Figuren kreieren

Sie sitzen im Kreis. Mit offenen Mündern, die Augen weit aufgerissen, hören sie zu. Bei den einen glitzert es sogar ein wenig in den Augenwinkeln und als die Heldin die wackelige Brücke überquert hat, geht ein Aufatmen durch den Raum und die angespannten Glieder bewegen sich wieder. Die Kindergärtnerin klappt das Buch zu und auf einmal wird aus dem mäuschenstillen Menschenknäuel wieder ein wilder Haufen Piraten und Zauberinnen.

Die Heldin ist gerettet. Der Protagonist hat sein Ziel erreicht. Wir brauchen sie, diese Figuren aus den Geschichten, die wir lesen oder uns im Fernsehen oder Kino ansehen. Sie vertreten uns und helfen uns, zu leben. Gemäß eines Creative Writing Workshops in den USA – nein, ich habe keinen besucht und werde es höchstwahrscheinlich auch nie tun – soll unsere Heldenfigur innerhalb der ersten vier Seiten eines Romans eine sympathische Tat vollbringen. Weil sonst unsere Lesenden, so geht das Gerücht, das Buch zuklappen. (Hat mir ein Bekannter erzählt, der einen solchen Workshop besucht hat. Oder jemanden kennt, der einen besucht hat. Oder so.)

Na ja, solche Vorgaben finde ich stereotyp und nicht besonders kreativ, aber die Idee hat was. Die Figur, die ich für die nächsten hundert, ein-, zwei-, dreihundert Seiten begleiten werde, muss es wert sein. Sie muss mir also so weit sympathisch sein, dass ich mitgehen will. Selbst wenn diese Figur ein Schelm und ein Kunstdieb ist. Ich denke dabei an Martin Suters Figur Allmen oder Jo Nesbøs Headhunter.

Wir Schreibenden manipulieren. Immer. Bewusst oder unbewusst. Sobald wir an einem Text arbeiten, den wir nicht nur ausschließlich für uns selbst schreiben, angefangen beim Brief hin zum Artikel fürs Blog bis zur Romangeschichte, überlegen wir uns genauer, wie wir was sagen. Ich lese Sätze, die ich ins Tagebuch schreibe, selten durch, doch bereits Briefe und Mails lese ich (meistens) mindestens einmal durch. Ich formuliere manchmal kopfgesteuert oder ich lasse meine Gedanken einfach intuitiv aufs Papier oder in die Tasten fließen. Eins ist dabei klar, auch wenn ich nicht jedes Mal darüber nachdenke: ich will eine Aussage machen und mit dieser eine ganz bestimmte Wirkung erzielen. Ich will verstanden werden und darum unterstreiche ich meine Absicht mit möglichst passenden Worten. Wie es eine Kundenmalerin tut, wenn sie einen Raum neu streicht. Sie wählt jene Farbe aus, die den gewünschten Effekt erzielen soll. Oder der Koch: er hat die Zutaten und dazu eine Idee, wie das Ergebnis auf dem Teller aussehen und im Gaumen schmecken soll. Alle sind wir in irgendwas gut und darin wissen wir, wie wir die richtige, die von uns gewünschte Wirkung erzielen können.

Worte sind meine Gewürze, meine Farben, meine Klänge. Die Tastatur ist mein Instrument, mein Medium, mein Kochlöffel.

Zurzeit arbeite ich mehr oder weniger intensiv an der Fertigstellung eines Romanes, an dem ich schon seit Jahren brüte. Ich balanciere dieser Tage ständig zwischen innen und außen. Ich will die Geschichte um ihrer selbst willen erzählen (einzig das Wie ist noch nicht in jedem Detail klar). Ich will dieses Geschichte erzählen, weil ich sie erst dann wirklich loslassen kann. Und auch, weil ich sie erzählenswert finde. Ich erzähle sie, weil sie sich mir aufdrängt. Es gäbe nettere Geschichten zu erzählen, gewiss. Meine ist nicht nett. Es ist keine Mainstreamgeschichte, keine laute, schrille, die das Zeug zum Bestseller hat – nicht jedenfalls um ihres Inhalts willen. Meine Geschichte ist mein Stein, der sich mir zum Behauen in den Weg gestellt hat. Weil ich die Kenntnisse und das Werkzeug habe und weil ich die Form im Stein sehe, die ich freilegen soll, habe ich mich zur Dienerin des Steins gemacht.

