Währungsreform

Ich fahre von Nord nach Süd. Es ist Montagvormittag. Drei Tage her. Monoton die Strecke, die ich inzwischen fast wie in Trance fahre. Nein, nicht die Strecke ist monoton, sondern die Tatsache, dass ich sie schon so oft gefahren bin. Wiederholung macht Dinge glatt und kantenlos, stumpf, unspektakulär. Wiederholung und Routine verkürzen aber auch die Zeit, die wir für etwas brauchen. Und schaffen damit Raum im Kopf und Herz.

Fakten und Interpretation – das eine nicht ohne das andere, sinniere ich. Fakten? Ist denn nicht alles, was ich als Faktum definiere, äußerst fragil und dem Wandel durch Zeit und Entwicklung ebenso ausgesetzt wie alles andere? Auch sogenannte Fakten sind nicht in Stein gemeißelt. Sogar Fakten sind Momentaufnahmen, wenn auch verhältnismäßig objektive. Der Interpretation haftet dagegen von Anfang an Subjektivität an. Aus Erfahrung gewachsene Subjektivität. Ein Faktum wird erst durch Interpretation verständlich – das eine nicht ohne das andere, wie gesagt.

So sinne ich fahrend vor mich hin. Summe das eine oder andere Lied vom ins Autoradio gestöpselten mp3-Player mit und überlege, woran es liegt, dass mir das eine Lied heute ganz besonders gut gefällt, während ich das eine oder andere Stück weiterklicke, weil es mich jetzt nervt.

Alles ist eine Momentaufnahme. Ich bewerte ständig. Alles. Und ich synchronisiere ständig die Außenwelt mit meinem Innen. In beide Richtungen. Verdammt anstrengend ist das.

Abgleichen ist eins, das andere, dass ich laufend alles bewerte, meist unbewusst. Und ungefähr. Zuweilen aber auch sehr exakt. Zehn Dänische Kronen sind heute genau einen Franken und fünfundsechzig Rappen wert. In Euro irgendetwas anderes. Und in Pfund nochmals anders. Und alle haben sie recht. Heute zumindest. Da ist eine Skala in meinem Kopf. Meine verinnerlichte Wertetabelle. Von Geburt an ist sie mit mir gewachsen.

Natürlich rechnen wir nicht nur Währungen auf, nein, alles – trotz dem Gelabber von Du-sollst-nicht-werten. Ich schaue Menschen an, unterwegs bei der Raststätte. Ich gehe den einen aus dem Weg, während ich andere, die meisten, nur am Rand wahrnehme. Noch anderen schenke ich sogar ein Lächeln. Zurück im Auto wird mir klar, dass der Steinzeitmensch in mir zu glauben meint, wem er trauen kann. Und dabei auch mal ganz schön danebengreifen kann.

Altes Steinzeit-Wissen? Sind es nicht einfach Konditionierungen, die mich die Dinge so und nicht anders bewerten lassen? Ich mache die Probe aufs Exempel: Warum denkst du, frage ich mich, dass Zugfahren am frühen Morgen schlimm ist? Erfahrung, versuche ich eine erste Antwort, doch ich merke sofort, dass sie mir nicht genügt. Der Begriff Erfahrung ist mir zu diffus.

[Gut, eine mühsame Erfahrung kann durch eine angenehme Erfahrung überschrieben, aufgewogen werden, überlege ich. Doch erst wenn objektiv mehr mühsame als gute Erfahrungen gemacht worden sind, dann können wir von Fakten sprechen und das Wort Erfahrung als Antwort dulden. Wiegen jedoch Fakten wirklich mehr als Wahrnehmungen? Wiegt denn nicht das mühsame schwerer als das angenehme? Schon wenig schwarze Farbe kann einen ganzen Eimer weiße Farbe versauen, aber um schwarze Farbe aufzuhellen braucht es ungleich viel mehr weiß. Heißt das nun, dass es viel mehr Gut als Böse braucht, um ein Gleichgewicht hinzubekommen … in mir und dir? Auf der Welt?]

