In einem Zug gelesen # 1

Da ich ja seit letzter Woche zehnmal pro Monat mit dem Zug zur Arbeit fahre, starte ich hiermit eine neue Serie. In einem Zug gelesen # 1 widme ich dem Krimi-Zweitling von Ina Haller.

978-3-95451-076-4

Zugegeben, der Titel haut höchstens Leute aus den Socken, die wie ich im Aargau wohnen oder aus der Gegend hier stammen. Darum gleich zu Anfang: Das Buch hätte einen besseren Titel verdient. Bücher mit Lokalkolorit – insbesondere Krimis – mag ich sehr. Speziell Bücher aus der Schweiz. Und wenn ein Buch in meiner biografischen Heimat spielt – teilweise in einem mir bestens bekannten Wohnquartier Aaraus – hat das Buch ein paar Vorschussloorbeeren gut. Doch diese wären schnell verscherzt, wenn mich das Buch nicht überzeugt.

Optisch ist das Buch unspektakulär, aber ansprechend. Der Klappentext macht neugierig. Und da ich mit der Autorin zusammen – Seite um Seite schreibend – bei einigen Novemberschreiben mitgemacht habe, wollte ich das Buch natürlich unbedingt lesen. Dass die Autorin aus Deutschland stammt, merkt man beim Lesen nicht, denn ihre Geschichte zeugt von jahrelanger Ortskenntnis.

Andrina, eine zweiunddreißigjährige Geologin, ist nach ihrem Studium, auf der Suche nach Arbeit, im Cleve-Verlag gelandet. Brigitta, die eine der beiden Verlegerinnen, war für sie eine Art Patin und hat ihr vor etwa einem Jahr eine Stelle als Sekretärin und Lektorin zugeschustert. Dass Brigittas Zwillingsschwester Elisabeth über diese Wahl nicht besonders glücklich war, erfahren wir erst im Laufe der Geschichte.

Nur ganz kurz dauert das Glück des Verlagsteams über die Adaption eines historischen Cleve-Fantasy-Romans in ein Musical, das am Anfang der Geschichte uraufgeführt wird. Oder besser: werden soll, denn als sich der Vorhang des Badener Kurtheaters öffnet, liegt statt eines Schauspielers der tote Autor auf der Bühne und der Alptraum beginnt. Andrina gerät ins Blickfeld der Polizei, wird jedoch schon bald aus dem Kreis der Verdächtigen entlassen und schon bald als mögliches nächstes Opfer betrachtet.

Das Büro wird verwüstet, die eine Lektorin nimmt sich das Leben und beinahe wird die Verlagslektorin Gabi ermordet. Dank Andrinas äußerst mutigem Eingreifen, überlebt die Lektorin den Anschlag, doch der Mörder kann – unerkannt – flüchten. Andrina erhält schon bald den immer gleichen Drohbrief („ich weiß immer, wo du bist“), verheimlicht das aber der Polizei, weil sie ihren Expartner Eric Zuber dahinter vermutet.

Nachdem sich Brigittas Suizid als weiterer Mordanschlag herausstellt, kommen sich Andrina und der eine der ermittelnen Kripo-Beamten, Marco Feller, langsam näher. Sein Personenschutz geht sogar so weit, dass er sie in den Urlaub aufs Hausboot ihrer Schwester Seraina und deren Mann Mike, begleitet. Undercovered hält er ein Auge auf Andrina, die nach einigen Tagen auch in Norddeutschland wieder Drohbriefe erhält. Schließlich werden Feller und sie sogar angeschossen und beschließen danach, sofort zurück in die Schweiz zu fahren. Inzwischen sind sich die beiden näher gekommen und verstehen sich als Paar – nicht ganz einfach unter diesen schwierigen Voraussetzungen. Zurück in Andrinas WG erwartet sie eine schreckliche Überraschung, die Andrina zwingt, sich eine andere Unterkunft zu suchen. Bald gerät sie, weil sie Marcos Haus – wo sie Exil bekommen hat – auf eigene Faust verlässt in Lebensgefahr. Das Finale? Darüber sage ich nichts, außer dass der Mörder eine doch sehr ungewöhnliches und unerwartetes Motiv hat und die Geschichte mit unvorsehbaren Wendungen bis zuletzt überrascht. Besonders gefällt mir, wie Haller ihre Geschichte abschließt. Doch auch das verrate ich hier natürlich nicht.

