Kreuz und quer im Kopf

Mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden. Sogar mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Kommt noch eine Fremdsprache ins Spiel, erst recht. Schon seit einer Woche bewegen wir uns auf dem einsamen Gehöft in der Südpfalz mitten im schottisch-englischen Sprachraum, denn Ray, unser Gast, versteht – außer Dankeschön und Bitteschön – kein Deutsch.

Mein Kopf ist zurzeit ein einziger Eintopf aus Schweizer- und hochdeutschen Gedanken und meinen englischen Übersetzungsversuchen. Komplexe und banale Gedanken ganz nah beieinander. Das Hirn arbeitet ständig auf irgendwelchen Hochtouren, funktioniert wie ein Katalysator, hält mich hellwach. Ich schlafe mit englischen Wortgeweben ein, spreche im Halbschlaf mit dem Liebsten englisch und suche zuweilen das deutsche Wort für einen Begriff, der auf Englisch ohne groß nachzudenken da ist. Nicht, dass ich besonders gut englisch könnte, nein, eher ist es so, dass die Sprache – erst einmal aus irgendwelchen kümmerlichen Kammern meines Gedächtnisses ausgepackt und nun wild geworden, da endlich befreit – übermütig ihr Comeback feiert (wie heißt das gleich auf Deutsch?) und sich nicht so schnell wieder bändigen lassen will. So ungefähr.

Zugegeben ganz schön anstrengend, zumal ich ja – wie ich dieser Tage oft denke – ein ziemlich fauler Mensch bin. Oder wohl besser eine ambitionslose Minimalistin, die nur tut, was sich ihr zu tun aufdrängt und was notwendig ist (allerdings fällt ihr auch das Nichtstun sehr schwer und andere sagen, dass meine Sicht hier gar nicht stimmt). Nun wird es kompliziert. Dass ich nur tue, was notwendig sei, schrieb ich eben, doch wer sagt (wem), was notwendig ist?

Wie Ray, Irgendlink und ich gestern Nachmittag nach einem Ausflug auf der Terrasse sitzen und Tee und Kuchen genießen, fangen wir an über meine These zu diskutieren, die da lautet:
Würde jeder und jede hinter sich aufräumen und putzen, bevor sie oder er den Platz oder Raum verlässt und weitergeht, wäre die Welt eine bessere.

Dass ich aufräumen und putzen als Metapher meine, muss ich den beiden Männern erst mal erklären, stelle dabei aber fest, dass das Ganze für mich ebenso als Nicht-Gleichnis, also wortwörtlich, einigermaßen passt. Damit wir uns richtig verstehen: Ich glaube nicht, dass die Welt durch mehr Putzen besser wird, eher so: wenn wir achtsam mit ihr, unsern Mitmenschen und uns selbst umgehen, hin und wieder auf das zurückschauen, was wir angerichtet haben, bewusster und rücksichtsvoller unsere Umgebung in unser Lebenskonzept einbeziehen, wäre die Welt anders, ich behaupte besser, lebenswerter. Dabei geht es für mich in erster Linie um Respekt und Wertschätzung. Es braucht nicht viel – eigentlich nur achtsame Aufmerksamkeit – um meiner Umgebung zu zeigen, dass ich sie ernst nehme, dass sie mir wertvoll ist. (Frage an mich: Zeugt der Status Quo unserer Gesellschaft davon, dass vielen Menschen ihrer Umwelt gegenüber diese Wertschätzung fehlt? Wenn ja, warum?)

Zum Beispiel: Ich räume mein oder auch unser aller Geschirr weg, nachdem ich etwas gegessen habe und trage es zur Spüle. Jemand von uns wird das Geschirr später spülen und noch später trocken zurück in den Schrank stellen. Was wäre, wenn wir das nicht tun würden, im Kleinen so wenig wie im Großen …?

Ist es also – um zu meiner Frage nach der Definition von Notwendigkeit und zu meiner tollen These zurückzukommen – notwendig für eine bessere Welt, dass wir hinter uns aufräumen? Besonders dann, wenn unsere Talente ganz woanders liegen? Es gibt doch so viel wichtigeres als diese verdammte Sache mit der Ordnung und Sauberkeit (und ja, ich tue auch viele andere Dinge lieber als Geschirrspülen …)

Ich schweife ab. Wir sitzen also am Tisch, wie oft in diesen Tagen, und diskutieren über Gott, die Welt, die Männer und die Frauen. Stimmt es wirklich, dass sich Frauen schneller an Unordnung und Dreck stören, wie Ray behauptet. Ich weiß es nicht, bringe den persönlichen Ekelpegel ins Spiel, wie Irgendlink und ich jenen Punkt nennen, ab welchem einem Dreck und Chaos geradezu körperlich weh tun. Gar nicht so leicht, dieses Wort zu übersetzen, zumal Leo für Ekel eine ganze Palette an Vorschlägen hat, die Ray alle als zu stark ablehnt. Auf das Thema sind wir gekommen, weil Irgendlink montags und dienstags bei einem unglaublich chaotischen Umzug mitgeholfen hat und dabei Schmutz und Durcheinander in kaum zu übertreffendem Ausmaß ertragen musste. (Müßig zu sagen, dass der Umziehende männlich war? Klischees wollen doch einfach ab und zu gestreichelt werden.)