Morgendliche Zugfahrten, die richtig schlimm waren – laut und stinkig – kann ich, ganz ehrlich gesagt, vermutlich an zwei Händen abzählen, während jene, die neutral oder beinahe heiter verliefen, irgendwo in mir drin, im großen Niemandsland, abgebucht worden sind. So what? Und all die andern schlimmen Dinge – Montagmorgen zum Beispiel oder Staustehen – sind, von nahem betrachtet, eigentlich auch nur halb so schlimm.

Wie ich mich langsam der Schweizer Grenze nähere, fasse ich einen Beschluss: Alles was ich in der nächsten Zeit tue, sehe, spüre, höre, will ich prüfen, mich fragen, warum ich so und so und nicht zum Beispiel so und so über dies und das denke. Und mich fragen, wer mich so denken lässt. Woher kommt der Maßstab in meinem Kopf? Nein, ich will nicht das berühmte Kind aus der Badewanne kippen, denn viele meiner inneren Werte sind bewusst gewählt. Ich habe mir über viele Dinge des Lebens bereits und immer wieder Gedanken gemacht, alle andern, die unbewussten, die verinnerlichten, die reflexartigen Werte bedürfen allerdings einer Reform. Ob ich gar eine neue Währung einführen soll – meine?

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12 Kommentare zu „Währungsreform“

  1. Oh weh. Ich kann grad in Deinen Kopf sehen:

    Da sitzen die Hirnzellen, die das Wertungsgericht bilden und halten Schildchen hoch für eine A-Note (faktische Wertung) und eine B-Note (erfahrungsgewichtete Wertung) – und immer wieder gibt es noch andere Zellen, die völlig unberechtigt völlig unsinnige Wertungnoten so vor Deinen Blick halten, daß sie mit ihren Schildern das Wertungsgericht verdecken (die Liebesbrigade zum Beispiel oder die Haßkompanie) …

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  2. liebe Soso,

    es ist schon eine Krux mit den Wertungen, nein, wir sind nicht frei davon, das stellten wir schon öfters fest und doch können wir, bei genauer Beobachtung, feststellen, dass auch sie sich wandeln. Ich glaube, dass das Geheimnis die offene Türe ist, die uns, bei Gelegenheit, anders schauen lässt, anderem, Fremden neugierig begegnen lässt, anstelle von: Bewertung, Tür zu, weitergehen.
    Das andere ist der Schutz, den wir aufbauen, um nicht alles und jeden in uns hinein zu lassen, was wiederum auf persönlicher Ebene nicht förderlich sein kann.
    Momentaufnahmen … ja, darum gefällt mir heute diese Musik und morgen nervt sie (z.B.) und dahinter gibt es Zustände und Begebenheiten, die schlecht waren, sind und bleiben (wie z.B. Rassismus u.ä.)- aber ab und an seine Bewertungen, seine Skalen erneut zu betrachten, kann nie schaden 😉

    mir gefällt dein Begriff der Währungsreform in diesem Zusammenhang und dein Vergleich mit den Farbeimern beschäftigt mich noch …

    danke für diesen anregenden Artikel
    herzlichst Ulli

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    1. und ich danke dir für deine gedanken dazu. das farbeimer-bild beschäftigt mich übrigens schon seit mind. vierzig jahren.

      meine dieswöchigen erfahrungen mit meiner kopfwährung sind sehr aufschlussreich. ich hoffe, die neuen „tarife“ können sich in mir durchsetzen und werden nicht gleich wieder vom zahn des alltags zerbissen.

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  3. dieser text gefällt mir außerordentlich gut, gerade weil er gedanken weiterführt, die bei einer diskussion bei mir drüben vor einigen tagen entstanden sind, dieses ewige wertethema… danke für diesen denkanstoss, der einiges zu vereinen scheint.

