) und finden schließlich unser Tagesziel inmitten einer Nutzwiese in der Nähe von Möriken. Wir stellen uns so auf, dass wir uns gegenseitig fotografieren können, Spinner wir, und fahren dann weiter zum nächsten Geocache.

Auf dem Rückweg Gespräche darüber, dass sich alle Leute irgendwie abreagieren. Auch in dieser sauberen Zuckerpuppenwelt.
Hier, über Land, tun sie es mit rasen, meint Irgendlink.

Die Welt geht vor die Hunde, resümmiert mein Liebster, wie wir uns unserm Wohnquartier nähern. Die Menschheit wird immer kaputter. Alle tun irgendwas, um das Leben aushalten zu können. Die einen rasen, andere werden kriminell, wir leben in einer immer kränker werdenden Gesellschaft, die sich selbst zerstört in ihrer Gier und ihrem Egoismus… Ich sehe von der Seite, wie seine Augen funkeln – wie immer, wenn er ein bisschen übertreibt.
Hat das alles nicht schon Sokrates gesagt?, frage ich. War die Menschheit nicht immer schon so?

Und hindert uns das daran, zu versuchen, so gut wie möglich zu leben?, frage ich mich selbst, wie ich das Fahrrad vor dem Haus mit einem Ringschloss vor Dieben schütze während Irgendlink seins vorsorglich in den Keller trägt.

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Übrigens: auch Irgendlink hat über unsere Zufallsradtour gebloggt.

* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

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7 Kommentare zu „Kleine Unterschiede?“

  1. Irgendlinks Aussage über „Deutschland“ trifft mich tief. Ja, wirklich. Weil: in dem anderen Stück Stück „Deutschland“, in dem, das nicht mehr ist, also in der DDR, dort war kaum irgendwo ein Wohnhaus abgeschlossen. Oft waren auch die Wohnungstüren zwar ge-, aber nicht abgeschlossen. Menschen kannten sich, achteten aufeinander und auf ihr Umfeld. (Naja, und Klauen lohnte sich auch nur selten. Und das ist meine Erinnerung, die natürlich trügen kann.)

    Miteinander vs. Gegeneinander …

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    1. obwohl ich auch schon beklaut worden bin, habe ich mir doch (naiv und blauäugig wie ich bin), eine art grundvertrauen ins die menschen bewahrt. damit bin ich nicht allein, meine frendin l. schliesst das haus nie ab (ausser wenn sie in die ferien fährt). ja, wie du sagst: die soziale kontrolle und eben auch mitverantwortung spielt … schade, wenn das verloren geht.

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  2. Na ja, ich habe auch in Deutschland ganz andere Erfahrungen gemacht. Als ich auf dem Land gewohnt habe, wurde gar nichts abgeschlossen. Und auch hier wo wir jetzt leben steht die Eingangstür eigentlich immer offen. Manchmal auch wenn ich weg bin, weil ich häufig abzuschliessen vergesse. Und ich vergeße es, weil ich immer noch diesen naiven Kinderglauben habe, dass schon niemand einbrechen wird. dass die menschen im grunde eben nicht böse sind.

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    1. das freut mich total.

      ich glaube, da spielen neben nationalen, vor allem regionale und persönliche gewohnheiten eine rolle. und meine ansicht hier teilen längst nicht alle schweizerInnen. in den (größeren) städten sowieso eher nicht?!

      schön, dass du dir auch diesen glauben bewahrt hast!

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  3. was mir aufgefallen ist als ich in die Schweiz kam: hier kontrolliert kein/e Kassierer/in im Supermarkt, ob da vielleicht noch was im Wagen liegt, es gibt keine Spiegel an der Kasse; und die Wohnungstüren sind anders: in Deutschland gibt’s von außen meist den Knauf, das heißt, ist die Tür im Schloss ist sie auch verschlossen; hier in der Schweiz sind es immer Klinken, man muss abschließen wenn die Tür nicht offen stehen soll; die Menschen allerdings erlebe ich als höflicher und gleichzeitig verschlossener als in Deutschland (an der Nahe oder in Mainz wo wir vorher lebten); wir haben in den 3 Jahren fast ausschließlich andere Expats als Freunde gefunden

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    1. du empfindest uns schweizerInnen zwar als „vertrauensvoller“ in der öffentlichkeit und als höflicher, aber auch als unnahbarer?
      ich glaube, das trifft ziemlich gut auf uns zu und auch auf von mir gemachte beobachtungen.
      in der schweiz habe ich vier deutsche liebe freundinnen/kolleginnen, die hier leben (in dtld ein paar mehr) ob ich damit wohl eine ausnahme bin? gut möglich.
      „wir“ wollen vermutlich langsam (!) „gezähmt“ werden, denk ich grad. wer weiss? ein häufig gehörter kritikpunkt in richtung dtld ist: sie sind immer so schnell! alles muss schnell gehen! ich sag nur: aldikasse.
      oh, da gibts spiegel? wer kommt denn auf sowas?!? ts ts ts

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