Die Werkzeuge der Steinhauerin dienen der Manipulation des Steins. Hier zuckt niemand beim Wort Manipulation. Auch bei Bildbearbeitung mit Photoshop und Co. stolpert niemand allzu sehr über dieses Wort. Aber beim Schreiben, oh weh, da bekommt das Wort schnell einen negativen Beigeschmack und wir denken an Werbung, an Propaganda und an Diktaturen.

Sobald ich mit einem Text den Innenraum meiner Gedanken und den Innenraum meiner Festplatte verlassen und ihn einer Leserin oder einem Leser zeigen will, ist es nicht mehr egal, wie ich schreibe. Mir nicht, meiner Leserschaft nicht. Der Balanceakt beginnt. Ich schreibe so, dass ich möglichst so verstanden werden kann, wie ich verstanden werden will. Und doch bleibe ich mir treu. Mir und meinem Schreibstil. Meiner Denkart. Meinen Bildern.

Und genau hier wird es schwierig: Ich-du-er-sie-es-wir alle können nicht anders als von uns und unserer Bilderwelt auf jene der andern zu schließen. Weil wir nur diesen einen Einblick in ein menschliches Denk- und Wahrnehmungskonzept haben – dazu noch sehr lückenhaft. Was ich hartnäckig türkis nenne, nennt Freundin L. genau so hartnäckig grün, nur so als Beispiel.

Ist meine Figur A. für alle, die meinen Roman lesen, sympathisch? Und falls ja, verspielt sie sich diese Sympathie womöglich schon auf den ersten zehn Seiten, weil sie etwas auf eine bestimmte Weise macht, denkt, sagt, schreibt, die meine Lesenden doof finden? Sie für alle und um jeden Preis sympathisch machen zu wollen, kann also nicht funktionieren. Muss auch nicht.

Momentan lese ich ein eBook. Der Protagonist dieses Romans ist ein snobistischer Kotzbrocken. (Ich bin allerdings erst im ersten Viertel und lese das Buch weiter, weil ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass er mir vielleicht doch noch sympathisch wird). War es Absicht des Autors, seinen Protagonisten so unsympathisch zu erschaffen? Weil dem Autor die Leserinnenschaft völlig egal ist? Als Experiment? Oder, und das ist die Frage, die mich am meisten beschäftigt, ist der Protagonist womöglich andern Lesenden durchaus sympathisch? Dass nicht alle allen sympathisch sind, wissen wir. Aber …

Für meine Schreibarbeit extrahiere ich aus meiner aktuellen Leseerfahrung folgende Frage: Kann und darf eine Figur, die wir uns als Schreibende auf eine bestimmte Art vorstellen, auf andere ganz anders oder sogar völlig gegenteilig wirken, als wir es uns vorgestellt hatten?

Ich folgere, dass unsere manipulativen Fähigkeiten nur bis dahin reichen, wo unsere Lesenden ihre Erfahrungsschätze und ihre Phantasie auspacken. Somit ist jede Geschichte immer mehr als das, was ich erzählen kann. Sie ist immer eine Synthese zwischen meinem Text und dem Lesegaumen meines Gegenübers.

Was eine Figur sympathisch oder unsympathisch macht? Obwohl sich diese Frage kaum abschließend und verallgemeinernd beantworten lässt und schon gar nicht befriedigend, gibt es wohl ein paar generelle Kriterien: Eine Hauptfigur muss menschlich sein und fehlerhaft . Sie soll ein paar nicht allzu schlimme Schwächen haben und weder darf sie zu schön noch zu hässlich sein, sonst macht sie uns Angst oder stößt uns ab. Hier betrete ich bereits wackeligen Boden. Denn es gibt durchaus hässliche Romanfiguren, die mir ans Herz wachsen können. Und sogar wunderschöne. Lassen wir es also einfach bei den erstgenannten: menschlich und unvollkommen.