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    1. liebe mützenfalterin, die diskussion bei dir drüben schaue ich mir nachher gerne an. ich bin noch nicht ganz updated, was meine lieblingsblogs betrifft …
      ja, die lieben werte … und dabei ist alles geknorze „nur“ in unserm kopf.
      schön, dass du mein gespinst hier magst … 🙂

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    2. noch was:
      faszinierend einmal mehr, dass du fast zeitgleich diese diskussionen führtest wie ich meine gedanken im auto dachte … ohne deinen artikel gelesen zu haben …

      ein internet der gedanken! 😉

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  4. Ich werde jetzt nicht auf alles eingehen können, was mich an deinem Text wirklich interessiert (danke dafür, ich finde ihn toll), aber eine kleine Sache zur Erfahrung: Es gibt „Objekte/Menschen/Tiere“ für die wir aus einer Art „biologischen Vorbereitung“ heraus schneller Aversionen oder Ängste entwickeln als für andere. Sprich: Unser Körper ist biologisch darauf vorbereitet, schneller Ängste vor giftigen Schlangen, Höhe oder Insekten zu entwickeln als vor kleinen Kanninchen. Zwei negative Erfahrungen können hier evtl. schon ausreichen, um eine echte und persistente Aversion zu entwickeln, wohingegen man vielleicht erst 100 Mal von einem Kanninchen genervt werden muss, um diese süßen Tierchen zu meiden.

    Dass du auf sehr laute, riechende, unruhige Dinge schneller reagierst und durch viel weniger negativer Erfahrung eine Aversion entwickelst als auf andere Dinge, könnte z.B. an deiner Hochsensibilität liegen, von der du einst berichtet hast. Oder an deiner Synästhesie. Du hast also eine sehr spezifische biologische Vorbereitung dafür, solche Situationen schnell aversiv zu finden.

    Übrigens, ich hasse laute Geräusche auch. Wenn z.B. zwei Geräuschquellen vorhanden sind, krieg‘ ich die Krise. Zuhause heißt das, wenn ich im Arbeitszimmer sitze, mein Mann telefoniert und nebenbei der Fernseher läuft, kann es sein, dass ich richtig wütend werde und brülle „Mach den scheiß Fernseher aus verdammt!“ Das bringt mich total in Rage. Ich scheine durch meine Hochsensibilität (oder durch mein ADHS, was im Grunde auf sehr viele Überschneidungspunkte hinausläuft) sehr anfällig für Hintergrundgeräusche, die mit anderen Geräuschen kollidieren.

    So in etwa. Ich wünsch‘ dir ein tolles Wochenende. =)

    Achso, was du zu Fakten und Interpretationen sagst, ja, da hast du natürlich Recht. Der Unterschied zur reinen Interpretation ohne „Experiment“ und der mit Experiment/Untersuchung ist aber trotzdem groß. Aber das würde jetzt zu weit führen. Nichts desto Trotz: Alles kann und muss angezweifelt werden. Ohne würde die Theorie zum Dogma werden, dann sind wir auch nicht besser als religiöse Mullahs.

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    1. liebe sherry – den zusammenhang HSP und aversion gegen lärm und unangenehme gerüche sehe ich genau so … und wie du kann man mich halb wahnsinnig machen, wenn zwei lärmquellen zugleich laufen und dann noch jemand etwas von mir will …

      dass meine gedanken nicht wissenschaflich sind (auch diesen anspruch nicht stellen), ahnst du … was du über experiment und untersuchung sagst, glaube ich dir sehr gerne. da bin ich viel zu wenig in die tiefe gegangen …

      ich finde deine gedanken zur entstehung von aversionen äusserst nachdenkenswert. es sensibilisiert mich gleich noch mehr auf die frage, wieso ich auf etwas so und so reagiere … letztendlich will ich mein verhalten ja dahingehend verändern, dass meine reaktionen meinen absichten entsprechen. vermutlich eine illusion, das je zu erreichen … aber eben: besser hinschauen will ich auf jeden fall.

      danke für deine ergänzenden gedanken, die ich wie immer sehr inspirierend finde.

      auch dir ein tolles (lernfreies) weekend!

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