Ein farbiges Wochenende

Alle Stimmen sind farbige Gummischnüre geworden, die sich ineinander und miteinander verweben. Muster entstehen und fließen durch meine müden Knochen und meine Synapsen schließen sich kurz. Ich werde vom Klangteppich um mich herum mitgetragen und döse allmählich ein. Es ist Sonntagnachmittag, kurz vor drei, und ich habe mich zu Erholungszwecken in die Loungeecke der Zweibrücker Galerie Prisma in die Polstergruppe gesetzt. Gelegt käme der Sache schon näher. Wie müde ich bin! Seit Freitagabend sind wir mehrheitlich (außer nachts) hier und zelebrieren Col Art. Zelebrieren ist vielleicht ein klein wenig übertrieben, aber nur ein wenig, denn sobald ich einen Pinsel in der Hand habe – ich beobachte, dass es andern ebenso geht – feiere ich ein Fest der Farben.

Auch die Kunstrichtung Col Art feiert: Vor fünfundvierzig Jahren wurde sie von Marc Kuhn ins Leben gerufen und feiert seit ungefähr fünf Jahren eine Art Wiedergeburt. Wie die aus einem langen Schlaf erwachte Spinne im Dornröschenschloss sucht sie sich neue Ecken und Winkel, wo sie ihre Künste zeigen und verbreiten kann. Weben und spinnen, so denke ich, wie ich den Pinsel in die rote Farbe tunke, das tun wir hier in der Tat. Auf neuen und angefangenen Bildern setzen wir mit unserer ganz persönlichen Farbsprache Akzente – vernetzen uns mit dem Bestehenden, und spinnen an neuen Bildern herum. Wir markieren nicht mit Duft- sondern mit Farbnoten, wir hinterlassen Spuren. Zusammen Bilder zu malen ist an sich nichts Neues und auch nichts, was den Namen Kunstrichtung verdient. Das Besondere an Col Art ist, dass die Kompositionen nicht nur im Kollektiv (=Col) entstehen, sondern auch koordiniert werden. Entweder wird die zu bemalende Leinwand in eine bestimmte Anzahl Felder unterteilt oder ein Thema – beispielsweise Menschen und ihre Gesichter – gibt den Rahmen vor. Und dann geht’s los. Male ich auf einer bereits sehr vollen Fläche, integriere ich meine Pinselstriche stärker in die vorhandene Malerei und beziehe mich, wo es passt, auf die Umgebung. Male ich in einer Ecke, die noch leer ist, kann ich stärker eigene Akzente setzen. Spannend ist, wie bei uns allen selbst in kleinen Bildausschnitten die jeweilige, individuelle Bildsprache sichtbar wird.

Ja, aber, geht denn das? Ist das Kunst? Ist das nicht einfach eine Art kollektive Selbsterfahrung? (Hat der Kaiser wirklich Kleider an?) Dass namhafte Künstler wie Beuys, Lohse und viele andere an Bildern von Col Art mitgearbeitet haben, mag den Skeptischen unter uns imponieren, doch was ist es nun wirklich, dieses Col Art-Malen?

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Die ewige Gretchenfrage aller Kunstschaffenden nach dem Wesen von Kunst – und was sie nicht ist – diskutiere ich an diesem langen Weekend immer wieder mit anderen Menschen. Mit Männern, mit Frauen, mit offiziell als Kunstschaffende Anerkannten ebenso wie mit sich als Laien Bezeichnenden. Die Antwort fällt immer wieder anders aus. Wo Laien mitarbeiten, kann keine Kunst herauskommen, höre ich jemanden sagen. Auch das Wort Beliebigkeit (die in den Bildern hier sichtbar werde) höre ich fallen und ich selbst muss gestehen, dass mir längst nicht alle dieser kollektiven Kunstwerke, die in der Galerie Prisma hängen, gefallen. Ich gestehe ebenfalls, dass mir nicht alle Kunstwerke in jedem Kunstmuseum gefallen, auch wenn große Namen darunter stehen. Das müssen sie auch nicht.