Rücksicht. Noch so ein Wort, das Menschen, die zusammensitzen, -wohnen, -leben betrifft, egal ob sie das lang- oder kurzfristig tun.
Wie würde ich, wenn ich du wäre?, frage ich mich oft. Nein. Ich frage nicht wirklich, ich denke die Frage noch nicht einmal, ich fühle sie, habe sie ganz und gar verinnerlicht. Und von da aus, irgendwo aus meiner Mitte, interpretiere ich meine Mitmenschen. Ständig.
Wie kann ich mich verhalten, dass du dich wohlfühlt? Auch das denke ich nicht wirklich und doch verhalte ich mich so. Dass das nicht alle so handhaben, weiß ich schon lange. Erschrecken tut es mich dennoch immer wieder, wie geradezu unsensibel manche Menschen mit ihren Freunden und Mitmenschen umgehen. Gestern Abend, in Kollege T.s köstlicher Tapas-Bar, wohin uns Ray zu seinem Urlaubsabschluss eingeladen hat, kam das Gespräch wieder auf diesen unsäglichsten aller Umzüge, denn auch Kollege T. hat bei diesem mitgeholfen und – ebenso wie Irgendlink – viel Zeit, Mühe und Energie hineingesteckt. Als Lohn ein Dankeschön hätte den beiden schon gereicht. Fürs Erste. Ob das zu viel verlangt ist?

Gewohnheiten. Vieles tun wir, weil wir es so gelernt haben – oft so unbewusst und unreflektiert, dass wir noch nicht mal sagen könnten, warum wir es tun. Vieles jedoch tun wir aus Überzeugung.

Hinter sich aufzuräumen zum Beispiel, wenn ich hier von mir ausgehen darf. Zwar habe ich es als Kind beigebracht bekommen, dennoch tue ich es aus Überzeugung und weil es mir ein Bedürfnis ist. Weil ich Ordnung mag. Ich tue es aber ebenso aus Rücksichtnahme und Respekt meinen Mitmenschen gegenüber. Kann ich es dennoch von andern erwarten?
Wahrnehmen, was andere benötigen – auch das habe ich unterwegs gelernt, aber darf ich das bei andern voraussetzen?
Die Grenzen anderer zu respektieren, lernte ich dadurch, dass andere die meinen immer wieder eintraten. Grenzen anderer zu respektieren – zumindest das will ich von anderen erwarten. Obwohl ich weiß, dass es gefährlich ist, Erwartungen an meine Umwelt zu haben, denn machen Erwartungen mich letztlich nicht unfrei?

Nicht nur mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden und nicht nur mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Auch geschriebene Worte sind gefährlich, ungeschrieben ebenso. Auch Bloggen, meiner Meinung nach eine der demokratischten Formen der freien Meinungsäusserung, ist gefährlich. Was soll’s: Leben ist gefährlich.

Thank you very much. You’re welcome.

26 Kommentare zu „Kreuz und quer im Kopf“

  1. Ich bin manchmal erstaunt, wie das was ich meine und das was die anderen verstehen, auseinanderlaufen!
    Es ist aber auch spannend, denn das macht uns zu Individuen!

    1. es hat wohl damit zu tun, dass wir neben den „offiziellen“ auch ganz individuelle sprachen sprechen. das hat mit persönlichen gewohnheiten ebenso zu tun wie mit regionalen und kulturellen.
      missverstanden zu werden finde ich sehr anstrengend – sich erklären zu müssen auch.

      sag mir, wie du sprichst, und ich sag dir, wer du bist! 😉

  2. Hi
    Genau
    Das ist auch der Grund
    wieso ich so selten Antwort gebe auf Beiträge die ich lese

    Aber keine Übung macht auch kein Meister….
    In dem Sinne habe ich wieder einmal
    ein Schreibversuch gewagt….

    Grüsse
    auch an Ray
    Ich verfolge auch seine zwei Blogs sehr gerne
    Meist stumm wie ein Fisch…..
    kieselsteine

    1. aus angst vor missverständnissen zu schweigen, ist auch eine möglichkeit. schade nur, wenn dann kostbare gedanken nicht geteilt werden.
      umso mehr schätze ich deine zeilen hier, lieber patrick, danke!

  3. Ich finde, allein aufräumen ist blöd. Meistens mache ich es, weil ich Zwiegespräche zu dem Thema auch nicht mag. Ich finde es gut, wenn Du darüber sprichst.

    1. allein aufräumen ist dann blöd, wenn es an einer allein hängenbleibt, wenn es aber teil einer arbeitsteilung ist, habe ich damit kein problem. dann kann ich es auf meine weise tun. 😉

      danke für deine zeilen!