Umgekehrt stellt sich die Frage, was eine Figur unsympathisch macht. Unsere Feindbilder sind so individuell wie unsere Geschichten. Als möglicherweise allgemein akzeptierte Kriterien nenne ich deshalb nur Arroganz, Korinthenkackerei, Besserwisserei, Hochnäsigkeit und Unsensibilität.

Stellt sich die Frage, ob solche Eigenschaften wirklich auch als solche wahrgenommen werden (siehe das erwähnte eBook). Womöglich wirken auf andere Leserinnen und Leser Besserwissertum und Arroganz ja als Gelehrtheit und Abgeklärtheit?

Sich gute Geschichten auszudenken ist eins, sie in lesbare Texte umzusetzen, damit andere Menschen sie lesen, mitgehen und im Idealfall etwas mitnehmen können, das ihr Leben bereichert, etwas anderes.

Ohne gute Geschichten wäre mein Leben grau. Eine gute Geschichte muss mich berühren. Ziemlich einfach eigentlich.

Und für dich?

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9 Kommentare zu „Figuren kreieren“

  1. Gehen wir nun nochmals zum essen: Schokolade oder Brausebonbon? Irgendwann habe ich eines von beiden gegessen, das macht meine Person aus. Wenn jemand sagt: igitt, wie kann man Brausetabletten essen?- sage ich: yes i can. Ich weiß, es ist nicht so einfach, aber vielleicht auch nicht verkehrt, den Meckerer im Hinterkopf auf leise zu schalten. Ich wünsche Dir gutes Gelingen bei Deinem Roman.

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    1. wenn ich mich richtig erinnere, habe ich als kind auch diese knallgelben supersauren tiki-tabletten – beim drandenken wirds mir sauer im mund bis hinter die ohren! – gelutscht. und geliebt! kinder können vieles, was uns ekelt. 🙂
      du meinst, es ist unmöglich alle perspektiven abzudecken?! recht hast du!
      sonnige grüße aus dem süden
      soso

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  2. Liebe Soso,
    ein feiner Artikel, der mich sehr anspricht und dessen Fragestellungen ich spannend finde. Immer wieder.
    Aber Du hast hinsichtlich Deiner Motivation, diesen Roman, bzw. diese Geschichte mit ihren Figuren aufzuschreiben, auch gesagt: “ …weil ich sie erzählenswert finde. Ich erzähle sie, weil sie sich mir aufdrängt.“
    Das halte ich für das Wichtigste, wenn man einen komplexen Text, wie einen Roman, schreibt oder schreiben möchte. Was der Leser damit macht, wie er sich zu den Figuren stellt, unterliegt eigenen Gesetzen. Entscheidend finde ich, wie gut die Figuren ausgearbeitet sind, wie glaubwürdig sie auf den Leser, die Leserin wirken. Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, wie viele von uns vermutlich, dass ich einen Charakter, einen Protagonisten meinetwegen auch, beim ersten Lesen vor zehn Jahren anders „gelesen“ habe als später irgendwann. Bei einer gut ausgearbeiteten Figur ist es für mich weniger wichtig, ob ich mich mit ihr identifizieren kann, oder nicht. Und je nach eigener Befindlichkeit natürlich auch.
    Ich wünsche Dir ganz viel Muße, Lust und Energie und Neugier für die Arbeit an Deinem Text,

    herzlich, mb

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    1. hach, liebe mb, deine ermutigungen tun mir sooo gut. danke sehr!
      das ausarbeiten der figuren fasziniert mich sehr und ich hoffe sehr, dass es mir gelingen wird.

      du wärst bestimmt eine gute erstleserin, denk ich grad!

      herzlich, soso

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