Intuition und Phantasie, Zufall und zielgerichtete Absicht, Beherrschung des Handwerks und Sorgfalt sind für mich einige der Ingredienzien, die es braucht um Werke zu kreieren, die ich Kunst nenne, nennen kann. Auch über Freund Zufall bei der Entstehung von Kunst diskutiere ich da und dort, denn dieser ist für mich kein unwesentlicher Kumpel in der Malerei. Vielleicht sollte ich es besser die Improvisationsfähigkeit der Künstlerin oder des Künstlers nennen, wenn ein Tropfen Farbe oder ein Strich zu viel eine Wende ins Bild bringt und damit eine neue Dynamik oder eine neue Richtung vorgibt?

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Wie auch immer: Es wird viel geredet dieser Tage. Und es wird viel gemalt. An Skulpturen, an angefangenen und an neuen Bildern. Auf Papier und auf Leinwand. Ein paar ortsansässige Kunstschaffende bringen eigene Werke mit – Skizzen, Fotografien, Skulpturen und Gemälde –, die anschließend von den Anwesenden mit Farbe neu interpretiert werden.

Ist Kunst nicht letztlich immer nur Interpretation? Immer nur das und so viel, wie die Betrachtenden sehen können; sehen, verstehen und in die eigene Sprache übersetzen.

Doch immer nur kunsten geht beim besten Willen nicht. Am Samstag war ich deshalb erst am Nachmittag in der Galerie und gestern brauchten Irgendlink, unser Gast Ray und ich mittendrin eine Pause. Kopf lüften, Nickerchen machen. Die Perspektive wechseln.

Wie wichtig das ist, hat mir am Morgen Rossana aus Mexico erzählt. Sie ist Marc Kuhns Lebens- und Arbeitspartnerin. Es ist gut, immer wieder zurückzutreten und die Perspektive zu wechseln, sagte sie zu mir. Nur mit ein bisschen Abstand sehe man, ob das Werk fertig sei oder ob noch etwas entscheidendes fehle.

Wann ist ein Col Art-Bild fertig und wer entscheidet das? Ertrage ich leere Flächen oder muss mein ganzes Feld bunt sein, frage ich mich, während ich an einer gemeinsamen Leinwand male.

Samstagabends ist das einsame Gehöft alles andere als einsam. Grillen und Gespräche am Feuer nähren Herzen, Bäuche und Seelen – ein schöner Abend unter einem fast vollen Mond. Der längst Tag des Jahres. Am Sonntagabend grillen wir alle gleich nochmals, diesmal bei Künstlerin B. und ihrer Familie.
Wir sind eine große Familie geworden!, sagt diese nach dem gemütlichen Essen und fasst zusammen, was wir andern denken und fühlen.

Ich bin dennoch froh, dass so intensive Tage nicht Alltag sind. So schön das alles war, so froh bin ich jetzt, dass ich durchatmen und Bilder sichten kann.

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Bilder: Nikon/Gimp

Unser Freund und Gast Ray Harris aus Schottland hat in seinem Blog ebenfalls einige Bilder und Texte publiziert. Bitte hier klicken.

22 Kommentare zu „Ein farbiges Wochenende“

  1. Weiß ich nicht, aber aus dem einen komme ich und wundere mich was es da alles zu sehen gibt 🙂 Danke für die Rückmeldung.