  4. (keine Kommentare gelesen)

    Da ist sie ja wieder die ACHTSAMKEIT, die AUFMERKSAMKEIT; der RESPEKT, das MITFÜHLEN …
    ich stimme dir in letztlich allem zu, was und wie du es beschreibst, nur … erwarten darf ich es nicht! Andere sind anders und nun geht es darum, wie kann ich dennoch mit den anderen sein, ohne mich beeinträchtigt, genervt zu fühlen, dass sie eben nicht so sind, wie ich es mir wünsche …

    manche Menschen scheinen absolut resistent zu sein, leben so egomanisch in ihrem eigenen Gekreisel, dass sie auch nicht hören, selbst wenn sie vorgeben zuzuhören, oft bemerkbar an der Antwort, die dann meist ein anderes Thema ist und mit ICH beginnt.

    Erwachsen werden, Verantwortung zu übernehmen für sich und auch für die Menschen in der unmittelbaren Umgebung scheint vielen echt ein Fremdwort zu sein, leider vermehrt bei der männlichen Spezies zu beobachten (und es liegt nicht nur an den Müttern – 😉 ) … ja, es dauert, aber ich übe weiter und kann eben doch immer nur wieder bei mir selbst anfangen …

    ein großes Thema, zu dem ich jetzt längst nicht alles geschrieben habe, aber für heute hier aufhöre
    danke, liebe Soso
    und ein friedliches Weitergehen wünsche ich dir
    Ulli

    1. ein großes und vor allem ein endloses thema, das von allen möglichen seiten immer wieder neue aspekte zu bedenken gibt.
      mitverantwortung … manchmal fühle ich mich damit schon allein. der gefahr, zu moralisieren und zu bewerten, erliege ich hin und wieder leider schon. ach, du sagst es gut: erwarten sollte man nicht. es ist sonst immer nur von neuem ent-täuschend.
      danke für deine ergänzungen und die liebe wünsche. dito!!
      herzlich, soso

    2. Ja, leider machen sich nicht alle Menschen so viele Gedanken, das ist manchmal enttäuschend, desillusionierend. Und gerade die lesen vielleicht nicht deinen reflektieren nachdenklichen Text, Soso. Ullis Kommentar fasst alles zusammen, was ich besser nicht hätte sagen können, ich stimme voll zu.

    3. tja … danke schön für deine ergänzungen …
      ich muss manchmal aufpassen, dass ich in meiner art, glauben zu wissen, was gut wäre, nicht ebenso intolerant werde, wie die, denen ich intoleranz unterstelle … hach.
      auf eine gute kommunikation mit möglichst wenig missverständnissen!
      herzlich, soso

    4. Das ist die Crux an der rein schriftlichen Kommunikation, vor allem im Internet: Missverständnisse können so leicht entstehen, aber zum Glück lassen sie sich ja auch wieder ausräumen! 🙂 Eine schöne Woche wünsche ich dir!

  5. Also ich habe Dich ganz genau verstanden. Ich sehe die Dinge ähnlich, ticke ähnlich, würde nur so weit gehen, dass ich das von Dir angesprochene auch alles von den Mitmenschen erwarte.

    1. aber eben: genau das ist gefährlich, weil wir so immer wieder enttäuscht werden. dennoch: ich erwarte zuerst immer das beste von andern.

      danke fürs verstehen und deine zeilen, liebe inch …

  6. Es lebt sich einfacher und leichter ohne Erwartungen, aber es ist nicht leicht und einfach dorthin zu kommen. Ich übe jeden Tag neu. 🙂

    Liebe Grüße ins Wochenende, Szintilla

  7. aber wo bliebe dieses wunderbare gefühl, wenn man sich einmal (sogar wortlos) verstanden fühlt, gäbe es all diese schwierigkeiten und mißverständnisse nicht?
    leben ist nicht nur gefährlich sondern ständig ambivalent.

  8. Ein ganz anderer Gedanke – fragt den Gast auf dem einsamen Gehöft doch, ob er schon einmal eine Begegnung mit dem Ungeheuer von Loch Ness hatte. Immerhin gehört das zu Schottland wie der Wein zur Pfalz.

    1. bestimmt hatte er die, denn unterwegs im wald hat er nessies tochter entdeckt und identifiziert 🙂
      ähm, hat die pfalz wein? *hüstel* was eine biertrinkerin so alles übersieht?!

      dir einen schönen kur-rest! 😉

  9. Nun, das stimmt zweifelsohne – dass Worte in egal welcher Form falsch verstanden werden, und sogar im besten Falle (auch mit bestem Willen) anders als gemeint – dennoch und anyway 😉 ein interessanter Text!
    Liebe Grüsse,
    Jan

    1. willkommen hier, jan, und danke für deine zeilen. vielleicht sind ja missverständnisse in der kommunikation „die wurzel allen übels“, will heißen, der anfang jedes krieges oder was auch immer …?
      allen übels wohl nicht, aber vielen übels bestimmt.
      bis bald und auf wiederlesen!

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