Eine Art Spurensuche

Ich sehe ihn schon von weitem. Immer näher komme ich ihm. Schließlich verlassen ich mein bescheidenes Gefährt, denn die letzten Meter will ich zu Fuß zurücklegen. Von allen Seiten strömen andere Pilgerinnen und Pilger zusammen, denn alle haben wir das gleiche Ziel: den Tempel. Ich erklimme eine steile Treppe und schon bald betrete ich die heiligen Flure. Die wirkliche Welt – ist sie wirklich wirklicher als jene hier drin? – bleibt draußen. Ich lasse sie hinter mir, denn ich sollte mal wieder ….

Ich blinzle. So viele Eindrücke. Lichter. Farben. Verwirrt schaue ich mich um. Wo bin ich überhaupt und in welche Richtung muss ich gehen? Das Stimmengewirr erschlägt mich zuerst, doch bald habe ich mich daran gewöhnt. Ich wusste ja, dass ich hier nicht die Einzige sein würde.

Ich folge einem Strom von Menschen, um mir gehend einen ersten Überblick zu verschaffen. Meine Augen schauen hierhin, dorthin, suchen nach Hinweisen und Spuren, die mir für das letzte Wegstück Hilfe leisten. Hier herumirren will ich nun wirklich nicht. Ich frage also eine Frau, die einen kompetenten Eindruck macht, nach dem Weg. Sie deutet in die Richtung, die ich gehen muss. Da und dann dort und nachher links.

Gehofft hatte ich ja schon, dass es morgens hier noch nicht so viele Leute haben würde (das hat es vielleicht auch gar nicht; ich weiß ja nicht, wie es hier nachmittags ist). Doch jetzt bin ich da. Es gibt kein Zurück mehr. Was mich erstaunt, ist, dass die meisten Menschen vergnügt aussehen. Ganz anders als ich das Gefühl habe, auszusehen, denn solche riesigen Tempel flößen mir schon lange Unbehagen ein. Seltsam, dass es hier so viele Kinder hat, doch schließlich erinnere ich mich: Früher, als ich selbst noch Kind war, hat uns unsere Mutter bisweilen auch hierher mitgenommen. Ein- oder zweimal im Jahr. Sie hat uns jeweils der Obhut erfahrener Betreuuerinnen überlassen, damit sie tun konnte, was zu tun war. Ich folge also, erkenne ich jetzt, ihren Spuren. Obwohl alles anders geworden ist. Der Tempel hat sich verändert. Schon als Kind empfand ich ihn riesig, doch heute ist er riesiger als riesig. Unüberschaubar. Hätte mir die Frau nicht den Weg beschrieben, wäre ich nie am Ziel angekommen.

Endlich betrete ich die heilige Halle. Hier finde ich mich erstaunlich schnell zurecht, denn hier drin sieht es aus wie in allen ähnlichen heiligen Hallen, die ich je in meinem Leben betreten habe. Gestern haben sie mich von einer andern heiligen Halle hierher geschickt. Nur hier könne ich finden, was ich zu suchen hoffe. Also bin ich dem Ruf der Weisen gefolgt.

Zielstrebig gehe ich zum Ständer mit den Outdoor-Jacken. Und schon bald zahle ich das ausgewählte Teil an der Kasse, lasse mir Pflegetipps erklären und verlasse das Shoppingcenter beinahe fluchtartig auf der Suche nach meinem Auto.

Schnell ist mein Ausflug in den Kommerztempel Vergangenheit.

(geschrieben am Samstag, den 14. September, nachmittags)

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20 Kommentare zu „Eine Art Spurensuche“

    1. ich meide sie wann immer. aber ich hatte mich am freitag in eine zu große regenjacke verguckt, die es in meiner größe nur noch dort hatte (in erreichbarer nähe, meine ich). weil mir der interne transport zu lange gedauert hätte, musste ich halt pilgern.
      das bild vom tempel kam, als ich die silhouette der gebäude sah.