  2. Nein, immer möchte mensch nicht immer über Kunst und was es nu is und nich is reden müssen – lach, aber iommer mal wieder eintauchen, in das Spiel der Farben, der unterschiedlcihen Pinselstriche, Blickwinkel und … schon!

    danke, liebe Soso für diesen sehr lebendigen Artikel, durch den die Atmosphäre spürbar wird …

    nun wünsche ich dir/euch ein gutes Ausschnaufen, Bilder sichten, Seele baumeln lassen

    liebe Grüße
    Ulli

  3. Bunte Eindrücke schenkst du uns hier. Ich wusste nicht das man es Col Art nennt, wenn mehrere an einen Bild mitwirken. Ich mache das öfter mit meinen Förderkindern, dass ich eine Leinwand in Flächen aufteile auf die jeder etwas zeichnen kann. Wieder was gelernt, danke schön. 🙂

    Es war bestimmt spannend, ich stelle es mir aber auch anstrengend vor solange dort, im Gewusel, präsent zu sein. Nichts für mich, bestimmt hätte ich nach spätestens zwei Stunden die Flucht ergriffen. *g*

    Liebe Grüße, Szintilla

  4. Also, ähm, hüstel, Col Art als Kunstrichtung, lebt davon, dass sogenannte KünstlerInnen plus sogenannte LaiInnen gemeinsam an einem gemeinsamen Konzept arbeiten … hüstel … 😉

    Ja, es war wirklich spannend. Auch das Phänomen „anstrengend“, denn wenn ich am Malen war, konnte ich das ganze Gewusel wunderbar ausblenden. Tauchte ich wieder auf, war es mir sofort zu viel. Verrückt, wie kreatives Tun uns absorbiert. 🙂

    Auch dir liebe Grüsse,
    soso

  5. Ich beneide dich! Ach, ich möchte auch malen und kreativ sein, allein zu Hause macht man es leider nie. Und die schönen Fotos… Irgendlink „kannte“ ich ja schon (von Bildern), aber jetzt hab ich dich auch mal gesehn, du Hübsche! 🙂

    Buntes Grüßle,
    Anhora

  6. Liebe Soso,
    das muss ein schönes, vielleicht bereicherndes, auch anstrengendes Wochenende gewesen sein! Herzlichen Dank, dass Du uns daran teilnehmen lässt.
    Was ich glaube, gut nachvollziehen zu können, ist Dein Gedanke: “ .. denn wenn ich am Malen war, konnte ich das ganze Gewusel wunderbar ausblenden.“ Gut, wenn man immer mal wieder in etwas so eintauchen kann, dass man sich selbst und alles drumherum .. vergisst.
    Ich kenne das überwiegend, wenn ich lese oder schreibe.

    Herzliche Grüße von uns beiden, und auch an Jürgen
    mb

  7. Ein sehr farbiger inspirierender Tag muss das gewesen sein, Soso, und genauso hast du ihn auch beschrieben und uns einen bunten Einblick verschafft, danke dafür! Eine spannende Idee, gemeinsam an Bildern zu malen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Zusammenarbeit von Künstlern und Laien nicht unbedingt einfach ist wegen des Selbstverständnisses der „richtigen“ bzw. sich so verstehenden Künstler.

  8. zwei tage waren das 🙂 und ja, da gibt es immer wieder diskussionen. spannend und herausfordernd. macht aber auch viel spaß!

    danke für deine zeilen 🙂

  9. Ja, pardon, natürlich waren es zwei Tage, das hatte ich auch so verstanden. 😉 Klingt wirklich sehr spannend und intensiv – und ich verstehe, dass es auch anstrengend war!

  10. Hier die ungefähre Übersetzung aus dem Spanischen des Briefes, D., an Dich von Rossana (Duran), die, wie Du weisst, eine renomierte Kunstmalerin Mexicos‘ ist (mit härzlechen Gruess – ou a Jürgen- vom Marc!):

    Meine liebe D.!
    Danke für Deinen Text ! Du schreibst auf kreative und ehrliche Weise, die die Anerkennung derjenigen verdient, die es lesen. Ich konnte fühlen, was Du für Zweifel und Antworten auf die Col-Art-Aktivitäten hast. Als aktive Kunstmalerin möchte ich hier meine Denkanstösse beifügen, wenn es Dir recht ist:

