Anti Brumm®, der Igel (anwesend) und die Katze (abwesend)

Die gestrige Fahrt mit meinem Fiesta in die Südpfalz war bei dieser Sommerhitze alles andere als ein Fest. Trau keinem Autonamen! Schmunzelnd und beinahe vor mich hin schmelzend, dachte ich daran, wie einst jemand über die Distanzen, die Irgendlink und ich zurücklegen, um uns zu sehen, meinte: Das muss aber eine große Liebe sein. Auf dem einsamen Gehöft angekommen, besprechen wir die nächsten Tage. Volles Programm. Morgen, Freitagabend, die Vernissage im Prisma, dazu zwei Kulturevents, über die Irgendlink für die regionale Zeitung schreiben soll – ein neuer alter Nebenjob. Heute Abend wird Ray kommen, mit dem Flugzeug aus Schottland. Vor einem Jahr haben er und Irgendlink sich auf der Ums Meer-Tour kennengelernt. Ray will die Col-Art und das Prisma kennenlernen und eine Woche Ferien auf dem Bauernhof machen.

So viel Platz es auf dem einsamen Gehöft hat, so viele Möglichkeiten gibt es, Gäste unterzubringen. Aber nicht alles ist für alle passend und auch wir haben nichts gegen Privatsphäre einzuwenden. Will heißen, die Künstlerbude, das Herzstück von Irgendlinks Lebensraum, ist zwar geräumig, hat aber keine Türen (außer zum Klo). So diskutieren wir, was wohl für uns drei am angenehmsten ist – zumal ja die Bude bei diesen Temperaturen nicht der einzige warme Platz ist. Wir planen alles auch im Hinblick auf das nächste Wochenende, wenn wieder Gäste kommen, aus Paris diesmal. Dann nämlich wird auf dem einsamen Gehöft eine AfricArt-Ausstellung von fünf Kunstschaffenden aus Burkina Faso stattfinden …

Lange Rede, kurzer Sinn. Wir beschließen, mein altes Futonsofa aufzustellen – zum Beispiel in einer Ecke des Ateliers. Für Ray oder für uns.

Ich schweife ab. Eigentlich wollte ich doch nur erzählen, wie sich Wünsche manchmal ganz schnell erfüllen und warum heute Anti Brumm® im Titel steht. Nein, ich mache hier weder aktiv Werbung für Mückenschutz-Produkte, keine Angst, noch habe ich etwas gegen anwesende Katzen (außer wenn es so heiß ist, dass ich nirgends berühren und berührt werden mag, weil jede Berührung, selbst die des Stuhles und die der Kleider mich schwitzen lässt). Außer, wenn diese Katzen ein heißes Fell haben …

Was ich mir wünschte? Vor Tagen dachte ich schon, dass ich mal wieder unter freiem Himmel schlafen möchte, doch die Bequemlichkeitsschwelle war zu hoch. Bis jetzt. (Und auf einmal wäre der Sommer vorbei und ich hätte mal wieder keine einzige Nacht im Freien verbracht – ich kenne mich!)

Wir könnten heute Nacht auf dem Futon schlafen, hier, auf der Terrasse, sagt Irgendlink, als wir uns mit heißem Tee abkühlen (klingt paradox, hilft aber wirklich). Auf einmal sehe ich die Erfüllung meines Wunsches ganz nahe.

Nach dem Essen, es hat endlich ein wenig abgekühlt, bauen wir das Sofa auf der Terrasse auf. Damit wir bei Regen nicht flüchten müssen, stellen wir es unter das Scheuendach. Ich freue mich aufs Schlafengehen wie ein Kind auf die Schulreise und bin froh, dass wir allein auf dem Hof sind. Die Nachbarn, Irgendlinks Eltern, sind im Urlaub.

Noch um halb zwölf ist es so heiß, dass wir keine Decken brauchen. Am Nachthimmel ein schon fast voller Mond, verhüllt von einer zarten Nebelschicht. Die Pappeln rauschen. Zum Glück gibt es auch mit achtundvierzig noch Dinge, die ich ein erstes Mal erlebe. Eine derart schöne Nacht unter freiem Himmel hatte ich noch nie. So gediegen! Mit richtigem Bett und Bettzeug – und das alles draußen! Zugegeben, fast alle meine Nächte unter dem offenen Himmel waren schön (abgesehen von jenen ein-zwei Malen, wo es irgendwann zu regnen angefangen hatte), doch diesmal liege ich eben nicht, wie bisher immer, in einem Schlafsack auf einer dünnen Matte.

Die Nacht ist still bis auf ihre eigenen Geräusche, dort ein Rascheln im Gras, da ein Rauschen in den Bäumen. Ich erwache oft, schlafe aber immer wieder sehr schnell ein. Träume. Höre der Stille zu. Sehe, wann immer ich die Augen öffne, den wandernden Mond , der sogar durch meine Augenlider zu dringen vermag, aber den Schlaf raubt er mir nicht. Ich verschlafe sogar den Igel, der sich am Anti Brumm® , das am Kopfende unseres Lagers steht, vergreifen will (nachdem er, wie ich vermute, Mietze das Futter weggeschnappt hat). Irgendlink verscheucht ihn. Ist Anti Brumm® , das grüne, das so lecker nach Zitronen-Eukalyptus riecht, womöglich ein Pro Igel-Ding? Dass Igel mögen, was Mücken und Zecken hassen, kann ich mir gut vorstellen. Ob Mietze wohl eher wie Mücken tickt oder eher wie Igel? Jedenfalls hat sie uns in Ruhe gelassen, zum Glück, denn Katzen im Bett mögen wir beide nicht. Ist Anti Brumm® das neue Anti Schnurr?

Am frühen Morgen setzt das Vogelorchester ein. Sie geben alles und heißen den neuen Tag vielstimmig willkommen. Zwar nicht wegen uns, aber ich genieße es dennoch sehr und döse wohlig immer wieder ein. Später weckt mich eine Mücke mit ihrem Gesirr über meinem Ohr. Ich spraye mich erneut mit Anti Brumm® ein. Nachdem wir die Mücken vertrieben haben, kommen die Fliegen. Es gelingt mir zum Glück irgendwann, sie zu ignorieren. Später streicht der Morgenwind durch die Äste der Pappeln und sie beginnen zu singen.

Gibt es einen schöneren Wecker-Klingelton?, überlege ich, und bedaure alle Menschen, die ihn noch nie gehört haben. Und alle, die noch nie draußen übernachtet haben, bedauere ich auch gleich. Irgendlink räkelt sich. Wie spät es wohl ist?, überlegen wir. Neun? Falsch. Erst acht Uhr. So richtig ausgeschlafen habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Schon heute Nacht werden wir nicht mehr allein auf dem Hof sein. Besonderes darf ruhig eine Ausnahme bleiben.