      danke schön 😉

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  1. Muss gestehen, dass ich über eine lange Strecke, die gesamte beinah, dem Glauben verfallen war, Du hättest eine Gedenkstätte, ein Gotteshaus oder eine andere Art von Pilgerstätte besucht. In beinah heiligem Ton las ich Zeile für Zeile und schlug lachend auf dem Boden der Tatsachen auf, zum Schluss. :mrgreen:
    Jetzt denke ich allerdings, dass ich doch mit all meinen Annahmen recht hatte: die Glaubensgemeinschaft der Konsumpilger (zu denen ich mich hin und wieder auch zählen muss) folgen ihrer göttlichen Vorstellung blind. Blind für das meiste, was noch um sie herum geschieht, stets den Blick auf das Gesuchte und Erhoffte gerichtet.
    Ein wunder-barer Artikel, liebe Soso, und ich freue mich, dass Du eine Jacke gefunden hast, an der alles abperlen kann. Und noch mehr, dass das bei Dir nicht der Fall ist,

    herzlichst, mb

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    1. wie mich das freut, dass meine täuschung offenbar so gelungen ist … 🙂
      ja, die konsumpilgerschaft ist so unähnlich der religiösen auch nicht.

      meine neue outdoor-jacke ist wirklich toll und ich fühle mich in ihr richtig geborgen. so wie es die “richtigen” kleidungsstücke tun müssen.
      dass dinge an mir abperlen dürfen, beziehe ich auf jene dinge, die mir nicht gut tun wie zu viele sinnliche reize (lärm, gerüche …) morgens im zug zum beispiel. aber die wirklich wichtigen dinge sollen nicht an mir abperlen, natürlich nicht.

      herzlichst zurückgrüß, soso

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  2. Die Menschen bau(t)en zu allen Zeiten das besonders prachtvoll, woran sie glaub(t)en. Heutzutage sind das halt Shopping-Malls und Autobahnen. Die Inhalte bleiben gleich, nur die äussere Form verändert sich.
    Ein schön geschriebener Artikel.

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  3. Erinnert mich an IKEA. Ich finde IKEA schrecklich … Ich weiß, dass ich da ziemlich alleine mit bin. Aber es ist so unordentlich und verworren, unübersichtlich und irgendwie … So!

    Trotzdem ging’s mir natürlich so, dass ich am Anfang beim Lesen vor einem riesen Ashram stand … 😀

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    1. oooch, jein, bei ikea gehts mir nicht ganz so. nur ein bisschen.
      wenn ich mal drin bin, gehts.
      aber ich bin immer gaaanz schnell guck-satt und dann muss ich wieder schnell raus. aber (ganz unter uns) ich mag ikea-möbel. jaaa, lacht nur. mir egal … 🙂
      aber wenn schon grosse läden, dann möbel. oder baumärkte. 🙂

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    2. Find‘ die Möbel auch gar nicht schlecht! Nur … Diese Wege, die so „eingezeichnet“ sind und die man gehen „muss“. Die nerven mich … Und unten die große Lagerhalle. Und dann muss man auch noch seinen eingekauften Kram selbst scannen! Also bitte! 😀

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    3. Ein Tipp für alle, die wie Rotkäppchen gerne vom Weg abweichen 😉
      Ich habe mal in dem Möbeleinzelteilladen (ein Möbelhaus isses ja nun beileibe nicht) einen Zirkus deswegen veranstaltet vor dem interessierten Kundenpublikum. Das Ergebnis: dienstfertige Leute in gelben Leibchen haben mir dann die Not- und Fluchtwege erklärt. Dann kann man blitzschnell aus dem Elchland wieder zur Kasse kommen. Man muss sich nur mal aufmerksam umschauen, dann sieht man die Querverbindungen. Das tun die meisten kauflustigen Konsumenten natürlich nicht. Und die Manager sehen es gern, wenn die Leute nicht so genau hinsehen.
      Schöne Grüße vom (ikeafreien) Schwarzen Berg

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  4. Ich finde Ikea auch nicht unsympathisch, nur der vorgegebene Weg hat natürlich was Diktatorisches, aber sind wir nicht mündige Bürger und können den Verlockungen der Nebenwege widerstehen? Und die preiswerten und bisweilen unkonventionellen Möbel fand ich schon immer erfrischend. Manche Regale halten jahrzehntelang…

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  5. Klasse geschrieben. Wähnte mich auch mit Dir auf dem Weg zu einer kirchlichen Tempelei….Solche Malls finde ich kurz vor Weihnachten, wenn das verzauberte Kindchen mir aus den Augen schaut, so, so faszinierend. Doch der schnell wieder einsetzende Verstand sagt nur: raus hier, sofort!!
    So oder so, Sofasophia- ich gehe jetzt Emil hören.
    Gruß am Freitagabend

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    1. als weihnachtsverschmäherin würde mir so was höchstens im schlimmsten albtraum einfallen – wenn, dann geh ich zu möglichst menschenarmen zeiten an so orte.
      ich hoffe emil hat gut gesprochen. ich lag derweil mit einem migräneanfall darnieder, der nun am abklingen ist.
      herzlich, soso

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