    Eine Feier: Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass man sich festlich gestimmt fühlt, wenn während ein paar Stunden eine Anzahl Menschen ihr Ego überwinden und sich bereit erklären in der Gemeinschaft zu kreieren. Es ist dabei wichtig, an den Wert dieses kollektiven Schaffens zu glauben, um so auch die zu animieren, die so etwas bisher nicht getan haben.
    Klar, wir Menschen haben bereits als Höhlenbewohner auch gemeinsam kreiiert, und so geschah es auch im Mittelalter bis hin zur Renaissance.
    Es ist aber ein neues Paradigma, dass in der Hypermodernität bildende Künstler sich erneut bereit erklären, auch gemeinsam wesentliche Werke zu erschaffen!
    Wenn ich mich als professionelle Malerin bereit erkläre, für ein paar Stunden an der Seite anderer mich bildnerisch einzubringen, so verliere ich dabei nichts von meinem persönlichen Stil, der sich ansonsten in der Einsamkeit manifestiert. Mit andern gemeinsam zu malen, für die die Bildsprache Alltag ist, ist für mich bereits faszinierend.
    Es aber gemeinsam mit solchen zu tun, die sich gerne als „des Malens unfähig“ bezeichnen, ist in meinen Augen ein „göttliches Geschenk“!
    Wieso – lässt sich fragen- entsteht auf einer Col-Art-Leinwand Harmonie?
    Und wer leitet diesen Prozess?
    Ich kann ohne jeden Zweifel sagen, dass es das in jedem von uns angelegte Talent ist, seine innere Wirklichkeit auszudrücken, und sei dies auch nur während ein paar Stunden.
    Dabei kommt es nicht darauf an, ob sich dies in Formen, Farben oder Tönen manifestiert. Es ist -in aller Einfachheit- die Offenbarung jeder Seele, die sich an Unbekannte richtet. Es ist der ansonsten liebenswürdige Zuschauer, der sich selbst mit Erstaunen in dieses spielerische Geschehen einbringt. Und diese Energie erfüllt die Realisationen von Col-Art!
    Was ist oder ist nicht Kunst?
    Nur mit den Jahren wird es – bezüglich jetzt entstehender Werke- den Kunstkennern möglich sein, dies zu definieren.
    Als ich in der Art Basel letztes Jahr in einer Riesenlache aus Acryl stand und neben einem gigantischen Tintenfisch, habe ich mir dieselbe Frage gestellt wie Du in Deinem Text.
    Aber wisse, dass wenn mit Freude und Lust kreiert wird, und dies zudem in Gemeinschaft mit andern, dann breitet sich das aus.
    Und wer beim Entstehungsprozess nicht dabeisein konnte, der spürt trotzdem danach als Betrachter die Schönheit und Energie des entstandenen Werkes, welches ihn zunehmend einnimmt!
    Ohne Zweifel ist Col-Art eine Kunstrichtung, denn in ihr vereinigen sich sehr verschiedene Kunststile in einem neuen Werk.
    Aber so, wie auch ein Symphonieorchester einen Dirigenten braucht, um die Energie zu bündeln und das tiefe Gemeinschaftserlebnis für alle Anwesenden wahrhaftig zu machen, so brauchen auch Col-
    Art-Realisationen den Animator, die Koordinatorin….
    Schönheit und Harmonie sind unerlässlich für unsere Zellen, und es es wichtig, ihnen in unserem Leben zu begegnen!
    Die Col-Bewegung will weder erobern noch sich mit Glorie bedecken.
    Col ist für alle diejenigen gedacht, die sich daran zu erinnern wünschen, was es heisst, Teil eines grösseren Ganzen zu sein, und dies spezifisch in der Sprache der Farben und Formen.
    Wir sind dabei, unsere Col-Webseite neu einzurichten (www.col-art.ch) und wünschen uns in ihr viele Links zu Freundinnen und Freunden. Sobald wir soweit sind, würden wir uns freuen, diesen Link auch mit Deinen Seiten zu verknüpfen.
    Sei herzlich umarmt und erhalte unsere besten Wünsche, natürlich auch für Jürgen und im Namen von Marc! Deine Rossana

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