Zugegeben, zuweilen trägt die Autorin ziemlich dick auf und der eine oder andere Sachverhalt erscheint unnachvollziehbar, doch gelingt es Haller, diese heiklen Details so glaubwürdig zu erzählen, dass man sie ihr verzeiht. Obwohl ihre Stärke im Ausmalen der Details und in realistischen Dialogen liegt, wünschte ich mir hin und wieder, dass sie weniger sagt, weniger erklärt.

Ihre Figuren zeichnet sie selbst da nachvollziehbar, wo am Anfang Stereotypen hinhalten müssen. Ich denke dabei vor allem an die Figuren Marco Feller und Eric Zuber. Zum Glück weicht Haller die Klischees allmählich auf und die Personen werden bald dreidimensional und überzeugend. Andrina, die ich am Anfang eher ätherisch wahrnehme, wächst im Lauf der Geschichte über sich hinaus und zeigt Zivilcourage. Eine starke Frauenfigur, die sich ungern Vorschriften machen lässt und sich dabei – trotz ihrer Ängste – mehrmals in Lebensgefahr begibt. Für mich dürften die beiden Hauptfiguren, Andrina und Marco, durchaus menschlich und optisch weniger perfekt sein. Das hätte sie womöglich noch sympathischer gemacht. Auch der eine oder andere literarische Stolperstein wäre vermeidbar gewesen. Dennoch ein Buch das Lust macht auf mehr und dem ich es gönne, nicht nur im Aargau, sondern über seine Grenzen hinaus, auch über die nördlichen, gelesen zu werden.

Ina Haller. Tod im Aargau. Kriminalroman, emons 2013.
ISBN: 978-3-95451-076-4

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8 Kommentare zu „In einem Zug gelesen # 1“

  1. Hast Du das gar in einem Zug + in einem Zug gelesen? 😉
    Weiterhin gutes Lesen, Schreiben und gutes Durchhalten für die Zugfahrten und das, wo die Dich hinbringen, wünsche ich Dir!

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    1. in zwei zügen oder eigentlich in vier, um genau zu sein!

      herzlich-lieb dank ich dir für deine lieben wünsche, auf dass sie sich erfüllen! und ein großes gleichfalls für dich!

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  2. Liebe Soso, zum Buch kann ich eigentlich gar nichts sagen. Lokalkolorit ist nicht so mein Ding. Ich bin ja eher eine Heimatflüchtige. Aber, einmal mehr ein dickes Kompliment für die Optik deines Blogs! Sehr schön zu lesen und anzusehen. Weiterhin gutes Pendeln und hoffentlich immer einen Sitzplatz wünsche ich dir! Herzlich, Lara

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    1. die intensive auseinandersetzung mit „lokalpatriotismus“, heimat, sehnsucht nach einer, die erkenntnis keine zu haben (oder eben doch?), trotz biografischer wurzeln ist bei mir in meinem jahr in deutschland (in der fremde trotz der nähe meines liebsten) losgegangen. erst da habe ich mir bewusst gemacht, dass ich in der schweiz heimat habe. allerdings weniger an bestimmten orten als im land selbst. wie ich neulich in einer zeitschrift las, sind wir heute eine gesellschaft heimatloser.

      lokalkolorit mag ich, weil es den fokus auf den ganz alltäglichen irrsinn des menschsein in einer „vergrösserten optik“ sichtbar macht.

      für uns autorinnen ist es ja schön, dass nicht alle das gleiche mögen … 🙂

      danke fürs kompliment zum bloglayout. so gefällt es mir auch. aber ein paar zwischenstadien hat es gebraucht. und auch das hier ist nicht in pixel gemeisselt … 😉

      auf wiederschreiben, herzlich, soso

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  3. Tolle Idee, hier Buchrezensionen zu veröffentlichen, ich hab mir das auch schon überlegt. Ich habe schon einige hervorragende Bücher von Schweizer Autoren gelesen, wenn mir jetzt bloß noch einer einfallen würde … Jedenfalls danke für den Tipp!

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    1. zwar ist es ja nicht meine erste rezi hier im blog (siehe schlagwort literatur), doch so richtig kultiviert habe ich es nie bisher. das ändert sich nun vielleicht?
      ich lese sowohl schweizer autorInnen als auch solche aus „resteuropa“ gerne. skandinavien sicher bevorzugt …
      die namen der autorInnen kann ich mir nicht immer merken, wenn ich nur eins von jemandem lese. es ist sogar schon vorgekommen, dass ich das gleiche buch ein zweites mal aus der bibliothek geholt habe, weil mich die geschichte ansprach. erst beim lesen erkannte ich es dann wieder. ein problem von vielleserinnen wie mir! 🙂

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