Die Sache mit der Wahrheit

Seit Tagen denke ich über diese Sache mit der Wahrheitssuche nach. Angestoßen von Sherrys Artikel über den weinenden Nietzsche, gehe ich der Frage nach, was uns wirklich antreibt – wohlwissend, dass ich diese Frage nicht werde beantworten können. Nicht abschließend jedenfalls. Wahrheitssuche haftet die Aura von Heldenhaftigkeit an – man denke nur an Artus und die Gralsgeschichten und an all die Philosophen und Denkerinnen, die bei ihrer Suche gefährliche Abenteuer erlebten und dabei oft mit dem eigenen Leben bezahlten. Ein bisschen verwandt und doch anders sind da die für ihren Glauben oder eine Überzeugung oder Ideologie einstehenden Menschen, die sich ähnlich auch nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Während die ersten noch auf der Suche nach Antworten sind, sind die zweiten bereits Gefunden-Habende – und somit für mich höchst suspekt. Obwohl, wenn ich es mir so überlege … ist nicht finden das Ziel von suchen? Andererseits ist die Wahrheitssuche letztlich eine Art unendliche Geschichte, denn in Wirklichkeit ist die Wahrheit ja wie eine Kugel. Unfassbar. Endlos.

Ein bisschen zynisch gefragt: Suche ich um des Suchens willen? Ganz unzynische Erkenntnis: Wenn ich sie gefunden habe, die Wahrheit, erkenne ich schnell, dass sie nur eine Teilwahrheit ist und suche weiter nach anderen Teilwahrheiten und werde dennoch jedes Mal ein klein bisschen weiser, weil ich immerhin weiß, dass es DIE Wahrheit so gar nicht gibt. Und ich weiß, dass ich im Grunde nichts weiß.

Als ganz junge Frau, ständig in irgendwelchen Umbrüchen und depressiven Phasen, glaubte ich noch, wenn ich die Wahrheit nur erst gefunden haben würde, wäre alles gut. Doch mit jeder neuen Erkenntnis, obwohl sie mich immerhin ein wenig vorwärts gebracht hatte, wurde ich ein wenig desillusionierter. Heute ist mir, als wolle sie gar nicht gefunden werden (jedenfalls was mich betrifft). Als verberge sie sich in allem. Als sei sie in der Stille. Als sei sie nirgends. Als sei sie Ich selbst. Und du. Du auch. In Wahrheit ist die Wahrheit nicht mehr und nicht weniger als das große Alles und das große Nichts. Schrieb ich vor langem mal in ein Notizbuch. Aber da dieser Satz zugleich so wahr und so vage ist, nützt er niemandem etwas. Außer, dass es entspannend ist, die Wahrheit sozusagen entblößt zu haben. Aufzuhören, nach ihr suchen zu müssen und dennoch auf eine unfassbare Art Teil von ihr zu sein.

Dass ich damit am Ende meiner Suche bin, ist leider und zum Glück nicht so. Anstelle der Wahrheit suche ich heute Antworten. Vorläufige. Auf große Fragen. Und nein, bei diesen Antworten muss es sich nicht um die große Wahrheit handeln, ich gebe mich auch mit kleinen Antworten zufrieden. Viele kleine Antworten können manchmal mehr bewirken als eine einzige große (den Wechselkurs kenne ich allerdings nicht). Mit den kleinen Antworten meine ich die alltägliche Essenz aus alltäglichen Gesprächen mit alltäglichen Menschen. Da ein Pfefferkorn, dort ein Stück Brot. Dort ein Stück Schokolade. Nahrung für meinen Mind, der kaum je zur Ruhe kommt. Auch wenn er nicht mehr an die große Wahrheit glaubt, will er dennoch etwas zu kauen haben.

Auch das habe ich inzwischen begriffen: die Sinnfrage beantwortet jeder und jede anders. Sich und der Welt. Weil jeder und jede sie auch anders stellt. Weil die Motivation, sie überhaupt zu stellen, von Mensch zu Mensch total unterschiedlich ist. Für den einen ist es eminent wichtig, dass das, was er tut, nützlich ist, während für die andere, das was sie tut, möglichst viel Geld einspielen muss. Du fragst mich, ob das denn eine richtige, eine existentielle Sinnfrage ist oder zu banal? Wer bin ich, sag ich dir, zu beurteilen, welche Sinnfragen gehen und welche nicht? Was weiß ich schon wirklich über die Menschen?

Kommen wir – weil es grad so passt – zur Eitelkeit, zum Ego, zur Sehnsucht nach Anerkennung. Nenn es Perfektionismus. Wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, entspringen mein Wunsch und meine Sehnsucht nach Sinn und nach Antworten, die meinen Wahrheitshunger stillen, dem Bedürfnis richtig zu leben und damit meinem Anspruch an mich zu genügen. Will heißen: Perfekte Entscheidungen zu treffen, richtig zu handeln, adäquat zu leben in einem Netz von Ansprüchen, die ich selbst und meine Umwelt an mich stellen. Richtig lebt hieße  auch scham- und angstfrei, innerlich heil und ausgeglichen, in Balance und im Frieden mit mir selbst, frei von all meinen Mimosenhaftigkeiten und meiner geringen Stressresistenz, kurz und gut: nützlich, brauchbar, vielseitig einsetzbar, die eierlegende Wollmilchsau persönlich zu sein. Und natürlich alles locker und easy zu können. Ach, diese vielen Herzen in meiner Brust!

Gut zu wissen, dass ich mit solcherlei Allmachtsphantasien (die ich hier zugegeben doch ein klein wenig überzeichnet habe) nicht allein bin. Das lese ich in einem spannenden Sachbuch namens Verletzlichkeit macht stark, das demnächst erscheinen wird und das ich für meine Zeitschrift besprechen werde. Dass Scham und Angst jene zwei Energien sind, die einem Leben aus vollem Herzen zuwiderlaufen, sagt die Autorin Brené Brown immer wieder. Und dass wir nur dann wirklich aus vollem Herzen leben können, wenn wir authentisch und verletzlich sind. Wobei das Wort Verletzlichkeit mit unglaublich vielen Vorurteilen und falschen Synonymen zugekleistert sei. Schwächlich zum Beispiel. Dabei geht es um das Gegenteil. Wahres Menschsein heißt verletzlich zu sein und sich dafür weder zu schämen noch davor zu fürchten. Sich dafür selbst genug sein. Aber natürlich, ich weiß es und ihr wisst es ebenso, ist auch das nur eine weitere Antwort, eine weitere Teilwahrheit. Aber nicht die schlechteste!

Teil 2 des Vortrages auf youtube: hier klicken
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Erschienen ist das Buch bereits auf englisch unter dem Titel Daring greatly (Link auf Brené Browns Website)